In der Serie Sprachfehler soll es in unregelmässigen Abständen um Freud und Leiden von Synchronfassungen gehen.
Ich weiß daß um dieses Thema ein Glaubenskrieg tobt, der verschiedene Ursachen hat. Auf der einen Seite stehen die entschiedenen Synchronfans, auf der anderen Seite die eingeschworenen O-Ton-Gucker. Wobei es dabei oft weniger um das eigentliche Thema dreht, sondern um irrationale Ängst und Vorwärtsverteidigung.
Die häufigst gehörten GegenReaktion, wenn jemand lieber die Originaltonspur hört, sind: “Sowas brauch ich nicht.”, “Du willst dich doch nur wichtig machen.” und “Da is doch eh kein Unterschied.”
Was auch schon den Kern des Problems meist ganz gut erfasst, nämlich ein Beschützem des eigenen Egos, weil derjenige der die Originalsprache nicht versteht sich angegriffen und bedrängt fühlt. “Ich gucke gerne O-Ton“, wird in dem Fall nicht als Interesse an der Originalfassung verstanden, sondern als: “Ich bin besser als du. Gebildeter. Intelligenter.” Wird dann noch angemerkt, daß viele Synchronfassungen von diskutabler Qualität sind, fühlt sich der Synchrogucker endgültig angegriffen und zum Doofmann abgestempelt. Trotzig und, wie gesagt zum Schutz des Egos, wird deshalb dann versucht, dem scheinbar besonderen und ausgefallenen, seinen Wert zu nehmen. “Sowas brauch ich nicht.”, “Da ist doch eh kein Unterschied.”
Das mag oft an dem Gestus der O-Ton-Gucker liegen, aber eben auch an diesem Gefühl des Angegriffen werdens. Viele Menschen reagieren so, wenn sie mit etwas konfrontiert werden, vom dem sie keine oder wenig Ahnung haben. Es wird als Bedrohung des Egos, des Selbstwertgefühls eingestuft und deswegen attackiert. Man kennt daß zum Teil von sich selbst.
Deswegen durchzieht fast alle Diskussionen um O-Ton vs. Synchro diese latent agressive Stimmung, die es schwer macht sich auf das eigentliche Thema zu konzentrieren. Deswegen gibt es die beiden Lager, die oftmals aufeinander herabschauen.
Ich befinde mich, auch wenn ich mittlerweile fast nur noch Originalfassungen sehe, irgendwo dazwischen, und will versuchen das ganze einmal ohne irgendwelche emotionalen Befindlichkeiten zu betrachten. Nehmen wir einfach an, daß O-Ton-Gucker tatsächlich Spaß an der Sprache und den Stimmen haben und es nicht machen, weil sie sich anderen überlegen fühlen wollen, sich abgrenzen oder heraushängen lassen wie toll sie fremde Sprachen verstehen – das es also ganz egiostische persönliche Gründe sind, die nichts mit Image und Coolness zu tun haben. Nehmen wir weiterhin an, daß Kritik an Synchronfassungen die aus Kenntnis der Originals herrührt nicht getätigt wird um die Synchrongucker als Doofköppe dastehen zu lassen, sondern weil bedauert wird, das ein wichtiger Teil des Originals verlorenging.
Das unterstellend, kann man überlegen, warum es überhaupt immer mal wieder diese Diskussion gibt und nicht jeder daß schaut was ihm genehm ist. Weil, und da kommt jetzt der Punkt der sich nur aus Kenntnis des Originals erschließt, Synchronisationen eben nicht immer halten was sie versprechen.
Man mag lange darüber lamentieren, daß in anderen Ländern außer Kindersendungen alle Filme und Serien mit Untertiteln ausgestrahlt werden, und z. B. die Menschen in Skandinavien dadurch meist viel besser Englisch können als hierzulande, im synchronsozialisierten Deutschland, dennoch muß man den Fakt akzeptieren, daß die meisten Deutschen eben nicht so besonders doll Englisch verstehen, von anderen Sprachen mal ganz zu schweigen (Auch wenn im ZDF-Nachtprogramm vor Jahren mal Filme im Zweikanalton kantonesisch/mandarin mit deutschen Untertiteln liefen).
Es gibt nun einmal die große Zahl von Leuten die keine Alternative haben. Wenn sie einen Film sehen wollen, sind sie auf die Synchronisation angewiesen. Untertitel werden zumeist als störend empfunden und lenken nicht unerheblich vom Bild ab, zudem müssen auch sie Inhalte oft gekürzt wiedergeben, sind also nicht unbedingt akurater als Synchronisationen.
Natürlich möchte ich als Fan von Originalfassungen, jedem Interessierten ermuntern sich ab und zu mal die Originalstimmen anzuhören. Wer ein wenig Englisch kann, der wird bei DVDs von Filmen die er eh schon kennt, sich vielleicht wundern, wieviel er versteht und wie leicht man sich doch nach einer Weile in englische Dialoge reinhören kann. Dazu kommt auch der Spaß an unterschiedlichen Dialekten, regionalen Einfärbungen die bei der Synchronisation zumeist auf der Strecke bleiben. Alleine England bietet eine breite Palette, vom edlen gepflegten English eines Patrick Steward, zum vernuschelten Schottisch eines Ewan McGregor in Trainspotting oder dem Durham-Einschlag der Figuren in Billy Elliot. Amerika, Neuseeland und Australien sind nochmal ein Thema für sich. Das alles bleibt auf der Strecke, denn es gibt bei der Eindeutschung kein adäqautes Mittel die sprachlichen Unterschiede wirklich deutlich zu machen (Und Gott sei es gedankt, hat man sich von der Idee deutsche Dialekte einzusetzen, bis auf wenige Ausnahmen, sehr schnell wieder verabschiedet).
Aber man muß eine Sprache ja nicht beherschen um Spaß an ihrem Klang zu haben. Selbst für jemand wie mich, dessen japanisch und thailändisch etwas eingerostet ist, ist es oft sehr spannend Filme aus dem asiatischen Sprachraum im Original zu sehen, zumal die Synchronisation dieser Sprachen auf Grund der völlig anderen Sprachstruktur extrem schwierig ist und meist nicht wirklich überzeugen kann.
Dennoch, viele Leute möchten beim Film einfach abschalten und weder lesen noch im Kopf übersetzen, da wir hierzulande einfach daran gewöhnt sind alles synchronisiert zu sehen. Deswegen bleiben die Eindeutschungen immer wieder ein kritisches Moment, daß im Zweifel nicht unerheblich dazu beiträgt wie der Film auf den Zuschauer wirkt, ob er ihn mag oder hasst.
Es soll in der Reihe Sprachfehler also nicht darum gehen, Synchronfassungen durch die Bank zu verdammen – denn es gibt viele Beispiele für sehr stimmige, gelungene Synchros -, sondern eher eine Diskussion um deren Qualität anzuregen. Diese hat über die Jahre in Deutschland verschiedene Phasen durchlaufen und sich weiterentwickelt, leider nicht immer zum besseren.
War es in den Gründerjahren der Republik noch an der Tagesordnung, daß gestandene Schauspieler mit Film – und Bühnenerfahrung für die Rollen verpflichtet wurden, oft unter gestrenger Aufsicht des Regisseurs, so übernahmen über die Jahre immer mehr Quereinsteiger und “Sprecher” deren Position. Wurde früher eher inhaltlich entschärft, wenn es politisch zu unbequem wurde (etwa in der ersten Casablanca-Synchro die jegliche Erwähnung der Nazis aus der Handlung tilgte), so kamen in späteren Jahren ganz andere Störfaktoren hinzu.
In den 70er Jahren wurden mit einem Mal die Spaß-Synchros modern, die bis zum heutigen Tag die Fan- und Hasserlager spalten. Nicht nur berühmte-berüchtigte Serien wie “Tennis, Schläger und Kanonen” und “Die Zwei” erhielten eine Synchronisation die die eigentliche Handlung vollkommen veränderte und verballhornte, sondern ein Großteil der Serien aus dieser Zeit wurde dieser Verlustigungs-Kur unterzogen.
Ob Captain Kirk seinen ersten Offizier beständig mit “Schlitzohr” und “Spitzohr” anredete und so aus der durchaus ernstgemeinten SF-Serie endgültig ein Kinderprogramm machte, ob Roger Moore sich als James Bond durch seine Agentenfilme kalauerte oder ob Bud Spencer und Terence Hill sich plötzlich statt in einem ernsten düsteren Western in einem Haudrauf-Klamauk wiederfanden (und der Film von “Sie verkaufen den Tod” mal flugs zu “Der Dicke und das Warzenschwein” umgetitelt wurde). Klamauk war cool, irgendwie war das alles sehr lässig und wen störte es schon, ob der eigentliche Inhalt oder die Intentionen der Macher dabei auf der Strecke blieben.
Das von dieser Klamaukisierung nicht nur unwichtige B-Filme und Serien betroffen waren,bei denen man sich bemüssigt fühlte sie “aufzugagen”, mag ein Ausschnitt aus dem Monty Python-Klassiker “Mony Python and the holy grail“, hierzulande besser bekannt als “Die Ritter der Kokosnuss“, deutlich machen.
Als Tonbeispiel hab ich mal die Eingangsszene des Films, König Arthus Anfrage am Schloß gewählt, die hier einmal auf deutsch und einmal in der Originalfassung zu hören ist.
Die Ritter der Kokosnuss – Erste Szene – Deutsche Synchronfassung
Die Ritter der Kokosnuss – Erste Szene – Originaltonspur
Während im Original in zeitgemässer Sprache und durchaus würdevoll gesprochen wird und sich die Komik aus der debilen Penetranz der Schloßwachen ergibt, die den König nicht respektieren und ihn mit abstrusen Theorien konfrontieren, anstatt ihrem Herrn die Ankunft des Königs der Briten zu melden, wird in der deutschen Version nur noch sinnfreies Zeug geredet. Es besteht kein sprachlicher Unterschied mehr zwischen dem König und den Schloßwachen, alle üben sich in schlechten Kalauern die zudem massiv gespickt sind mit Anspielungen auf die Realität der 70er Jahre, etwas was im Original an dieser Stelle überhaupt nicht vorkommt.
Im Gegenteil, der Witz im Original basiert gerade darauf, daß König Arthus die ganze Zeit seinen würdevollen Gestus beibehält und eben keine Witze reißt.
Weitere Humorperlen aus dem Film (jeweils natürlich völlig ohne Zusammenhang zum Originaltext):
“Wir stehen hier, weil Gott uns eine sehr heilige Aufgabe aufgebürstet hat.” (usw., usw.).
“Zusammen bildeten sie (die Ritter) einen Verein, der noch populärer war als der erste F. C. Bayern.”
“Wie bist du König geworden? Hast du den Titel beim großen Sprücheklopfen gewonnen, mit ´Mein Heim ist in Kassel´?”
(Der schwarzer Ritter, der merkt, dass ihm der Arm abgehakt wurde): “Mein Gott, Walter!”
Dies sind nur ein paar Beispiele von vielen, mag aber erklären warum Leute die nicht auf derartigen Klamauk standen mit dem Film wenig anfangen konnten.
Die Zeit der Klamauk-Synchros hat eine ganze Generation von Filmguckern geprägt, die oft überrascht sind, wenn sie erfahren worum es in Filmen oder Serien wirklich ging. Erstaunlich und nur zum Teil mit nostalgischen Kindheitsgefühlen lässt sich für mich jedoch die oft völlig unkritische Verteidigung dieser Synchronpraxis nachvollziehen. Es mag nicht in jedem Einzelfall einen Meilenstein der Filmgeschichte getroffen haben, aber dennoch wurden en Gros Filme so bearbeitet, daß sie mit den Absichten der Macher nur noch wenig zu tun hatten.
Auch heute noch führt dies dazu, daß viele Leuten inhaltlichen Veränderungen oder Verfälschungen durch die Synchronisation relativ unbeteiligt gegenüberstehen. Was solls, ist doch egal, was die im Original gesagt haben.
Hat die massive schnitttechnische Verstümmelung von Horror-, Action- und Martial-Arts-Filmen schon in den 80ern Fans auf den Plan gerufen und dazu geführt, das UNCUT mittlerweile zum Gütesiegel geworden ist (und für die Vermarktung von DVDs kein unwesentliches Kaufargument), kümmert es immer noch relativ wenig Leute ob die Sprach- und Tonbearbeitung einem Werk gerecht wird. Filmfans die stolz auf ihre Sammlung verweisen, in denen hunderte Extended-Cut Fassungen und rare ungeschnittene Fassungen stehen, Leute die auf die Barrikanden gingen, als für eine FSK6-Freigabe über zwei Minuten aus “Harry Potter und die Kammer des Schreckens” entfernt wurde, lässt es herzlich kalt, wenn die Synchronisation sinnverfälschend oder albern ist.
Es geht nicht darum Synchronisationen zu verdammen. Aber das einzufordern, was Synchronisation sein sollte: Eine Annäherung an das Original, egal wie gut oder schlecht dieses sein mag. Kein Literatur-Übersetzer darf sich anmaßen einen Roman umzuschreiben, weil er meint, er habe bessere Ideen als der eigentliche Autor. Gleiches muß für Synchronbuchautoren gelten. Übersetzung ist eine schwierige Aufgabe, aber grade dem nicht der Originalsprache mächtigen Publikum ist man es schuldig, sich dem Original so weit es geht anzunähern, damit es sein eigenes Urteil fällen kann. Jede freie Synchro nimmt ihm diese Möglichkeit und ersetzt sie durch Ideen und Ansichten der Synchron-Produzenten.
Ob dies im Einzellfall eine bessere Idee gewesen wäre, halte ich für unerheblich. Es ist einfach nicht die Aufgabe einer Eindeutschung (bewußte Spaßsynchros wie Woody Allens “Whats up Tiger Lilly” oder Steve Oedekirks “Kung Pow” lasse ich als eigene Kunstform dabei bewußt außen vor.)
Gott sei Dank ist die Hochzeit der “ulkigen Synchronisation” wohl seit Hudson Hawk endlich vorbei, was nicht bedeutet, daß sich deren Qualität seitdem nur zum besseren entwickelt hat. Aber davon mehr in der nächsten Folge von “Sprachfehler”.
In Teil 2: Sparzwänge, Akkordarbeit und der Stimm-Notstand – Synchronarbeit in Zeiten der Filmflut.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- August 18th, 2006 •
- 36 Kommentare









































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