“Ich bin die beste Nase von Paris”
Originaltitel: Parfüm – Die Geschichte eines Mörders, Das
Herstellungsland: Deutschland / Frankreich / Spanien 2006
Regie: Tom Tykwer
Darsteller: Ben Whishaw, Dustin Hoffman, Alan Rickman, Rachel Hurd-Wood






Jean-Baptiste Grenouille (Ben Wishaw), auf die Welt gekommen auf einem Fischmarkt, aufgewachsen in Waisenhäusern ist eine bizarre Person. Als Grenzautist verfügt er über keine wirkliche Persönlichkeit, keine Eigenschaften und Interessen. Außer der einen: Er nimmt Gerüche intensiver wahr als irgendein anderer Mensch auf der Welt. Schon von kleinauf bestimmen Gerüche sein Leben, sind sein einziger Lebensantrieb. Kein Wunder, daß es ihn in die Dienste des abgewrackten, einstigen Star-Parfümeurs Guiseppe Baldini (Dustin Hoffman) zieht, der ihm die Kunst der Duftkonservierung beibringen soll.
Schon bald machen Grenouilles Fertigkeiten, die er mit stoischer Perfektion betreibt, Baldini wieder zum Star. Doch diesen treibt es weiter, das Wissen Baldinis reicht ihm nicht, er will alles über die Parfümeurs-Kunst erfahren und zieht ihn die kleine Ortschaft Grasse, um bei den dortigen Duft-Virtuosen endlich seinen Traum verwirklichen zu können: Den perfekten Duft zu kreieren.
In seiner Besessenheit ungewöhnliche Duftkomponten zu finden schreckt Grenoille vor nichts zurück und schon bald schockiert eine grausame Mordserie die Stadt…
Süsskinds Roman ist weniger ein literarisches, denn ein popkulturelles Phänomen, hat sich doch die Geschichte um den derangierten Schnüffelautisten Grenouille seit ihrem Erscheinen millionenmal verkauft, galt jahrelang als must-read und inspirierte Künstler wie Kurt Cobain zu eigenen werken (Nirvanas Song “Scentless Apprentice” ist deutlich vom Roman beeinflusst). Zeitweilig konnte man kaum ein Bücherregal kaufen, ohne daß einem eine Ausgabe von “Das Parfüm” mit dazugegeben wurde, was das Buch zu einem ähnlichen Massenereignis machte wie “Sophies Welt“, “Der Medicus” oder “Die Säulen der Erde“. Egal wo man hinkam, das Parfüm war schon da.
Wahrscheinlich einer der Gründe, warum ich den Roman bis heute nicht gelesen habe und deswegen auch keine elaborierten Vergleiche anstellen werde, noch beurteilen kann, ob es sich um eine gelungene Romanumsetzung handelt. Dem Vernehmen nach, wurde die Hauptfigur für den Film um einiges geschönt und gesoftet, ein längerer Exkurs der Grenouille in einer anderen Stadt zeigt, ehe er nach Grasse kommt rausgekürzt, aber sei es drum. Hier soll es darum gehen, ob der Film als solches gelungen ist.
Was ich bejahen möchte. Ich bin sicherlich nicht die ideale Zielgruppe, da mich weder das Buch sehr interessierte, noch bin ich Fan von Kostümschinken. Aber dennoch muß ich feststellen, der Film sieht verdammt schick aus. Tykwer, Eichinger und ihr Team haben erfolgreich detailversessen ein schmuddlig-schmieriges Paris des 18Jhds wiederauferstehen lassen, daß die Kamera mit modernen Fahrten und einigen ganz schicken Computertricks lebendig werden lässt.
Nichts ist wirklich sauber, alles überzieht eine Patina aus Schmier, Sand, Dreck, Schmodder. Menschen wie Häuser und Gegenstände, in jeder Pore sitzt Dreck, was man besonders in den ausgedehnten Nahaufnahmen diverser Riechorgane immer wieder leinwandfüllend bestaunen kann. Mag mich die Story auch nicht immer gefesselt haben, aber man sieht wofür das Geld ausgegeben wurde. Dieser teuerste deutsche Film bis dato, sieht auch teuer aus. Vom Fischmarkt, über die Gassen von Paris, das Waisenhaus, die Gerberei und Baldinis Werkstatt, sowie später die grünen Hügel um Grasse, der Zauber der provencialischen Landschaften, das macht schon ordentlich was her und verdient es auf großer Leinwand gesehen zu werden.
Der Geschichte selbst merkt man die Mühe an, die drauf verwandt wurde einen unverfilmbaren Roman für die Leinwand umzusetzen. Tykwer inszeniert kleine Aroma-Pornos, viele kleine Augenblicke in denen die Handlung aussetzt und nur versucht wird die Geruchswahrnehmung Grenouills zu visualisieren. Minutenlang wird man von Nahaufnahmen von Nasen, Stoffen, Fingern, Blumen, Ratten und allerlei herumwirbelnden Zeugs bombardiert, die einen visuell in die Sinneswelt des merkwürdigen Protagonisten entführen sollen.
Was bei mir leider nur bedingt klappte. Irgendwann wünschte ich mir, die Handlung würde einfach weitergehen, was aber wohl hauptsächlich an der Person Grenouills liegt, der mich einfach nicht wirklich interessierte. Auch das natürlich ein Problem der Vorlage, den wie soll man auch Interesse wecken für einen Menschen der über keinerlei Eigenschaften verfügt, nichts interessantes sagt, keinerlei moralische Werte kennt, aber nichtmal wirklich bösartig ist.
Wenn er anfängt Leute umzubringen, dann aus Pragmatismus, weil er einen Geruch destillieren will, nicht weil er irgendeine Genugtuung dabei verspürte oder einen wirklichen elaborierten Plan verfolgen würde. Grenouille will sein Parfüm, welches ihm, den allesriechenden Geruchlosen endlich zu einem eigenen Duft verhülfe. Gerüche, Düfte sind sein einziger Antrieb, mehr gibt es für diesen Menschen nicht.
Das unlösbare Problem, wie man sich für diese Figur interessieren soll, löst der Film, selbst wenn ich annehme, daß die Figur gegenüber dem Buch schon “sympathisiert” wurde nicht wirklich. Solange nur Grenouille die Handlung vorran treibt, ertappte ich mich immer wieder dabei, wie meine Gedanken abschweiften, wie ich die technische Fertigkeit der Umsetzung anerkannte, aber gleichzeitig nicht wirklich mit dem Herzen der Story folgte. Lebendig wird der Film immer dann, wenn echte Menschen auftreten. Dustin Hoffmans kurzes Intermezzo als Baldini ist ein amüsantes, lebendiges Kleinod und man spürt den Spaß den Hoffman an der Rolle hat. Die Szene in der er entdeckt über was für eine feine Nase Grenouille verfügt ist sicherlich einer der Höhepunkte des Films. Leider verabschiedet sich Baldini schon bald aus dem Film und es dauert eine ganze Weile, die wir mit Grenouille alleine verbringen, ehe mit Alan Rickman und seiner Tochter Rachel Hurd-Wood wieder interessantere Figuren die Spielfläche betreten.
Rickman, mal in einer smypathischen Rolle, müht sich in seinen wenigen Szenen und erschafft durchaus eine liebenswerte Figur, auch wenn man ihm anmerkt, daß ihm die Texte wenig echtes Fleisch liefern an dem er sich schauspielerisch austoben kann. Rachel Hurd-Wood macht ihre Sache auch gut, wenn man bedenkt, das sie im wesentlichen hübsch und ein wenig zerbrechlich aussehen muß. Sie gibt als Grenouilles letztes Opfer jedoch eine hinreichend sympathische Figur ab, daß es einen interessiert ob sie lebt oder stirbt.
Die schwierigste Rolle des Films lastet auf den Schulter des relativen Newcomers Ben Wishaw, der den Part des Jean-Baptiste Grenouille spielt. Und er ist keine schlechte Wahl. Er sieht recht ansprechend aus, hat aber dennoch eine Aura des verstörenden die ihn wenn schon nicht optisch so doch vom Wesen her bizarr und ungesund wirken lässt. Wishaw spielt Grenouille als Mischung aus unbedarftem, unschuldig-grausamen Kind und autistischem Fetischisten, was der Figur durchaus angemessen ist.
Das ich mich trotzdem nicht um ihn geschert habe, liegt wohl tatsächlich am grundsätzlichen Problem der Geschichte. Mag ein solches Konstrukt wie Grenouille es ist, in einem Roman funktionieren, als Protagonist eines Films bleibt sie schwierig. Man kann Grenouille nicht hassen, nicht lieben. Mit einem guten Bösewicht kann man zittern, hoffen daß er geschnappt wird oder ihm die Daumen drücken, seine Pläne nachvollziehen… wenn er nur faszinierend ist. Auch mit positiven Helden mag man lieben und leiden, bangen und hoffen.
Was aber macht man mit jemandem wie Grenouille, der nicht wirklich böse ist sondern einfach kein Konzpet von böse oder gut hat. Er tüftelt an keinem teuflischen Plan, er ist lediglich ein Fetischist, ein Duft-Fetischist der alles tut um sein Ziel zu erreichen. Würde es einen bekümmern, wenn er hingerichtet würde oder auf dem Berg vom Blitz erschlagen? Wohl kaum. Interessiert es einen, was er mit seinem Allmachtsparfüm anstellen würde? Auch nicht wirklich, denn wenn man ihn erlebt hat, traut man ihm nicht zu, daß er irgendwas machen würde, das wirklich beängstigend wäre. Er hat ja keien Ambitionen, keine Meinung zu etwas, keine echten interessen, keinen sexuellen Trieb noch irgendwelche Wünsche. Er will sein Parfüm basteln und wenn er es getan hat, weiß er mit der Macht die es ihm verleiht nichts anzufangen.
Und um die meisten seiner Opfer zitterte ich auch kaum, waren sie doch allesamt keine Persönlichkeiten sondern nur Kanonenfutter, daß kaum ein-zwei Momente hatte und über die man auch kaum etwas erfuhr. Dadurch konnte man sie fast so klinisch und nüchtern betrachten wie Grenouille es tut, was der Spannung aber nicht wirklich zuträglich war. Wirklich fasznierend fand ich jedoch all jene Momente des Films, in denen es um die Kunst der Parfümherstellung ging. Die Gewinnung von Duftstoffen aus Blüten, das Destillieren von Ölen, das Experimentieren und herumprobieren bei der Zusammensetzung eines neuen Duftes, darüber hätte ich oft gerne noch mehr erfahren, derweil mich das Schicksal der Hauptfigur doch seltsam unberührt ließ.
Das Ende ist pitoresk, dezent umgesetzt und ich fühlte mich wieder an das Zielpublikum erinnert. Jene Buch-Club-Leserinnen, Bestseller-Abonnenten und Mitredenwoller, die schon “Das Schweigen der Lämmer” als ultraharten Horrorfilm empfanden. Sie werden wohl sehr gut bedient, mit dieser ausgesprochen hübsch bebilderten, edel inszenierten und bis in die Nebenrollen prominent besetzten Literaturverfilmung, die selbst Leichen noch wirklich hübsch aussehen lässt und um echte Abgründe einen großen Bogen macht.
Es sollte mit dem Teufel zugehen, wenn der Film kein Erfolg wird und eigentlich hat er es auch verdient. Einen filmischen Meilenstein haben Tykwer und Eichinger für meinen Geschmack allerdings nicht geschaffen, denn bei aller Pracht und Inszenatorischem Überschwang, vermisste ich letztlich doch ein wenig Herz in dieser merkwürdigerweise massenkompatiblen Mörderstory.
Dennoch kein schlechter Film, der sein Zielpublikum sicherlich nicht enttäuschen wird.
Das Parfum. Die Geschichte eines Mörders bei Amazon zum lesen bestellen!
Das schreiben andere: DIE ZEIT über den FILM
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- August 29th, 2006 •
- 14 Kommentare









































Pingback: thomas-matterne.de
Pingback: Geschmacksberater
Pingback: Jojos illustrierter Blog » The AXE effect - der Film.