“Have you ever had an orgasm, Alex?”
“It has been known.”
“It sounds like an inferior version of what I feel when I have a mouthful of snow.”
Originaltitel: Snow Cake
Herstellungsland: Großbritannien / Kanada 2006
Regie: Marc Evans
Darsteller: Alan Rickman, Sigourney Weaver, Carrie-Anne Moss, Jackie Brown






Alex Hughes (Alan Rickman) ist grade aus dem Knast entlassen. An einer Raststätte lernt er die junge Anhalterin Vievienne (Emily Hampshire) kennen. Kurz darauf kommt das Mädchen bei einem dummen Autounfall ums Leben. Alex der sich mitschuldig fühlt, macht die Mutter des Mädchens ausfindig um selbst ein paar Worte mit ihr zu sprechen. Die Mutter Linda (Sigourney Weaver), so findet er bald heraus, leidet an einer besonderen Form des Autismus. Sie kann selbständig leben, sich artikulieren, solange sie gewisse Rituale einhält, an die sich auch jeder Besucher anzupassen hat.
Die resolute Art Lindas überrumpelt Alex, der sich ohne es ganz zu verstehen plötzlich als Lindas Hausgast wiederfindet. Sie hat kurzerhand beschlossen, das er ihr bei den Vorbereitungen der Trauerfeier und vor allem beim Müllrausbringen helfen soll – eine Tätigkeit zu der sich Linda beim besten Willen nicht durchringen kann.
In ungewohnter Umgebung, im Kampf mit den Dämonen seines eigenen Lebens und im Wechselbad der Eindrücke zwischen Linda und der burschikosen Nachbarin Maggie (Carey Anne Moss) verändert sich Alex Sicht auf die Welt…
Endlich mal ein Arthaus-Film mit einem völlig unkryptischen Titel. Wer sich den Film ansieht, wird wissen welche Bedeutung der Schneekuchen für Alex und Linda hat. Überhaupt vermag der Film durch eine Zugänglichkeit zu überzeugen, die bei dieser Thematik überrascht.
Der Film startet auf einer sehr düsteren Note, schafft es aber sich dabei ohne Rührseeligkeiten und schmieriges Pathos mit einem versöhnlichen positiven Grundgefühl zu enden. Kein kitschiges Alles-ist-super-Ende, aber eine stimmige Rundung dieser humorvollen, liebevoll erzählten Geschichter dreier Außenseiter.
Die Drehbuchautorin Angela Pell verarbeitet in der Figur Lindas ihre eigenen Erfahrungen mit ihrem autistischen Sohn. Diese unsentimentale Herangehensweise merkt man der Geschichte an, der nie den Fehler macht Linda zum bemitleidenswerten Opfer zu machen oder eine “Schau mal wie diese tapfere Frau ihr Schicksal meistert”-Story zu erzählen. Ihr Autismus ist einfach Fakt, mit dem sie ebenso wie ihre Umgebung umgehen muß. Das schließt Konflikte und Streits ein, an dem beide Seiten ihren Anteil haben.
Alan Rickman, dem diese Rolle auf den Leib geschrieben wurde, genießt es sichtlich einmal wieder sein Können zu zeigen, jenseits eingefahrener Bösewicht-Klischees oder überladener Kostümschinken wie “Das Parfüm”. Im Zusammenspiel mit seiner “Galaxy Quest”-Partnerin Sigourney Weaver, die es schafft Linda nicht zu einem weiteren Rainman-Verschnitt zu machen sondern zu einer höchst eigensinnigen, komplexen Figur, aber auch in den Szenen mit Carey Anne Moss, der leichtlebigen Nachbarin schafft Rickman viele kleine ebenso amüsante wie berührende Momente.
Beachtlich ist vor allem die Verletzlichkeit, die Rickman seiner Figur mitgibt, eine Unsicherheit, die an keinem Punkt jämmerlich, weinerlich oder albern wirkt. Sein Alex ist ein erwachsener Mann, ein Engländer in einem fremden Land. Er ist es nicht gewohnt viel zu reden, weil ihm anscheinend selten jemand wirklich zugehört hat. Er versucht alles rational anzugehen und stolpert dabei über eigene Schwächen. In der gnadenlos ehrlichen Linda findet er einen Widerpart, die ihn herausfordert, ihn dazu zwingt über sich nachzudenken. Mit kleinen Gesten, sehr amüsanten Rededuellen schafft Rickman so eine Figur die weit über eindimensionale Losertypen hinausgeht, die einem oft genug im Film serviert werden.
Eingefangen in geschmeidigen unaufdringlichen, aber sehr schönen Bildern der kanadischen Kleinstadt, zwischen Schneechaos und Wintertraum, entspinnt sich eine kleine, wundervolle Geschichte, die ihre Botschaft ohne jegliche Effekthaschreien zielsicher zu vermitteln weiß.
Die Zeit die Alex bei Linda verbringt, verändert ihn so sehr wie sie, das spürt man sehr deutlich, ohne das einem ein “Wir haben haben heute eine wichtige Botschaft gelernt”-After-School-Special-Moralfinger ins Auge gestochen wird.
Regisseur Marc Evans, der in Deutschland bisher wenig bekannt ist, weil er hauptsächlich fürs englische Fernsehen arbeitet, hat hier mit viel Fingerspitzengefühl, Humor und Timing einen schönen Film abgeliefert, der sich zurecht ganz auf das schauspielerische Können seiner herausragenden Darsteller verlässt und dabei geschickt alle Fußangeln umgeht, die dieses Thema anbietet.
Ein schöner Winterfilm an dem man sich Herz und Hirn wärmen kann.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- November 21st, 2006 •
- 3 Kommentare
1 Trackback
- 21.11.2006 - problematik.net » have you ever had an orgasm, alex?


















Klingt interessant, behalte ich mal im Hinterkopf.
Aber Apropos Winterfilm: Wir wäre es mit einem jahreszeitgerechten 5FF-Winterfilm-Special für die Leserschaft? So´ne Art Topliste mit Schnee-Content? Schlage schonmal vorbeugend Fargo und Eissturm vor…
Kommentar #1 von Petr Pivo am 21.11.2006 um 13:50 Uhr
Ein sehr schöner Film, schade das der nicht von mehr Kommentatoren gewürdigt wurde. Das muss ich dann wohl nachholen.
Frau Weaver in ihrer bessten Rolle ;-), oder zumindest in einer verdammt authentischen. IMO genau richtig proportioniert ohne
das man denkt es sei übertrieben oder gekünstelt.
Und im Vergleich zu Prayers for Bobby, den ich zuvor geschaut hab und bei dem auch Sigourney mitspielt, ist Snow Cake um längen besser.
Schauen Leute, schauen! :-)
Kommentar #2 von Michael am 18.05.2010 um 15:29 Uhr