Brothers Grimm

4 Comments

I made that armour! (…) It's not magic; it's just shiny.

Brothers grimm

Originaltitel: Brothers Grimm, The
Herstellungsland: Tschechische Republik / USA 2005
Regie: Terry Gilliam
Darsteller: Matt Damon, Heath Ledger, Jonathan Pryce, Lena Headey, Peter Stormare

★★★☆☆

Es ist ein wenig schade, wenn man aus einem guten Film kommt und dennoch nicht ganz zufrieden ist. Vielleicht wäre es für Gilliam besser gewesen, den Film unter Pseudonym zu drehen, dann hätten sich die meisten wohl an einem gut gemachten, witzigen und wendungsreichen Fantasyfilm erfreut, der einige schöne Momente skurrillen, an Monty Python gemahnenden Humor aufweist. Die Erwartungshaltung wäre die gewesen, einen routinierten Hollywoodblockbuster zu sehen und man hätte sich gefreut, das man mehr bekommen hat, als man dachte.

Doch der Reihe nach. Brothers Grimm – Gebrüder Grimm wäre sicher ein für deutsche Zuschauer sehr unverständlicher Titel gewesen, da ja niemand hier weiß wer das sein soll, und außerdem klingt Brossers ja auch viel cooler und schnittiger – Brothers Grimm also, erzählt die Geschichte der beiden Titelfiguren Jakob und Wilhelm, die im Gegensatz zu ihren realen Vorbildern nicht Märchenerzähler sondern fahrende Hochstapler sind. Den Grundplot hat man so schon gesehen, nicht zuletzt im Steve Martin-Vehikel "Leap of Faith – Der Scheinheilige" – Ein paar Betrüger gaukeln der leichtgläubigen Landbevölkerung Übernatürliches vor und sehen sicht letztlich mit realen Wundern und Phantasmen konfrontiert. Im Deutschland um Siebzehnschlagmichtot geistern die Grimme Brüder nun durchs französisch besetzte Deutschland und verschrecken die Bauern, bis ihnen die Obrigkeit auf die Schliche kommt. Doch statt einer Strafe, sollen die beiden das Verschwinden von Kindern in einem abgelegenen Dorf aufklären.Irgendjemand würde dort Unheimliches antäuschen und Päntz entführen. Natürlich stellt sich heraus, das dort keine Con-Artisten ihr Unwesen treiben und auch die abgebrühten Brüder lernen, das an Märchen und Sagen mehr dran ist als die Schulweisheit und soweiter….

Nach dem Scheitern seines Herzensprojektes "Don Quichotte" – sehr schön dokumentiert im Film "Lost in LaMancha" – entschlossen sich Terry Gilliam und Johnny Depp ein Kommerzprojekt zu realisieren, das ihnen genug finanziellen Freiraum ermöglicht später zum Ritter von der traurigen Gestalt zurückzukehren. Depp realisierte daraufhin den ebenso unterhaltsamen, wie erfolgreichen "Pirates of the Caribbean" und Gilliam wandte sich diesem Märchenprojekt aus der Feder des mindertalentierten Lohnschreibers Ehren Kruger zu, der zuvor schon die Scream-Trilogie mit dem scheusslichen "Scream 3" hingerichtet hatte und für die einfallslos plagierten Geisterfilme The Ring und Skeleton Key verantworlich zeichnet..
Wie stets bei Gilliam gab es Probleme ohne Ende, seinen Ruf als "schwierig" hat der Ex-Python sicher nicht zu unrecht. Zuerst überarbeitete er das Drehbuch massiv, dann wollte MGM im letzten Moment aus der Finanzierung aussteigen, die Weinstein-Brüder kamen an Bord um den Film zu retten – doch auch diese Ehe war unheilbedräut, denn die gewaltigen Egos von Bob Weinstein und Gilliam kollidierten schon nach kurzer Zeit. Im letzten Moment gab Gilliam in einigen Punkten nach, so das der Film 2003 doch noch gestartet werden konnte. Bald aber gabs dann wieder Knatsch, die Fertigestellung des Films wurde auf Eis gelegt, Gilliam drehte zwischendurch "Tideland" und kehrte erst Anfang des Jahres zu "Brothers Grimm" zurück. Zu seinem Unwillen mußten viele Spezialeffekte computertechnisch gelöst werden, da für mechanische Effekte die Zeit und das Geld fehlte. Insgesamt also typisches Durcheinander wie man es von Gilliam kennt. In den Promo-Interviews zum Film lässt er daher auch keine Chance aus, die chaotischen Anekdoten vom Dreh und die idiotischen Armdrückereien mit den Weinstein-Brüdern auszubreiten, die von Kleinigkeiten wie Heath Ledgers Brille oder Kotletten für Matt Damon den Film abhängig machten.

Herausgekommen bei dem ganzen Hick-Hack ist letztlich einer der im positiven Sinne mainstreamigsten Gilliam-Filme seit "Time Bandits". Die Bilder sind diesmal etwas glatter, weniger sperrig als man es von ihm gewohnt ist, die Farben gewohnt fahl, die Dorfszenen in Python-typischem Dreck und Schlamm gehalten. Geschickt streut Gilliam Anspielungen auf Grimmsche Märchen in die Story, von Rapunzel über Rotkäppchen, Pechmarie und Schneewittchen ohne eines davon plump nachzuerzählen. Obwohl ich kein Fan von Damon und Ledger bin, machen sie in den Titelrollen doch eine ganz gute Figur. Keine Ausnahmeleistung aber solide. Die Rollen die mehr Fleisch bieten sind eh den Bösewichtern Vorbehalten. Gilliam Veteran Jonathan "Brazil" Price, darf den schmierigen Delatombe, Beamten von Napoleons Gnaden geben und hat sichtlich Freude an der Rolle. Genauso wie Peter Storemare, zuletzt in Constantine als charmanter Satan zu sehen, der die Rolle des durchgeknallten Folterers Cavaldi mit Verve und viel Selbstironie spielt.

Das Thema des Unglaubens, den Verlust des Sense of Wonder in einer rationalen Welt, behandelt der Film wie man es erwarten würde. Der rationale Willhelm muß sich von seinem Bruder Jakob überzeugen lassen, das es das Übernatürliche, das es Märchen gibt. Schön ist zu erleben, das Gilliam die in allen Märchen vorhandene Dunkelheit erkennt und ihre Bedrohlichkeit nachvollzieht. Aus dem fröhlichen Rotkäppchen mit einem kumpelhaften Cartoonwolf, den heutzutage die meisten Menschen im Kopf haben, wird hier wieder die archaische existenzielle Bedrohung Auch wenn es nicht gelingt, diese Sagengestalten wollen Schaden zufügen. Es sind keine politisch-korrekten "Können wir nicht drüber reden?"-Bembel, wenn diese Wölfe, Hexen und Bäume dieses Märchenwaldes zuschlagen meinen sie es ernst. Gleichzeitig zeigen sie die verdrängte Macht des von der christlichen Religion geschmähten Aberglaubens auf, der sich doch in modifizierter Form immer wieder Bahn bricht. Trotz allen Versuchen gelingt es dem Christentum nicht, alte Legenden und heidnische Bräuche auszurotten. Die Franzosen, einmal mehr willkommene Bösewichter repräsentieren die christliche Macht, die ihre Ansichten mit aller Gewalt und Härte durchsetzt und letztlich den Preis zu zahlen hat. Dont fuck with the forest. An den militanten Bäumen dieses Zauberwaldes hätte auch L. Frank Baum seine Freude gehabt.

Was dem Film bisweilen fehlt ist eine zwingende narrative Linie. Zum Teil springen die Protagonisten wie Ping-Pong-Bälle durch die Handlung, weniger aus eigenem Antrieb und Motivation, denn aus dramaturgischer Notwendigkeit. Das führt dazu, das sie als Identifikationsfiguren für den Zuschauer verlieren, weil er sich nie ganz in ihre Lage versetzen kann oder ihre Handlungen nachvollzieht. Neben schönen Momenten, in denen der Phantasie vs. Realismus-Diskurs zwischen Jakob und Willhelm zum Tragen kommt und man erfährt das durch Jakobs Leichtgläubigkeit die jüngere Schwester verstarb, gibt es viele Momente in denen die beiden eher reagieren, denn agieren. Das mag Konzept sein, führt aber dazu das die Handlung bisweilen etwas lahmt.
Ein zweiter Punkt durchwachsenen Erfolges sind die Spezialeffekte. Während Sets und Miniaturen durchweg gelungen sind und typischen Gilliam und Python-Stil atmen, sind die Digitaleffekte von sehr gemischter Qualität. Wuselnde Käferhorden wie man sie aus Harry Potter, Die Mumie und anderen Filmen kennt wirken wie auch dort eher unrealistisch und daher wenig bedrohlich. Im digitalen Werwolf steckt einige Mühe, aber ganz gelungen ist auch er nicht. Grade in Nahaufnahmen sieht man ihm die Pixelherkunft leider an. Dafür verblüfft er mit einer originellen, bisher so noch nicht gesehehen Transformationvariante, die ihres Gleichen sucht. Wenn man weiß, das Gilliam eher aus der Not heraus zu den Digitaltricks griff, bleibt dieses Manko aber verzeihlich. Besser als in "Van Helsing" sehen die Sachen allemal aus.

Schön anzusehen und gelungen ist auch der Schlussakt. Der Kampf der Brüder gegen die böse Spiegel-Königin, die mit dem Versprechen von Schönheit die Herzen ihrer Opfer erobert. Überraschend heftig für einen FSK 12-Film sind auch einige der derberen Szenen, die deutlich machen, das man sich nicht in einem knuffigen Märchenland der Marke Disney befindet. Da rollen Köpfe, werden Katzen püriert und wie damals in Jabberwocky Menschen bis aufs Skellet blutig abgenagt. Überhaupt hat man das Gefühl, das Gilliam gern und ausgiebig aus seinem Oeuvre zitiert. Kichernde verrückte Weiber erinnern an die Pythonfilme, dümmliche Adelige an "Time Bandits" und "Münchausen". Wenn im Folterkeller im Hintergrund lustvoll die Menschen ausgepeitscht werden, derweil im Vordergrund Dialoge ablaufen, fühlt man sich nicht von ungefähr an "Life of Brian" erinnert.

Trotz allem bewegt sich der Film stets im Rahmen eines kommerziellen Unterhaltungsfilms und daran liegt es vielleicht, das ich das Kino nicht ganz so zufrieden verließ, wie nach "12 Monkeys" oder "Brazil". Der letzte Kick, das noch-nie-gesehene, das wirklich herausfordernde Element das andere Gilliam-Filme ausmachte fehlt leider. Für jeden normalen Hollywood-Regisseur wäre "Brothers Grimm" ein voller Erfolg – für ein Genie wie Gilliam ist es leider nur ein "ganz guter Film". Sehenswert dennoch.. und es bleibt ja abzuwarten was uns Mr. Gilliam demnächst in "Tideland" beschert.

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About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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  • http://yetused.blogger.de Yetused

    Einer der schlechtesten Filme der letzten Jahre. Ich war mehr als enttäuscht.

    Und dass die Deutschen ihre Gebrüder Grimm nicht mal so nennen konnten sondern auf den “Amerikanisch ist ja so cool”-Wagen springen mussten, beschämt mich fast schon.

    Gut, dass die Gebrüder diesen Film nicht mehr mitbekommen mussten…

  • mindhost

    sehr geil. danke erstmal für die seite. hab die 5 filmfreunde jetzt mal richtig gefilzt. früher hab ich immer bei moviemaze gelesen, wenn ich lust hatte über filme zu lesen (ich seh nur filme und hab seit ca 6 jahren keinen tv anschluss mehr). les halt gern mal zur entspannung previews, aber besonders gerne reviews, vorallem über filme die ich schon kenne… und bei euch gibt es ja sogar noch mehr.
    seit ich über nerdcore auf diese seite aufmerksam wurde, ist moviemaze uninteressant geworden, denn bei euch ist der schreibstil um einiges witziger, lockerer, unkonservativer. muss wohl von eurer bloggerei kommen.
    was ich aber eigentlich sagen wollte war, danke. durch diesen post hab ich mich endlich mal näher mit terry gilliam beschäftig, und es war eine bereicherung. ich muss auf jeden fall noch einige filme von ihm nochmal, oder überhaupt erst sehen.
    von brothers grimm war ich ehrlich gesagt positiv überrascht. ich hatte einen normalen, langweiligen, blockbuster- märchenfilm erwartet – mein mädchen leiht normalerweise nur schrott aus…hat halt ein unglückliches händchen, komischerweise aber nur wenn sie filme für uns ausleiht, filme die sie für sich alleine ausleiht sind immer gut, muß wohl ein fluch sein – und es war irgendwie so überhaupt kein normaler film. sureal und real zugleich.
    what the heck, zuviel weiswein.
    verzeiht das ich nicht näher auf die gebrüder eingehe. manchmal vermiss ich die guestbooks im web 2.0 einbisschen ~:o)

  • Pingback: F5 — Der Sternwanderer - Stardust

  • http://keine Leonidas

    Ich kann nicht verstehen, wieso man Terry Gilliam unter den Kritikern so hochlobt. Meiner Meinung nach ist er einer der schlechtesten Regisseure aller Zeiten. Brothers Grimm war eine Beleidigung: billige Kulissen und Effekte, schlechte Dialoge, miese Masken und eine hanebüchene Geschichte. Dieser Film war ein einziges Desaster, so wie alle anderen Gilliam-Filme auch.

    Brazil war auch beschissen. Nichts weiter als eine geschmacklose, billige Kopie von George Orwells “1984″. Sämtliche Elemente wurden übernommen. Wieso sich die Kritiker bei diesem Plagiat vor lauter Lobpreisungen fast überschlagen, ist mir ein Rätsel.

    Twelve Monkey war ebenso schlecht. Nicht eine einzige Sekunde lang hielt man dieses Schmierentheater des schlechten Geschmackes für realistisch. Die Effekte waren so unheimlich schlecht, dass ich das Gefühl hatte, ich würde mir einen Drogentrip eines bekloppten ansehen.

    Terry Gilliam ist der miesteste (von Kritkern gelobte) Regisseur der englischsprachigen Welt!

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    Holy … I don’t even do tarot and I want this deck.

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