Kombat Sechzehn

Georg: “Er hat mein Leben zerstört!”
Georgs Schwester: “Hör doch auf zu spinnen, du bist sechzehn!”

Originaltitel: Kombat Sechzehn
Herstellungsland: Deutschland 2005
Regie: Mirko Borscht
Darsteller: Florian Bartholomäi, Ludwig Trepte, Max Mauff, Sven Lubeck, Max Oelze, Falk Rockstroh

***½

Kombat Sechzehn

Georg (Florian Bartholomäi) ist sechzehn, wohnt in Frankfurt am Main, ist beliebt, hat Freunde und eine Freundin, die schwarze Jasmin (Isabelle Mbarga). Er ist engagierter Taek-Won-Do-Kämpfer, der kurz vor der Teilnahme an einem wichtigen Wettkampf steht.
Dummerweise muß sein Vater jobbedingt just zu diesem Zeitpunkt mitsamt Georg und seiner Schwester nach Frankfurt Oder ziehen.

Er soll sich dort um die Eröffnung eines neuen Einkaufszentrums kümmern. Aus seinem gewohnten Umfeld gerissen, wird Georg unmittelbar nach der Ankunft, am ersten Tag in der neuen Schule mit den sozialen Gepflogenheiten konfrontiert. Die Mitschüler wollen zuerst wissen ob er “links” oder “rechts” sei. Der Anführer einer rechten Clique, Thomas (Ludwig Trepte), fordert ihn prompt heraus, um gleich klarzustellen wer der Boss ist.
Doch Georg lässt sich nicht so schnell einschüchtern. Dank seines Kampfsport-Trainings kann er sich gegen Thomas und dessen Handlanger Reiko (Maximilian Oelze) und Phillip (Max Mauf) zur Wehr setzen.
Das selbstbewusste, sowie schlagkräftige Auftreten Georgs, nötigt Thomas Respekt ab, der ihn als willkommene Bereicherung seiner “Gang” ansieht und anfängt um dessen Freundschaft zu buhlen. Georg reagiert anfangs noch abweisend, will mit den “Nazis” nichts zu tun haben.

Als er feststellt, daß sein Vater ihn bei seinem Taekwando-Verein abgemeldet hat, ohne mit ihm darüber zu reden, er nicht mehr beim Wettkampf antreten kann, brennen bei ihm die Sicherungen durch. Es kommt zum Eklat. Georg flüchtet nach Frankfurt am Main und sucht Hilfe bei seiner Freundin. Doch auch dort haben sich die Dinge geändert, auch dort gibt es für ihn keine Heimat mehr… In verzweifeltem Frust kehrt er nach FFO zurück, wo ihn Thomas und dessen Freunde mit offenen Armen empfangen…

Mit Kombat Sechzehn kam 2005, nach Oi! Warning und Führer Ex ein weiterer Film daher, der sich mit dem beliebten Thema “Jugendgewalt und Neonazi-Szene” auseinandersetzt. Wie unzählige TV-Filme und Kinofilme zuvor will er natürlich warnen und die Folgen aufzeigen. Aber nicht nur.

Was Mirko Borschts Spielfilmdebut von anderen Werken abhebt, ist der unverkrampfte und durchweg den Regeln des Unterhaltungskinos folgende Ansatz mit dem er dabei zu Werke geht.
Borscht der “Kombat Sechzehn” auch schonmal als Teenie-Bopper-Film bezeichnet, weiß genau, daß man die Zielgruppe die die Thematik angeht eher über das Gefühl packt, denn über verkopften deutschen Betroffenheitsfilm.
Wo viele Werke daran leiden, depressive Übungen in Schwermut oder Arthauskino für Cineasten zu sein, setzt Borscht auf starke Bilder, große Gefühle und rasanten Ablauf.

Was mir zunächst auffiel, als ich den Film (der als Co-Produktion mit dem ZDF entstand und deutlich unter einer Million Euro gekostet hat) erstmals im Fernsehen sah, war die optische Wucht mit der da Bilder gezeigt wurden, die sich weigerten den klassischen deutschen Fernsehnormen zu entsprechen, die alles in Nahaufnahmen und Kammerspieloptik zerlegt.

“Kombat Sechzehn” lebt von seinen starken Bildern, an asiatisches Kino erinnernde Tableaus, z.T. riefenstahlesken Totalen, die mit kraftvollen Symbolen arbeiten und den Film optisch weit über das Einerlei herausheben, das man von deutschen Film zu oft geboten bekommt. Da inszeniert einer, dem es trotz einer ernsthaften Story auch um Spaß am Kino geht. Bilder die Emotionen erzeugen und nachfühlbar machen.

“Kein Jugendlicher trifft die bewusste, politische Entscheidung: Ich bin jetzt rechts, das läuft auf einer viel diffuseren emotionalen Schiene…”, erklärt Borscht seine Herangehensweise.

Diese Emotionalität, Georgs Suche nach Zugehörigkeit, die erstmal nichts mit ausformulierter Ideologie zu tun hat, macht der Film in einer Schlüsselszene sehr nachvollziehbar. Unter dem eingängig, wie erschreckend aufpeitschendem Song “Unsterblich – gefallener Kamerad” (der extra für den Film komponiert wurde und bewußt auf dem Soundtrack nicht enthalten ist) rasiert sich Georg mit einer Spiegelscherbe die Haare, nachdem ihn seine Freudin verraten hat. Betrunken und blutverschmiert, findet er (und für den Moment auch der Zuschauer) Aufnahme und Gemeinschaftsgefühl bei seinen “wahren Freunden” – Thomas und seiner Clique.

Dieser Moment – der später mit einer einer unglaublich brutalen Szene konterkariert wird – ist eine bildgewaltige und sehr clevere Umsetzung von Georgs Denken und Fühlen. Teenager, neigen dazu, sich als Mittelpunkt der Welt zu begreifen und schwelgen liebend gerne in Pathos und melodramtischer Selbstinszenierung.
Die Art wie Georg seine Wut und Trauer über den “Verrat” umsetzt, durch Selbstverstümmelung mit der Brachial-Rasur und Verbrüderung mit den Neonazis (die ihm bis auf Thomas eher suspekt sind), ist für jeden der einmal jung war oder es noch ist nachvollziehbar. Teenagergefühle sind groß, übermächtig und plakativ und haben wenig mit Reflexion zu tun.

Um so deutlicher der Schock, wenn dasselbe Lied später noch einmal eingesetzt wird, im Showdown in dem beide Protagonisten, Georg wie Thomas, begreifen müssen, daß es keinen Flirt mit dem Rechten gibt der wirklich unschuldig ist.

Borscht, der selbst aus Ostdeutschland kommt und am Beispiel seines jüngeren Bruder miterleben durfte, wie leicht es ist in die Rechte Szene abzudriften, weiß wovon er erzählt und kann Kritikern die ihm klischeehaftes Ost-Bashing vorwerfen, eigenes Erleben und seine Recherche entgegenhalten. Wenn beim Dreh des Films, mitten in Frankfurt Oder trotz (gespielten) Schlägereien und lauten Hilferufen keiner eingreift oder nachfragt, die Menschen sich damit arangiert haben und weggucken, dann ist die Realität härter, als daß was im Film gezeigt wird.

Dennoch funktioniert “Kombat Sechzehn” nicht nur als warnende Moralfabel auf die Verführung durch rechtes Gedankengut, sondern ist nicht zuletzt auch eine Geschichte um Freundschaft, jenseits allen Kameradengebrülls. Versucht Thomas am Anfang Georg zu gewinnen sich seiner rechten Truppe anzuschließen, ist er es schließlich der durch Thomas Freundschaft “verführt” wird, die ihn erkennen läßt, daß er mit Georg intellektuell sehr viel mehr gemein hat, als mit seinen Jugendfreunden. Das er weitergehen muß, will er nicht mit ihnen untergehen.

Diese Ebene des Films funktioniert auch losgelöst von Neonazi-Kontext, denn letztlich machen die meisten Menschen die Erfahrung, daß sie sich irgendwann entscheiden müssen zwischen alten Freunden und den Menschen die sie wirklich weiterbringen, die ihnen Paroli bieten können.
Thomas, der von Ludwig Trepte mit beeindruckender Präsenz gespielt wird (und damit schnell zum ebenbürtigen zweiten Hauptdarsteller des Films wird) ist intelligent, was ihn schnell um Anführer seiner kleinen Nazi-Gang machte. Aber erst durch Georg merkt er, wie wenig ihne seine Freunde fordern, wie sehr sie ihn letztlich davon abhalten sich weiterzuentwickeln. Ein intellektuell herausfordernder Gegner ist allemal spannender, als ein dummer Freund, der einem nur nach dem Munde redet.
Das sich die Freundschaft zwischen Georg und Thomas, je nach Zuschauer sowohl als geistige Verbindung zweier Ebenbürtiger, wie auch als unterschwellig homo-erotische Anziehung lesen läßt, ohne das eine der beiden Lesarten zwingend wirkt, erhöht die Identifikationsflächen auch und grade für jugendliche Zuschauer, die oft selbst noch auf der Suche nach ihrer Identität sind.

Die durchaus selbstironisch eingestreuten Martial Arts-Momente, die nicht explizit aber unterbewusst klassische Teenie-Selbstfindungsfilme wie “Karate Kid” und die Tradition der Asia-Kampfkunstfilme zitieren, sowie der symbolische Vorhang, der den Film am Ende beschließt und damit deutlich als Werk der Fiktion kennzeichnet, das überhöht und kondensiert echte Probleme aufgreift, aber eben keine 1:1 Abbild der Realität sein will, fügen sich doch zu einem stimmigen Ganzen, daß wohl näher an seiner Zielgruppe dran ist, als viele psychologisierendere, tiefergehende Werke, die ob ihrer Machart Jugendlichen wohl eher ein Gähnen entlocken.

Wo “Oi! Warning” nicht unbedingt realistischer, aber arthausiger ein ähnliches Thema bearbeitet, steht Borschts-Film dazu Mainstream zu sein und sich selbstwusst dessen Mitteln zu bedienen.

Viellleicht einer der Gründe, warum manche Kritiker sich mit dem Werk schwertaten und es vorschnell als belanglos, klischeehaft oder gar gewaltverherrlichend abtaten. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat die Machart und Intentionen des Films eher erkannt, und bietet sogar unterrichtesbegleitendes Material zu Kombat Sechzehn an. Auf einer Tour durch verschiedene Schulen, konnte der Regisseur selbst feststellen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung von Jugendlichen und Erwachsenen bezüglich des Films ist, wieviel Diskussionsbedarf bei der Zielgruppe bestand und wieviele keinerlei Probleme damit hatten, zu verstehen worum es eigentlich ging.

Natürlich ist “Kombat Sechzehn” ist nicht perfekt, es gibt Szenen die besser funktionieren als andere, einige Figuren und Handlungsstränge kommen etwas zu kurz, einige Entwicklungen gehen arg schnell. Das ist zum Teil im Konzept begründet, das den Film konsequent auf Georgs Wahrnehmung eingrenzt, was der Sicht eines typischen Teenagers durchaus entsprechen dürfte, aber auch dazu führt, das manches etwas sprunghaft wirkt.

Nichtsdestotrotz ist er ein überraschender, optisch beeindruckender und schauspielerisch überdurchschnittlicher deutscher Film, der sich hinter vergleichbaren US-Produktionen und auch wesentlich teureren deutschen Filmen nicht verstecken braucht. Thomas-Darsteller Ludwig Trepte, der seither schon fünf weitere Filme gedreht hat, scheint gut beschäftigt zu sein und ist eindeutig ein Gesicht, daß man sich merken sollte.

+++

DVD-Bewertung
***½

Kombat Sechzehn” ist als Special-Edition auf DVD erschienen, die neben dem Film samt zweier informativer (wenn auch die ersten zehn minuten etwas zähen) Audiokommentaren auch Deleted Scenes, ein Making-Of, die Featurette “Ganz normal Rechtsradikal”, Trailer, Interview sowie Mirko Borschts Kurzfilm “Bastard” enthält.

Als Themen-Special gibt es hier demnächst ein Interview mit dem Regisseur Mirko Borscht, in dem er mehr zu den Dreharbeiten, seinen Erfahrungen mit rechten Jugendlichen im Osten, der Erotik der Gewalt im Film und den Problemen einer Low-Budget-Produktion erzählt.

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3 Kommentare

  1. “Kein Jugendlicher trifft die bewusste, politische Entscheidung: Ich bin jetzt rechts”
    Also, das kenne ich anders… “rechts” und “links” sind mit “mettler”, “punk” und “hiphopper” gleichberechtigte Gruppen zwischen denen reuhelos und schnell gewechselt werden kann.
    Und das tolle daran ist: solang ees nicht ans eingemachte (die Frage “warum bist du eigentlich mettler? die musik hört sich doch scheiße an!”) geht, ist friedlichstes zusammenleben möglich.

    Kommentar von pascal am 06.09.2006 um 15:55 Uhr
  2. Es ist aber meistens keine wirkliche durchdachte politische Entscheidung, sondern eine Bauchentscheidung. Die wenigsten die irgendwelche Parolen nachbrüllen, haben doch vorher einen Prozess der politischen Willensbildung durchlaufen der intellektuelle Auseinandersetzung erfordert. Ich denke darum geht es auch im Film.

  3. wow den film muss ich mir echt mal ansehen.@pascal es heißt metaller^^
    und die musik ist echt noch die einzig hörbare in dieser gesellschaft

    Kommentar von triefer am 25.08.2009 um 22:29 Uhr

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