Hard Candy

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“Please… Take what you want…” – “I do…”

hardcandyOriginaltitel: Hard Candy
Herstellungsland: USA 2005
Regie: David Slade
Darsteller: Patrick Wilson, Ellen Page, Sandra Oh

★★½☆☆

Ein 14jr Mädchen flirtet im Chat mit einem 31jr Fotografen. Ein- und zweideutigkeiten werden ausgetauscht, man kennt sich wohl eine weile. Kurz darauf verabredet man sich auf neutralem Grund in einem Cafe. Nach einem kurzen innuendoschwangeren Intermezzo dort, nimmt Jeff der Fotograf das Mädchen mit nach Hause. Man plaudert über dies und das, Musik und Sex. Das Mädchen Haley scheint weit reifer zu sein, als es ihr Alter erwarten ließe. Sie mischt ein paar Drinks, schlägt dem Fotografen vor Bilder von ihr zu machen. Noch während der Fotosession bricht dieser dann bewusstlos zusammen. Als er erwacht, ist er gefesselt und hilflos. Haley scheint wie ausgewechselt, die freundliche Fassade ist gefallen. Sie eröffnet ihm, daß sie wisse das er ein Pädophiler sei, Kinderpornos besitze und sogar am Tod eines anderen Mädchens schuld sei. Im folgenden Psychoduell, wird Jeff für all seine Sünden bezahlen müssen…

“Hard Candy”, der Filmtitel bezieht sich auf Pädo-Slang für minderjährige Mädchen, ist ein ambivalenter Film. Er besticht zunächst einmal durch die faszinierende Schauspielleistung von Ellen Page, die zum Zeitpunkt des Drehs 17 war, aber dennoch glaubwürdig als 14jr durchgeht. Zumindest was ihr Aussehen angeht, denn ihr Benehmen, ihre Diktion und die rationale, ironische Kühle ist zu keinem Zeitpunkt dem Alter entsprechend.
Optisch weiß der auf DV-gedrehte Film ebenfalls zu gefallen. Alles ist stylish, die Farbtemperatur digital jeweils der Stimmung der Szene angepasst. Zwischen grellbunt, gelblichwarm und fast ganz desaturiert, je nachdem in welchem Stadium sich der Film gerade befindet.
Weiterer Pluspunkt ist ebenfalls die Atemlosigkeit mit der er die Zuschauer in seine Geschichte wirft. Es gibt im ersten Akt kein Innehalten, keine Reflexion, kein vorstellen der Figuren. Der Regisseur spielt bewußt damit, den Zuschauer zu Beginn glauben zu lassen, das es das Mädchen, das es Haley ist, die ihre Naivität bitter bezahlen wird, indem sie mit dem Fotografen kokketiert, scheinbar treuherzig mit ihm mitgeht.
Wir lauern darauf, halten den Atem an, erwarten den Moment, in dem er eine falsche Bewegung macht die ihn verrät, doch dieser Schritt geschieht niemals, denn Jeff ist kein plumper “Schokoladenonkel” der kleine Mädchen in sein Auto zerrt und sie dann mißbraucht. Er würde geschickter vorgehen, wenn er die Chance dazu hätte.
Erst wenn Jeff gefesselt erwacht, wird einem bewußt das Haley keineswegs naiv ist, das sie eine eigene unbarmherzige Agenda verfolgt. Eine zuvor im Nebensatz gefallene Bemerkung, daß 4 von 5 Ärzten sich einig sind, daß sie verrückt sei, bekommt plötzlich eine erschreckende Bedeutung. Zu Beginn dieses Folterspiel, daß sich vom spielerischen schnell ins grauenhafte steigert, wird der Zuschauer im unklaren gelassen, ob Jeff tatsächlich dessen schuldig ist, was Haley im vorwirft.
Diese Zweifel werden jedoch bald beseitigt, nachdem das Mädchen seinen Tresor öffnet und dort in der Tat belastendes Material findet. Als Haley ihm daraufhin eröffnet, das sie ihn als vorbeugenden Maßnahme kastrieren werde, beginnt der eigentlich Horror, der wohl die meisten Männer im Publikum mit zusammengekniffenen Beinen anschauen werden. Denn so wie Haley, so macht auch der Filme keine Gefangenen. Ohne je in expliziten Splatter abzudriften, schafft er es aus den Folterszenen die einen Großteil des Films kennzeichnen eine voyeristische Intensität zu geben, die ihres gleichen sucht. Breit ausgespielt erleben wir Jeffs improvisierte Operation mit, seine Schmerzensschreie, sein Wimmern um Gnade, stets begleitet von Haleys süffisant, ironischen Kommentaren.
Dabei sollte er wissen, daß er von Haley und dem Film keine Gnade zu erwarten hat, denn sein Schicksal steht von Anfang an fest. Jeff wird büßen müssen für seien Taten, er muß sterben und soll zuvor noch möglichst viel Todesangast und Psychofolter erdulden.

Von Haley könnten Dirty Harry und Charles Bronson noch einiges lernen. Als selbsternannter Racheengel aller mißbrauchten Mädchen ist ihr das Auslöschen der Peiniger nicht genug, sie zieht eine eigene Genugtung daraus, die Täter zu foltern, ihnen einen Hoffnungsschimmer zu geben um sie letztlich doch zur Strecke zu bringen. Ein perverses Katz und Mausspiel, daß für mich letztlich auch die Ambivalenz des Films ausmacht.
Der Film zwingt zur Identifikation mit einer Figur die in ihrem Sadismus den Tätern kaum nachsteht. Hier geht es zu keiner Sekunde um Recht, es geht um Rache. Haley will Jeff nicht bestraft sehen, sie will ihn leiden sehen. Sie will ihn erst psychisch verkrüppeln, ehe sie ihn letztlich in den Selbstmord treibt.
Solange der Film läuft ist man gefangen von der straffen Inszenierung, den messerscharfen Zynismen die Haley von sich gibt. Selten wirkte ein junges Mädchen so bedrohlich, versprühte eine derartige Präsenz wie Ellen Page, die in jedem Moment den Film beherrscht.
Erst gegen Ende und wenn der Abspann läuft, stellen sich die Magenschmerzen ein. Haley zieht noch vollbrachtem Racheakt in überdeutlich betonter Rotkäppchenkutte von dannen, nachdem sie Jeff gegenüber alles was er und die Zuschauer über sie zu wissen glaubten in Frage gestellt hat. Sie stilisiert sich selbst zur mystischen Rachefigur die deutlich macht, daß Jeff nicht der erste war und wahrscheinlich nicht der letzte sein wird, den sie zur Strecke bringt.

Die Frage die sich mir stellt: Was will der Regisseur, was ist seine Agenda? Warnen? Sicher nicht, denn alles was er über Gefahren des Internets zu sagen weiß sind die üblichen Klischees die jedes Boulevardmagazin bis zum Erbrechen durchgeorgelt hat.

Und die Moral von der Geschicht: Mädchen weich vom Wege nicht!
Bleib allein und halt nicht an. Traue keinem fremden Mann.
Geh nie bis zum bitteren Ende. Gib Dich nicht in fremde Hände.
Deine Schönheit zieht sie an und ein Wolf ist jeder Mann.
Merk Dir eines: In der Nacht ist schon mancher Wolf erwacht.
Weine um sie keine Träne, Wölfe haben scharfe Zähne.

Und Wölfe gehören nunmal erschossen. Und gefoltert. Rotkäppchen nimmts selbst in die Hand und zeigt den bösen Wölfen wo der Bartl den Koks holt. Und nachdem der Film die Schuld des Täters zweifelsfrei feststellt, glaubt er sich moralisch auch auf der sicheren Seite. Jeder Einwand wird mit einer schnellen Geste beiseite gefegt, vor diesem Gericht gibt es keine Verteidigung, nur ein ins Unendlich verlängerte Strafmaß.
Dabei merkt er nicht, daß er seine Hauptdarstellerin selbst in sexuell aufgeladenen Bildern präsentiert, die seiner Aussage zuwider laufen. Im ersten Akt, bis zu Jeffs Bewußtlosigkeit liebkost die Kamera das Gesicht Haleys, klebt in extremer Nahaufnahme an ihr, wenn sie sich lasziv Schokoladenkuchen einverleibt und kokett mit Jeff flirtet. Mit voyeristischer Intensität wird Haley als Objekt der Begierde inszeniert, ihre Unschuld betont.
Es ist nicht Jeff der sie so ansieht, es ist der Zuschauer dem hier eine 14jr als Sexobjekt angeboten wird. Das eben jenes Sexobjekt kurz darauf zur erbarmungslosen Rächerin wird, passt dann auch ins moralische Grundkonzept des Films.
Nochmal: Was will der Film, ausser das er eine saftige Grundprämisse effektiv und konsequent ausbeutet? Nachdem es im Publikum eh kaum Zuschauer geben dürfte, die Pädos toll finden, kann man die Message “Pädos sind scheiße und gehören bestraft” getrost als überflüssig einstufen.
Verständnis für das zu erzeugen was sexueller Mißbrauch bei den Opfern anrichtet ist auch nicht das Ziel des Films, denn es wird nie klar, welchen Hintergrund Haley hat – noch ist es sehr realistisch das ihr Verhalten exemplarisch ist für Mädchen die sexuell mißbraucht wurden. Da gibts es andere Filme wie “Mysterious Skin ” und “L.I.E.” die differenziert und sehr viel erschreckender die Folgen sexuellen Mißbrauchs analysieren.

Was von “Hard Candy” letztlich bleibt ist ein perfekt gemachter, voyeristischer Selbstjustzifilm, der kaltblütige Folter als angemessene Bestrafung für die Täter durchexerziert und befürwortet. Wohin Rache führt kann man tagtäglich in den Nachrichten sehen, welche destruktiven Wirkungen sie auf Dauer hat haben andere Filme schon durchgespielt und vor Augen geführt.
Bei allem technischen, schauspielerischen und inszenatorischen Geschick, bei aller Raffinesse, bleibt “Hard Candy” inhaltlich doch eine eher schmieriger Film, der ein düsteres Thema des Thrills wegen ausbeutet und der eine zwar populistische, aber nichtsdestotrotz fragwürdige Moral vertritt.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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7 Comments

  1. tobi

    “pädo-slang?”
    da klingt die kritik ein wenig so
    wie dass, was doch kritisiert werden soll.
    ansonsten kann ich dem artikel aber in vielem zustimmen…

  2. Pehder

    Hab den Film gerade gesehen und so schillernd er hier auch nacherzählt wird, ist er dann doch leider nicht, da nicht jeder Kamerastreich dem Geniestreich gleichkommt und nicht jede Handlung so viel Sinn macht.
    Es ist schon richtig, dass es sich hierbei rund um ein gelungenes Werk dreht, aber die Experimentierfreudigkeit hat doch ein wenig die Überhand genommen und so sind manche Kamerafahrten überflüssig, manche Dialoge stumpfsinnig und manche Darstellungen sinnlos übertrieben….und wer fragt sich nicht, warum Jeff am Ende ganz plötzlich so gelassen wirkt, wo er doch angesichts der drohenden Kastration ständig am rumschreien war.
    Alles in allem muß ich Euch zustimmen, daß Haley gut gespielt wurde, aber ich fand Jeff fast (und wirklich nur fast!) besser dargestellt, aber er war eben der Pädo
    Ich glaube, den Film kann man kurz beschreiben als das, was der Zuschauer nicht erwartet hat, denn davon strotzt der Film geradezu.
    Aber zu oft wurde ich an “Funny Games” erinnert, bei dem ich mich ständig fragte, wieviel tausend Möglichkeiten es gibt aus dieser Situation herauszukommen und warum die Hauptfiguren nicht darauf kommen.

  3. alex

    2,5 Sterne sind immer noch 2,5 zu wenig!

  4. F5 — 30 Days of Night

    […] und noch viel mehr. Was der Kiwi David Slade (der zuvor durch das perfide, Exploitationfilmchen Hard Candy auffiel) hier abliefert ist wirklich erstaunlich. Angefangen beim völlig missratenen Colorgrading, […]

  5. frank

    Ein Scheißfilm, Entschuldigung.
    Brillant gespielt und in der ersten Hälfte spannend, aber das Mädchen viel zu übermächtig und der Schluß sehr ärgerlich und unglaubwürdig.
    Die Entscheidung des Fotografen ist völliger Schwachsinn.
    Und er hätte nach allem, was passiert ist, das Versprechen des Mädchens einschätzen können.
    Ich habe die ganze Zeit darauf gewartet, daß er den Spieß umdreht und dann kommt plötzlich sein halbherziges, wenig überzeugendes Bekenntnis und plötzlich soll er der Böse sein? Wobei ja beide Charaktere nicht unbedingt sympathisch sind, da wäre ausgleichende Gerechtigkeit nur fair gewesen. Und hatte ich schon das fürchterliche Ende erwähnt?
    Ich hab mich selten so von einem Film verarscht gefühlt.

  6. Juno (Review) | Die Fünf Filmfreunde

    […] ist, die als eiskalt-psychpopathischer Racheengel in dem zweifelhaften Selbstjustiz-Schocker “Hard Candy” zurecht für Furore sorgte. Pages Juno nimmt mühelos die Hürden zwischen selbstbewusster […]

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