Antikörper

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"Wieso hat er den verdammten Apfel da reingehängt? Er wußte doch was passiert?"

Originaltitel: Antikörper
Herstellungsland: Deutschland 2005
Regie: Christian Alvart
Darsteller: Wotan Wilke Möhring, Heinz Hoenig, André Hennicke, Hauke Diekamp

★★★☆☆

Antikörper

Die Konstellation ist bekannt und in kaum einer Vorschau wird versäumt daraufhinzuweisen. Ja Antikörper hat eine ähnliche Konstelation wie jener Psychokiller-Film mit Jodie Foster. Es gibt einen eingesperrten Serienkiller, der gerne Spielchen spielt und von einem unerfahrenen Bullen vom Lande verhört wird.
Auch der Regisseur ist sich dessen gewahr und kann sich eine Spitze gegen den übermächtigen Konkurrent aus Hollywood nicht verkneifen. Angriff ist die beste Verteidigung. Denn Antikörper hat mehr zu bieten, als lediglich einen Abklatsch von "Silence of the Lambs" oder dem völlig überschätzen "Seven".

Zum Inhalt: Gabriel Engel (Erzengel Gabriel – Vollstrecker göttlichen Willens? – Meta-text ick hör dir Trapsen) hat als Kruzifixmörder die Nation seit Jahrne in Atem gehalten. Endlich ist es einer Soko gelungen ihn in Berlin dingfest zu machen, nicht jedoch bevor er sein dreizehntes Opfer, wieder einen kleinen Jungen mißbraucht und umgebracht hat.
Gabriel scheint die Verhaftung nichts auzumachen, genüßlich gesteht er alle Morde, ohne die abstoßensten Details auszusparen. – Alle Morde bis auf einen. Den an einem zwölfjährigen Mädchen will er nicht begangen haben. Dorfpolizist Martens, der seit Jahren vergeblich versuchte den Fall zu klären, reist in die Großstadt und wird Opfer des Psychospiels das sich Gabriel für ihn ausgedacht hat.

André Hennicke (der hier ein bißchen aussieht wie Willem Dafoe nach der Wurmkur) gibt einen Psychopathen der nicht minder faszinierend ist als Hannibal Lecter, der aber dennoch seine ganz eigene Bedrohlichkeit entwickelt. Henickes Gabriel ist kein Gentlemen, kein Connaisseur, dessen Respekt man sich erarbeiten kann. Er ist schlich und einfach böse. Die Gedanken-Spiele mit seinem Antikörper dem Dorfpolizisten Michael Martens (Wotan Wilke Möhring) sind kein intellektuelles Kräftemessen, sie sind nur Mittel zum Zweck. Gabriel will Martens vernichten. All sein Handeln dient dem Bösen. In einem Film der Religiösität überraschend ernst nimmt, kann es durchaus als teuflisch beschrieben werden, wenn Gabriel es sich zur Aufgabe macht Martens moralisch zu korrumpieren. Ihn mit dem Virus des Bösen zu infizieren. Seine Seele der Verdammnis Preis zu geben.
Martens strenger katholischer Hintergrund ist aber bei genauer Betrachtung nicht nur der sichere Hafen seiner moralischen Standfestigkeit, er ist vielmehr auch Basis der Verführung durch Gabriel. Mit einem pragmatischen Atheisten würden dessen (gar nicht mal so subtilen) Manipulationen nicht funktionieren. OB letztlich der Glauben Martens errettet oder ihn erst an den Rand der Verdammnis führte, hängt wohl vom Blickwinkel des Zuschauers ab.

Schauspielerisch gibt es wenig zu bemängeln. Hennicke kostet die Möglichkeiten seiner Rolle genüßlich aus, ohne zum allwissenden Über-Bösewicht zu werden. Er bleibt glaubhaft, weil er die Distanz nicht zulässt die andere Serienkiller-Figuren durch ihre beständige Überlegenheit bekommen. Sein Verlangen, seine Triebkraft ist weniger intellektuelles Spiel als fleischliches Begehren, tatsächlicher Genuß an seinen Taten. Das macht ihn bedrohlicher aber auch alltäglicher als seine amerikanischen Kollegen.
Wotan Wilke Möhring, ein Name den man allein seines Grooves wegen nicht oft genug aussprechen kann, hat die schwierge Aufgabe einen gläubigen Hilfspolizisten zu spielen, ohne ihn zur Karikatur werden zu lassen. Dies gelingt ihm in weiten Teilen auch sehr gut, wobei er als Identifiaktionsfigur und Sympathieträger nur bedingt taugt. Zu verschroben ist seine Weltsicht, zu kaltherzig wirkt er gegenüber seiner Familie.
Heinz Hoenig als brummeliger Großstadtbulle muß dafür herhalten ein wenig Herz und Bodenständigkeit in den Film zu bringen. Die offene Freundlichkeit die er Martens entgegenbringt schafft es, zumindest ein gewisses Mitgefühl für diesen zu entwickeln. Mann will Martens mögen, weil Hoenig ihm traut und mag. Die Rolle von Hoenig ist zwar nicht mehr als routiniertes Klischee, aber sie ist nötig um nicht den Halt zu verlieren zwischen religiöser Dorftümeligkeit und den kranken Phantasien Engels.
Die Frauenrollen des Films sind leider weniger erwähnenswert. Die Rolle von Martens Frau wird am ehesten in einem Ausspruch Engels zusammengefasst: "Du hast deien Mutter geheiratet". Ulrieke Krummbiegel müht sich zwar, aber sie wirkt leider wenig interessant oder glaubwürdig. Sie schaut den ganzen Film drein, wie Helen Mirren mit Migräne und man würd es Martens kaum verübeln, wenn er sich spontan entschlösse einfach in Berlin zu bleiben. Seine Tochter hat ebenfalls wenig Funktion ausser niedlich zu sein und die Affäre die er sich in Berlin zulegt, ist wenig mehr als Illustration seines "Sündigen Handelns". Sie darf sich ficken lassen und als "billige Schlampe" den Vorwand für spätere Reue und Selbstkasteiung Martens geben, hat ansonsten aber wenig Persönlichkeit.
Die wesentlich wichtigere Rolle von Martens Sohn ist dagegen trefflich besetzt. Hauke Diekamp schafft es die verschiedenen Nuancen die ihm die Rolle des traumatisierten und emotional gestörten Jungen abverlangt überzeugend umzusetzen… auch wenn zu Beginn des FIlms ein wenig zuviele Hinweise ausgelegt werden, um ihn verdächtig werden zu lassen.

Optisch bleibt der Film solide. Große Bilder waren bei einem 2,5 Mio. Budget nicht drin, dafür überzeugen eine Vielzahl an Schauplätzen und nette Schnittspielereien und ungewöhnliche Blickwinkel. Teilweise wird man an die besseren Tatortfolgen erinnert, was aber eher für deren Qualität, denn gegen diesen Film spricht.
Die Auflösung wirkt wenn auch nicht spektakulär, so doch überraschend genug, das man sich nicht düpiert fühlt. Digitale Bambis inklusive.

Ein schöner Thriller aus Deutschland, der auf weitere Genre-Filme jenseits von "Traumschiff" und "Erkan & Stefan" hoffen lässt.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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3 Comments

  1. Die_Heldin

    Der Film kommt hier viel zu gut weg!
    Die digitalen Bambis zerstören jegliche Spannung, führen menschliche Emotionen -ja, gar eine überzeugende, autenthische Lösung- ad absurdum. Der Vater opfert sich und seinen vermeintlich schuldigen Sohn nicht, erkennt, dass es doch noch Sinn gibt und eine Horde Rehe steht herum.
    Warum? eine völlig unnötige Szene, die den Film unglaubhaft macht.

  2. Dog Hollywood

    Die Szene fand ich sehr spannend! Ehrlich gesagt, wusste ich bis jetzt nicht, dass die Rehe digital waren… Sicher? Meine Augen waren, glaube ich die ganze Zeit auf Vater und Sohn und die Tüte Chips vor mir gerichtet.

    Alles in allem ein sehr gutes Psychoduell der Hauptdarsteller, der einzig und allein deswegen so gut funktioniert, weil es Hollywood bereits so oft vorgemacht hat (Sieben, Das Schweigen der Lämmer usw.). Trotzdem, der Film gefiel mir!

  3. Leonidas

    Du meine Güte… was für ein Scheiss-Film. So grauenhafte Verbrechen gibt es ja schon in der Realität mehr als genug. Muss man das noch im Kino zu sehen bekommen? Reicht es nicht, wenn man weiss, wozu Menschen fähig sein können?

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