Sin City

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That there is one damn fine coat you're wearin'.

Originaltitel: Sin City
Herstellungsland: USA 2005
Regie: Frank Miller, Robert Rodriguez, Quentin Tarantino
Darsteller: Jessica Alba, Rutger Hauer, Elijah Wood, Bruce Willis, Benicio Del Toro, Michael Madsen, Clive Owen, Mickey Rourke, Nick Stahl


★★★★½

Denken Sie sich ein Superlativ ihrer Wahl und setzen sie es als Bewertung für Sin City ein. Großartig, brilliant, innovativ etc. Wenige Filme haben eine derartige Welle an Goodwill und positiver Kritik vor sich hergetrieben, wie Sin City. Ein Film der eigentlich alles das macht, was man von einem Erfolgsfilm nicht erwartet. Er ist in Schwarz-Weiß, er ist erst frei ab 18, er ist ein Anthologie-Film, er hat Überlänge. Oft genug reicht eines davon um einen Film krepieren zu lassen, wenn er nicht grade "Titanic" oder "Lord of the Rings" heisst.

Doch Regie-Guerrilla Robert Rodriguez ist ein unberechenbarer Bastard und es muß konstatiert werden, das der Film allen positiven Reviews gerecht wird. Nicht nur der Trailer sah gut aus: Auch der Film ist es. Die hochgradig stilisierte Vignetten-Sammlung nach Frank Millers düsteren Serie-Noir Comics, Stories von Mord und Verrat, Liebe und Verlust, Rache und Betrug, sieht großartig aus und die Optik passt wie Faust aufs Auge zum Hard-Boiled-Style, dem sich die verschiedenen Off-Erzähler befleissigen.

Wo einem George Lucas mit seinen gruseligen Star Wars Episoden die Schauspielführung vor Green-Screen zu Totalausfall wird und selbst Mimen wie Ewan McGregor und Samuel L. Jackson zu Knallchargen verkommen, da hat Allroundtalent Rodriguez alles im Griff. Auch wenn sich die meisten Darsteller nie gegenüber standen und der gesamte Film am Computer zusammengebaut wurde, hat man nie das Gefühl das die Figuren mit der Luft reden oder ins Leere starren, anstatt ihr Gegenüber anzusehen. Die All-Star-Cast darf sich mal mit mal gegen den Typ besetzt in plakativen, testosteron-triefenden Monologen austoben, an denen Mickey Spillaine seine helle Freude hätte. Der schmale Grad auf dem sie wandern, ist ihnen dabei stets bewusst und dank der gradlinigen Reduktion auf das wesentliche schaffen es alle die Mike Hammer-Gedächnissätze nie albern wirken zu lassen. BaSin City wird im Rahmen der Erzählung ernst genommen und nicht ironisiert, alles ist nunmal überlebensgroß. Die Gangster sind härter, die Psychopathen durchgeknallter und die guten Cops zäher als es die Polizei erlaubt.

Das elf Jahre nach Pulp Fiction immer noch zahlreiche Blockbuster-Zuschauer mit der rudimentär verschachtelten Handlung Probleme hat und einige Leute die anscheinend nur in dem Film gingen weil sie Willis, Hartnet oder Wood süüüüüß finden und dann über die Brutalitäten geschockt und von der Storyführung verwirrt schienen, spricht eher für Film und gegen das Publikum. Mangelndes Abstraktionsvermögen und fehlende Kenntnis der Vorlagen, sowie vom zuviel Meg Ryan-Filmen und Teenieklamotten weichgespülte Gehirnwindungen mögen ein übriges tun, um durchschnittliche Gucker, die sich eine nett-tumbe Comicverfilmung à la "Spasmatic Four" erhoffen, irritiert zurückzulassen.

Sin City ist eben anders. In seiner Charakterzeichnung und Gewaltdarstellung ähnlich explizit und plakativ wie Kill Bill Vol.1 bezieht auch er seine Faszination eher aus der Inszenierung, aus der Optik, denn aus der Handlung. Die Stories sind hart und spannend, aber nicht brüllend originell – spektakulär werden sie durch den Schnitt, die grafische Auflösung der Bilder, die tatsächlich erstmals konsequent Comic-Alben-Ästhetik auf Film bannt. Bzw auf Digital-Tape – denn Rodriguez dreht seit Jahren nur mehr digital und missioniert mit jedem Film mehr ehemalige Zelluloid-Anhänger. Nicht zuletzt seinen Kumpel Tarantino, der für Sin City einen bizarren Dialog zwischen einem der Helden und einer Leiche inszenieren durfte. Vielleicht sind diese Art von Filmen, die erfahren und genossen werden wollen, wirklich die Zukunft des derzeit so gebeutelten Lichtspiels. Keine Renderorgien mit Wesen die eh aussehen wie aus dem letzten X-Box-Game, keine Dauerexplosionen eines Michael Bay, keine Kuchenficker-Komödien mehr und keine Date-Doktoren mehr – Kino braucht Impulse, soll Staunen machen. Bilder zeigen die man noch nicht gesehen hat, die man nicht erwartet. Die sich auf das Besinnen was Film ausmacht: Große Bilder erschaffen die beeindrucken. Das schafft Sin City hervorragend und kann mit modernsten Mitteln beweisen, das Special-Effect-Filme nicht nur hirn- und phantasieloses Geraffel wie The Island, Van Helsing, Elektra und Konsorten sein können, sondern wirkliche Perlen, die behende die Brücke zwischen Mainstream und Arthouse schlagen.

Ehrenwert auch das echte Stars wie Bruce Willis, Josh Hartnett oder Benicio del Torro zusammen mit Schauspielern eingesetzt werden, deren Karriere eher wechselhaft verlaufen und von so manchem Ausfall gekennzeichnet ist. Michael Madsen, Rutger Hauer und nicht zuletzt das abgewrackte Sexsymbol Mickey Rourke, der eine großartige Hackfresse mit Herz spielt, die an seinen früheren Film "Johnny Handsome" erinnert. Rourke durfte man ja schon in Rodriguez "Once upon a time in mexico" bestaunen, das er jetzt wieder zu sehen ist spricht dafür, das er in die stetig wachsende Troublemaker-Family integriert wird zu der auch George Clooney, Elijah Wood oder Antonio Banderas gehören. Im Gegensatz zu anderen Regisseuren denen die Stars nur als Verpackungschips zwischen den Effektszenen dienen, merkt man das Rodriguez gerne mit Menschen arbeitet, Spaß an der Schauspielführung hat. Denn bei allem Style, es sind auch die Gesichter die diesen Film zum Erlebnis machen.

Achja: Vielleicht sollte man auch erwähnen das der Film nur ca. 45. Mio Dollar gekostet hat – ungefähr die Portokasse eines üblichen Sommerblockbuster. Vielleicht sollte zumindest dieser Fakt einige Studios ja mal wachrütteln, die meinen immer teurere und hohlere Action-Geschrabbel auf das Publikum loslassen zu müssen, und die sich dann wundern wenn diese FIlme keine Gewinne mehr einfahren. Ob Spy Kids, Desperado oder Sin City – es geht auch günstiger, wenn man genug Phantasie, Talent und Mut hat.

Mal sehen ob es irgendetwas bewirkt. Bis dahin warte ich mal auf den zweiten Teil von Sin City und die weiteren Einfälle von Robert R. und vergnüge mich damit die geschockten "Natürlich blond"-Gucker aus dem Kino torkeln zu sehen.

Eine ganz spannende Gegenüberstellung des Films mit der Comicvorlage findet sich HIER.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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6 Comments

  1. F5 - Die Fünf Filmfreunde

    […] Gemeint ist zum einen die Spy-Kids-Trilogie, sowie “The Adventures of Shark Boy and Lava Girl” von Robert Rodriguez, der gemeinhin eher mit stylishen, harten wie humorvollen Genrefilmen bekannt wurde. Seit seinem Ultralowbudget-Debüt “El Mariachi” sowie seinen beiden Fortsetzungen “Desperade” und “Once upon a time in Mexico“, dem Gangster-Horror-Kracher “From Dusk till Dawn” sowie zuletzt dem wegweisenden “Sin City“, gilt Robert Rodriguez bei Filmfans als kompromissloser, bildgewaltiger Stylist, sowie als Ikone des Low-Budges-Kinos, weil er seine Maxime möglichst viel optisches Spektakel für so wenig Kohle wie möglich zu realisieren mit einer Verve umsetzt, die George Lucas (Der sich ja auch gerne als “Independent”-Filmer feiert) alt aussehen lässt. […]

  2. F5 - Die Fünf Filmfreunde

    […] Ich muß zugeben, ich tue mich immer schwer damit mich in irgendwelche orgiastischen Erwartungs-Extasen hineinzusteigern. Klar es gibt Filme von denen erhofft man sich etwas und bisweilen, wie bei den Trailern zu “Sin City” oder “Lord of the Rings” damals, bin ich von den dort gezeigten Bildern sehr angetan und denke, daß könnte ein spannender Film werden. Dennoch lehrt die Erfahrung einfach, daß man erst nach dem Kino weiß, ob der Film wirklich sein Geld wert war. Und wie schon Spider-Man wußte: Mit großem Hype, kommt oft großer Blödsinn. […]

  3. F5 - Die Fünf Filmfreunde

    […] Die Geschichte die grad zu Beginn von einem märchenonkelhaften Erzähler berichtet wird und das mag der Vorlage geschuldet sein, ist nicht grade eine die mich vor empathischer Begeisterung in den Fieberwahn taumeln lässt. Begegnet man den knochenharten Figuren in “Sin City” mit amüsierter Distanz, sieht die fleischgewordenen Hardboiled-Klischees in ihrer abstrakten schwarz-weiß Welt als Cartoonfiguren an, die nicht ernstgenommen werden können, so fällt diese Abstraktion bei “300″ schwerer, werden einem Leonidas und seine Recken doch trotz Renderwahn im Endstadium, als historische Figuren, als lebendige Menschen verkauft. […]

  4. BatzLog - Noch etwas Salz? » Letztes Lichtspiel: 300

    […] Die Geschichte die grad zu Beginn von einem märchenonkelhaften Erzähler berichtet wird und das mag der Vorlage geschuldet sein, ist nicht grade eine die mich vor empathischer Begeisterung in den Fieberwahn taumeln lässt. Begegnet man den knochenharten Figuren in “Sin City” mit amüsierter Distanz, sieht die fleischgewordenen Hardboiled-Klischees in ihrer abstrakten schwarz-weiß Welt als Cartoonfiguren an, die nicht ernstgenommen werden können, so fällt diese Abstraktion bei “300″ schwerer, werden einem Leonidas und seine Recken doch trotz Renderwahn im Endstadium, als historische Figuren, als lebendige Menschen verkauft. […]

  5. GhostDog

    der Kommentar kommt sehr spät, aber ich muss es loswerden: ganz ganz großartiges Review, Batzman.

    Hab mich sehr weggeschmissen und muss dir zu 100% zustimmen. Bravo!

  6. triefer

    stimme dem review zu.Wahnsinns film.

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    jurassiraptor:

    fromdirectorstevenspielberg:

    Whoever created this: thank you!!

    Haha! Well done!

    11/27/14

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    officialgaygeeks:

    That lightsaber sound lol


    Get the My Neighbor Groot shirt http://buff.ly/1EFUcA2 http://ift.tt/1BEBgm8

    11/16/14

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    pennyfornasa:

    Putting The Cost Of The ESA’s Rosetta Mission In Perspective

    "So what do we get for our €1.4bn? Rosetta is both an astounding feat of engineering (catapulting a tonne of spacecraft across millions of kilometres of space and ending up in orbit around a comet just 4 km across) and an extraordinary opportunity for science (allowing us to examine the surface of a lump of rock and ice which dates from when the Solar System formed).

    Like a lot of blue-skies science, it’s very hard to put a value on the mission. First, there are the immediate spin-offs like engineering know-how; then, the knowledge accrued, which could inform our understanding of our cosmic origins, amongst other things; and finally, the inspirational value of this audacious feat in which we can all share, including the next generation of scientists.

    Whilst those things are hard to price precisely, in common with other blue-skies scientific projects, Rosetta is cheap. At €1.4bn, developing, building, launching and learning from the mission will cost about the same as 4.2 Airbus A380s—pretty impressive when you consider that it’s an entirely bespoke robotic spacecraft, not a production airliner. On a more everyday scale, it’s cost European citizens somewhere around twenty Euro cents per person per year since the project began in 1996.

    Rosetta has already sent us some stunning images of Comet 67P/Churyumov–Gerasimenko and today’s landing will, with any luck, provide us with our first close-up glimpse of the chaotic surface of this dirty snowball. If you’re a sci-fi fan, then, you might consider the mission to have been worth its price tag just for the pictures. The total cost for the Rosetta mission is about €3.50 per person in Europe; based on the average cinema ticket price in the UK (€8.50), it has cost less than half of what it will cost for you to go to see Interstellar.”

    Via Scienceogram: http://scienceogram.org/blog/2014/11/rosetta-comet-esa-lander-cost/

    Find Out How Budget Cuts Canceled NASA’s Own Comet Landing Mission: http://www.penny4nasa.org/2014/11/11/how-budget-cuts-canceled-nasa-own-rosetta-comet-landing-mission/

    11/15/14

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    meatbicyclevevo:

    i never wanted this to end

    10/20/14

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    iambluedog:

    Life is too short to be holding on to old grudges

    10/20/14