Old Man Playmountain

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SpielbergZum 60. Geburtstag von Steven Spielberg.

Es war irgendwann Anfang der 80er, als ich zum ersten Mal etwas von Spielberg sah. Es war einer jener besonderen Abende an denen ich lange aufbleiben durfte (hieß: nach 20 Uhr) und im Dritten Programm lief “Duell”. Ein billig fürs US-TV produziertes, höchst effektives Psychofilmchen um einen Mann der von einem unheimlichen Lastwagen verfolgt wird.

Ein paar der Bilder haben sich für immer in mein Gedächnis gebrannt. Die Silhoutte des Lastwagens, der immer wieder bedrohlich am anderen Ende der Strasse auftaucht, wenn der Fahrer eine Pause einlegen muß. Der Lastwagen, wie er den Hauptdarsteller fast in einer Telefonzelle plattwalzt und natürlich das letzt Bild, des über die Klippe stürzenden Trucks, als sich das Motorgeräusch zu einem grotesken Dinosaurierschrei verzerrt.

Damals hörte ich die Ansagerin erstmals etwas von einem Spielberg-Film erzählen. Sicherlich hatte ich vage schonmal was von Hitchcock oder Fassbinder gehört aber das Konzept des Regie-Films war mir doch noch eher fremd. Ich kannte Western und Science-Fiction und Abenteuer und Krimis. Aber Spielberg entzog sich dem, denn er machte Spielberg-Filme, die irgendwie alle Genres bündelten.

Nach “Duell” begann ich alles zu verschlingen, was dieses Etikett Spielberg trug. Die Fernsehzeitung wurde durchforstet (Videorecorder gab es bei uns damals noch nicht) und welche glückliche Momente waren es, als das allererste mal “Der Weisse Hai“, “Sugerland Express“, “1941” oder sogar eher langweilige Frühwerke wie “Something Evil” im TV liefen.

Mit meinem Wechsel in die fünfte Klasse begann ich dann auch öfter alleine ins Kino zu gehen. Und auch dort wurde Spielberg zum Gütesiegel für alles was ich sehen wollte. Na gut, gegen E.T. hatte ich mich gesträubt, als er zuerst im Kino lief, weil er mir zu kitschig war. Den erlebte ich erst bei einer Wiederaufführung Jahre später. Aber ansonsten war Spielberg der Held meiner frühen Jugend.

Nicht nur, daß er mit dem raubauzigen, selbstironischen Archäologen “Indiana Jones” die Heldenphantasie eines jeden kleinen Jungen beflügelte (und auch noch meinen damaligen Schwarm “River Phoenix” als jungen Indy besetzte), selbst die Ankündigung “Steven Spielberg presents:” war ein garant für Abenteuerkino nach meinem Geschmack. Gremlins, Goonies, Explorers, Amazing Stories, Twilight Zone, Back to the Future I-III, Poltergeist, Young Sherlock Holmes, Innerspace – Die Reise ins Ich, Das Wunder in der 8. Strasse, Cocoon, Roger Rabbit, Geschenkt ist noch zu teuer… es gab kein Genre in dem Spielbergs Filme und die von ihm produzierten Sachen mich nicht begeistert hätten.

Auf viele Regisseure wie Joe Dante und Bob Zemeckis wurde ich nur aufmerksam, weil Spielberg sie protegierte und ihnen zu größerer Öffentlichkeit verhalf.

Die späten 70er und 80er waren sein Jahrzehnt. Spielberg prägte ein gewisses Bild der amerikanischen Suburbs, der weiß-dominierten Vorstädte, in denen die Zeit seit Norman Rockwells Gemälden stillzustehen schien. Es war eine Kindertraumwelt, mit weißgetünchten Häusern, Hügeln und Tante-Emma-Läden, Tankstellen und Seen, in denen Außenseiterkinder sich anfreundeten und Abenteuer erlebten, in denen das Unheimliche und Übersinnliche in die Normalität eindrang, in der alles möglich war und einem phantastische Bilder präsentiert wurden, die meine Fantasie in anspornten und dazu einluden sie selbst zu erkunden.

Selbst als Spielberg sich vom reinen Popcornkino abwandte und erste, damals eher belächelte Versuche machte als ernstzunehmender Regisseur akzeptiert zu werden, überraschte er mich, denn sowohl “Die Farbe Lila” als grade auch “Das Reich der Sonne” sind gelungene Adaptionen ihrer literarischen Vorlagen, die die spielbergsche emotionale Wucht mit anspruchsvoller Handlung verbanden.

Klar es gab auch mal Aussetzer, wie den doch eher schmalzigen “Always” oder die doch eher mäßige “Land before Time“-Serie. Und klar “Hook” hätte besser sein können… Aber sie waren eindeutig in der Minderheit. Spielberg stand damals für das sichere Ticket, das einem gute Unterhaltung garantierte. Filme auf die man hinfieberte. Filme bei denen man verfluchte noch nicht 16 zu sein, um sie im Kino sehen zu dürfen, Filme über die auf dem Schulhof gesprochen wurde und bei denen alleine die Nacherzählung von Freunden ausreichte, um die Begeisterung und Antizipation zu befeuern.

Das sollte lange so bleiben. Ich erinnere mich noch an die Ehrfurcht mit der im Freundeskreis damals die ersten Promo-Fotos von “Jurassic Park” bestaunt wurden. Es war nur Laura Dern neben einem toten Triceratops – aber meine Fresse! – das war ein echter Saurier. Es war Spielberg-Magie.

Die ersten Ausschnitte aus dem Film wurden auf Video gebannt und wieder und wieder angesehen, weil man es nicht glauben mochte. Lebendige Saurier. Kein Stop-Motion sondern richtige lebendige Saurier. Spielberg hatte es mal wieder geschafft, die Imagination der ganzen Welt einzufangen und auf Film zu bannen.

Dann kam “Schindlers Liste” – Der Film der sein Herzensprojekt war, wie man immer wieder hörte. Und natürlich wurde er ein Erfolg. Und natürlich war er irgendwie wichtig. Und natürlich wurden Rudelweise Schulklassen in den Film geschleift um sich das anzusehen. Und ja, sicher Spielberg spielte wie immer gewohnt souverän auf der emotionalen Klaviatur. Und endlich bekam er, das was ihm die Fans und er selbst sich so sehr wünschte: Einen Oscar.

Irgendwo war Spielberg, der ewige große Junge mit seiner ikonographischen Baseballmütze angekommen. Er wurde ernst genommen, nicht mehr nur finanziell und als Begründer des Blockbusters und Popcornkinos, als jemand der die Gefühle seines Publikums nch Gusto manipulieren konnte und immer genau den Nerv des Massengeschmacks traf, sondern auch künstlerisch. Schindlers Liste war wichtig. Und Spielberg selbst entdeckte seinen Glauben und beschäftigte sich mit seinen jüdischen Wurzeln und gründete die Shoa-Foundation, weil irgendwie war das ja auch alles wichtig.

Ich weiß nicht woran es lag. Vielleicht weil zuviel Lob niemandem gut tut. Vielleicht weil einfach alle Menschen älter werden, vielleicht weil ihm die Religion und die Anerkennung zu Kopf stiegen, aber nach Schindlers Liste hatten Spielberg-Filme das gewisse Etwas verloren.

Spätestens mit den mittelmässigen TV-Serien “Earth2” und “SeaQuest DSV” (oder wie auch immer man sie zwischenzeitlich umtitelte) war “Spielberg presents” kein Gütesiegel mehr für erstklassige Unterhaltung, für aufwendige Produktionen und den gewissen “Touch of Magic” der alles was er bis dahin gemacht hatte auszeichnete. Die Abenteuer des “Young Indiana Jones” hatten mit ihrer phantastischen Vorlage kaum etwas gemein, statt selbstironischer Cliffhanger-Abenteuer gab es langweilige Geschichtsverwurstung und Kriegspropaganda. Davon das der “junge” Indy von einem fast 30jr gespielt wurde, mal ganz zu schweigen.

Dann legte Spielberg selbst mit “Jurassic Park:Lost World” nach und machte so ziemlich alles falsch was im ersten Teil richtig gemacht wurde. Statt Suspense und Thrill gab es Dino-Overkill, bis auch ein Saurierfan wie ich die Viecher nicht mehr sehen mochte. Statt Staunen gab es eine unlogische, schlecht getimte Abenteuerstory, die selbst ein Jeff Goldblum nicht mehr zu retten vermochte.

Für einen anderen Regisseur wäre der Film vielleicht okay gewesen, aber für Spielberg war es das schlimmste: Der Film war gewöhnlich. Routiniert, uninspiriert abgedreht. Die üblichen Zutaten eines Spielbergfilms wurden eingesetzt, als habe jemand einen Popcornkino-Baukasten und wisse nicht richtig wie man damit umginge.

Und irgendwie war der Knoten geplatzt. Spielberg war vom Kinogott zum “Regisseur” geworden. Jemand bei dessen neustem Film ich dachte: ja mal gucken worum es geht.

Ob das Sklavendrama “Amistead“, “Saving Private Ryan” mit seinem Metzelintro und dem Sülzenende, der grauenhafte manirierte “A.I.” mit einer guten ersten halben Stunde, von der an es rasant bergab ging, der nicht minder fade “Minority Report” – alles Filme denen ich nicht im mindesten entgegenfieberte. Alleine die Stories und ersten Bilder versprachen vor allem eines: “Berechenbarkeit”.

Seit Spielberg die digitale Tricktechnik für sich entdeckt hatte, seitdem es scheinbar keine Mühe mehr machte aufwendige Spezialeffekte zu konstruieren und sie deswegen maßvoll und mit maximaler Wirkung einzusetzen (wie er es noch in JP so meisterlich gemacht hatte), warf er genauso unoriginell mit Renderbildern um sich, wie die meisten seiner Kollegen. Oder er drückte einem die “wichtigen Themen” ungewohnt plump mit dem Holzhammer rein.

Sicher auch ich bin älter geworden, aber wie ich bei Filmen wir “Starship Troopers” oder Jacksons “Lord of the Rings” immer wieder festgestellt habe: Der Sense of Wonder ist damit keineswegs abgestorben. Es gibt sie, die Bilder die neu und originell sind, die die Fantasie bereichern und einen überraschen, die einen schlicht Staunen machen und Welten erschaffen, die weit über ihre Pixelexistenz hinausgehen.

Leider gehört Spielberg heute nicht mehr zu den Leuten die diese Bilder herstellen. “Catch me if you can” war der letzte Film den ich ganz gelungen fand, weil er eine Unverkrampftheit und Verspielheit an den Tag legte, die ich seit Jahren nicht mehr von Spielberg gewohnt war – vielleicht lag es dran, das er eigentlich nur produzieren wollte und den Film als er für die Regie einsprang, eher als Fingerübung betrachtete. Dennoch scheinen diese Abstecher in gute Unterhaltung, die Ausnahme zu bleiben.

War of the worlds” konnte mal wieder starke Bilder abliefern und überzeugte immerhin zwei Akte lang, ehe er dann gegen Ende etwas den Grund unter den Füssen verlor. Aber schon mit “Munich” war Spielberg wieder angelangt bei den vermeintlichen wichtigen Themen, für die ihm scheinbar mehr und mehr das Feingefühl fehlt, die Aussage immer wieder hinter die platte Emotionalisierung zurücktritt.

Mittlerweile ist Spielberg 60. Kein junger Spund mehr und vielleicht war es an der Zeit die Baseballmütze abzulegen. Seine nächsten Projekte sind ein Biopic über Lincoln und den Bürgerkrieg, sowie angeblich der oft verschobene Indiana Jones Teil 4, mit dem ebenfalls in die Jahre gekommenen Harisson Ford.

Ein wenig fürchte ich mich davor, den alten Haudegen noch einmal zu erleben. Zu groß ist die Angst, er könnte sich selbst dauerhaft beschädigen und in einer seelenlosen Effektoperette enden, wie es die neuen Star Wars-Filme taten.

Es tut weh, wenn sich die Helden der Jugend über die Jahre selbst demontieren. Dennoch: Seinen Platz im Kinohimmel hat sich Spielberg schon vor langer Zeit erkämpft und den wird ihm niemand mehr streitig machen wollen. Er ist und bleibt eindeutig der Mann, der wohl die meisten Jungs dazu gebracht hat Regisseur werden zu wollen, der mit seinem humorvollen Auftreten, seiner naiven Weltsicht, die immer Platz ließ für Pathos und dessen ironische Brechung, zum Inbild des Hollywood-Filmemachers wurde.

Für alles was er geschafft hat, muß man ihm Respekt zollen. Dafür das er Kino wieder zum Erlebnis zum Spektakel machte, das große Leinwände erforderte und Bilder hervorbrachte, klassische Figuren die zum festen Bestandteil der Popkultur geworden sind, dafür bin ich ihm dankbar.
Und es fällt, wenn man ihn im Interview sieht immer noch schwer, den alten Knochen nicht zu mögen. Den Mann, der einen durch die Kindheit begleitet hat, der einen lachen, weinen, mitfiebern und zittern ließ.

Dafür, trotz aller Enttäuschung ein von Herzen kommendes Dankeschön, Steven.

Und Happy Birthday.

Indiana Jones – Die komplette DVD Movie Collection (4 DVDs)
Duell
Das Reich der Sonne (Special Edition, 2 DVDs)
Der weisse Hai (Der Weisse Hai (30th Anniversary Lim. Collectors Edition)

In : Thema

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.
  • http://sebreviews.blogspot.com Sebastian Wagner

    Sehr schön, ich sehe wir hatten eine ähnliche cineastische Grundprägung in unserer Kindheit. Ich fand zwar “War of the Worlds” und “Minority Report” jeweils ganz gelungen, aber mit den Werken aus den 70ern bis frühen 90ern kann man sie wirklich nicht vergleichen.

    Ach der Tag, an dem ich zum ersten Mal Indiana Jones gesehen habe…

  • http://abfallkalender.wordpress.com Sebastian Sachse

    Was soll ich sagen? E.T. birgt meine erste Kindheitserinnerung, wie er da halbtot im Flussbett liegt. Ist nichts für einen 2-jährigen Kinogänger.
    Auch später durfte ich mit meiner Babysitterin Der weisse Hai gucken, im dunklen Wohnzimmer. Fand ich cool. Jurassic Park. Man, ich war 12, als der kam, es gibt definitiv kein besseres Alter, um diesen Film zu gucken. Spielberg war damals der Größte.

    Äber Du hast Recht, größtenteils reisst der Mann heute nichts mehr. Und muss auch noch Filme wie E.T. posthum verstümmeln, Stichwort Walkie Talkie. Aber er ist bestimmt ein Netter.

    Ach ja, sehr schöner Artikel. Auf youtube hättest Du jetzt 5 Sterne bekommen.

  • Pingback: SchönerDenken » Blog Archiv » Herzlichen Glückwunsch, Mr. Spielberg …

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  • thuku

    Kann im Prinzip dem Kommentar zustimmen.
    Eein kleiner Fehler:
    Young Indiana Jones ist ein produkt von Lucasfilm und hat mit Spielberg überhaupt nichts zu tun.

  • Pingback: Lieber George - George Lucas zum Geburtstag… | Die Fünf Filmfreunde

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    dancys:

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    04/24/14

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