Don’t twist again, like we did all summer

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Warnung: Dieser Text enthält Spoiler zu einigen Filmen. Weiterlesen auf eigene Gefahr.

twists.jpgFrüher nannte man den Twist noch Schlußpointe und er war hauptsächlich Kurzfilmen und Serienfolgen vorbehalten. Die legendäre Serie "Alfred Hitchcock presents:" arbeitet oft damit, genauso wie die nicht minder berühmte "Twilight Zone" und ihre Epigonen. Am Ende der 10-30minütigen Stories gab es stets ein überraschendes Ende, oftmals eines, daß das vorhergesehene in einem neuen Licht erscheinen ließ. In der Vignettenform funktionierte diese Zuschauermanipulation auch recht gut, waren die Auflösungen doch zumeist originell und in sich einigermaßen logisch.
Im Spielfilm wurde dieser Kunstgriff seltener verwandt, dort hatte man sich eher auf Happy Ends oder das berüchtigte "unheilschwangere Ende" kapriziert. Sie wissen schon, das Monster wurde besiegt, die Kamera schwenkt über die Landschaft und irgendwo liegt noch ein Monsterei herum und lässt uns wissen: "Es ist noch nicht vorbei." Überraschende Schlußpointen gab es hingegen seltener, zu schwierig schien es oft eine 90minütige Story nur auf diesen einen Gag hinzuschreiben, der die Zuschauer staunend zurückließ.

Zeugin der Anklage war ein früher geglückter Versuch einer überasschenden Auflösung, Psycho und Planet der Affen weitere geglückte Filme mit einem Twist. In den 80ern gabs es dann "Das Imperium schlägt zurück", das allen echten Fans einen Schock versetzte. Gott sei Dank hat George Lucas seitdem hart daran gearbeitet die damalige Überraschung heutigen Neufans fernzuhalten, in dem er die schockierende Enthüllung des zweiten original-Stars Wars in Episode I-III in epische Länge auswalzte.

"Ich bin dein Vater, Luke!" – "Fuck, Yeah. Ich weiß…"

Insgesamt gab es aber über die Jahre wenige Filme die das Konzept umgesetzt haben, was den Vorteil hatte, das die Zuschauer immer wieder überrascht werden konnten. Dann kamen die 90er. Plötzlich gab es wieder Filme bei denen die Zuschauer gebeten wurden niemandem das Ende zu verraten. The Crying Game zog blank und verstörte die prüden Mainstream-Zuschauer, die sich in angeekelter Faszination wanden (und anscheinend Sleepaway-Camp verpennt hatten,der Jahre zuvor dieselbe Auflösung bot). Dann kam Bryan Singer mit den "Üblichen Verdächtigen" und einmal mehr durfte man einen Film erleben der sich im Kopf neu zusammensetzte, wenn man das Ende kannte. Auch das hat noch prima funktioniert.

Selbst beim technisch brillianten, wenn auch inhaltlich fragwürdigen Fight Club hat das Publikum das Ende noch als überraschend empfunden. Dann jedoch kam The Sixth Sense, der Film der wirklich alle erreichte, egal ob sie ins Kino gingen oder nicht. Der Film der das für das "Twist-Genre" war, was "Schweigen der Lämmer" für den Psychokiller-Film. Der Durchbruch in den Mainstream.
Und zugegeben, "Sixth Sense" funktionierte, war gut besetzt. Hatte neben Bruce Willis den überragenden Haley Joel-Osmont zu bieten und lohnt in der Tat ein zweites angucken. Leider witterte nicht nur die Industrie der Kreativen Morgenluft und glaubte den Startschuß zum Wett-Twiste zu hören, nein auch der über alle Maßen emporgejubelte "Sixth Sense"-Regisseur M. Night Shalala glaubte den Schlüssel zum Erfolg gefunden zu haben. Twist. Alles muß einen Twist haben. Leider bremste ihn niemand, und nach dem Erfolg von "Sixth Sense" traute sich auch niemand anzumerken, daß EmNight leider nicht einen Funken Humor besitzt und im Grunde dieselbe Idee immer wieder aufkocht. Es traut sich auch niemand ihm zu sagen, daß er gar keine tiefsinnigen Kunstfilme dreht sondern auf Spielfilmlänge geblähte mittelmässie Outer-Limits-Folgen und das er immer noch der Typ ist der das Drehbuch zu "Steward Fucking Talking CGI-Maus Little" verbrochen hat.

Nach "Ich sehe tote Menschen" kam, Unbreakable, der wohl freudloseste und elegischste Comicfilm aller Zeiten. Gegen Bruce Willis Standbild-Momente in denen er eingefroren am Küchentisch hockt und in die Luft starrt, wirken selbst die selbstmitleidigen Jammer-Monologe von Peter Parker noch wie  launige One-Liner. Und natürlich endete Unbreakable in einem Twist. Nur leider in einem der ab der hälfte des Films absehbar war und mich letztlich ziemlich kalt ließ. Weder Willis noch Jackson waren in diesem Film lebendige, interessante Charaktere und ehrlich gesagt, war es mir auch egal ob nun einer von ihnen lebte oder starb. Booooring.
Leider war die Kritik gespalten genug, um EmNight in seinem Glauben er sei auf dem richtigen Weg zu bestärken. Es folgte Signs, bei dem man nebenbei noch christliche Missionierung verkauft bekam, kein Wunder das der wiedergeborene Ex-Schauspieler Mel Gibson die Hauptrolle spielte. Dann kam der bisherige Tiefpunkt "The Village", der Film bei dem man schon nach Ansicht des Trailers wußte mit welcher Schlußwendung uns EmNight diesmal überraschen wollte.

Hoho, die Leute im Dorf fürchten sich vor Bestien, aber das Geräusch was man hört sind ja Baufahrzeuge… und sieht die rote Spur dort nicht auch sehr nach Schlagmarkierungen aus, die Waldarbeiter an zu fällenden Bäumen hinterlassen?  Der Film brach erstmals den Rekord für eine Twistauflösung. Über zwei Monate vor Filmstart wußte eigentlich jeder, wie der Film endete. In der Zwischenzeit waren andere FIlmemacher aber nicht untätig geblieben und schaufelten kräftig nach. Plötzlich gab es kaum einen phantastischen Film der nicht mit irgendeinem Twist endete. The Others "überraschte" die Zuschauer ganz dicht im Gefolge des Sechsten Sinnes, damit das seine Protagonisten Geister waren. Selten wurde mal Originell getwisted wie in "Dark City" (den ein Kritiker zurecht mal als "Thinking Mans Matrix" bezeichnete)  oder "Memento", meist gab es platte Wendungen um der Wendung willen. Identiy, "Dämonisch", Zwielicht, Das geheime Fenster, Cry_Wolf, Haute Tension (der den bisherigen Abschuß in Zuschauerverarschung aufstellt und sich ebenfalls in den ersten zwei Minuten des Films verrät) und neuere Werke wie "The Descent" die mal locker jede Logik über Bord werfen um irgendwie eine Wendung ans Ende zu bekommen.

Fuck, einer der wenigen Filme der letzten zeit der ohne Überaschungsende auskam war Polanskis "Oliver Twist", aber das rettet ihn auch nicht. Neuster Schrei des Subgenres-Twistfilm ist das SubSubGenre der Autounfall-Filme, bei denen die Auflösung stets darin besteht, daß die die Darsteller den ganzen Film nur im Koma erlebt hatten, ausgelöst durch einen Verkehrsunfall. War das im Mikro-Budget-Film "Dead End" noch vergleichsweise charmant umgesetzt, so fühlte sich schon "Reeker" (zu deutsch: Stinker) wie ein fader Abklatsch dieser Idee an. Mit erscheinen des passablen, aber auch nicht grade originellen "Room 6", erleben wir jetzt den neusten Eintrag des Unfall-Twist und allmählich stellt sich bei mir echte Ermüdung ein.

Ja ich mag eine clever konstruierte Story auch gerne. Ja ich fand Usual Suspects klasse und Gilliams Brazil mag ihn auch heute noch. Aber was die meisten Twist-Filmer vergessen ist: Wenn man eine Story auf Spielfilmlänge dehnt, braucht man mehr als nur ein überraschendes Ende.
Man braucht packende Charaktere und keine Schachfiguren, die an Plotpunkten entlangmanövriert werden. Man will als Zuschauer ein Aha-Erlebnis haben und nicht nach 20 Minuten denken: Ach das ist bestimmt wieder so ein Autounfall-Traum, ach der Mörder ist bestimmt in Wirklichkeit der Hauptdarsteller, ach die sind bestimmt alle in wirklichkeit tot. Nachdem selbst Fernsehserien wie LOST mittlerweile das Twist-Konzept zu Tode reiten, wird es wirklich dringend Zeit eine Pause zu machen und sich wieder auf konventionell, stark erzählte Geschichten zu konzentrieren, die nicht einzig und alleine von ihrer Schlußwendung abhängen und einen ansonsten mit Figuren abspeisen die weniger Tiefgang haben als ein Suppenlöffel. Vielleicht hab ich als Zuschauer, nach einer Weile Twist-Abstinenz auch wieder Spaß an überraschenden Enden. Bis dahin wird es aber sicher eine  Weile dauern.

Demnächst läuft ja der neuste ENight-Film an: "The Lady in the Water" Vorgeblich eine tiefsinnige Metapher rund um den Kampf eines kreativern, beim Ausdenken seiner Geschichten (mitEmNight himself in der Rolle eines brillianten jungen Autoren, der die besten geschichten der Welt schreibt). Die Kritiken und Einspielergebnisse sind diesmal verherrend. Mögen seine Befürworter auch laut bejammern, daß niemand die tiefe Wahrheit und Botschaft in EmNights-Film versteht, der auf einer Gute-Nacht-Geschichte für seine Kinder basiert, die Mehrzahl der Kinobesucher schien die Schnauze voll zu haben, von der aufgeblasenen, bedeutungschwangeren und völlig ironiefreien Filmwelt des Mr. Shyamalan. Wie schreibt ein Kritiker des Philadelphia Weekly : "watching the movie feels a bit like walking in on your roommate while he's masturbating … to a picture of himself."

Ich find bringt das Oeuvre des Twist-Königs ziemlich gut auf den Punkt.

Und ab Morgen bitte wieder Standardtänze. Danke.

In : Thema

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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  • Renington Steele

    “Ich bin dein Vater, Luke!” – “Fuck, Yeah. Ich weiß…”

    Großartig!

    Der twistigste Film ist übrigens immer noch „Wild Things“ von John McNaughton… Aber Shyamalan geht seit seinem Debut tatsächlich gar nicht mehr. Unbreakable ging noch, aber der Rest. Und dann macht er einen Film der „Lady in the water“ heißt. Das hat irgendwie etwas Chris-De-Burgiges.

  • Jan

    mindestens so twistig: das großartige the game …

  • joone

    wann wird, in bezug auf die auflösung, the descent unlogisch

  • Der_Held

    Ahhh klasse Artikel! Habe mir erst vor kurzem einen Haufen alte Klassiker auf meine Amazon Wunschliste gesetzt, um mal wieder Filme zu haben, die man sich auch mehr als nur einmal ansehen kann.

    Zu den Neuen gehört IMHO auch “Inside Man”. Positiver Film ohne echte 100° Storywendungen, aber Überaschungen die leider nur beim ersten mal sehen so richtig funktionieren.

    Und thx für “The Crying Game”. Den hatte ich als Teen im TV gesehen und leider den Namen vergessen. Allerdings empfand ich den Film “twistlos” und habe ihn eher als Spiel mit Wahrnehmungen und naiver Weltsicht in Erinnerung. Aber ist auch ewig her.

    Aber wo in “The Descent” ist denn bitte überhaupt ein echter Twist? Die kurze Traumsequenz am Ende? Meinst Du eigentlich die Kino oder die DVD Version? Ich kenne nur die DVD.

  • Der_Held

    …streiche “naive Weltsicht” und nehme “lethargisch und leidenschaftslos”. Erinnere mich da vor allem an die beiden Szenen in der Schwulenbar, in der er den Transvestiten zum ersten mal trifft. Das war doch kein Twist. Oder doch?

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