Review

Little Miss Sunshine

Standard, 30. 11. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 16 Kommentare

„I hate everyone. Everyone“

Originaltitel: Little Miss Sunshine
Herstellungsland: USA 2006
Regie: Jonathan Dayton / Valerie Faris
Darsteller: Steve Carell, Toni Collette, Greg Kinnear. Alissa Anderegg, Alan Arkin, Abigail Breslin, Paul Dano

[rating:4]

Little Miss Sunshine

Familie Hoover ist nicht grade mit übermässigem Glück gesegnet. Der Vater (Greg Kinear) träumt vom Durchbruch als Motivationstrainer, Opa (Alan Arkin) kokst und liest Pornohefte, der 16jr Sohn Dwanye (Paul Dano aus L.I.E.) spricht seit einem Jahr nicht mehr, bis er Pilot werden darf (er kommuniziert das Notwendigste per Schreibblock) die Mutter Sheryl (Toni Colette) versucht die Familie halbwegs zu koordinieren, was nicht einfacher wird als sie sich auch noch um den selbstmordgefährdeten schwulen Bruder Frank (Steve Carell mit grusligem Yetibart) kümmern muß, der nicht darüber weg kommt, daß ihm ein Professorenkollege den Lieblingsstudenten vor der Nase weggeschnappt hat.

In diese verkorkste Idylle bricht die Nachricht ein das Olive (Abigail Breslin), das siebenjährige, leicht übergewichtige Nesthäkchen der Familie, die die Welt durch eine viel zu große Brille bestaunt, für einen Kinderschönheitswettbewerb angenommen wurde: Little Miss Sunshine.

Mangels Geld schnappt man sich kurzerhand den klapprigen Uralt-VW-Bus und macht sich auf den Roadtrip quer durch die Staaten, um Olive ihren Traum zu erfüllen.

Kurzkritik: Guckt euch den Film an. Los geht schon.

Okay. Ein paar Worte zur Erklärung. Das Regiedebütantengespann Dayton / Faris (dem man die Herkunft vom Werbefilm nicht anmerkt) schafft es einen liebenswert verschrobenen Roadmovie abzuliefern, der vor allem durch seine rundherum gelungene Besetzung überzeugt.

Nicht nur verdiente Recken wie Altstar Alan Arkin (Catch 22), aktuelle Stars wie Steve Carell (der hier wunderbar zeigt, das er auch Zwischentöne beherscht und nicht nur den klamaukigen Office-Boss und ältliche Jungfrauen spielen kann) oder solide Allzweckmimen wie Greg Kinnear und Toni Collette, auch die heikle Besetzung der Kinderollen ist rundherum gelungen. Paul Dano, als schweigsam-introvertierter Nietzschefan, der seine Gedanken über weite Strecken nur per Mimik und Bleistift ausdrücken darf, aber auch vor allem die junge Abigail Breslin, als linkisches Pummelchen Olive, die es schafft mit ihrem Enthusiasmus die Familie doch ein wenig zu einen.

Optisch wechselt die Inszenierung zwischen Totalen in denen sich die Figuren in ihrem ikonographischen gelben VW-Bus durch eine eher trostlose Landschaft bewegen, vorbei an Einkaufszentren, Motels, Tankstellen, Hochstraßen und Ölpumpstationen und tableauartigen Ansichten der Familie. Mal im Bus zusammenhockend, dann wie Spielfiguren im Raum verteilt.

Die Farben wirken ausgeblichen und fahl, die Musik konterkariert dazu beschwingte Stimmung, die sich nur bedingt auf die Protagonisten überträgt. Natürlich hat jeder auf diesen Trip seinen eigenen Dämon zu bekämpfen, natürlich hat die Reise wie die meisten Roadmovies etwas katharsisches für alle Beteiligten.

Aufgelockert wird die Geschichte, die bei aller Ernsthaftigkeit immer wieder mit skurrilen, absurd-witzigen Momenten überrascht durch erzählerische Schlenker die immer wieder die Grenze zur Frace streifen ohne sie je zu überschreiten.

Was „Little Miss Sunshine“ – dessen Realisierung ganze fünf Jahre dauerte, nachdem mehrere Geldgeber abgesprungen waren – aber so unterhaltsam und schön anzuschauen macht, ist der leise Optimismus der die ganze Story durchzieht. Ohne irgendwelche Durchhalteparolen zu propagieren oder einen weiteren sinnentleerte „Man muß nur an sich glauben, dann wird man alles schaffen“-Phrase zu dreschen, schafft der Film das was Disneyfilme oft nur versprechen: Akzeptanz zu schaffen, für die eigenen Unzulänglichkeiten, die Beschränktheiten und Fehler.

Hier wartet keine vom „häßlichen Entchen zum wunderschönen Schwan“-Moral darauf letztlich doch wieder den Status Quo zu bestätigen, hier werden nicht alle Probleme zum Ende hin brav aufgerollt und gelöst und dennoch schaffen es die Macher einen am Ende zu überraschen und mit einem warmen Gefühl aus dem Kinosaal zu entlassen.

Shit happens. Passiert eben.

Jedem von uns.

+++

Offizielle Website mit Ausschnitten, Fotos und Interviewclips

Der Trailer zum Film:


YouTubeDirectSunshine

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16 Kommentare

  • Reply Marcus kleine Filmseite 30. 11. 2006 at 17:38

    ja batz, der film wärmt einen das herz. gerade jetzt paasend zur jahreszeit *g*

    dass der film doch über weite strecken recht konventionell seinem genre folgt, habe ich ihm auch nicht übel genommen, nachdem er am ende so die sau rauslässt!

  • Reply matz-o-man 1. 12. 2006 at 4:10

    „Kurzkritik: Guckt euch den Film an. Los geht schon.“
    Was lest ihr noch die Kommentare?
    (für mich einer der besten Filme des Jahres)

  • Reply rushme 11. 12. 2006 at 11:35

    Ich bin froh, dass gelegentlich noch Filme wie dieser auftauchen! Im Kino (Cinedom Köln) waren im Gegensatz zu „Casino Royale“ oder „Borat“ fast alle Plätze frei – steigert also die Mundpropaganda für diesen absolut genialen Film!

  • Reply Rush my log » Blog Archive » Unmusikalische Zwischenmeldung 12. 12. 2006 at 10:40

    […] “Little Miss Sunshine” gehet hin und schauet diesen absolut genialen Film, der obendrein auch noch Familien-freundlich und weitestgehend gewaltfrei daherkommt; an Heroin-schnupfenden Großvätern, Leichenraub und kleinen Mädchen, die wie erwachsen tun sollte man sich dabei gar nicht stören lassen. Ein wunderbarer Film, der sich abhebt von all dem unsäglichen Hollywood-Schrott, und für den viel zu wenig Werbung läuft, also los, kucken, toll finden und weitersagen! [Die fünf Filmfreunde berichten:] […]

  • Reply dan 15. 1. 2007 at 22:35

    Habe ihn nun endlich gesehen und bin begeistert. Ohne den Ratschlag hier wäre ich allerdings sicherlich nicht darauf gekommen. Danke.

  • Reply ricky bobby 16. 1. 2007 at 23:58

    Der Film ist das beste was ich seit langem gesehen habe. Schon nach den ersten Minuten fängt einen die einzigartige Atmosphäre des Films ein.
    Bis auf die Leichen-Aktion ist nichts wirklich realitätsfernes in diesem Film, im Gegenteil.
    Wenn die kleine Olive nach all den gedrillten Barbie-Püppchen auf der Bühne steht und ihre von Opa inszenierte Bühnenshow zeigt…pures Gold. Wohltuend und ohne Rücksicht auf amerikanische Ideale brennt sich dieser Film ins Herz.

  • Reply spitblog 22. 1. 2007 at 22:49

    Little Miss Sunshine…

    Ich habe mir gerade im Kino den Film “Little Miss Sunshine” angesehen.
    Filmkritiken können andere besser, aber soviel sei gesagt:
    Ich habe einen der schönsten Filme seit Jahren gesehen. Unbedingt anschauen!
    Übrigens:
    Ist noch jemandem, …

  • Reply Dackelfreunde Blog » Blog Archive » Prüfungen saugen! 1. 2. 2007 at 17:34

    […] Ich versteh immer noch nicht warum mein Hirn es nicht geschafft hat während der Prüfung auf das zuzugreifen was ich nur wenige Stunden vorher gelernt hab?? (Wo setze ich bei diesem Satz die Kommas?) Mein Hirn ist voll mit Wissen, nur abrufen kann ich es nicht. Außerdem überlagert dieses Prüfungs-Wissen alltagsnützliches Wissen, wie z.B. die Eingabe meiner PIN Nummer beim Bankautomat. Mir ist die Nummer einfach nicht eingefallen. Ich hoffe mein Hirn erholt sich bald wieder. Denn nächste Woche warten weitere Klausuren auf mich. Mein Kurzzeitgedächtnis wird dabei leer ausgehen. Ein Tag vor der Klausur gehe ich ins Kino (Filme die ich noch sehen möchte: Babel, Little Miss Sunshine, Wer früher Stirbt ist länger tot, Dreamgirls) und werde alles Nötige tun, um nicht an das Prüfungsthema zu denken. Mal sehen, ob’s klappt! […]

  • Reply F5 - Die Fünf Filmfreunde 26. 2. 2007 at 8:47

    […] Die Gewinner: Rückblicken muß ich zugeben, auch wenn ichs nicht so auf dem Schirm hatte, war es ein gutes Filmjahr, mit vielen Nomminierten die es wert waren zu gewinnen. Fast in allen Kategorien siegte ein verdienter Streifen, auch wenn andere denen ich es ebenso gegönnt hatte dafür verloren. Erstaunlich sind die drei Oscars für “Pan’s Labyrinth”, auch wenn es nicht das ganz große Los wurde, aber immerhin drei Preise für einen fremdsprachigen Film. Überraschend auch, daß der Preis für den besten Schauspieler, nicht wie üblich als Gnadenpreis an einen altgedienten und bisher übergangenen Akteuer, in diesem Falle Peter O’Toole (der aussah als würde er nicht mehr viele Verleihungen erleben), ging, sondern an Forrest Whittacker (für Last king of Scotland), der sich leider sülzig und viel zu langatmig bei Gott und der Welt und Gott… bedankte. Liebenswerter da die wundervolle Helen Mirren, die wie erwartet und gegen beachtliche Konkurrenz den Goldi für “The Queen” mitnahm. Lobenswert insgesamt, das die Preise verteilt wurden um möglichst vielen Filmen eine Anerkennung zuteil werden zu lassen. Einen klassischen Streak- einen Film der alles abräumte gab es nicht, auch wenn The Departed mit vier Oscars, inkl beste Regie, Drehbuch, Schnitt und Film des Jahres, verdient gewann. Umso erstaunlicher, da brutale Filme normalerweise nicht grade Oscar-Favoriten sind. Schöne Anerkennung gab es für Little Miss Sunshine (Bestes Originalbuch und Alan Arkin als beste männliche Nebenrolle), die genialen Tricks in “Pirates of the Caribean 2“, die Animation in “Happy Feet” (auch wenn ich es “Monster House” ebenso gegönnt hätte – aber wenigstens wars nicht “Cars“) Als Verlierer des Abends muß wohl, neben den mit einem Nebenpreis abgespeisten “Babel“, der hochgehandelte aber reichlich belanglose “Dreamgirls” gelten, für den es lediglich die beste weibliche Nebenrolle und Soundmix gab – bei den zahlreichen Nominierungen schon eine Schlappe. Und welche von den drei Frauen hat eigentlich Eddie Murphy gespielt? Die Dicke da, die die beste Nebenrolle prämiert bekam? Mann, mann, der Kerl ist wirklich ein Chamäleon. […]

  • Reply F5 - Die Fünf Filmfreunde 6. 3. 2007 at 15:04

    […] Zusammen mit dem Autoren des gleichnamigen Sachbuch-Bestsellers, spinnt Linklatter einen komplexen insich verschachtelten Geschichtenkosmos und geht das Thema von verschiedenen Seiten aus an. Mit einer imposanten Cast, in der sich Stars wie Bruce Willis, neben soliden “Zweite Reihe”-Darstellern wie Greg Kinnear, Jungstars wie Lou-Taylor Pucci (”Thumbsucker“, The Chumscrubber“) und Paul Dano (”L.I.E.”, Little Miss Sunshine)”, Indi-Größen wie Ethan Hawke und Popstars wie Avril Lavigne abwechseln, zeigt er Ausschnitte aus dem Leben jener, deren Leben von Fleischindustrie bestimmt wird. […]

  • Reply Mal Sehen 17. 3. 2007 at 22:09

    Gerade gesehen und spontan werfe ich mal 4,5 Sterne in die Runde.

  • Reply F5 - Die Fünf Filmfreunde 9. 4. 2007 at 13:45

    […] Diesmal wurden wohl alle Buzz Lightyear Figuren zurückgerufen, wegen einem Produktionsfehler. Und Woody und der Rest der Gangmacht sich auf, “ihren” Buzz zu retten. Klingt für mich sehr rund und lustig, das Buch schreibt Michael Arndt, Autor des von allen gelobten und von mir leider noch nicht gesehenen (ja doch, ich schäme mich ja auch!) Little Miss Sunshine. Wenn man sich aber vor allem Mal die Konzeptzeichnungen für die anderen zurückgerufenen Spielzeuge anguckt, die in dem Film auftauchen sollen, so bin ich mir jetzt schon einiger sehr lustiger Momente sicher. Mein absoluter Liebling ist der Apology Bear, den ihr hier seht. […]

  • Reply q-pain anecdotes on q-pain.de » Little Miss Sunshine (2006) 18. 4. 2007 at 8:46

    […] kritik bei den fünf filmfreunden […]

  • Reply Nico 22. 8. 2007 at 12:57

    Der schlechteste Film den ich je gesehen habe ist es ja nicht. Aber mich packt er überhaupt nicht. Er verfällt wenigstens nicht in den Kitsch dass sie die Schönheitsköniginnenwahl gewinnt, aber dass durch dieser Herausforderung die sich der kleinen Olive stellt die Familie geeint wird ist in meinen Augen kitschig genug.

  • Reply Eure Top Filme 2006 - Nerdcore 2. 2. 2008 at 22:07

    […] wundervoller Film, und bevor ich mir was aus den Fingern sauge, zitiere ich lieber Filmfreund Batzman: “Was “Little Miss Sunshine” – dessen Realisierung ganze fünf Jahre dauerte, […]

  • Reply F5 — Juno 25. 3. 2008 at 22:14

    […] Herz als das Hirn anspricht. Noch ein bißchen geschmeidiger als der Mainstream-Indie-Hit “Little Miss Sunshine” balanciert Juno auf dem schmalen Grad zwischen Rührseeligkeit und Chuzpe, Teeniefilm und […]

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