Fantasy Filmfest 2006

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Beim diesjährigen Fantasy-Filmfest in Frankfurt habe ich mir an insgesamt sechs Tagen 27 Filme angesehen (mein Rekord waren sechs Filme hintereinander an einemTag). Trotzdem sind mir scheinbar leider drei Titel durch die Lappen gegangen, die wohl lohnenswert waren:

„Baba’s Cars“: die schwedische Krimi-Groteske im Guy-Ritchie-Stil gewann den Frankfurter Publikumswettbewerb
„Hatchet“: guter alter Fun-Splatter im Stile der Achtziger
„Neighborhood Watch“: ein Post-9/11-Paranoia-Film, der laut Aussage eines Zuschauers „total krank“ sein soll

Im Folgenden eine Liste der restlichen mehr oder weniger sehenswerten Filme (in einigen Städten läuft das Fantasy-Filmfest ja noch), wobei „The Science of Sleep“ rausfällt, weil ich dazu schonmal vorher was geschrieben hatte:

„Severance“: Der Eröffnungsfilm war gleich einer der besten Beiträge! Die Büro-Belegschaft eines international agierenden Kriegswaffen-Herstellers macht einen Firmenausflug nach Osteuropa und landet dabei in einem abgelegenen Wald, wo ehemalige Söldner leben, die sich fortan auf eine gnadenlose Jagd nach den Großstadt-Heinis machen. Die Thriller-Groteske ist von Anfang an superwitzig-ironisch und geizt nicht mit harten Splatter-Szenen der lustigen Sorte (zum Beispiel tritt einer in eine Bärenfalle, und die dämlichen Rettungsversuche der anderen führen dazu, dass letztlich das ganze Bein abgepetzt wird). Der Witz ist aber eher immer von der fiesen Sorte, bei der einem das Lachen im Hals stecken bleibt – und genau das ist auch das gewisse Etwas, das das Ganze über durchschnittlichen Fun-Splatter weit hinaushebt. Eine weitere Kostprobe: Jemand will die Verfolger mit einer vermeintlichen Panzerfaust abknallen, doch es ist ein mobiler Raketenwerfer, und die Lenkwaffe macht plötzlich einen steilen Bogen nach oben, wo sie dann in unglaublicher Höhe ein herannahendes Passagierflugzeug abschießt!

„Scared“: Überraschend krasser Teenie-Splatter aus Thailand (unter anderem Pfählungen ohne Ende und ein heftiges Stielkreissägen-Gemetzel), der aber trotz eines aufgesetzt-sinnlosen „Battle Royale“-Twists am Ende seine öde „Zehn kleine Negerlein“-Standard-Story leider nur gähnend-langwelig abspult.

„Gruesome“: Ambitionierte Serienkiller-Billigproduktion, die mit guten Darstellern, erbarmungslos-brutaler Gewalt und einer ziemlich guten Grundidee aufwartet, die am Schluss zu einer Art umgekehrten „Sixth Sense“-Effekt führt.

„See no Evil“: Knallhart-ultrabrutaler Mystery-Splatter mit „Saw 2“- und „Silent Hill“-Ästhetik, der zwar ein äußerst langweilig-dämliches Drehbuch aufweist, dafür aber zahlreiche frische Ideen liefert, die echt abgehen. Zum Beispiel wirft der Killer immer mit Fleischerhaken-Ketten nach seinen Opfern und wuchtet sie dann total krass in den Räumen herum, ohne dabei auf Hindernisse zu achten. Außerdem reißt er ihnen auch immer die Augen heraus, was tricktechnisch wesentlich realistischer und härter rüberkommt als die lächerliche Augen-Szene in „Hostel“. Und der Anfang ist der Ober-Hammer: Da werden zwei Polizisten, die am Tatort eintreffen, mir nichts dir nichts mit einer Axt zerhackt.

„13 (Tzameti)“: Die Grundidee ist schaurig gut: Jemand braucht Geld und geht – ohne die Details zu kennen – zu einer Organisation, die illegale Russisch-Roulette-Wettkämpfe anbietet. Er muss sich dort mit weiteren Teilnehmern in einem Kreis aufstellen, und jeder bekommt einen Revolver mit einer Kugel in der Trommel, den er dem Mann vor ihm an die Birne halten muss. Auf ein Zeichen hin drückt jeder ab. Die Überlebenden kommen in die nächsten Runden, bei denen dann die Patronenzahlen jeweils noch erhöht werden. Trotz dieser Ausgangsbasis empfand ich den Film leider als unzureichend, weil aus der Idee irgendwie zu wenig gemacht wurde und auch die Nachvollziehbarkeit hinsichtlich des Protagonisten nicht gegeben war – ich fand sein Verhalten nicht glaubwürdig. Ich bin daher auf das bereits angekündigte Hollywood-Remake sehr gespannt und verweise lieber nochmal auf einen ähnlichen, aber viel interessanteren Film aus den letzten Jahren: „Intacto“.

„Shadowless Sword“: Der Vorgänger „Bichunmoo“ konnte schon nicht an das große Vorbild „Tiger & Dragon“ heranreichen, und dieser Schwertkampf-Film bekräftigt nur nochmal, dass es einfach mehr braucht als pure Action, Ausstattung und sinnloses Herumgefliege (sogar unter Wasser!). Die zahlreichen Körper-Explosionen nach entsprechend raffinierten Schwerthieben (gute Splatter-Szenen immerhin) können daran auch nichts ändern.

„Blood Rain“: Dieser südkoreanische Mittelalter-Krimi ist zwar quasi so eine Art „Name der Rose“ aus Asien und wartet auch mit ultraheftigen Folter- und Todesszenen auf (unter anderem eine Vierteilung und eine Massakrierung eines Mannes durch eine wütende Menschenmenge). Aber die wirklich sehr realistisch wirkenden, üblen Gewaltszenen passen überhaupt nicht zum Rest, der sich eher auf Arthouse-Niveau bewegt, viel zu episch angelegt und zu storylastig ist.

„Right at your Door“: Dieser weitere Post-9/11-Paranoia-Film ist äußerst erschreckend und widmet sich sozusagen dem realen Horror. Nach einem Giftbomben-Anschlag in Los Angeles muss sich ein Mann in seinem Haus einschließen und alles Luftdicht absichern. Das Problem ist, dass seine Frau kurz vorher zur Arbeit in die City gefahren ist und seitdem nicht mehr erreicht werden kann – die Polizei riegelt derweilen das Wohnviertel ab und geht rigoros gegen unkooperative Bürger vor. Als die Frau irgendwann wieder auftaucht, ist das nächste Problem, dass sie kontaminiert ist und nicht in die Wohnung darf. Wat nu? Der Film ist eine Art Terror-Kammerspiel, der seinen Schrecken aus dem Umstand gewinnt, dass dieselbe Sache im Prinzip heute schon genauso auch bei uns passieren könnte. Beklemmend!

„Renaissance“: Ein Computer-Trickfilm, der auf der ästhetischen Seite durch extrem harte Schwarz-Weiß-Kontraste im Film-Noir-Stil fasziniert und darin „Sin City“ nicht unähnlich ist. Leider ist die Story aber gähnend langweilig, weil man diese Cop-sucht-Mörder-und-verliebt-sich-dabei-in-Femme-fatale-Geschichte so schon dutzendmal gesehen hat.

„Isolation“: Man nehme „Alien“ und Carpenters „The Thing“, gebe einen gehörigen Schuss frühen Cronenberg dazu und verlagere die Geschichte auf einen britischen Bauernhof – fertig ist die ekelhafteste und spannendste Tierhorror-Mutanten-Gruselei seit langem. Eines der Highlights!

„Azumi 2“: Die Fortsetzung des Schwertkampf-Epos ist leider nicht mehr vom alten Regisseur und daher wohl auch weniger spektakulär – vor allem in visueller Hinsicht. Enttäuschung!

„The Method“: Während unten eine Straßenschlacht zwischen Globalisierungsgegnern und der Polizei tobt, treffen sich mehrere Interessenten für einen Management-Job in einem Hochhaus-Büro zu einem Bewerbungstest. Vor ihnen sind Computerbildschirme, über die ihnen Aufgaben vermittelt werden. Und diese Aufgaben haben es in sich, denn erstens geht es dabei ständig darum, als Gruppe Entscheidungen zu treffen, die Einzelne rauskicken, zweitens wird die Information herausgegeben, dass ein Teilnehmer ein Spitzel der Firma ist, und drittens hetzt die Firma die Leute gegeneinander auf, um so schließlich den besten (= fiesesten) Profi für sich auszusieben. Der Film ist sowas von raffiniert und psychologisch interessant aufgebaut, dass es ultraspannend ist, den gewieften Diskussionen und Aktionen der Teilnehmer zu folgen. Er hält unserer karrieristisch geprägten, neoliberalen Berufswelt und Gesellschaft den Spiegel vor und ist dabei ziemlich böse. Eines der Highlights!

„Adam’s Apples“: In dieser Groteske der Macher von „In China essen sie Hunde“ und „Old Men in New Cars“ trifft ein brutaler Neonazi im Rahmen einer Umerziehungsaktion auf einen Pfarrer, der sich durch überhaupt nichts – auch nicht durch Gewalt! – von seinem Gutmenschentum abbringen lässt, und wird dabei letztlich geläutert. Diesen durchgeknallten Film muss man unbedingt sehen, denn er ist das Aberwitzigste, was in letzter Zeit geboten wurde! Das Drehbuch ist genial, ohne dabei belehrend oder zu kirchlich orientiert zu wirken. Der Arzt in der Geschichte ist ein Mega-Härtner, und es hat wohl auch noch nie einen Film gegeben, in dem ein blutiger Kopfschuss mit Hirngespritze eine Heilung mit Happy-End bewirkt hat. Eines der Highlights! Und: Das wird ein Kultfilm!

„A Scanner Darkly“: Wer „Waking Life“ kennt, bei dem bereits dieselbe Tricktechnik verwendet wurde, könnte enttäuscht werden, denn sonst hat der Film trotz Philip-K.-Dick-Vorlage, Keanu Reeves, Robert Downey jr., Woody Harelson und Winona Ryder leider nicht viel zu bieten. Im Gegenteil: Für mich steht jetzt endgültig fest, dass in Richard Linklaters Filmen eindeutiug zuviel gelabert wird – und das ist dann halt zwangsläufig immer total unfilmisch. Manche bezeichneten das Ganze als einen der besten Drogenfilme überhaupt. Mag sein – gleichzeitig gelangweilt und genervt hat er mich trotzdem.

„SPL“: Schön stylisher Hongkong-Krimi im Stil der „Infernal Affairs“-Reihe, der storymäßig zwar mit John-Woo-Werken vergleichbar ist, allerdings wegen fehlender Mega-Shootouts nicht an dessen „Heroic Bloodshed“-Filme heranreicht. Trotzdem sehenswert, zumal die Martial-Art-Kämpfe sehr gut sind. Der Hammer ist Sammo Hung, der einen Gangsterboss spielt und trotz seines fortgeschrittenen Alters und seiner enormen Körpermasse einige der besten Fight-Szenen hat – also fat men do kung-fu!

„Duelist“: Schwertkampf-Drama aus Südkorea, das das Genre mal völlig anders anzugehen versucht, dabei aber kläglich scheitert. Zuerst ist es eine Komödie mit Slapstick-Szenen, dann wird’s eine schwermütige Tragödie – das funktioniert so nicht. Und die Kampfszenen mögen zwar erlesen schön gefilmt bzw. gar poetisch sein, erzeugen aber durch fehlende Geschwindigkeit leider nur lähmende Langeweile.

„Secuestro Express“: Ein schmutziger kleiner Entführungskrimi aus Südamerika über die brutalen Verhältnisse in dortigen Großstädten. Wer allerdings auf die Idee kam, ihn mit „Amores Perros“ oder „City of God“ zu vergleichen, gehört gesteinigt! Denn weder von der Regieleistung her noch hinsichtlich der Ästhetik und Story kann dieser billig hingerotzte Streifen auch nur ansatzweise mithalten!

„Frostbite“: Nicht uninteressanter skandinavischer Vampirhorror mit einigen Witzischkeiten und überraschend viel Deutsch auf der Original-Tonspur. Im Gegensatz zu manch enthusiastischen Stimmen konnte ich daran aber nix Besonderes finden. Mir war er – im Gegenteil – sogar eindeutig zu teenagerkonform und daher öde.

„Storm“: Dieser skandinavische Mystery-Thriller wurde zwar hochgelobt und ist auch nicht schlecht, aber er verdient meiner Meinung nach die Lorbeeren nicht. Ich fand ihn noch schlimmer als „Wächter der Nacht“ – und dabei noch nicht einmal halb so abgefahren.

„Brick“: Dieser Krimi bietet storymäßig zwar nicht viel Neues, er schafft es aber, die Zuschauer bei der Stange zu halten und bis zum Schluss spannend und interessant zu bleiben. Und wie er das schafft, ist eben seine Erfolgsformel: Er hievt ein Highschool-Teenager-Szenario mit Jungdarstellern auf eine knallharte Oldschool-Gangsterfilm-Ebene, was dem Ganzen einen faszinierend schrägen Mystery-Touch verleiht, der letztlich sogar dem „Donnie Darko“-Feeling nicht unähnlich ist. Eines der Highlights!

Binding ist im echten Leben Filmkritiker und Redakteur. Für die F5 wird er kurze Verrisse oder Hochjubeleien von Filmen, die er soeben in der Pressevorführung (in diesem Fall dem Fantasy Filmfest) angeschaut hat, als Gastautor posten. On a regulary basis. Ein eigenes Blog hat er nicht, für so Gedöns hat er keine Zeit.

In : Thema

About the author

  • http://FantasyFilmfestFFM06 Werner Richtler

    Hallo und guten Tag,

    Hier anbei ein kleines Resumee des
    Filmfestes.

    1. Opener ( SEVERANCE) gehört zu den
    Top 10 des Filmfestes. Klasse Sa-
    tire über Menschen die Waffen her
    stellen und solche die diese be-
    nutzen. Höhepunkt des Films ist
    die verbale Auseinanderstzung zw.
    dem Busfahrer und einem Angestel-
    ten als es ums Weiterfahren trotz
    Baumstamm auf der Strasse geht.
    Klasse. Die Bescuher haben sich
    vor lauter Lachen nicht mehr ein-
    gekriegt.

    2. 13 Tzameti:

    War einer der anspruchvollsten u.
    beklemmendsten Filme auf dem Fest

    Tipp: Unbedingt anschuen.

    3. SEE NO EVIL: Wird wenn er uncut
    gezeigt wird der Knaller 2007.

    4. SCARED: Billiger Thai-Splatter

    5. Storm: War der schlechteste Film
    Bräsig langweiliger Erzählstrang.

    6. Meatball Machine: Avsoluter Tsuka
    moto Style. Schön ueberdreht.

    7. The Marsh: Seit langen mal ein
    wirklich guter Mystery-Streifen.

    8. A Sxanner darkly: Kino war voll
    Die Erwartungen haben das Gesehe
    ne weit übershritten. Kurzfilm
    haette auch gereicht.

    9. Isolation: Klasse Film über Pharm
    Versuche an einer Kuh. BSE-ver-
    seuchtes Kalb bringt sehr hung-
    rige kl. fiese Dinger zur Welt.
    Der rest im Film ertrinkt in Blut
    Regen, und Fäkalien.

    10. Frostbite: Klasse Schweden-Happen
    lustiges Vampirfilmchen.

    11. El Metodo: Geniales Werk. Anschau
    en und ablachen. Wenn möglich im
    Original. ( wg. der Komik).

    12. Focus Asia hat sich erledigt, da
    ich alle DVD`s schon zu Hause
    hatte.( Hat es aber alles schon
    5x gegeben).

    2 Filme die leider nicht mehr schauen
    konnte sind: STRANGE CIRCUS und
    BRICK. Beide Filme sollen wirklich
    klasse sein, wobei ersterer wohl nur
    den Fans gefallen wird, die es toll finden, wenn jemand da anfängt wo MIIKE
    aufhoert. Für mich schwer vorstrellbar
    deshalb werde ich mir den Film von
    Rapid Eye Movies wohl kaufen.

    13. Blood Trial: Die Geschichte ist
    wohl immer dieselbe. Slsher schlachtet seine Opfer. Diesmal ist er mit dem Moutainbike in den Südtiroler Alpen unterwegs. Der Film ist gut geschnitten.

    14. HATCHET: Wenn der FILM auf DVD
    uncut erscheint wird das ein Mords-
    spass.

    Ich habe in Stuttgart 32 Filme gesehen und den Rest in FFM.

    Bis nächstes Jahr in Frankfurt.

  • Binding

    Zu “The Method”: Ich glaube nicht, dass die Macher den Film als Komödie betrachten. Der war ja wohl total ernst gemeint und bitterböse zynisch.

  • Pingback: Sneakfilm.de - Kino mal anders » Fantasy Filmfest: Eine Filmreview

  • http://sirdregan.twoday.net SirDregan

    Frage: Von welchem Film ist dieses Bild? Sieht interessant aus ^_^

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