NVA

1 Comment

Gibts dies Jahr wieder ein Gartenfest bei ihnen? Das war letztes Jahr so ungezwungen.”

Originaltitel: NVA
Herstellungsland: Deutschland 2005
Regie: Leander Haußmann
Darsteller: Kim Frank, Oliver Bröcker, Detlev Buck, Ralf Dittrich

★★★½☆

NVA

Bild oben: Frodo und Hendrik – Übungen in purzlig gucken .

Es war einmal… irgendwann kurz vor der Wende. Der letzte Schwung junger Rekruten tritt an, um widerwillig dem Klassenfeind Bastion zu sein. Hendrik (Kim Frank), naiv-unschuldiges Bübchen mit Stauneblick, erzählt diese letzten Tage der NVA aus seinem Blickwinkel. Abstruse Parolen und Rituale, erniedrigende Spielchen der Stubenältesten, der Kampf mit morschem Gerät und mürber Moral. Die Geschichte einer Grauen Armee Fraktion, die sich selbst ihres Sinnes nicht sicher war. Fehlender Glaube wird durch Disziplin und Idelogie wettgemacht, oftmals am Rande der Karikatur. Ob Hendriks Freund, der aufsässige Krüger oder die verknöchert-verspiesserten Vorgesetzten, allen vorran Kommandeur Kalt (Detlev Buck) – sie alle sind zum Lachen, aber nicht lächerlich. Am Ende steht das Ende… die Wende, die die sinnlose Armee auch offiziell obsolet machen wird.

Leander Haußmann erzählt dieses Real-Märchen zwischen Satire, Komödie und Drama. Die Farbdramaturgie ist ein Spiegel des Seelenzustandes der NVA-Rekruten. Trist und grau, die Uniformen, die Gesichter, die Kaserne. Farbe kommt immer in den wenigen Momenten des Ausbruchs im letzten Akt des Films ins Spiel. Elfengleich verklärt, der erste Blick auf Hendriks große Liebe, im David-Hamilton-Gedächnis-Look, kontrastiert das hohle Manöver, in dem mit Gasmaske durch den Nadelwald gestolpert wird und rückwärts rangierende Panzer schonmal einen Trabbi plätten. Der Film gewinnt ein wenig schwerfällig an Fahrt, der erste Akt wirkt sehr episodenhaft und fragmentiert. Erst nach und nach wird eine Geschichte erkennbar, bilden die Puzzleteile ein ganzes. Sicher kein akurates Abbild der NVA, eher eine “gefühlte Wahrheit”, wie es war oder hätte sein können.
Eine Stärke und gleichzeitig ein Manko des Films ist seine Hauptrolle: Der überaus putzig anzusehende Ex-ECHT-Frontmann Kim Frank. Überzeugend wenn er mit naivem Frodo-Baggins-Blick die Seltsamheiten um ihn herum bestaunt, gleitet er doch als reine Idee einer Figur durch die Ereignisse. Schwierig wird es immer dann, wenn Frank sprechen muß, denn Dialog ist seine Stärke nicht. Auch Haußmann scheint sich des Problems bewusst und so hat Hendrik wohl die wenigsten Dialogszenen aller Figuren in NVA. Aus dem Off kommentiert Frank die Geschichte, meist in Form von Briefzitaten – aber auch hier überzeugt er nur zum Teil. Zu lyrisch sind die Sätze, zu sehr klingt manches nach “den neuen Leiden des jungen W.” Die Stimme unsicher, etwas sphärisch und zu beliebig, gewinnt die Figur des Hendrik bis zum Ende keine rechte Kontur, die Wandlung die sich in ihm abspielt wirkt sinnvoll aber nicht wirklich nachvollziehbar. Er bleibt letztlich der Beobachter, der alles durch märchenhaften Gaze-Filter wahrnimmt und wiedergibt. Wo er steht, wer er ist wird sehr viel weniger klar, als bei seinen Kameraden. Vielleicht liegt dies auch an Haußmanns mangelnder Schauspielführung. Als Theatermann scheint er sich bisweilen zusehr auf die Routine seiner Darsteller zu verlassen, auch bei Herr Lehmann hatte ich bisweilen das Gefühl, das aus Christian Ulmens Spiel noch mehr herauszuholen gewesen wäre. Gut sind bei Haußman in der Regel die Schauspieler, die sich ihre Rollen selbst erarbeiten, die routiniert sind und wenig Anleitung brauchen.
Oliver Bröckner als Querulant Krüger ist schauspielerisch um einiges sicherer und gibt ein glaubhafteres, nachvollziehbareres Portrait seines Charakters ab. Wenn er, wie Murphy aus “Einer flog über das Kuckucksnest” oder Alex in “Uhrwerk Orange“, aus dem Straflager zurückkehrt, spürt man, wie schrecklich das Erlebte sein muß, das aus dem Rebellen einen gebrochenen Mann gemacht hat. Auch die anderen Leidensgenossen Hendriks schaffen es mittels weniger Szenen, ihre Figuren mit Leben und Lebendigkeit zu füllen. Detlev Buck, wie auch der Rest der Altherren-Garde, besticht mal wieder durch glaubhaftes Balancieren auf dem schmalen Grad zwischen Karikatur und Realismus. Wie schon sein überforderter kumpelhafter Abschnittsbevollmächtigter in Sonnenallee, ist auch Kommandeur Kalt jemand, dessen beschränkter Horizont ihm letztlich zum Verhängnis wird.

Haußman gibt sich bis auf die mittelprächtige Besetzung der Hauptrolle keine Blöße. Er weiß das er kein knochenhartes Dokudrama inszeniert sondern ein Märchen aus vergangener Zeit. Die Pointen sitzen, die Abstrusität der DDR-Ideologie wird einmal mehr liebevolle Zielscheibe des Spots, die Musikauswahl skizziert, wie in Sonnenallee und Herr Lehman auch, mit wenigen Takten das Lebensgefühl der Protagonisten. Die Kamera nutzt das Breitbildformat und verliert sich selten in üblicher Fernseh-Optik. Manchesmal inszeniert Haußman das Bildso neutral, das man nicht sicher sein kann, worauf er den Focus gelegt haben will. Besonders in einer Szene in der Hendrik Besuch von der Mutter bekommt, verschwindet seine Geschichte fast hinter dem Drama seines am Nebentisch sitzenden Freundes, der von seiner mysteriös schwangeren “Perle” besucht wird. Haußmanns Theaterbackground macht sich auch an anderen Stellen bemerkbar, denn er hat eine Vorliebe für stilisierte Momente. Wenn die Rekruten in Erwartung des Urlaubstages schon ihre Zivilkleidung tragen und in absurden Ballett in den Gängen posieren, wenn ein depremierter Hendrik skulpturengleich unter dem viel zu dünnen Strahl der Gruppendusche posiert. Haußman inszeniert Tableaus, Szenen die nicht notwendigerweise eine klassische Erzählsturktur verfolgen. Schon in den Vorgängerfilmen ergab sich aus vielen Einzelmomenten ein Gefühl für die Figuren, mehr eine Ahnung ihres Innenlebens, denn die Schilderung tatsächlicher Ereignisse.

NVA schliesst sich diesem Stil konsequent an. Insofern wird wer eine ausgefuchste Story erwartet wohl enttäuscht werden. Wer sich jedoch in der Sonnenallee und im Kosmos von Herrn Lehmann zuhause fühlte, der wird auch seine Zeit in dieser NVA gerne ableisten.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

Related Articles

  • Cineasten-Siggi

    Kleiner Einspruch:

    bei der NVA war auch im Urlaub Uniform zu tragen, wurde aber zumindest zu Hause gerne “vergessen”. Auf dem Weg nach Hause ohne Uniform angetroffen zu werden, wäre weniger dufte gewesen.

    Meiner Erinnerung im Film nach waren die zivil Angezogenen sogenannte “EKs”, also Entlassungskandidaten. Die waren dann also zum letzten Mal auf dem Weg nach Hause (zumindest von der Kaserne aus).

    Ansonsten klasse Review!

Fünf Facefreunde
Fünf Filmtumblr