“Unterschätzen Sie die Stasi nicht.”
Originaltitel: Das Leben der Anderen
Herstellungsland: Deutschland 2006
Regie: Florian Henckel von Donnersmarck
Darsteller: Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch





Meine älteste bewusste Erinnerung an die DDR findet in der vierten Klasse statt. Ein Ausflug in den Harz wird an dem Grenzzaun beendet, an der uns Frau Schmidt erklärt was sich hinter dem Zaun befindet. Von Tretminen und Selbstschussanlagen sichtlich beeindruckt, traten wir zwei Meter zurück und horchten, ob sich ein armer DDR-Bürger zeitnah in das Minenfeld stürzen würde.
Von der Grenzeröffnung weiß ich herzlich wenig. Meine politikverdrossenen Eltern erzählten beinahe beiläufig am Tisch, dass die Grenze offen ist. Ihre anfängliche egale Einstellung wich relativ schnell, als sie “zur Kasse gebeten wurden”, um ihre Solidarität zu bekunden. Das Geschimpfe, das bis zum heutigen Tag anhält, ging spurlos an mir vorbei, als ich immer mehr Geschichten aus der DDR höre. Ich begreife immernoch nicht wie sich so ein System 28 Jahre hinter einer Mauer halten konnte. Diese Frage beschäftigte mich erneut, als ich ich mir Das Leben der Anderen ansah.
November 1984 in Ostberlin. In einem Sog aus Korruption, Machtbesessenheit und Doppelmoral (DDR eben), wird der linientreue Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler (Ulrich Mühe) auf den Bühnen-Autor Georg Dreyman und seine Lebensgefährtin, die erfolgreiche Schauspielerin, Christa-Maria Sieland (Martina Gedeck) angesetzt. Hinter dieser Ermittlung steckt der dubiose Oberstleutnant Anton Grubitz, der sich gewisse Vorteile davon verspricht, einen hoch angesehenen DDR-Star wie Dreyman aus dem Verkehr zu ziehen. Einer dieser Vorteile wäre zum Beispiel die Affäre zu Dreymans Lebensgefährtin in eine für ihn angenehmere Richtung zu lenken.
Mit Gerd Wiesler wird einer der treuesten und fähigsten Regime-Befürworter angesetzt. In einem Dachboden eines Nachbarhauses stationiert sich der Stasi-Mann im Zweischichten-System, um die vermeintlichen Vaterlandsverräter zu überführen. Dabei merkt Wiesler nicht, wie er von den Gedanken des Paares nach und nach in Beschlag genommen wird. So führt die immer enger werdende Verbindung dazu, dass der Geheimdienstler die beiden schließlich gegen die eigene Überwachung in Schutz nimmt.
Ich blieb noch die Länge des Abspanns sitzen, nur um sicherzugehen, dass meine weichen Knie mich tragen würden. Die düstere Atmosphäre gepaart mit anbeutungswürdigen Schauspielern (angeführt von Deutschlands Antwort auf Ben Kingsley: Herr Ulrich Mühe) haben für mich diesen Film zum Top Film 2006 gemacht. Nach Filmen wie “Good Bye Lenin” und “Sonnenallee” in denen die DDR zu einer Art sozialistischem Disneyworld verkommen war (nicht falsch verstehen: Ich mochte beide Filme sehr!), kann man stark davon ausgehen in “Das Leben der Anderen” einen kleinen Teil des Lebens der “Anderen” erfahren zu haben.
Und auch wenn die Mauer da draußen gefallen ist, sollten wir vielleicht darüber nachdenken, ob nicht eines Tages eine Fortsetzung gedreht werden kann, die aufzeigt mit welchen Teufeln wir heute zu kämpfen haben, ohne dass sie uns bewusst sind. Oder wir uns sie bewusst werden lassen. Die Meinungsfreiheit ist stellenweise eine Farce, Informationen werden immer noch beschönigt und ohne auf ein stammtischiges Niveau fallen zu wollen, sollten wir uns Gedanken darüber machen, ob es uns tatsächlich so gut gefällt von bürokratischen, korrupten Marionettenspielern gelenkt zu werden.
Das Leben der Anderen verändert nichts, aber es regt zum Nachdenken an. Das ständige “Daran kann man doch sowieso nichts ändern” wird nebensächlich, denn am Ende zählt nur, ob man sich selbst treu geblieben ist.
Freundschaft!
Batzman meint:





“Was ist der Unterschied zwischen Erich Honecker und ‘nem Telefon? – Keiner! Aufhängen, neu wählen!”
Insgesamt Zustimmung, auch wenn ich dem Film nur 3.5 Sterne geben. Eindrucksvoll ist hier vor allem die detailverliebte Rekonstruktion von Stasi-Methoden und Gerätschaften. Auch wenn der Film konsequent in Moll gehalten ist, hat er abstrus-komische und unterhaltsame Momente, die ihn vom reinen Exkurs über die ehemalige DDR zu einem Kinofilm werden lassen, den man nicht nur aus Interesse am Thema anschaut. Schauspielerisch ist der Film wie bereits von Mal hervorgehoben erste Klasse, was ihm insgesamt auch über die schwächeren Momente hinweghilft.
Was mich im Nachhinein etwas störte und den insgesamt positiven Eindruck trübt, war das Timing und der Storyaufbau. Breit ausgedehnt wird die Überwachung des Autoren Dreymanns gezeigt, wo bisweilen auch weniger inhaltlich-ähnliche Szenen genügt hätten. Und trotz der Intensität in der wir Mühe beim Belauschen des “Leben der Anderen” beobachten, erscheint seine Wandlung vom 150%igen Staatssicherheitsbeamten zum Regimegegner etwas konstruiert und nicht wirklich nachvollziehbar. Es mag eine romantische Idee sein, aber warum Mühe letztlich so große Empathie mit seinem Spitzelopfer empfindet, daß er seine Karriere für ihn opfert erschloß sich mir nur bedingt. Ein wenig erschien mir diese Wandlung von Saulus zum Paulus zu sehr dramaturgischer Kniff und zuwenig echte Charakterentwicklung zu sein.
Das außer Acht lassend, empfinde ich das Ende als etwas hastig abgefrühstückt. Nachdem Mühe degradiert wird, rattert der Filme seine zwei Abschlüsse im Eiltempo herunter, wo vielleicht etwas mehr Details, etwas mehr Gravitas ob des Endes der DDR und dem was es für seine Bürger, aber auch die Regimegetreuen bedeutete, angebracht wären.
Gerne hätte ich mehr darüber erfahren wie Opfer und Spitzel den Zusammenbruch tatsächlich erlebt haben, wie sich ihr Leben veränderte – dafür hätte ich auch gerne etwas weniger Bespitzelungsszenen vertragen.
Kleinigkeiten sicher, die den insgesamt sehenswerten Film aber für mich davor bewahren wirklich alles aus dem Thema herauszuholen. Am besten schaut ihr ihn euch selbst an und bildet euch ein Urteil.
DVD-Bewertung:





Die bei Buena Vista erschienene DVD bietet ein solides Bild und Ton, sowie eine Audiodeskription für Blinde, sowohl im Film als auch in den Menues. Als Extras finden sich einige Deleted Scenes mit Kommentar des Regisseurs, ein kurzes aber durchaus informatives Making of, und zwei Audiokommentare. Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck erzählt anfänglich etwas nervös aber sehr Informativ über Dreharbeiten und Hintergründe, wobei er manchmal etwas zu verbissen an das Thema herangeht, wenn er mehrfach betont wie unangemessem ihm Filme wie “Sonnenallee” erscheinen. Dennoch sehr hörenswert. Auf einer zweiten Kommentarspur ist u.a. Ullrich Mühe zu hören, der sich an die Dreharbeiten und seine eigenen Erfahrungen in der DDR erinnert – ebenfalls sehr spannend.
Wirf einen Blick auf “Das Leben der Anderen” – Hol dir die DVD
Trailer:
Leben-Direktlink
- Mal Sehen •
- Dezember 4th, 2006 •
- 21 Kommentare









































Pingback: problematik.net » was interessiert mich “das leben der anderen”?
Pingback: Nerdcore - A Blog about very cool Stuff. Und so.
Pingback: F5 - Die Fünf Filmfreunde
Pingback: F5 - Die Fünf Filmfreunde
Pingback: F5 - Die Fünf Filmfreunde
Pingback: Who said that I wasn