Serienfieber – Reif für die Insel?

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Heute soll es mal um den heimischen Bildschirm gehen, um die Flimmerkiste. Dank DVD wird man nicht nur zunehmend unabhängig von der Ausstrahlungslust und Unlust der TV-Sender, man kann zudem viele Serien schon begutachten, ehe sich überhaupt ein Sender findet, der sie ausstrahlen möchte.

Besonders Augenmerk möchte in dieser ersten Folge auf Serien aus England legen, die es im hiesigen Fernsehen besonders schwer haben. Denn deutsche Sender sind eingeschworen auf US-Serienkost und das dortige Sendeformat von 18-24 Folgen pro Season. In England werden Serien jedoch anders konzipiert als in Amerika. Statt einem Hauptautoren und dutzenden Schreibern, die sich an eine grob abgesteckte Storyline halten, arbeiten in Vereinten Königreich nur wenige Kreative an einer Serie. Zwei bis drei Autoren teilen sich meist das Schreiben auf, in einigen Fällen gibt es sogar nur einen Schreiber pro Serie. Dessen Ausstoß ist natürlich geringer, als bei einem Großteam. Deswegen und auch aus finanziellen Gründen hat sich in England die Zahl von 6-13 Folgen pro Staffel und Serie etabliert.
Die wenigen Folgen, wie auch der oftmals eigenwillige britische Humor haben bisher verhindert, daß es UK-Serien ins deutsche Mainstream-Fernsehen schaffen. Bestenfalls auf arte oder den dritten Programmen hat man mal mit “Black Adder”, “Yes, Minister” oder “Fawlty Towers” experimentiert. Selbst Monty Pythons Flying Circus schaffte es erst mit zwanzigjähriger Verspätung auf deutsche Bildschirme.

Das ist umso tragischer, da es bei den Inselbewohnern noch etliche Schätze zu entdecken gibt, ein paar davon möchte ich heute vorstellen. Gott sei Dank sind viele davon schon auf DVD erschienen und können von englischkundigen zeitgenossen ohne Wartezeit genoßen werden.

Dr. Who – GB 2005

Doctor Who
Ich hab den Reiz von Dr. Who immer nur bedingt verstanden, was vielleicht auch daran lag, das die Serie hier immer aus dem Zusammenhang gerissen und lustlos synchronisiert lief. Seit den 60er Jahren ist der “Doktor” jedoch in Großbritanien und den USA Kult. Der Zeit und Raumreisende Time Lord, letzter seiner Rasse, der mit seiner von außen wie Notrufzelle aussehenden TARDIS , der sich bei Bedarf regeneriert und dann sowohl aussehen als auch Persönlichkeit wechselt (was erklärt warum der Doktor über die Jahre von 9 verschiedenen Darstellern gespielt wurde) wurde jetzt von der BBC wiedererweckt.
Christopher Ecclestone spielt den Neunten Doktor / David Tennant den Zehnten, in einer im Gegensatz zu den früheren Staffeln überaus aufwendig produzierten neuen Dr. Who-Serie. Produziert und konzipiert wurde die Serie von Russell T. Davies, der bereits mit der originalen “Queer As Folk “-Serie für originelles, neues und geistreiche Fernsehunterhaltung verantwortlich zeichnete.
Mit überbordenden Ideen, die irgendwo zwischen Star Trek und Douglas Adams liegen, skurrilem Humor und sehr sehenswerten Special Effects, gelingt es diesem Dr. Who-Revival sicherlich auch viele Leute zu begeistern, die mit den bisherigen Staffeln nicht soviel anfangen konnte. Keine Spur mehr von Low-Budget-Optik, in schicken Bildern und mit für eine UK-Serie überraschendem Aufwand reisen der Doktor und sein neuer Passagier Rose, die er in der ersten Folge aufgabelt, durch Zeit und Raum.
Ob Plastikwesen die Schaufensterpuppen und Mülleimer zu Monstern mutieren lassen, bis zur Unkenntlichkeit geliftete Texanerinnen oder Gaswesen, die von Leichen Besitz ergreifen – witzig, spannend und voller skurrilem Humor, dürfte der neue Dr. Who die originellste neue SciFi-Serie der letzten Jahre sein. In England bereits ein Riesenerfolg und grade in der zweiten Season ausgestrahlt, erwartet Fans jetzt sogar ein Spin-Off, das sich um das geheimnisvolle Wissenschaftszentrum Torchwood drehen wird und etwas älteres Publikum ansprechen soll.

Mittlerweile hat Pro7 auch angekündigt die Serie nach Deutschland zu holen. Bleibt zu hoffen, das nach der Synchronisation noch ein bißchen des Charmes der Serie übrig bleibt.

Life on Mars – GB 2006

Life on Mars

Sam Tyler ist ein fähiger Kriminalbeamter im Manchester des Jahres 2006. Er untersucht einen Mordfall, dessen erstes Opfer vor 30 Jahren ermordet wurde, als seine Kollegin udn Freundin in die Fänge des Kilelrs gerät. Auf dem Weg zu ihrer Rettung fällt Sam einem Autounfall zum Opfer. Als er wieder erwacht, befindet er sich im Jahr 1973. Ein Versetzungsschreiben in seinem Wagen weist ihn als zweiten Chef der örtlichen Polizei zu.
Hält er alles anfänglich noch für einen Scherz, muß Sam bald feststellen, das es aus diesem Alptraum kein erwachen gibt. Er steckt fest in der Vergangenheit, muß mit Kollegn zussamenarbeiten die Fingerabdrücke noch für etwas Neues halten, von Profiling nie gehört haben und deren Verhörmethoden im besten Falle als rustikal zu bezeichnen sind. Was ist mit ihm geschehen? Hat er wirklich eine Zeitreise gemacht oder liegt er einfach im Jahre 2006 im Koma und sein Verstand spielt ihm einen elaborierten Streich? Und welche Rolle spielt der Mörder der 1973 zum ersten Mal zuschlug, welche Rolle spielt Sam als Kind und sein Vater?

Die BBC-Serie schafft es dank liebenswerter, schrulliger Figuren aus dem Clash-der Kulturen ein höchstmaß an Witz und Spannung zu generieren. Trockener Humor, wenn Sam wie selbstverständlich auf moderne Untersuchungsmethoden verweist und ihn die Kollegen nur völlig irritiert ansehen, wechseln mit knallharter Krimi-Aktion. Alles in liebevoll rekonstruiertem 70er Jahre Look. Die erste Staffel ist bereits auf DVD erschienen, eine zweite für das kommende Jahr geplant. Ein US-Remake bereits in Arbeit.

Spaced – UK 1998-1999

Spaced ist zwar nach Deutschland verkauft, ob die Serie aber hier ihr Publikum finden wird ist fraglich, ein Sendetermin und Sender sind noch offen.

Skip to th end

Erzählt wird die Geschichte von Tim und Daisy, zwei Twentysomethings aus London, die nachdem sie einzeln einige Zeit verzweifelt eine Wohnung gesucht haben, aus der Not heraus zusammenziehen. Die skurrile, immer leicht alkoholisierte Vermieterin Marsha (großartig: Julia Deakin) hat in ihrer Anzeige deutlich gemacht, das sie ausschließlich an Pärchen vermietet. Fortan firmieren die beiden offiziell als Paar, inoffiziell sind sie nur gute Freunde. Tim ist erfolgloser Comic-Zeichner, der sich mit einem Job in einem Comidladen über Wasser hält, Daisy eine Schriftstellerin mit chronischer Schreibblockade. Beide sind ständig pleite. Zum weiteren Figurenkosmos gehören Daisys beste Freundin Twist – eine auf den ersten Blick etwas dümmlich wirkende Partytrulla, Tims bester Freund Mike – ein waffenvernarrter Freizeitsoldat, sowie der bizarre Nachbar Brian – ein Künstler, der sich in der Visualisierung negativer Emotionen verliert.

Spaced hat eine durchgängige Handlung, die Episoden bauen aufeinander auf, auch wenn jede Folge eine abgeschlossene A-Geschichte erzählt. Doch wichtiger als die Story der einzelnen Episoden ist das vermittelte Grundgefühl. Die Figuren befinden sich in einem Schwebezustand zwischen einer Welt die von ihnen erwartet erwachsen zu sein und dem eigenen Empfinden eigentlich noch viel zu jung zu sein, um irgendwie “seriös” zu werden. Es geht nicht darum, ob sich Tim und Daisy am Ende bekommen – auch wenn dieses typische Serienmotiv Teil der Geschichte ist. Es geht darum erwachsen zu werden – oder besser gesagt darum, was Menschen alles tun um zu vermeiden erwachsen zu werden, weil sie befürchten das der Schritt in die Seriösität ihnen die Essenz des Lebens nehmen könnte.

Beachtlich ist, das Spaced seinen Inhalt nicht als düsteres, gedankenschweres Drama serviert, sondern als Sitcom – oder eher Britcom. Die Verspieltheit der Hauptfiguren, findet sich in der Inszenierung wieder. Spaced ist der feuchte Traum jedes Geeks, Nerds, Fanboys, Cinephilen und Popkulturfans.
Jede Folge ist mit Anspielungen auf Filme, Serien, Comics, Computerspiele und andere Popkultur-Phänome vollgepackt, das es selbst eingefleischte Simpsons-Fans schwer haben auf Anhieb alle zu erkennen. Folgerichtig bietet die DVD der Serie ein einblendbares Hommage-O-Meter, eine fortlaufende Erklärung aller Zitate und Referenzen. Vom A-Team über Trainspotting, von Star Wars zu Platoon – jede Folge ist eine überbordende Sammlung und Variation bekannter Filmszenen.
Umso erstaunlicher, das man nie das Gefühl bekommt eine Sketch-Show oder eine reine Travestie zu sehen. Die Popkultur ist Teil des Lebens der Figuren, sie prägt ihre Art zu denken und handeln. Die Figuren sind keine Imitationen von Filmfiguren, aber sie kennen alle Filme und zitieren sie bewusst – und müssen oft genug erkennen, das die Wirklichkeit mit der Filmwelt nicht mithalten kann.

Die Macher wissen wovon sie reden, sie sind selbst im Alter der Hauptdarsteller und ähnliche Geeks, wie ihre Figuren. Edgar Wright und Simon Pegg haben sich jüngst einen weiteren Fanboy-Traum erfüllt: Sie haben dem Horror-Klassiker “Dawn of the Dead” eine liebevolle, ausgesprochen witzige Hommage gesetzt mit ihrer romantic comedy, with ZombiesShaun of the Dead“. Eine dritte Season von Spaced ist immer noch angekündigt, vorerst haben sich die Macher jedoch anderen Projekten gewidmet.

Hustle – GB 2004

Hustle
Diese überaus stylishe Serie beschreibt man am besten als unverfrorenen Mix aus Heist-Movies wie Oceans Eleven und der alten Mission-Impossible-Serie. Alles dreht sich um eine Gruppe von Griftern, Con-Artists, Trickbetrügern die sich auf sogenannte Long-Cons spezialisiert haben. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit gierige Leute mit zuviel Geld auf möglichst elegante Weise hereinzulegen. Dazu tüfteln sie ausgefeilte Szenearien aus, in denen jeder aus der Gruppe seine spezielle Rolle spielen darf.
Unruhe in die vom charmanten Smiley Mickey Bricks angeführte Truppe, bringt der junge Trickbetrüger Danny Blue, der sich erst noch seinen Platz im Gefüge der alten Hasen erkämpfen muss. Als Altväterlicher Senior hat Albert Stroller (Robert “Solo für O.N.K.E.L. Vaugn) ein Auge auf seine Schäfchen und spielt zudem gern die Rolle des ehrwürdigen Geschäftsmannes oder Experten. Die Fünfergruppe wird komplettiert von der Frau für alle Fälle: Stacey Monroe und dem wandlungsfähigen Technikspezialisten Ash Morgan.

Eine weitere BBC-Serie die durch eine wirklich erlesene Optik, schicke Kameraspielereien, einen sehr relaxten Jazz-Soundtrack und eine spielfreudige Besetzung, mit hervorragender Chemie überzeugt. Was die Macher aus dem ausgelutschten Thema “Heist” alles herausholen ist wahrlich beachtlich. Bisweilen wird man auch als Zuschauer getäuscht und erfährt erst im Nachhinein, wer von wem reingelgt wurde. Verzichtet wird auf allzuviel Drama und Soapelemente, auch wenn diese im Ansatz vorhanden sind. Es geht in erster Linie um die jeweiligen Täuschungs-Mannöver und kleinere Rebereien innerhalb der Gruppe.

Hustle ist mittlerweile in seiner dritten Season – zwei davon sind bereits auf DVD zu haben.
The Con is on.

Soviel für heute, doch es wird sicherlich nicht das letzte Mal gewesen sein, das wir euch Serien von der Insel vorstellen.

Bis zur nächsten Folge: Weitergucken

In : Thema

About the author

Batzman (Oliver Lysiak)
Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreichstes Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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