Corpse Bride

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"Oh, those girls are ten a penny. You've got so much more. You've got – you've got – a wonderful personality!"

Originaltitel: Corpse Bride
Herstellungsland: Großbritannien 2005
Regie: Tim Burton, Mike Johnson
Darsteller: Johnny Depp, Helena Bonham-Carter, Christopher Lee, Tracy Ullman, Richard E. Grant

★★★★☆

Corpse Bride

Zur Beachtung: Review kann Spoiler enthalten

Ein kurioses Filmjahr. Die Publikumszahlen gingen zurück, die Blockbuster fehlten und doch gibt es rückblickend mehr lohnenswerte Filme als noch im Vorjahr.

Zwei erstaunliche Regisseure mit dem Hang zum schwarzhumorig-absurden bringen in diesem Jahr jeweils gleich zwei neue Filme heraus. Der stets vom völligen Zusammenbruch bedrohte Terry Gilliam, meldet sich nach Jahren der Flaute mit dem halb-geglückten Brothers Grimm sowie mit dem anstehenden Tideland zurück. Tim Burton, dem man schon nach dem quirlig-herzwärmenden "Charlie and the chocolate factory" seinen Affenfilm-Faux-Pas endgültig verziehen hatte, reicht pünktlich zu Halloween seine neueste Animations-Extravaganz "The Corpse Bride" nach.

Wie auch schon bei den stilistisch sehr ähnlichen, von Burton produzierten Filmen "Nightmare before christmas" und der Roald Dahl-Verfilmung "James and the Giant Peach", scheiden sich die Geister an Look und Feel dieses Film. Burton bleibt sich treu.
Die Story des jungen Victor, der, aus neureicher Familie stammend in eine bankrotte Edelfamilie einheiraten und die junge Victoria ehelichen soll, bei der Probe zur Hochzeit jedoch versehentlich die Leiche einer ermordete junge Braut zur Frau nimmt, die darauf besteht das er seinen Schwur einhält, weist viele Parallelen zu den Vorgängerfilmen, ja sogar zu Burtons Animationserstling "Vincent" auf.
Wieder staksen groteske, langbeinige Figuren durch düster-gothische Kulissen, wieder steuert Hauskomponist Danny Elfmann Musik und Songs bei. Wieder darf ein Hund aus dem Jenseits an die Seite seines Herrchens zurückkehren – Seit Frankenweenie ein immer wiederkehrendes Element in Burtons Erzählkosmos.

Genau diese Kontinuität wurde dem Film von einigen Kritikern vorgeworfen. Nein, Burton versucht gar nicht erst einen anderen Look seiner Figuren zu kreieren. Er hat seinen unverwechselbaren Stil, den man entweder mag oder scheusslich findet.

Bemerkenswert ist bei allem Deja-Vu in jedem Fall wieviel mehr Details die Kullissen und Animationen in Corpse Bride besitzen. Vorbei sind die Tage statischer Gesichter in denen sich lediglich der Mund veränderte, nur die Augen blinzelten. Vincent, routiniert schusselig eingesprochen von Johnny Depp im Sleepy Hollow-Modus, seine beiden Bräute und auch die anderen Hauptfiguren zeichnen sich durch eine nuancierte Mimik aus, die man so im Puppentrickfilm noch nicht gesehen hat. Da zucken Wangenmuskeln, beben Unterlippen, wogen Brüste und schwappen voluminöse Torten umher, als seien sie weich und beweglich, anstatt aus starr geformtem Material das im Sekundenrhythmus einzelbildweise abgelichtet wird. Der katatonisch, entsetzte Gesichtsausdruck alleine, wenn Victoria kurz vor der Zwangsheirat mit dem Bösewicht, vor dem Altar steht, ist tausend Meg Ryans wert.

Die Detailverliebtheit des Films fesselt das Auge, es ist, wie schon in "Charlie…" ein Erlebnis die Sets zu bestaunen, die vielen kleinen Nebensächlichkeiten zu erfassen, die in den sorgsam arrangierten Tableaus ablaufen. Licht und Farbdramaturgie konterkarieren die Welt der Lebenden, wie der Toten.
Während die reale Welt in fahl graue desaturierte Blässe getaucht wird, schwelgt die Unterwelt in satten Farben, schrillen Akzenten. Victors Spagat, die überraschende Liebe zu seiner Adelsbraut Victoria und die aufkeimende Zuneigung zur unglücklichen Untoten wird perfekt präsentiert und mitreißend in Szene gesetzt. Groovige Jazz-Nummern wechseln sich ab mit dem ganz großen Gefühl, Ironie und Filmzitate von den drei Stooges bis zu "Gone with the wind", existieren gleichberechtigt neben echter Anteilnahme am Schicksal der Figuren.

Denn bei aller Ähnlichkeit zu "Nightmare before christmas", in diesem Punkt unterscheidet sich "Corpse Bride" von seinem Vorgänger. Die Figuren sind mehr als skurrile Abziehbilder, die Story ist mehr als nur ein loser Aufhänger für eine doch eher austauschbare Nummernrevue an Animationskabinettstückchen.
So schön "Nightmare" anzusehen war, irgendwie fühlte er sich für mich immer auch etwas beliebig an. Die Figuren weckten keine Anteilnahme, sie wurden bestaunt, belacht oder belächelt, aber es blieb letztlich Stückwerk makaberer Einfälle und mehr oder minder eingängiger Musiknummern.
Aus diesen Fehlern hat man offensichtlich gelernt, denn nicht nur dank der ausgefeilteren Animation sondern auch dank des besseren Drehbuchs fühlt sich "Corpse Bride" wie ein richtiger Film an. Als Zuschauer ist man genauso zerrissen wie Victor, wenn es um die Entscheidung geht, wenn er letztlich heiraten soll, denn beide Bräute sind einem sympathisch und nahe. Die komischen Momente bereichern die Story, sind aber nicht mehr die Hauptsachen zwischen denen man halbgares Drama ertragen muß.

Burton hat die halbe Besetzung von "Charlie…" gleich als Stimmgeber für diesen Film mitgebracht und sie alle schaffen es den Figuren Seele zu geben. Allen voran Helena Bonham-Carter, die der Leichenbraut nuanciert zwischen Glück, Zorn, Trauer und Verzweiflung eigenen Charakter verleiht. Christopher Lee brummt sich sonor durch die Rolle des zwielichtigen Pfaffen, Deep "OompahLoompah" Roy spricht einen napoleonesken Untoten und Tracey Ullman gibt eine Doppelrolle als Victors Mutter und Hausangestellte.

Kurz gesagt, der Film macht Spaß und berührt. Zwischen all dem CGI-Geraffel und den Renderorgien entdeckt man wieder den Reiz, den der klassische Puppentrickfilm hat, wieviel größer das Raumgefühl wieviel "echter" die Figuren erscheinen. Dort wo mich die gerenderten Plastikköppe der "Incredibles" kalt lassen, mich debile Fische eher agressiv machen, erreicht die Leichenbraut mit ihrem State-of-the-Art-Nostalgielook dann doch mein Herz.

Keine schlechte Leistung für einen Film, den Burton an den drehfreien Tagen zu "Charlie…" als sein Hobbyprojekt mitbetreute, derweil das Alltagsgeschäft des Inszenierens von "Nightmare"-Veteran Mike Johnson beaufsichtigt wurde.

Bleibt eigentlich nur noch abzuwarten, was Terry Gilliam mit "Tideland" abliefert. Noch ist das Filmjahr nicht zu Ende.

In : Review

About the author

Batzman (Oliver Lysiak)
Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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