Review

Thank you for Smoking

Standard, 23. 8. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 17 Kommentare

„That’s the beauty of argument, if you argue correctly, you’re never wrong. „

Thank you for Smoking

Originaltitel: Thank You For Smoking
Herstellungsland: USA 2005
Regie: Jason Reitman
Darsteller: Aaron Eckhart, Maria Bello, Cameron Bright, Adam Brody, Sam Elliott, Katie Holmes, David Koechner, William H. Macy, Robert Duvall, Rob Lowe

[rating:3.5]

Nick Naylor (Aaron Eckhard) ist ein Spin-Doktor, einer jener Leute die Meinungsmanipulation als Tagesgeschäft betreiben. Er ist gut in seinem Job und das ist gar nicht so einfach, denn Nick verkauft grinsend den Tod in Stäbchenform. Er ist das Sturmgewehr der Tabaklobby, das stets grinsende Pressemännchen, das dort hingeht wo es wehtut, wo er weiß das die Leute ihn hassen werden. Nick ist das egal, es ist das worin er gut ist.

Er weiß wieviele Leute jedes Jahr durchs Rauchen sterben, aber moralische Skrupel wären in seinem Job fehl am Platze. Die Zahl der Toten taugt bei ihm und seinen Stammtischfreunden des M.O.D.-Squad (Merchants of Death), zu dem außer ihm noch Lobbyisten der Alkohol- und Schußwaffenindustrie gehören, bestenfalls als spaßiges Wettstreits Argument. Im Kampf gegen die verbissen, humorlose Antiraucherliga, angeführt von Senator Ortolan K. Finistirre (Wiliam H. Macy in einem Extended-Cameo) die das Aufdrucken von Totenköpfen auf jede Zigarettenschachtel zur Pflicht erheben wollen, kann er zeigen was er drauf hat.

Hauptsächlich will er aber zusammen mit mit einem einflußreichen Hollywood-Agenten die Welt davon überzeugen, daß Rauchen cool ist und es im Film wieder positiv zu besetzen („Brad Pitt! Nackt und er bläst Rauchkringel über Angelina Jolies Körper…„). Nebenher versucht noch am Leben seines Sohns Anteil zu nehmen, für den sein Vater das große Vorbild ist, der aber bei der Mutter und ihrem neuen Freund lebt.

Schwierig wird es als militante Nichtraucher während einer Fernsehdiskussion Ankündigen Nick zu töten. Und dann ist da noch Heather Holoway, die ambitionierte Reporterin einer einflußreichen Washingtoner Zeitung, die einen Artikel über Nick schreibt und bei der investigativen Recherche nicht vor handfestem Körpereinsatz zurückschreckt…

Das Regiedebut von Ivan Reitmans Sohn, Jason Reitman ist eine witzige Komödie, die sich redlich bemüht in kleinen Stakkato-Salven Geschmacklosigkeiten abzuschießen, die zartbeseiteteren Zuschauern eventuell auf den Magen schlagen könnten. Da wird mit Opferzahlen geprahlt, Schulkinder zum Rauchen angestiftet, todkranke Menschen zum Schweigen gebracht und das alles ohne einen Hauch moralischen Bedenkens. Wahrheit ist nichts, Image ist alles.

Nick Naylor ist hip, er ist cool, er ist eine PR-Maschinengewehr, der jedem Thema eine Drehung, einen Spin verpassen kann. Denn darum geht es in „Thank you for Smoking“. Um Marketing-Strategen, Spin-Doktoren die lächelnd und mit brillianter Argumentation die Wahrheit umdrehen, Themen besetzen und diktieren und die öffentliche Meinung nach ihrem Bilde formen.

Das Nick zufällig für die Tabakindustrie arbeitet ist Zufall, dem Film geht es nicht darum die Zigarettenindustrie anzuklagen oder auch nur zu ernsthaft zu diskretieren. Seine Einstellung dazu ähnlich wie die der Rauchlobby: Letztlich weiß jeder das Rauchen tötet, die Menschen sollten die Wahl haben.

Wenn im ganzen Film (ausser in einem Ausschnitt eines John Wayne-Westerns) nicht geraucht wird, dann ist das mehr ein Gag, als eine politische Aussage. Es geht nicht um Raucher oder Nichtraucher – im Zweifel sind die Raucher in diesem Film die sympathischeren Figuren, während die Nichtraucher als Birkenstock-Schuh-tragende, verbohrte Gutmenschen und populistische Politiker dargestellt werden – es geht um die Kunst des Spinning. Die Kunst die Leute das Glauben zu machen, was man sie glauben lassen will.

Und dabei bedient sich der Film im Grunde seiner eigenen Methode. Er führt uns mit Nick und seinem M.O.D.-Squad gewandte Rhethoriker vor, die mit viel Verve und Charme ein Thema so hindrehen, daß man am Ende den Eindruck hat, sie hätten einem die Frage beantwortet die man gestellt hat.

Dabei ist subtiler Humor nicht unbedingt das Mittel der Wahl bei Reitman, er setzt seine Pointen laut und überdeutlich, überspitzt bis hin zur Farce und schafft es nebenbei geschickt sich um die eigentlichen Fragestellungen herum zu drücken. Wie nach dem Gewäsch eines Spin-Doktors, der auch genau weiß welche Knöpfe er drücken muß, erweckt der Film sehr geschickt den Eindruck wichtige Themen anzusprechen und böse Attacken zu fahren, wo er oft nur geschmacklose Scherze zum Selbstzweck benutzt, um besonders frech zu wirken.

Ein wenig kann man Thank you for Smoking mit „Lords of War“ vergleichen, der ebenfalls eine zutiefst amoralische Person in den Mittelpunkt stellte, ein Sperrfeuer aus geschmacklosen Scherzen abschoß, um dann die eigentliche Thematik im Geschütznebel aus den Augen zu verlieren, dabei aber den Eindruck zu vermitteln er sei dem Thema treu geblieben. Wobei man zur Verteidigung von „Thank you…“ sagen muß, daß er zum einen wesentlich besser gespielt ist, den charismatischeren Hauptdarsteller besitzt, die Witze unterhaltsamer, intelligenter und nicht ganz so platt sind wie bei „Lords of War“ und er ein paar Stellen hat, die wirklich nett geschrieben sind.
Zudem versucht er nicht so oft seinen fehlenden Tiefgang mit optischen Sperenzchen zu kaschieren.

Filmisch ist er eher konventionell, nicht langweilig, aber auch nicht grade durch eine ausgefeilte Bildsprache auffällig. Ein paar nette Ideen hat er jedoch schon aufzubieten, etwa wenn man die täglichen Todeszahlen durchs Rauchen als kleine Animation verdeutlicht oder Nick im Geiste pitoreske Werbetableaus der meistgehassten Berufsgruppen, wie Robbenschlächter, Regenwaldabholzer u.ä. entwirft. Man langweilt sich nicht beim Angucken.

Das liegt an den knackig geschriebenen Dialogen und den gut aufgelegten Darstellern, allen vorran dem bislang eher in Nebenrollen bekannt gewordenen Aaron Eckhart (der in Erin Bronkovich den warmherzigen Biker-Freund der Titelheldin mit viel raubauzigem Charme spielte). Eckhart schafft es mit einnehmendem Dauergrinsen die perfekte Karikatur eines PR-Yuppies zu geben, der seinen Job eben macht, weil er ihn gut kann. Er ist kein schlechter Mensch, nur jemand ohne moralische Bedenken, so die Botschaft des Films.
Ihm zur Seite stehen erfahrene Akteure wie Robert Duvall, Matt Dillon und William H. Macy (alle in erweiterten Cameo-Rollen) sowie Marie Bello und Cameron Bright als Ex-Frau und Sohn von Naylor. Über Katie Holmes als Reporterin kann man sagen.. das sie zumindest nicht stört.

Der Film ist gut konsumierbar, gut geskriptet, sehr schön gespielt, die Musik ist passend, der Vorspann ausgesprochen originell gestaltet, die Witze sitzen und die Regie hat soweit auch alles im Griff. Solange der Film läuft, fühlte ich mich durchaus gut unterhalten.

Schwierig wurde es erst, als ich beim Abspann anfing über alles nachzudenken. Denn die Crux ist, der Film will ja keine Komödie sein. Er will wie das (über 10 Jahre alte) Buch von Christopher Buckley auf dem er basiert, eine Satire sein, etwas Aussagen, dem Zuschauer etwas mitgeben.
Nicht unbedingt über das Rauchen, denn ob die Zahlen die dort erwähnt werden stimmen oder nicht, sei mal dahingestellt, aber er will etwas über das Business der Meinungsmacher sagen, darüber wie Spin-Doktoren die öffentliche Wahrnehmung beeinflussen.

Und an der Stelle wird es schwierig. Fast war ich gehalten mit dem klassischen Burger-King-Commercial zu fragen: „Where is the beef?“ – Was verkündet der Film denn nun tatsächlich? Was kann man als neue Erkenntnis mitnehmen, welche Denkanstöße, welche Ideen?

Als Satire muß man, auch wenn man zuspitzt im Kern wahrhaftig bleiben, man muß die Wahrheiten herausarbeiten und verdeutlichen. Wenn man sich zusehr dem Bereich der Farce annähert, läuft man Gefahr, daß die Zuschauer nichts mehr wirklich ernst nehmen. Wenn so sehr übertrieben wird, daß alles absurd erscheint und völlig überzeichnet, dann wird der Zuschauer eher gehalten sein, auch den wahren Kern als überdrehten Spaß abzutun.

Nick Naylor und seine Freunde sind keine glaubhaften Personen, ihr Auftreten und Handeln sind viel zu simpel. comichaft und offensichtlich, seine Gegner viel zu dumm. Alles ist irgendwie eher die Karikatur eines Klischees, als wiedererkennbare Wirklichkeit.

Was immer über Spin-Doktoring im Film gezeigt wird, es gibt nur wenige wahrhaftige Momente, die einem als „JA! Nagel auf den Kopf getroffen“ erscheinen – oft lacht man eher, weil die Personen so überzeichnete Grotesken sind, das klar ist: „Die Realität sieht ganz anders aus.“

Klar es ist lustig wenn die M.O.D.-Squad am Tisch sitzt und rumprahlt wer die meisten Menschen ermordet mit seinen Produkten, klar es ist witzig wenn Nick Naylor in der Schule seines Sohnes ein 10jr Mädchen an die Wand diskutiert um danach Zigaretten zu promoten, ja wir sehen unsere Puttchen Brammel Vorurteile von Hollywood bestätigt, wenn Nick sich mit Rob Lowe trifft, der jedes Klischee über abgehobene, esoteriosche Exzentriker erfüllt und ja es ist abgedreht wenn Nick auf offener Straße von militanten Nichtrauchern gekidnapped und mit Nikotinpflastern beklebt wird – aber es ist immer ein Hauch zuviel.

Wer je mit Marketingmenschen zu tun hatte, mit Wahlkampfprofis und Werbern oder auch nur eine Dokumentation wie D.A. Pennebakers „The War Room“ gesehen hat, weiß, daß diese wesentlich geschickter und subtiler vorgehen, als dies hier gezeigt wird. Die ehrenwerte Gesellschaft muß keine pubertären Schwanzvergleiche mit Todeszahlen austragen, sie haben elegantere Wege die Wahrheit zu formulieren. Auch untereinander.

Bob Roberts“ oder „Wag the Dog“ vermitteln tiefere Einsichten ins Spiel mit Politik und Image, in die Welt der Meinungsmache und Themen besetztens als „Thank you for Smoking“ dies letztlich tut.
Wenn man dort Komik nutzt, ist es nicht nur um einen geschmacklosen Witz zu erzählen.

Vermutlich können sich die echten Spin-Doktoren den Film ansehen und herzlich darüber amüsieren, wie platt und simpel sie hier verharmlost werden.

Der Versuch die Beziehung Nicks zu seinem Sohn, um den er sich redlich bemüht und dem er, in einigen der unterhaltsamsten Momenten des Films, ein paar rhethorische Kniffe beibringt, als moralisches Gegengewicht zu etablieren bleibt letztlich erstaunlich flach. Ja Nick hat wie Cage in Lords of War auch ein Privatleben, ihm sind nicht alle Menschen egal, aber letztlich sind das keine Elemente die die Story voranbringen oder wirklich eine Aussage formulieren. Weder werden die Charaktere dadurch glaubwürdiger und menschlicher, noch helfen sie der Satire etwas zu enthüllen, was man vorher nicht wusste.

Wenn Lords of War einen nach seiner Laufzeit im wesentlichen mit der Aussage: „Waffenhändler sind ganz schön gewissenlose Burschen, denen es egal ist wer sich wie mit ihren Waffen umbringt. Sie haben keine Skrupel und verkaufen an jeden der zahlt.“ zurücklässt ohne das ganze wesentlich differenzierter aufzufächern, so belässt es „Thank you…“ dabei zu sagen: „Im Lobby-Business wird ganz schön viel gelogen und Spin-Doktoren manipulieren die öffentliche Meinung.“ Nicht grad eine sehr gewagte Aussage, die zudem an Biss verliert, weil man über die Laufzeit selten wirklich das Gefühl des Wiedererkennens hatte.

Wie gefährlich Lobbyismus ist, wie einflußreich Meinungsmacher sein können, das kann man schön in Dokumentationen wie „Why we fight„, „The Corporation“ oder wirklich gelungenen Satiren wie „Network“ sehen, der 30 Jahre nach seiner Entstehung immer noch viele Momente hat die genau ins Schwarze treffen.

Reitman, verpasst diese Chance leider und liefert nur einen handwerklich sehr sauberen, ausgesprochen unterhaltsamen, aber inhaltlich doch eher handzahmen Film ab, der nicht halb so satirisch ist, wie er selber glaubt und dem Publikum glauben machen möchte.

Als Komödie und nette, freche Unterhaltung durchaus empfehlenswert, alleine der wirklich guten Besetzung wegen, bleibt „Thank you for Smoking“ als Satire nur Zweitklassig.

Oder wie es der Austin Chronicle formulierte:

What could have been the cinematic equivalent of a rapier’s tip held to the pulsing jugular of the “Unholy Three” – the alcohol, tobacco, and firearms lobbies – is instead a snarkily playful little comedy that gets so wrapped up in its own barbed witticisms that it fails to land even the lightest sucker-punches on the black, bleak big business institutions it aims to skewer.

PS: Die deutsche Synchronisation ist auch bei passender stimmlicher Besetzung nur ein gemischtes Vergnügen, scheint sie doch eher oberflächlich und etwas unsauber zu sein.

Zum Beispiel wurde der Satz James Duvalls: „“I was in Korea shooting Chinese in 1952. Now they’re our best customers. Next time we won’t have to shoot so many of them.“

übersetzt mit: „1952 war ich in Korea und hab Chinesen erschossen. Heute sind das unsere besten Kunden. Hätte wohl besser nicht soviele abknallen sollen..“

und aus dem M.O.D.-Squad, den Merchants of Death wird mal eben ein T.A.G.-Team, für Tod aber Gut, gemacht. Mhm….

Das Buch „Danke, dass Sie hier rauchen“ bei Amazon bestellen.

…oder „Thank You for Smoking“ lieber im Original lesen?

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17 Kommentare

  • Reply Binding 23. 8. 2006 at 15:46

    Den habe ich auch bereits gesehen – und mich dabei ziemlich intelligent unterhalten gefühlt! Dasselbe galt übrigens für „Lord of War“ (ohne „s“!), der tatsächlich viele Parallelen zu „Thank you for Smoking“ hat.

    Ich finde, Batz geht viel zu streng mit beiden Filmen um! Besser machen kann man es ja fast immer, und der Vergleich mit Dokumentarfilmen ist schlicht ungerecht – denn das sind ja bebilderte Recherchen zu einem bestimmten Thema, das sie dann im Idealfall umfassend und kritisch darstellen.

    Wir haben es bei den beiden Spielfilmen aber mit Hollywood-Unterhaltungsprodukten für den Massenmarkt zu tun, die das gar nicht leisten können, was Dokus machen. Und ich bin ehrlich gesagt wirklich immer froh über alles aus Hollywood, was wenigstens ein bisschen weiter als solider Durchschnitt geht und auch Themen anprangert – denn das ist ja normalerweise nicht der Fall. Also haben solche Filme dann bei mir automatisch schonmal einen Bonuspunkt mehr.

    Bei den beiden konkreten Beispielen ist es natürlich immer auch eine Gratwanderung zwischen Kritik am Thema und Ausbeutung desselben zu Unterhaltungszwecken. Aber hey – so funktioniert nunmal Kino, und es steckt jedenfalls viel, viel mehr Grips und Mut drin, als man von so etwas erwarten kann. Und deswegen sind das für mich zwei der besten und wichtigsten Hollywood-Filme dieses Jahres.

  • Reply Batzman 23. 8. 2006 at 16:02

    Ich gebe dem Film weil er gute Unterhaltung ist immerhin 3.5 Punkte.

    Für eine Satire oder eine Auseinandersetzung mit einem Thema genügt es mir dennoch nicht, einfach ein paar „kesse witze“ zu machen, wenn die Aussagen des Films nicht wirklich über den Witz hinausgehen. Und ich vergleiche ja nun nicht nur mit Dokumentarfilmen, sondern auch mit Spielfilmen.

    „Syrianna“ oder „Good Night and good luck“ gehen in der Bearbeitung ihres Themas wesentlich gewissenhafter vor und schaffen es mehr abzuliefern, als reine Unterhaltung und dem Publikum nach dem Munde zu reden, damit es sich „smart“ vorkommt.

    Was an Lord of War wichtig sein soll, leuchtet mir bis heute nicht ein. Hat vor dem Film wirklich jemand gedacht, Waffenhändler wären sympathische Philanthropen denen ihr Gewissen über alles geht? Sowohl „Thank you“ als auch „Lords“ vergessen es bei ihren Themen auf den großen Zusammenhang hinzuweisen und personalisieren ihre Stories viel zu stark, als das man sie wirklich ernst nehmen könnte.

  • Reply Binding 23. 8. 2006 at 18:39

    „Lord of War“ ist halt ziemlich zynisch. Aber allein die Anfangssequenz mit dem Lebenszyklus einer Patrone (subjektive Kamera!!!) und das SlowMo-MG-Geballere zu Kassenklingelgeräuschen sind doch künstlerisch genial gemacht und auch megakritisch – von der Aussage her. Und auch die Schlusseinblendung, dass die größten Waffenverdiener die westlichen Demokratien sind, redet doch zumindest Tacheles. Also ich weiß echt nicht.

    Das mit dem zu starken Personalisieren der Geschichten ist natürlich der Tribut des Films an den Mainstream – sonst folgt ja kein normaler Kinogänger dieser Geschichte. Was das Thema des Films betrifft, geht es letztlich dennoch nur oberflächlich um die Waffenhändler, darunter aber werden doch die üblen Mechanismen des Waffenhandels an sich gebrandmarkt. Amnesty International hat den Film jedenfalls gelobt – und ich finde: absolut zurecht.

  • Reply Batzman 23. 8. 2006 at 19:30

    Das Intro von Lords of War ist ein zynischer Gag, aber eigentlich nicht mehr. Der Film verteilt Allgemeinplätze und kommt für meinen Geschmack nicht aus dieser „sich selbst wahnsinnig cool finden“-Ecke heraus.

    Was du anführst sind eben genau die Gags, die ich in meinem Review auch anführe. Es sind geschmacklose Quips, die immer um dieselben zwei-drei Aussagen kreisen ohne wirklich was neues zu verkünden.

    Sicher man kann jedes Thema so bearbeiten, man könnte dem US-Imperialismus dadurch illustrieren, das man zeigt wie Uncle Sam die Regierungschefs anderer Länder mit einem Pimmel in den farben rot-weiß-blau fickt, aber wenn Variationen dieses Scherzes auf 90 Minuten dehnt, komtm am Ende dennoch nicht mehr Inhalt bei rum.

    -Waffenhändler sind keine netten Menschen? Ach was?

    -Westliche Länder verdienen am meisten am Waffenhandel – na guck mal an, ich dachte Bangladesh wäre auf dem Gebiet führend.

    -In kapitalistischen Ländern hergestellte Waffen werden von Kindersoldaten in 3.Welt-Ländern verballert. Na schau einer an…

    Was die Aussage des Films angeht: Er hat find ich fast weniger Inhalt als dieser Amnesty- Werbespot
    http://www.protectthehuman.com/teleshop/guns/
    Nur das er anderthalb Stunden dafür braucht.
    Natürlich freut sich Amnesty, wenn ein Film Öffentlichkeit herstellt, aber es ist ein Unterschied ob man einen Film dafür lobt, oder dafür, daß er wirklich gut ist.

    Nochmal: Gags die nur um ihrer selbst wissen gemacht werden, finde ich egal wie spektakulär sie optisch umgesetzt werden, ziemlich lahm.

    Schönes Zitat:

    „Niccol, whose previous writer-director efforts include „Gattaca“ and who wrote „The Truman Show,“ intends Yuri to be a compelling scoundrel, troubling in ethical terms but lively and blackly amusing screen company. He is, up to a point. A portrait such as this should trade guns for a stiletto at a crucial juncture, sticking it to the audience good and proper. That never happens here. The film is morally unsettling on its surface, and then you realize the surface is all you’re going to get.“

    http://metromix.chicagotribune.com/movies/mmx-050916-movies-review-lord,0,5322398.story

    Die Erwähnung der beiden anderen Filme von Niccol find ich in dem Zusammenhang sehr treffend, weil sie genau dieselben Probleme haben. Sie sind an der oberfläche „Irgendwie kritisch und stylish“ und das wars dann auch.

  • Reply Binding 23. 8. 2006 at 22:56

    Da treffen dann wohl verschiedene Welten aufeinander, denn „Gattaca“ ist meiner Meinung nach einer der besten und wichtigsten Science-Fiction-Filme der letzten Jahre, und „Die Truman-Show“ ist eben nicht auch gerade ungenial, würde ich mal sagen.

    Aber mal ehrlich: Der normale Standard-Kinogänger macht sich doch keine Gedanken über Waffenhandel – geschweige denn, wer darunter leidet oder davon profitiert. Es geht doch darum, dass auch die BILD-Leser durch solche (relativ bis ziemlich niveauvollen) Filme mal ein bisschen kritisch nachdenken und auf solche Sachen gestoßen werden!

  • Reply Batzman 23. 8. 2006 at 23:31

    Es ist fast 200 Jahre her, seit ich Gattaca damals gesehen habe, aber ich erinnere mich noch dran, das seine Aussage zumindest fragwürdig war. Denn er plädoyiert im Rahmen der Handlung nicht dafür Leute zu akzeptieren die anders und nicht genetisch perfektioniert sind, sondern zeigt, daß sie dann akzeptiert werden wenn sie genausogut, bzw. Besser sind als die „perfekten Bürger“.

    Welche Botschaft schickt das an die Leute die nicht perfekt sind und nicht durch übermässige Leistung diesen genetischen Makel ausgleichen können? Letztlich wird in Gattaca doch auch nur Survival of the Best propagiert, was mit Akzeptanz nicht soviel zu tun hat.

    Erinnerte mich damals etwas an die Emanzipationsdiskussion, daß eine Frau in Führungspositionen immer besser sein muß als Männer, damit man ihr den Makel des Weiblichen verzeiht.

    Und Truman-Show ist einer von sehr vielen Filmen die als filmische Anklage eines System beginnen, um am Ende den Schwanz einzukneifen und zu sagen: „Es liegt ja nicht am System, es liegt an bösen Einzelpersonen.“ Bei Truman-Show ist es am Ende der Regisseur, bei Outbreak ist es der böse Oberst, beim (sehr spannenden und geil gespielten) A few good men ist es Jack Nicholson. Die Liste könnte sicher noch lange fortgesetzt werden.

    Ich find es immer sehr bedauerlich, wenn diese Filme am Ende eine feige Ausflucht wählen und nicht sagen, daß etwas grundsätzlich falsch läuft, sondern irgendjemand zum Bösewicht stempeln und damit suggerieren, daß Problem wäre nicht das System sondern die Person. Und es würde besser, wenn diese Person nicht mehr da ist.

    Bei Truman-Show werden nicht gewisse mediale Konzepte als Ganzes hinterfragt, dazu ist das Szenario auch viel zu surreal, es wird zum Duell zwischen Truman und dem Regisseur und damit letztlich belanglos auf inhaltlicher Ebene. Wo Network oder Talk Radio sich wirklich mit dem Thema Voyerismus beschäftigen, ist die Truman-Show solide Unterhaltung, mit aufgesetztem Anspruch, aber ohne Tiefgang.

    Und wenn ich Filme zukünftig daran messen soll, ob BILD-Zeitungs-Leser dadurch neue Erkenntnisse gewinnen, dann kann man es auch gleich lassen. Dann liegt die Niveau-Latte auf Knöchelhöhe, denn ich glaube es gehört nicht soviel dazu vielen BILD-Lesern ein „Oh da hab ich ja noch nie drüber nachgedacht“ zu entlocken.

    Dazu muß man sie morgens nur mal fragen ob sie statt ner Wurschtsemmel, ein Mehrkornbrötchen wollen.

  • Reply Binding 24. 8. 2006 at 0:14

    Sei doch nicht immer so elitär und ultrasuperhyperkritisch, Menno! ;-)

    Du hast ja größtenteils recht. Aber erstens provoziere ich halt immer ganz gerne, und zweitens gibt es doch auch nicht nur die Extrempole, sondern tausendfache Schattierungen zwischen gut und schlecht. Und ein bisschen Tendenz in Richtung gut ist doch immer sooooviel mehr Wert als ein bisschen Tendenz in Richtung schlecht!

  • Reply Batzman 24. 8. 2006 at 2:40

    “That’s the beauty of argument, if you argue correctly, you’re never wrong. “ ;)

    Womit wir wieder bei „Thank you…“ wären.

  • Reply Binding 24. 8. 2006 at 12:29

    Okay, jetzt bist Du entlarvt! ;-)

    Thank you … for joking! ;-)

  • Reply ukzg 29. 8. 2006 at 14:24

    Die Kreativität wird doch schon im Film indirekt angesprochen: Daß Zigaretten ungesund / Politiker nur auf Stimmen aus / Werbefrotzen Lügner sind, weiß wirklich jeder. Zu dem Thema gibt’s einfach nichts neues.
    Durch die karikaturistische Überzeichnung der Figuren (speziell Seantor Finistirre als tabaklobbyistenhassender Sandalenträger, und der „Captain“ als maiföser Zigarettentycoon) wird klar, daß bei der aktuellen Rauchverbots-Debatte jeder eigene Ziele hat, die mit der Volksgesundheit nichts zu tun haben. Die Argumente beider Seiten lassen sich eben immer auf eine einfache Tatsache zurückführen: „Rauchen tötet“ gegen „Is doch n freies Land hier“. Da mit dieser Grundlage ein Kompromiss unmöglich ist, wird eben um die Bedeutung von Tabakrauch für echte Kneipenatmospähre gestritten oder sonstwie abgelenkt.

  • Reply F5 - Die Fünf Filmfreunde 31. 8. 2006 at 13:50

    […] kostenloser Counter […]

  • Reply Graffi 6. 9. 2006 at 11:34

    „die lächelnd und mit brillianter Argumentation die Wahrheit umdrehen“ – Mich hat an dem Film gestört, dass die meisten Argumentationen nicht mal ansatzweise brilliant sondern größtenteils aus sog. Fallacies bestehen, die man mal eben Ratzfatz widerlegen kann, wenn man sich ein bisschen mit Rhetorik beschäftigt. Nick wurde nur kein ernsthafter Gegner gegenübergestellt, denn dann wäre der Film so auch nicht möglich gewesen.

  • Reply ricky bobby 17. 1. 2007 at 1:47

    Irgendwie frage ich mich auch was der Film vermitteln will. Anfangs kommt so ne Art „Michael Moore-Stil“ auf, ein paar Zahlen werden hin und hergeschmissen und lustige Zwischenbilder gezeigt…dann gehts um Massenmanipulation, ein echt neues Thema…

    Besonders das Ende hinterlässt einen Nachgeschmack den ich nicht erwartet hätte. Der Film deckt nichts auf, er karikiert die Realität in einer fast verharmlosenden Art und Weise. Ist ja alles gar nicht so schlimm und selbst die größten Manipulierer sind auch nur Menschen…ne danke.

  • Reply markus 20. 12. 2007 at 22:50

    batzmann, ich finde, im film müssen die lobbyisten eben etwas direkter sein, damit es auffällt. ansonsten wäre es ja wie in der realität…keiner würde es mitkriegen!!!

  • Reply F5 — Juno 25. 3. 2008 at 0:06

    […] dem witzigen, aber auch etwas oberflächlichen “Thank you for smoking” liefert Jason Reitman mit Juno einen sehr viel runderen Film ab, der eigentlich alles […]

  • Reply BatzLog - Noch etwas Salz? » Letztes Lichtspiel: Juno 25. 3. 2008 at 10:56

    […] dem witzigen, aber auch etwas oberflächlichen “Thank you for smoking” liefert Jason Reitman mit Juno einen sehr viel runderen Film ab, der eigentlich alles […]

  • Reply Up in the Air (Review) | Die Fünf Filmfreunde 4. 2. 2010 at 1:55

    […] sie sich regelmäßig den Anschein irgendwie doch ein wichtiges Thema zu umkreisen. Bei “Thank you for smoking” war es die dubiose Welt der Spin-Doctors, bei “Juno” ging es um […]

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