Review

Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler

Standard, 20. 1. 2007, Renington Steele, 17 Kommentare

„Treu und deutsch seid Ihr mir gefolgt, die Welt zu Sauerkraut zu machen. Ihr seid alle arschblond und blauäugig. Trotzdem jubelt ihr mir zu. Heilt Euch selbst.“

fuehrer.jpgOriginaltitel: Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler
Herstellungsland: Deutschland 2006
Regie: Dani Levy
Darsteller: Helge Schneider, Ulrich Mühe, Sylvester Groth, Ulrich Noethen, Stefan Kurt

[rating:3.5]

Dezember 1944. Adolf Hitler ist am Ende und Deutschland zerbombt. Propaganda-Minister Göbbels plant eine Ruck-Rede Hitlers am Neujahrstag und lässt den Führer dafür trainieren, unter Anleitung von Professor Adolf Grünbaum, einem jüdischen Schauspieler von Weltruhm. Im Laufe ihrer Zusammenarbeit entwickeln Hitler und Grünbaum ein fast inniges Verhältnis und Hitler vertraut ihm längst verdrängte Kindheitserinnerungen an:

„Mein geliebter Herr Vater, den ich sehr liebte, schenkte mir einmal eine Steinschleuder. ‚Schieß mir eine von diesen scheißenden Tauben vom Himmel‘. Ich zielte und traf. Die Taube flog uns fast direkt vor die Füße. Er gab mir eine Kopfnuss und sagte: ‚Zufall, mein Junge‘.“

Grünbaum ist hin und hergerissen zwischen dem Gedanken, Hitler zu töten und dem, dass Hitler selbst nur ein Opfer ist. Im Verlauf des Films verhindert er jedoch sogar einen Mord an Hitler durch seine Frau, für dessen Versuch sich der Führer im Halbschlaf bedankt – bei seinem Vater.

Während der Übungen mit Hitler steht Grünbaum unter der ständigen Überwachung durch Göbbels und Reichsführer SS Heinrich Himmler, die ein Attentat auf Hitler planen, der während der Rede in einer Bombenexplosion ums Leben kommen soll. Die Schuld dafür wollen sie Grünbaum und den Juden in die Schuhe schieben. Hitler ist nur noch ein Spielball seines Stabes, es wird ihm vorgegaukelt, Berlin habe bisher keinen Kratzer abbekommen, die Fahrt Hitlers durch das zerbombte Berlin wird minutiös geplant und zerstörte Gebäude von Kulissen verdeckt, Leni Riefenstahl soll diese Inszenierung potemkinscher Dörfer filmen.

[Spoiler] Bei den Vorbereitungen am Tag der Rede wird Hitlers Schnurri verstümmelt und gänzlich rasiert, worauf er bei einer Hasstirade auf die Maskenbildnerin seine Stimme verliert. Deshalb muss Grünbaum die Rede halten, unter dem Podest in ein Mikrofon sprechen, während Hitler zum Playback die mit einem Kunst-Schnurri beklebten Lippen bewegt. Natürlich ändert Grünbaum nach einer Weile den Inhalt der Rede, bezeichnet das deutsche Volk als arschblond und blauäugig, erzählt die Wahreit über Hitler („Ich bin Bettnässer, drogenabhängig. Ich kriege keine Errektion!“) woraufhin er von Himmler erschossen wird. Sterbend und mit einem Lächeln im Gesicht sieht er, dass das Volk seine Botschaft jubelnd annimmt. [Spoiler Ende]

Was wurde nicht über diesen Film gestritten: darf man das? Eine deutsche Komödie über Hitler? Darf man über das Führerlein lachen? Ich sagte: man muss sogar. Ganz laut und heftig. Die Diskussion über diesen Film ist müßig, denn natürlich wurde es längst Zeit, sich dem Thema Nationalsozialismus endlich jenseits aller Guido Knopp-Gefühlsduselei komödiantisch zu nähern. So gesehen ist „Mein Führer“ ein wichtiger deutscher Film, historisch gesehen.

Allein: Der „Führer“ ist über weite Strecken nicht komisch. Daniel Levy streut zu viele zu dramatische Schicksale mit ein, [Spoiler] die gefakte Entlassung aller Gefangenen aus dem Konzentrationslager Sachsenhausen oder der Tod Grünbaums sind nur zwei Beispiele hierfür. [Spoiler Ende]

Sicherlich könnte man diesen Film als Tragik-Komödie ansehen, was auch der Wahrheit entspräche, die Schlußszene allerdings zeigt das Potential, das in der Idee liegt, den Alptraum Hitler zu einem einzigen Quatsch mit Soße zu machen. Helge Schneider kann man diesbezüglich keinen Vorwurf machen. Er legt die Rolle zwar durchaus ernst an, die Lächerlichkeit seiner Figur lässt er einen aber in jeder Sekunde spüren, ganz egal ob er in der Badewanne mit Kriegsschiffen spielt oder seinen Hund „Blondie“ aus einem Fenster abseilt, was zwei viel zu seltene Albernheiten des Führers in diesem Film sind.

Der Film ist durchaus sehenswert, optisch klug gefilmt und gut ausgestattet. Er startet in Schwarz/Weiß und Originalaufnahmen um schließlich in Farbe zu landen nur um am Schluß wieder dort zu enden, wo er begann: bei Originalaufnahmen. Der Kunstgriff, gerade einen Juden zu Hitlers Rhetorik-Lehrer zu machen, ist schnell als solcher vergessen, denn aus dieser grundsätzlich absurden Situation ergeben sich einige Dialoge, die einen durchaus schmunzeln lassen („Das mit der Endlösung, das dürfense nit persönlich nehmen“). Leider bleibt es bei diesem Schmunzeln, große Lacher bleiben aus.

[Spoiler] Allein die wirklich durchweg sehr gute Schauspielleistung von Helge Schneider und Ulrich Mühe sowie die Schlußrede Grünbaums/Hitlers rettet den Film vor dem Mittelmaß. Wenn Grünbaum mit vorgehaltener Waffe die Rede Hitlers in eine Selbstkritik des deutschen Volkes verwandelt, sitzt man mit einem breiten Grinsen im Kinosessel und kann sich des Gedankens nicht erwehren: wie konnte man nur einem solchen Hanswurst in die größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts folgen? Einem impotenten, paranoiden Bettnässer. [Spoiler Ende]

Dennoch bleibt „Mein Führer“ leider etwas zu fade, um wirklich lachen zu können. Die Bürokratiewitze sind dann irgendwann auch durch. Über Hitler lachen: das kann man mit Walter Moers Adolf-Comics mit Sicherheit besser. Oder mit dem großen Diktator.

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17 Kommentare

  • Reply Batzman 20. 1. 2007 at 22:14

    Die ganze Debatte des „darf man lachen“ war doch glaube ich eh nur eine PR-Routine, denn in Wirklichkeit kräht doch seit Jahren keine Sau mehr danach, ob man Hitler für Comedy benutzt oder nicht.
    Nicht erst seit Moers und Butler Hatler gehören Witze über Onkel Addi zur Grundausstattung…

    Mel Brooks bot ja schon Anfang der 80er den wunderbaren Hitler-Rap an.

    http://www.youtube.com/watch?v=0CVpvKBvhyo

    Heil, Sieg-i-die Heil, Heil Myself…

    Dont be stupid, be a smarty, lets all join the nazi party…

  • Reply Renington Steele 20. 1. 2007 at 22:18

    Hmm, weiß nicht. Sicherlich wurde diese Diskussion herbeigeredet, das aber nicht von der Film-PR sondern von der Journaille.

    Das Ausland lacht mit Sicherheit schon lange über den schnauzigen Massenmörder, wichtig ist glaube ich, dass der Witz diesmal aus Deutschland kam.

    Leider hätte er wirklich witziger sein können/müssen.

  • Reply Nerdcore - A Blog about very cool Stuff. Und so. 20. 1. 2007 at 22:23

    […] Ich habe jetzt auch den “Führer” gesehen. Kurz: nett, aber kein Brüller. Details gibt es bei den Filmfreunden. […]

  • Reply Batzman 20. 1. 2007 at 22:35

    *g* ich bin mir nicht so sicher, zumindest war es tolle Promo für den Film, das LeutInnen wie Lea Rosh sich drüber echauffiert haben.

    Ich werd mir den irgendwann mal im TV angucken, das reicht glaub ich auch.

  • Reply Renington Steele 20. 1. 2007 at 22:38

    Das stimmt in der Tat, war ja auch zu erwarten… ;-)

    TV reicht, dafür muss man wirklich nicht ins Kino. Nett isser ja, aber eben kein Brüller. Schade drum, Chance verschenkt. Die Schlußszene zeigt nämlich wirklich, was da hätte draus werden können…

  • Reply Batzman 20. 1. 2007 at 23:13

    Ich hatte bei Levis sehr unterhaltsamen „Alles auf Zucker“ aber auch schon das Gefühl, das der Film im TV besser aufgehoben ist als im Kino. Es fehlte, bei aller Komik und netten Sprächen letztlich doch das gewisse Etwas, das einen Kinofilm ausmacht, das Gespür für Bilder und Größe…

  • Reply Petr Pivo 21. 1. 2007 at 15:12

    Klingt ja nicht gerade Vielversprechend. Werde mir das aber wohl trotzdem im Kino anschauen. Die Neugier…

    Zwei lesenwerte Artikel zum Film gibts übrigens auch bei Lizas Welt. Nämlich „Wie der neue Hitler-Film das Leben eines Juden, der als Soldat gegen Nazi-Deutschland kämpfte, derealisiert und „Die wirklich unwahrste Unwahrheit über die Nazis“.

  • Reply Dülp 21. 1. 2007 at 19:28

    Der Film war wohl anders gedacht, als er jetzt zu sehen ist. Daniel Levy hat in einem Interview erklärt, dass das Testpublikum ziemlich verstört auf die ursprüngliche Version reagiert habe, teilweise sogar schockiert war. Deswegen habe er den Film im Schneideraum deutlich entschärft und deutlich mehr Gewicht auf die tragischen Aspekte gelegt. Siehe hier: Levys Fazit: „Das Publikum will wohl doch eine moralische Sicherheit spüren.“

  • Reply Dülp 21. 1. 2007 at 19:29

    P.S.: Das ist auch der Grund, warum ich mir den Film nicht angucken werde. Ich würde immer das Gefühl haben, einem Zugeständnis an das schlechte deutsche Gewissen zuzuschauen.

  • Reply Herr Herrner 22. 1. 2007 at 12:14

    Die Kompromisse waren im Grunde dauernd zu spüren, am Ende kam für mich dabei eigentlich eher ein ernster Film, in dem man auch mal lachen konnte, heraus – das fand ich dann aber alles in allem sehr gut so. Man hätte alles viel lustiger oder viel tragischer machen können und ich hätte beides vielleicht viel besser gefunden, aber so fand ich es eben auch gut.
    Interessanterweise scheint das – jedenfalls hier in Hamburg – aber auch so niemand sehen zu wollen: Schon in der 2. Woche in die Minisäle verbannt und auch dort sind die Kinos nicht annähernd voll.

  • Reply Petr Pivo 22. 1. 2007 at 16:58

    @ Dülp: Das lässt ja wenigstens ein Funken Hoffnung auf eine DVD mit Director´s Cut.

  • Reply Ronny 15. 2. 2007 at 8:54

    „Leni Riefenstahl soll diese Inszenierung Böhmscher Dörfer filmen.“

    Ihr meintet sicher potemkinsche Dörfer

    *klugscheiss*

  • Reply die lila himbeere 3. 3. 2007 at 13:17

    Grüß euch! Also ich musst den Film von der Schule aus sehn und meine Meinung is, dass der Film einfach keine Satire is. Was er allerdings sein soll, der große Fehler war es Grünbaums Familie ins Spiel zu bringen. Denn als die Familie auftaucht, schwenkt der ganze Film um. An sich, war die Idee des Films ganz gut, aber schlecht umgesetzt.
    kuss himbeere

  • Reply Joggy 12. 4. 2007 at 10:51

    Ich finde, dasdieser Film im Vorfeld zu sehr kritisiert wurde. Allgemein sich über Hitler aufzuregen ist eh schwachsinn, denn keiner diskutiert so über über z.B. Einstein, oder Amadeus und die haben auch was geschafft. Und über die gibt es auch Filme.

  • Reply renington_steele 12. 4. 2007 at 23:47

    Die meinste jetzt aber nicht damit, dass Hitler etwas geschafft hätte? Oder?

    Bitte nicht!

  • Reply Dog Hollywood 12. 4. 2007 at 23:57

    Hitler mit Einstein oder Amadeus zu vergleichen ist hier sowieso fehl am Platz und generell ein gedanklicher Fehltritt, um es milde auszudrücken.

  • Reply Patrick B. Rau 18. 3. 2009 at 18:39

    Dieser seichte, biedere Film geht an allem vorbei, was wesentlich am „Fall Hitler“ sein könnte, und leistet damit nach Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“ einen weiteren Beitrag zur Banalisierung und somit Verschleierung der Kausalitäten und Hintergründe.

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