“Ich bin so enttäuscht von dir Junge…. so entäuscht…”
Originaltitel: Grenzverkehr
Herstellungsland: Deutschland / Österreich 2005
Regie: Stefan Betz
Darsteller: Andreas Buntscheck, Joseph M’Barek, Ferdinand Schmidt-Modrow, Henriette Richter-Röhl, Oliver Korittke, Götz Otto






Der sechzehnjährige Wolfgang, genannt Wong (Andreas Buntscheck) lebt in seinem langweiligen bayerischen Kaff, nahe der tschechischen Grenz vor sich hin. Sein bester Freund hat sich grade mit dem Mofa totgefahren, ihm bleiben nur noch die Kumpel Hunter (Joseph M’Barek bekannt aus “Sommersturm”) und Schilcher (Ferdinand Schmidt-Modrow), mit denen ihn eher eine Bekanntschaft verbindet. Sie sind halt da. Man unternimmt etwas zusammen, weil man nicht alleine losziehen will.
Im Nachlaß seines besten Freundes, der Wong in einem Schuhkarton übergeben wird, findet er einen Bericht aus einem Männermagazin, der von den Vorzügen tschechischer Bordelle berichtet.
Konfrontiert mit der eigenen Sterblichkeit und im festen Entschluss nicht als Jungfrau aus dieser Welt zu scheiden, überredet Wong seine Kumpel mit ihm auf einen Wochenendtrip in die Tschechei zu fahren um dort ihre Unschuld zu verlieren.
Was als pubertäre Schnappsidee beginnt, endet in einer wahren Tour-de-force, bei der die drei Jungen zu Freunden werden und in der Auseinandersetzung mit Nutten, Zuhältern, Menschenhändlern und der bildhübschen, hochschwangeren Ukrainerin Alicia (Henriette Richter-Röhl) weit mehr erleben als nur ihr “erstes Mal”.
Es ist nicht so einfach den Film anderen schmackhaft zu machen. Bei vielen werden die Ohren wohl schon zuzklappen, wenn die Worte “bayerisch” oder “Coming of Age-Film” fallen. Gibt man dann einen kurzen Abriß der Handlung, entsteht bei einigen wohl das Bild einer bajuwarischen Antwort auf “American Pie” oder “Road Trip” und es ist ihnen kaum zu verdenken, wenn sie sich soetwas nicht antun wollen.
Was jedoch schade ist, denn sie verpassen einen der schönsten deutschen Filme der letzten Jahre. Mag die Prämisse und das Thema Erwachsenwerden schon oft genug abgehandelt worden sein, gelingt es dem Regisseur und Drehbuchautor Stefan Betz in seinem Debut dem Ganzen eine sehr eigene, persönliche Note zu geben.
In Zeiten in denen jeder versucht möglichst coole Filme zu drehen, die sich an den Produktionen Hollywoods messen und dabei nicht selten kläglich scheitern, da erzählt Betz seine Story bewusst gelassen und zutiefst deutsch. Seine Protagonisten sind keine coolen Kids, es sind Dorfjugendliche, die Dialekt sprechen, sich eine gewisse Naivität bewahrt haben und mit einer manchmal ungelenken Tappsigkeiten eine liebenswürdige Echtheit vermitteln.
Klar wären Wong und seine Kumpel auch gerne cool, aber sie brettern nunmal auf Mofas durch die bayerische Provinz, so sehr sie sich bemühen mögen, sie werden nie die Coolness erreichen die ihre US-Pendants im Coupé über Highways gleiten lässt. Der Film weiß daß und zelebriert diese erdverbundene Normalität seiner Figuren, lässt einen Lächeln ohne sie lächerlich zu machen. Ähnlich wie Detlev Buch in “Wir können auch anders” wird hier ein echtes deutsches Roadmovie erzählt, daß sein Land und dessen Eigenheiten ernst nimmt, statt die fernen Vorbilder zu kopieren.
Sicherlich sind die Verwicklungen in die die Jungen geraten überspitzt und folgen kinogerechter Dramaturgie, aber die Figuren fühlen sich “echt” an. Seien es die Unsicherheiten und hanebüchenen Ängste beim Überqueren der Grenze, die Panik wenns beim Besuch des Bordells dann wirklich ernst wird oder die wunderbar bekannt klingenden Zitate, wenn die Jungs, von den Zuhältern eingesperrt, laut darüber nachdenken, welche Standpauken ihnen die Eltern halten werden, wenn sie erstmal heimkommen.
Götz Otto und Oliver Korritke spielen die breit angelegten Zuhälter und Menschenhändler, mit sichtlicher Freude am Klischee. Sie geben der Story den nötigen Antrieb, dienen als Katalystor für die Entwicklung der drei Hauptfiguren, die eher realistisch gezeichnet sind. Dabei erweisen sich die relativ unbekannten Jungdarsteller als Glücksgriff, gelingt es ihnen doch auch die emotional heiklen Stellen überzeugend abzuliefern. Was nicht heißt, das der Film durchweg ernsthaft, langatmig oder gar ein “Problemfilm” wäre.
Im Gegenteil, Grenzverkehr ist keine Sekunde dozierend, er verkneift sich nur den Fäkalhumor einiger amerikanischer Teenieklamotten und erzählt seine Geschichte mit viel Viel Witz und Zuneigung zu seinen Figuren. Er ist im besten Sinne warmherzig und “uncool” und hebt sich grade dadurch von anderen Pubertäts-Stories ab.
Das bescheidene Budget merkt man ihm nicht unbedingt an, auch wenn sich optischer Overkill naturgemäß nicht erwarten lässt, überrascht er doch mit einer durchweg soliden Inszenierung, einer Vielzahl von Schauplätzen und einer bis in kleine Nebenrollen gelungenen Besetzung.
DVD-Bewertung





Neben sauberem Bild und schönem 5.1-Sound, kommt die DVD mit einem sehr unterhaltsamen und informativen Audiokommentar des Regiesseurs und der drei Hauptdarsteller, die sich gutgelaunt und in vielen Anekdoten an die Zusammenarbeit und die Probleme beim Dreh erinnern. Der Spaß den die Beteiligten dabei hatten überträgt sich auch auf den Zuschauer.
Daneben gibt es noch ein Making-Of, einige Deleted Scenes, EPK-Interviews mit Regisseur und Produzent, den Trailer, sowie den Kurzfilm “Sommergeschäfte” von Stefan Betz, der von der Story und Stimmung in der gleichen Welt zu spielen scheint wie “Grenzverkehr” und als Fingerübung für den größeren Film gedient zu haben scheint.
Insgesamt eine schöne DVD für einen kleinen, aber sehr einnehmenden Film.
+++
Hol dir Grenzverkehr bei Amazon und überzeug dich selbst.
Mehr Informationen, Trailer und Interviews zum Film gibt es hier
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- September 26th, 2006 •
- 3 Kommentare


















Danke für diese Besprechung! Ein schöner Film, den ich mir sonst nicht angeschaut hätte.
Kommentar #1 von Sebastian am 29.12.2006 um 16:52 Uhr
Sehr schöner und stimmungsvoller Film. Hat mich sehr an meine eigene Moppedzeit erinnert. ;)
Kommentar #2 von Sven am 03.02.2008 um 19:45 Uhr