Wo ist Fred?

7 Comments

“Krüppelmann, heißt der wirklich so?”

Originaltitel: Wo ist Fred?
Herstellungsland: Deutschland 2006
Regie: Anno Saul
Darsteller: Til Schweiger, Jürgen Vogel, Alexandra Maria Lara, Anja Kling, Christoph Maria Herbst

★★★☆☆

Wo ist fred

Till Schweiger ist Fred. Und der ist Polier auf einer Baustelle, ein Großmaul und verliebt in eine oberflächliche Society-Tussi mit einem unausstehlichen Sohn. Um die Beziehung zu festigen und seine Freundin zu beeindrucken, verspricht er diesem Sohn einen signierten Basketball seines Lieblingsspielers.

Dumm nur, daß die Spieler die Bälle immer nur in die Behinderten-Loge werfen, weil der Vereinsmanager grade einen Imagefilm drehen lässt um sich als fortschrittlich, integrativ und behindertenfreundlich zu präsentieren.

Fred kommt auf die Schnappsidee sich zu einem Spiel als Rollstuhlfahrer einzuschleichen um einen Ball zu ergattern, was ihm auch prompt gelingt. Mit Hilfe seines Kumpels Alex (Jürgen Vogel) gelangt er in die Rollstuhl-Loge, schnappt dem verschrobenen Extremfan Ronnie (Christoph Marie Herbst) den Ball vor der Nase weg und wird so prompt als idealer Protagonist für den Imagefilm auserkoren. Eine Woche, bis der Ball signiert und beglaubigt ist, muß er nun den stummen Rollstuhlfahrer geben und der engagierten Redakteurin (Alexandra Maria Lara) für ihren Film zur Verfügung stehen. Keine leichte Aufgabe, gilt es doch gleichzeitig seine Baustelle zu betreuen und die Hochzeit mit seiner Freundin zu planen.

Das Ronnie herausfindet, daß Fred nur markiert, kompliziert die ganze Sache zusätzlich, als er beschließt den Rollstuhl-Schummler zu erpressen.

Ho-hum. Ein für den amerikanischen Markt geschriebenes Drehbuch basierend auf einem Kurzfilm, für deutsche Verhältnisse überarbeitet, mit prominenter Besetzung und von einem leidlich erfolgreichen Regisseur umgesetzt. Kann so was gut gehen?

Jein. Auf der einen Seite unterhält der Film über weite Strecken wirklich gut, ist witzig und hat wenig mit den klassischen deutschen Beziehungskomödien zu tun, die Schweiger selbst in “Der Bewegte Mann” mit schuf. Der Film folgt einer simplen Dramaturgie, die grade im ersten Akt auf permanente Lacher setzt, die zumeist aus Slapstick, Überzeichnung und dem politisch unkorrekten Umgang mit heiklen Themen geht. Auch wenn ich kein großer Freund von Schweiger bin, er taugt hier als liebenswerter und etwas unbedarfter Arbeitertyp durchaus. Gleiches gilt für Jürgen Vogel, auch wenn dieser derzeit mit seiner Überpräsenz im Kino ein wenig die Nerven der Zuschauer strapaziert, was aber wohl eher auf ungeschickte Release-termine zurückzuführen ist und ihm nicht vorgeworfen werden soll. Auch die restliche Besetzung weiß im wesentlichen zu gefallen: Herbst als gar nicht so liebenswerter Rollstuhlpenner, Anja Kling als Schweigers oberflächlich-dumme Zukünftige Mara und ein Jungdarsteller dessen Name mir grade entfallen ist, als Kid-you-love-to hate, sowie Pasquale Aleardi als schmieriger Sportyuppie mit Dauergrinsen.

Die einzige die mich nicht überzeugen konnte, war die vielgelobte Alexandra Maria Lara, die zugegeben auch einige der klobigsten und schlechtesten Dialogzeilen des ganzen Films aufsagen muß und es leider nicht schafft daraus etwas zu machen, daß auch nur halbwegs erträglich wäre.
Ihre Figur ist der emotionale Anker einer Story die ansonsten wenig ernst nimmt und sich genüßlich in politischer Unkorrektheit wälzt, klassische Elemente der Verwechselungskomödie zu einem eher berechenbaren Ganzen montiert, daß lediglich in der Anhäufung seiner Klischee-Situationen tatsächlich etwas neues bietet.

Lara ist der Gegenpol zu all dem Irrsinn und muß Schweigers Fred die wahren Werte vermitteln, Liebe, Achtung, Freundschaft und sowas alles. Und genau in diesen Momenten läuft der Film aus dem Ruder und man stellt wieder einmal fest, wieviel Kunstfertigkeit und Fingerspitzengefühl man dann doch braucht, um aus albernen Slapstickfiguren plötzlich emotional glaubwürdige Charaktere zu machen ohne dabei zu scheitern.

Die Amis schaffen sowas oft. Und die ganze Story atmet von vorne bis hinten eine amerikanische Dramaturgie, wie man nicht nur an der Wahl des Sports Baskettball merkt, der in Deutschland ja doch trotz Dirk Nawutzki oder wie der heißt noch immer eine eher untergeordnete Bedeutung hat.
Alles ist amerikanisch. Die Gags, die Figuren, das Timing. Und dann eben doch wieder nicht.

Die Idee zu sagen: Hey laß uns doch einen Farelly-Bros.-Film in Deutschland drehen, mag sicher zunächst gut geklungen haben und ist im Grunde begrüssenswert. Doch diesem ersten Versuch fehlt es dafür trotz dem Mut zum unkorrekten Humor doch an einigen Finessen.

Mag der Anspruch des Films auch sein: “Wir lachen nicht über Behinderte, sondern mit ihnen.” So ist der Umgang mit eben diesen Behinderten letztlich doch wesentlich verkrampfter und eindimensionaler als in den großen Vorbildern der Farrellys. Außer Christoph Maria Herbsts Ronnie, der den militanten Rollstuhlrüpel mit viel Spaß und Witz spielt, bleiben die restlichen behinderten Nebenfiguren doch eher blaß und dienen entweder als rührender Hintergrund oder Spielfläche für Schweigers Behindertenperformance. Echte Tiefe bekommen sie nicht und eine wirkliche Rolle spielen sie für den Film auch nicht, der sich meist doch in den ausgelatschten Situationen der Situationskomödie bewegt.

Fred verstrickt sich immer mehr in seiner Lüge, muß mal auf dem Bau, mal im Behindertenwohnheim und mal im Restaurant zwischen seiner Rolle als Poliert und Rollstuhlfahrer hin und her wechseln. Da werden Erinnerungen wach an Mrs. Doubtfire und Dr. Detroit und tausend andere Filme die eben diese Situationen auch schon ausgekostet haben. Wobei “Wo ist Fred?”, der früher einmal den Arbeitstitel “Special” trug, sicherlich nicht die schlechteste Interpretation dieser Szenen abgibt. Witzig ist es schon zu sehen, wenn Schweiger auf zwei Hochzeiten tanzt, vom Machobauarbeiter in einer Sekunde zum stammelnden Krüppel wird.

Dennoch bleibt der fade Geschmack, das man letztlich doch oft über Behinderte lacht, auch wenn es kritische Momente gibt und der Umgang mit diesen ein ums andere mal oberflächlich kritisiert wird. Stets weiß man wohin die Story geht und bei jeder sich ankündigenden Situation, sei es dem überraschenden Besuch der Filmcrew auf Freds Baustelle, dem gemeinsamen Essen mit Maras Eltern, oder einer Scharade im Restaurant, stellt sich ein Deja-Vu-gefühl ein, genau sowas schon einige Male gesehen zu haben. Grade gegen Ende, wenn immer noch eine Verwicklung draufgepackt wird, ertappte ich mich dabei zu denken: Langsam reichts, die Kiste der lustigen Verwechslungssituationen muß allmählich doch auch mal leer sein.

Zumal die emotionalen Momente, die im letzten Akt massiv die Filmhandlung bestimmen, wenn Freds Gewissensbisse immer größer werden, die moralische Läuterung immer lauter läutert, nie wirklich ein homogenes Ganzes mit den überdrehten Slapstick-Momenten ergeben.

Wenn Jim Carrey in “Me, myself & Irene” zwischen seinen beiden Persönlichkeiten hin und herwechselt, Kühe erwürgt, von einem Kleinwüchsigen vertrimmt wird oder Irene seine Liebe gesteht, funktioniert er letztlich dennoch als geschlossene Figur, als liebenswerter, wenn auch skurriler Charakter, der trotz allem Blödsinn eine Seele besitzt. Schweiger bemüht sich auch diesem Fred eine Tiefe zu geben, ihn eine morlaische Wandlung, einen Erkenntnisprozess durchleben zu lassen, aber die klamaukigen Dialoge und Szenen mit Jürgen Vogel verhindern, daß man das alles jemals wirklich ernst nehmen mag.

Vielleicht ist eine 1:1 Übertragung eines US-Drehbuchs dann eben doch nicht möglich, weil Deutschland eben doch anders funktioniert. Das Gefühl, daß der Film selbst, wie die Figur des Fred eine Travestie aufführt und versucht als etwas anderes zu erscheinen, als er eigentlich ist, mag auch das witzige Nachklappende nicht wirklich auszuräumen. Der Film riecht amerikanisch, wurde aber zu deutsch inszeniert. Wie ein Big-Mäc mit Sauerkraut, kein ganz leicht verdauliches Vergnügen, aber eine interessante Erfahrung.

Es wird wohl noch etwas dauern, bis die deutsche Komödie einen eigenen Weg findet, der sich aus den Klammern der TV-Dramaturgie befreit, ohne US-Vorbilder einfach zu imitieren. Dennoch und trotz aller Mängel ist “Wo ist Fred?” ein Schritt in die richtige Richtung. Den Mut zu probieren hat er auf jeden Fall, genau wie etliche komische Szenen. Vielleicht klappts mit der Zeit dann ja auch mal, daß Ganze zu einem neuen, befriedigenden Ganzen zu führen.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

7 Comments

  1. DraMaticK

    Dirk Nowitzki heißt der Gute. Also bitte!

  2. Batzman

    *g* Um es mit Renington zu sagen: Sportler. Pff…

  3. niels | zeineku.de

    Ich wollte mir den Film ja eigentlich schon ansehen, aber bisher hält Til Schweiger mich noch davon ab. Nuschelt der immer noch so furchtbar?

  4. Batzman

    Schweiger ist wirklich ganz okay im Film. Er ist kein Jim Carrey, aber er gibt sich Mühe mit den Slapstickszenen einigermaßen würdevoll umzugehen. Das er immer ein wenig klingt wie der Schwippschwager von Martin Semmelrogge, wird sich aber wohl nicht mehr änder ;)

  5. picknicker

    Wenn einen nicht der Schweiger vom Kinobesuch abhält, dann doch wohl das Plakat. Geht es nur mir so, oder sieht das so aus, als hätte das ein Praktikant zusammengephotoshopped? Nun fallen mir zwar selbst so spontan keine besseren Vorschläge zur Thematik ein, aber ein wenig billig sieht’s meiner Meinung nach schon aus…

  6. Yet

    Wenn Anno Saul den Humor unter die Räder nimmt und Til Schweiger zwischen mehreren Baustellen hin und her schickt, kann das offenkundig nicht schaden ;-)

  7. Mental Savage

    Wo ist Fred?…

    “Wer ist für dieses Geschöpf Gottest zuständig?” – “Der Behindi-Service”
    Nachdem ich Till Schweigers letzten auf Hollywood-Niveau produzierten Thriller One Way überraschend gut fand, hab ich den Schweiger-Film “Wo …

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