Schräger als Fiktion

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“Es heißt Sie würden sich ein wenig schummidummi fühlen.”

stranger.jpgOriginaltitel: Stranger than Fiction
Herstellungsland: USA 2006
Regie: Marc Forster
Darsteller: Will Ferrell, Maggie Gyllenhaal, Dustin Hoffman, Queen Latifah, Emma Thompson

★★★½☆

Harold Krick ist ein Erbsenzähler. Ganz im Ernst. Er zählt alles, er zählt die Bewegungen beim Zähneputzen, die Schritte auf dem Weg zur Arbeit, er rechnet für seine Kollegen die aberwitzigsten Rechnungen. Aber ein Leben hat er nicht, bis zu dem Morgen, an dem er die Stimme in seinem Kopf hört. Schnell stellt sich heraus: Harold ist eine Romanfigur in einer Story von Schriftstellerin Kay Eiffel, die schreibblockiert darüber sinniert, wie sie Harold am elegantesten um die Ecke bringen kann.

“Stranger than Fiction” ist eine liebenswürdige kleine Komödie, die auf einer grandiosen Idee basiert, die man viel viel besser hätte erzählen können. Zu Beginn, wenn Harold seine Erzählerin zum allerersten mal hört: man liegt am Boden, zu absurd und komisch sind diese Szenen. Leider war es das dann auch schon mit den großen Komödienmomenten, ansonsten bleibt der Film zwar durchaus komisch, aber man schmunzelt eben die ganze Zeit nur so vor sich hin, wenn Dustin Hofmann mal wieder den brummigen Literaturprofessor mimt oder Will Ferrell den ahnungslosen Deppen, der langsam das Zählen verlernt, dafür aber die Liebe seines Lebens findet. Außerdem lernt er Gitarrespielen. Das ist immerhin etwas.

“Stranger than Fiction” ist ebenfalls eine dieser existentiallistischen Komödien wie “I heart the Huckabees” oder “Garden State”, die zwar alle ganz nett sind, aber über dieses nett leider nicht herauskommen. Genauso ist “Stranger than Fiction” ein Film, der mit einer brillanten Idee aufwartet, diese aber nicht konsequent weiterspinnt. Nicht falsch verstehen, der Film ist gut. Aber nicht sehr gut. Dafür war er leider zu leise.

 
 
Mal SehenBatzman meint:
“This may sound like gibberish to you, but I think I’m in a tragedy. “

★★★☆☆

Auch mich ließ “Stranger than fiction” mit gemischten Gefühlen zurück. Vor allem aber dem Eindruck, daß hier eine brilliante Kurzfilmidee unbedingt auf 90 Minuten gestreckt werden sollte und alle beteiligten versuchten eben das beste daraus zu machen. Kein Zweifel Will Ferell genießt es mal einen dramatischen Charakter zu spielen, der weit weg ist von den debilen eher lauten Figuren die er sonst gibt, leider wirkt er dadurch auch bißchen weniger menschlich, denn alles was seine Figur auszeichnet sind seine Ticks.
Emma Thompson kommt in der Rolle der Schriftstellerin etwas du überdreht daher, ihre Methoden die Schreibblockade zu überwinden wirken bisweilen exzentrischer als es Not tut, dienen aber wohl der Erklärung warum Harold überhaupt soviel Zeit hat über seine Situation zu sinnieren. Vieles wirkt wirklich wie Füllmaterial, denn absurder Weise schafft es der Trailer fast den gesamten Film in drei Minuten nachzuerzählen, da verwundert es wie oft die Erzählung hier auf der Stelle tritt.

Ja es ist niedlich wie linkisch sich Harold an sein Love Interest heranpirscht, wie er stotternd und unsicher ihr Herz gewinnt, aber je länger die Erzählstimme der Autorin aussetzt, desto eher bekommt man das Gefühl, das hier breitgetreten wird, was auch als kleine Skizze funktioniert hätte. Stellenweise glaubt man, daß die Produktion grünes Licht bekam, gleich nachdem der Drehbuchautor sagt: “Wäre es nicht cool, wenn ein Mann plötzlich die Erzählstimme des Films hört, die sagt was er tut und denkt..?” ohne das man sich überlegte wie man mit dieser einen Idee einen Spielfilm füllt.

Der Film leidet wirklich unter seinem grandiosen Auftakt, in dem erzählerisch wie auch visuell ein Tempo vorgelegt wird, daß er später nie wieder erreicht. Eingeblendete Zahlen und Diagramme, die anfänglich greifbar machen wie eingefahren und in Nummernspielen und Angewohnheiten Harolds ist, wirken wie Fremdkörper wenn sie später noch einmal auftauchen, nachdem der Film längst jene skurrile Fahrt verloren hat, die in anfänglich so spannend machte. Dazu irritiert ein betont künstlerisches Set-Design, das bisweilen so stilisiert wirkt, das man sich ernsthaft fragt ob hier Sets aus 2001 und Brazil recycelt wurden. Vermutet man anfänglich noch, daß sich diese irrealen Ausstattungsteile irgendwie in die Geschichte einfügen oder gar Plotelement sind (Beispielsweise andeuten, daß auch Autorin Kay Eiffel nur eine fiktive Figur ist), wird man bald enttäuscht einsehen das hier nur optische Spielerei betrieben wurde. Die seltsamen aseptischen Büroräume von Kay sind eben da, weils interessant aussieht, wenn man Leute in fast weißen Räumen stehen lässt, nicht weil es wirklich glaubhaft wäre oder irgendeinen Sinn macht.

Natürlich will “Stranger than fiction” keine Komödie sein, kneift dann aber dennoch davor sich als Tragödie wirklich ernst zu nehmen. Stattdessen flüchtet man sich in Sentimentalitäten anstatt den Plot wirklich ernst zu nehmen. Die Möglichkeiten die sich ergeben, wenn eine fiktive Figur ihren Schöpfer trifft sind unendlich, werden hier aber doch nur gestreift. Der Fakt das das ganze Konzept natürlich schwächelt (Wenn die Autorin in all ihren Büchern ihre Helden umbringt und dabei stets Namen und Settings belässt, warum hat sich von all ihren früheren Erfolgen nie einer der Hinterbliebenen oder Bekannten der “Opfer” gemeldet und gefragt warum sie 1:1 dessen Lebensgeschichte nacherzählte?), wird ignoriert und auch die moralischen Bedenken der Autorin wirken etwas aufgesetzt. Im dritten Akt steuert der Film dann komplett auf großes Drama zu, das er letztlich dann doch zugunsten eines Familienfreundlichen Happy Ends aufgibt.

Die moralischen Lehren des Films, bleiben dabei eher in Allgemeinplätzen verhaftet: “Leb dein Leben, Glaub an dich, Liebe ist das Wichtigste, Nutze die Zeit die dir bleibt…” Alles schön und wahr, aber nicht grade tiefschürfende Erkenntnisse, wenn man bedenkt wie ernsthaft der Film daherkommt.

Sympathisch ist “Stranger than fiction” zwar, handwerklich geht er auch in Ordnung, aber bei aller Zuneigung bleibt doch das schlechte Gefühl, das hier eine erstklassige halbstündige Twilight-Zone-Folge auf Spielfilmlänge gedehnt wurde und man mit der Spielfilmfassung bewusst auf jenes Publikum abzielt, das “smart” und “klug” nicht auseinanderhalten kann und sich ob der leichteren Konsumierbarkeit oft lieber mit einem Mainstream-Film der als Arthouse daherkommt, zufriedengibt, als tatsächlich einen sperrigen Film wie Adaption zu sehen.

In : Review

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7 Comments

  1. largeman

    Ich habe den Film auch gesehen und glaube nicht, dass er versucht, eine richtige Komödie zu sein. Genau so wenig wie “Garden State”. Diese Filme schrammen an der reinen Komödie vorbei, denn sie sind mehr…Drama, Komödie,…
    Am stärksten merkt man es bei “Garden State”, wie ich finde. Den einen Moment ist man kurz davor sich schlapp zu lachen und einen Dialog später drückt die Tränendrüse.
    Ich finde “Schräger als Fiktion” (scheiß Übersetzung) sehr gut, gerade weil es kein Slapstick ist und man den Humor eher auf sich wirken lassen muss. Garden State gefällt mir aber um Längen besser, weil da der Unterschied zwischen Lustig und Traurig bzw. Sentimental sehr schnell wechselt und sich super ergänzt.

    Sorry, viel gelabert, aber wenn ich wo “Garden State” lese, ist alles zu spät…

  2. Marcus kleine Filmseite

    schon wegen der auflösung muss man den film einfach mögen (und wegen maggie *g*). habe in meiner wertung auch etwas höher gegriffen.

    in zeiten von immer mehr nonsens-komödien und gaga-computerspiel-verfilmungen ist “schräger als fiktion” wirklich balsam für die seele eines geschundenen kinogängers…

  3. Binding

    Ich würde auch mehr das Positive an diesem supernetten Film loben, anstatt das Negative zu sehr zu betonen. Um die Frage, ob es eine Komödie oder eine Tragödie ist, geht es ja übrigens im Film selbst – wobei das Ende dann aber eindeutig auf eine Komödie hinweist. Trotzdem ist sie wesentlich intelligenter als 90 Prozent des Rests! Ich fand ihn klasse, und zwar vor allem auch wegen Maggie, Emma und Dustin.

    Ich würde es so sagen: “Science of Sleep”, “Adaption” und “Die fabelhafte Welt der Amélie” sind zwar die eindeutig besseren Filme. Aber etwas von diesen drei Genialitäten hat er trotzdem, und er ist – natürlich mit Abstrichen – letztlich auch ähnlich gut.

  4. Binding

    Ist eigentlich jemandem aufgefallen, dass hier Tom Hulce nach ewig langer Leinwand-Abstinenz mitspielt?

    Ja, genau: Amadeus!!!

    Aber man erkennt ihn kaum wieder. Er spielt den esoterisch angehauchten, ziemlich lächerlichen Psychotherapeuten auf der Arbeitsstelle der Hauptfigur.

  5. Mental Savage

    So “grandios” fand ich die zugrundeliegende Idee überhaupt nicht – eben eine klassische “high concept” Idee wie bei Trueman Show oder diesen ganze Body Switch Komodien, bei denen der Kern der Story in einem Satz zusammengefasst ist, und dann daraus noch zwei Stunden Spielfilm gebastelt werden müssen.

    Aber ich fands schön zu sehen, dass man auf Grundlage einer arg konstruierten Idee eine doch halbwegs subtile Geschichte gebastelt hat, mit intelligenten Dialogen, guten Schauspielern und Liebe zum Detail.

    http://mentalsavage.blogsome.com/2007/04/25/stranger-than-fiction-schrager-als-fiktion/

  6. File Status 48

    Quote it like Beckham…

    Harold Crick: Miss Pascal, what you’re describingis anarchy. Are you an anarchist?Ana Pascal: You mean, am I a member of… Harold Crick: An anarchist group, yes.Ana Pascal: Anarchists have a group?Harold Crick: I believe so, sure.Ana Pascal: They ass…

  7. Ein Quantum Trost - Die Fünf Filmfreunde

    [...] und “Finding Neverland” oder den etwas verschenkten High Concept-Film “Stranger than Fiction” auffiel. Keine besonders gelungene Wahl für einen Bondfilm, wie man gleich zu Beginn und [...]

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