In den besten Jahren – Teenager im Film

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Kein Teenager
Bild oben: Alter Mann mit blonden Haaren

Ungeordnete Gedanken zu einem kuriosen Thema.

Mit dem Alter ist das ja immer so eine Sache. Erst findet man es cool für älter und reifer gehalten zu werden, dann gewöhnt man sich dran das man älter und reifer ist und dann freut man sich, wenn man mal wieder irgendwo nach einem Ausweis gefragt wird oder einen die Verkäuferin mit “junger Mann” anredet.

Im Film und auch in Serien spielt das Alter auch eine spezielle Rolle, jedoch anders als im realen Leben. Der Film verschiebt nicht nur unsere Wahrnehmungsgrenzen, was optische Attraktivität, physikalische Gesetze oder soziale Interaktion angeht. Er verschiebt auch die Wahrnehmung dessen was man allgemein als “Jugendlicher” ansieht.

“Hey, meinst du sie machen nen Film aus unserer Geschichte?”
“Ja cool, dann werden unsere Rollen alle von Leuten um die 30 gespielt”

Scary Movie

Man ist daran gewöhnt. Seit Jahrzehnten werden einem im Film Mitt- bis Endzwanziger als Teenager, als 16 bis 17jr verkauft. Ob im hundertsten Slasher-Film, im seriösen Drama oder in SciFi-Spektakeln. Überall werden erwachsene Schauspieler als Pubertierende Teenies ausgeben.
Ein paar Beispiele zur Illustration:

- die männlichen wie weiblichen Teenager, die in American Pie so heiß aufs erste Mal sind, waren zwischen 21-30 Jahre alt

– Die Abenteuer des jungen Indiana Jones, der in der Serie 16 sein sollte, wurden vom 27jr Sean Patrick Flanery bestritten.

– Tom Cruise 16jr Sohn in Krieg der Welten wird von einem 23jr gespielt.

– Mark Hamill ist 26 als er den 18jr Luke Skywalker darstellt

– die 17-18jr in American Graffiti waren im Schnitt zwischen 22-27 Jahre alt.

– der 16jr Donnie Darko wird vom 21jr Jake Gyllenhaal “interpretiert”

– Matthew Broderick war 24 als er als 17jr Ferris blau machte. Sein bester Kumpel im Film war in Wirklichkeit bereits 30.

– der 16jr Dawson im gleichnamigen Creak wurd von einem 22jr gespielt

– die “Pubertierenden” die in Beverly Hills 90210 mitspielten waren im Schnitt zwischen 20 und 26

– der minderjährige Junge, der in der Serie Desperate Housewives von der erwachsenen Gaby Solice verführt wird, ist im wahren Leben 26 und damit drei Jahre jünger als die Schauspielrin der Gaby.

Das ist nettes Trivialwissen und natürlich kleinliche Zahlendrescherei. Natürlich gibt es gute Gründe warum Film und Fernsehen gerne Erwachsene als Teenager besetzen, dazu gehört jedoch in den seltensten Fällen der, daß man keine talentierten Schauspieler im passenden Alter findet.
Das mag vielleicht für Deutschland zutreffen, wo man bei Kinderschauspielern ja oft froh ist, wenn sie ohne hinzufallen durch den Text kommen, in Amerika und auch in England gibt es wahrlich keinen Mangel an talentierten Jungdarstellern. Der wirkliche Grund ist natürlich viel simpler: Geld. Drehs mit Kindern kosten viel Geld und bergen unabwägbare Risikien.

Teurer werden Sie auf jeden Fall, denn Kinder unterliegen immer sehr strikten Auflagen, sie brauchen exzessive Betreuung, eigene Lehrer am Set und dürfen pro Tag nur wenige Stunden überhaupt drehen. Zudem haben sie die unangenehm Angewohnheit tatsächlich zu pubertieren und so kann es sein, daß aus dem unschuldigen kleinen Mädchen während eines mehrmonatigen Drehs plötzlich eine wohlgerundete junge Frau wird, die Jungen wachsen in dieser Zeit wie Unkraut und bekommen in den unpassensten Momenten Stimmbruch, was beides zu Nachdrehs und ADR-Sessions führen kann. (Leonardo diCaprio schoß während des Drehs zu “This Boys Life” derart ins Kraut, das er seinen brutalen Filmstiefvater Robert DeNiro am Ende um einen halben Kopf überragte und gar nicht mehr wie der hilflose Junge wirkte, als der er gedacht war.)

Im schlimmsten Fall sehen Jugendliche im Wachstum eben auch noch ein bißchen schlacksig und unfertig aus.. wie …. wie… naje wie Jugendliche eben.

Das ist natürlich für Filmemacher, die hauptsächlich Vermarkter und Buchhalter sind ein großes Ärgernis. Jugendliche Schauspielern verteuern die Produktion und machen sie schlechter zu kalkulieren, schlechter zu vermarkten. Wer weiß ob die niedliche Fratze die mit man mit 15 castet, mit 17 noch vorzeigbar ist. Was wenn das Gör seinen Text vergisst oder den Drehstress nicht aushält? Ein logistischer Albtraum.

Kann man ja verstehen. Das Problem an der Sache ist, daß sich durch diese Art der Besetzung bei den Zuschauern über die Jahre die Wahrnehmung verschoben hat. Mittlerweile werden Mittzwanziger als Teenager akzeptiert, auch in der Realität mitunter. Denn Film ist viel näher dran, viel unmittelbarer als die alte Kunstform des “Glauben machens”: Das Theater.
Dort ist es natürlich üblich, daß Frauen kleine Mädchen spielen, oder sogar kleine Jungen. Das 40jr junge Liebhaber spielen, oder 30jr einen Greis. Das ist die Kunst der Bühne, die stilisierung und Andeutung arbeitet. Peter Pan war jahrelang die Paraderolle für junge bis nicht mehr ganz so junge Schauspielerinnen.
Das Problem des Films jedoch ist, daß er keine Distanz und Stilisierung behauptet, sondern Wahrhaftigkeit. Er hält nicht auf Abstand, er holt uns ganz nah herran. Und wir sehen was wir sehen. Sicher mit etwas geschickten Make-up kann auch hier ein Schauspieler überzeugend altern.

Doch was kaum gelingt, ist einen Schauspieler wirklich authentisch jung aussehen zu lassen. Wer je beim Aufräumen über seine Jahrbücher, Schulbibliotheksausweise oder Klassenfotos gestolpert ist weiß, das man sich in keiner Zeit physisch so schnell und stark verändert wie in den Jahren zwischen 10 und 20. Hormone fluten den Körper und wie Jeckyl zu Hyde mutiert, werden aus Kinden binnen kurzer Zeit Erwachsene. Dieses rasche Morphen und Verformen drückt sich aber eben in bestimmtem Aussehen aus. Die Gestik ist linkischer, die Motorik nicht immer so akurat wie man es sich wünschen würde, es ist alles eben work-in-progress, der sich erst ab Anfang 20 zu verlangsamen beginnt, ehe dann ab 30 der Verfall einsetzt.

Nicht umsonst schaffen Filme, die echte Jugendlich besetzen, oft tatsächlich diesen seltsamen Moment des Erwachsenwerdens einzufangen. Jenen Schwebezustand, der sich grade aus dem im Wandel befindlichen, unfertigen ergibt. Filme wie Stand by me, Das Reich der Sonne, Billy Elliot, Running on Empty, Raus aus Amal, Leolo oder Almost Famous schaffen es, diesen Lebensabschnitt glaubhaft einzufangen.

Oft wird diese Phase aber aus den erwähnten Gründen in Film und Fernsehen häufig ausgeblendet, man ersetzt sie durch junge Erwachsene, die körperlich und geistig wesentlich reifer sind und auch meist so agieren. Wer je eine Folge Dawsons Creak mit seinem unerträglichen Rumphilospohieren gesehen hat, weiß was ich meine.

Was zum einen dazu führt, das sich echte Teenager für völlig deformiert halten müssen, angesichts der perfekten ausgewachsenen Vorbilder die ihnen aufgezeigt werden. Andererseits werden echte Teenager in der Wahrnehmung zunehmend verkindlicht.

Denn der filmgeschulte Zuschauer weiß ja wie “Teenager” aussehen. Nämlich wie 21-28jr. Wie alt müssen dann in seiner Einschätzung wohl echte 16-17jr sein, die ja sehr viel jünger aussehen als die Filmteenies? 13-14 vielleicht? Und so degradiert die öffentliche Wahrnehmung der USA normale Teenager oft zu Kindern. Kein Wunder also, wenn man sie nicht ernst nimmt, ihnen in der Schule die Schöpfungsgeschichte als Wissenschaft verkaufen will und ihnen immer brav beibringt, das sie ja eh noch Kinder sind, die weder anständig aufgeklärt noch unterrichtet werden müssen.

Was passiert aber wenn jetzt ein Film wie KIDS daherkommt oder Ken Parks, in dem echte 18-20jr gezeigt werden, die sich über Sex unterhalten, Rauchen, Kiffen, Saufen und Ficken?

Der gut dressierte US-Bürger gibt sich entrütstet und zettert los, das sei Kinderpornographie.
Denn so sehen Kinder aus.

Teenager, das wissen wir, sind wesentlich älter.

In : Thema

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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5 Comments

  1. martin

    Du beschreibst ja sehr schön, was für eine amöbenhafte Veränderung mit der Pubertät einhergeht und weshalb es sicherer ist, Menschen >=20 im Film einzusetzen, aber dass sich deshalb das (Selbst)Bild von Jugendlichen verändert, ist ohne Blick auf die Geschichte gedacht. Michelangelos David sieht auch nicht gerade wie ein Hirtenjunge aus. Der Film ist nicht die Ursache, sondern bietet die Möglichkeit, das zu ändern (Wie du schon sagst: KIDS usw.). Der Duchschnitts-Film festigt bloß ein Bild, das sowieso schon besteht.

  2. Sneakfilm.de

    [...] Das in Filmen Teenager häufig von viel älteren Schauspielern gespielt werden ist kein großes Geheimnis. Batzman von den Filmfreunden hat sich zu diesem Thema einmal Gedanken gemacht und analysiert warum dies ist so ist. Ein wirkliich gelungener Artikel. [...]

  3. der toby

    Alt? Ich wage zu wiedersprechen.

  4. Batzman

    Widersprechen in Bezug worauf?

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