Rocky Balboa

“I mean, maybe you’re doing your job, but why you gotta stop me from doing mine?”

rocky2.jpgOriginaltitel: Rocky Balboa
Herstellungland: USA 2006
Regie: Sylvester Stallone
Darsteller: Sylvester Stallone, Burt Young, Milo Ventimiglia, Geraldine Hughes, Antonio Tarver

****½

In Würde altern. Wer erhofft sich das nicht für die Zukunft. Bei manchen klappt das ganz gut, bei manchen weniger. Wie es perfekt funktioniert, zeigt uns Sylvester Stallone mit seinem neuesten Streich.

[VORSICHT SPOILER]Rocky könnte halbwegs zufrieden sein. Er hat ein gut laufendes Restaurant, in dem er wieder und wieder Zur Erbauung der Gäste, die Geschichten seiner alten Kämpfe erzählt und dafür ein wenig belächelt wird, er hält sporadischen hält er Kontakt zu seinem Sohn Rocky jr. (dem der Rummel um seinen Vater peinlich ist) und führt ein bescheidenes Leben. Den Tod seiner Frau Adrien hat er einigermassen verkraftet, wenngleich sie noch ein Rolle in seinem täglichen Leben spielt. Er spricht immer mit ihr, besucht sie regelmässig an ihrem Grab, das Restaurant trägt ihren Namen und die Tatsache das er nachwievor “verantwortlich” für Adriens Bruder Pauly ist, schmälert die Erinnerung an sie auch nicht. Sie war wirklich die Liebe seines Lebens. Deswegen kann und will er sie auch nicht loslassen. Trotz finanzieller Sicherheit und einem geruhsamen Leben, fühlt Rocky sich leer, das Alter fordert seinen Tribut und er leidet zunehmend darunter ein “has-been” zu sein. Ein “Gewesener”, den niemand mehr wirklich braucht.

Eines Abends trifft Rocky Marie, sie ist Bedienung in einer Spelunke. Sie erkennen sich wieder. Marie war es, die Rocky als kleines Mädchen davor bewahrte, eine Karriere als Alkoholikerin einzuschlagen (siehe erster Teil). Heute ist sie alleinerziehende Mutter. Rocky und “Little Marie”, wie er sie nach wie vor nennt, verstehen sich auf Anhieb und er fühlt sich sofort wieder für sie verantwortlich. Dabei reicht seine “Kümmer”-Spanne vom einfachen Glühbirnenauswechseln bis zum aufpassen, das der Sohn ein guter Junge wird bleibt.

In einer ESPN-typischen Fernsehshow wird ein virtuelles Match veranstaltet zwischen dem damaligen Champ Rocky und dem jetzigen Weltmeister Mason “The Line” Dixon. Und Rocky gewinnt in der Simulation. Dixon, ein junger, arroganter Boxer, dessen Karriere grade einen leichten Knick hat, kann das natürlich nicht auf sich sitzen lassen und fordert Rocky heraus. Oder besser gesagt: Seine Manager fordern ihn heraus, in der Hoffnung durch einen derartigen Showkampf ihren Klienten wieder ins Rampenlicht zu ziehen. Denn bei solch einem spektakulären Showkampf wäre natürlich eine enorme Summe rauszuholen. Balboa zögert, obwohl er selbst wieder in den Ring zurückkehren wollte. Allerdings hatte er dabei an kleinere Sparringskämpfe gedacht und nicht an ein Duell mit dem Weltmeister. Er ist mit 60 eigentlich zu alt um nochmal in groß anzutreten. Lange trägt er die Entscheidung mit sich herum. Doch ein Gespräch mit “Little Marie”, die mittlerweile in seinem Restaurant als Managerin arbeitet, überzeugt ihn. “Fighters fight.” Mehr als diese zwei Worte braucht sie nicht um ihn zu überzeugen es nochmal zu versuchen.

Da hilft auch die Bitte seines Sohnes nichts, es zu lassen: Der Champ ist zurück und will es nochmal wissen. Sein Training sieht genauso aus wie noch vor 30 Jahren: Rinderhälften boxen, Treppen joggen, Gonna fly now. Dann ist er endlich da: Der Tag des grossen Kampfes und alle sind da um Rocky anzufeuern…[Spoiler Ende]

Im ersten Moment läuft einem ein Schauer über den Rücken: Stallone? Nochmal als Rocky? Der alte Saque? Und uns ist auch noch allen der letzte Streich in schlechter Erinnerung. Rocky 5 ist wohl einer der Filme, die man sich gewünscht hätte, niemals gesehen zu haben, weil sie vor allem die persönliche Legende, die im eigenen Kopf entstanden ist, massivst gestört haben. Schon alleine der Endkampf auf der Strasse rechtfertigt jede “Goldene Himbeere” die Stallone jemals bekommen hat. Aber man muss auch verzeihen, man muss auch vergessen können. Und wenn man das kann, dann sollte Sly das Recht bekommen, auf der diesjährigen Verleihung alle seine Himbeeren wieder zurückzugeben, denn “Rocky Balboa” ist ein Film für die Ewigkeit.

Ich weiss nicht was es ist, so vieles spielt eine Rolle:

- Es ist lange her das ich einen Film sah, der Rückblicke aus anderen Filmen benutzt hat. Es ist definitiv noch nie passiert, dass mir diese Rückblicke gefielen. Bis jetzt. Mit was für einer Eleganz und dramaturgischen Notwendigkeit die alten Ausschnitte hier in die Geschichte gewoben sind, verschlägt mir die Sprache. Ich hatte nie das Gefühl, um neue Szenen betrogen worden zu sein. Jede Erinnerung Rockys ist ein wichtiger Bestandteil der ganzen Geschichte. Innere Vorgänge, Gedanken, Erinnerungen mit Material aus den Vorgängerfilmen zu bebildern, funktioniert hier par excellence. Man hat das Gefühl, man erinnert sich gemeinsam mit Rocky zurück. Das verbindet total mit dem Champ.

- Dass Paulie wieder dabei ist, Rocky jr. und die mittlerweile erwachsene Marie nährt nicht nur das nostalgische Herz beim zuschauen, sondern macht den Film auch noch glaubwürdiger als alles andere. Natürlich ist Rocky kein Mann, der einen Haufen neuer Freunde hat. Und ohne seine geliebte Frau wird er logischerweise noch mehr zum Einzelgänger. Bis auf die alten Weggefährten, das ist stimmig, das macht die Figur lebendig.

- Man muss Balboa einfach lieben. Der Mann steht für Gerechtigkeit, versucht die Welt um ihn herum ständig glücklich und zufrieden zu machen. Sicher, er ist nicht der hellste, aber er weiss das und er macht keinen Hehl daraus. Es freut ihn, wenn er erkannt wird und die Leute sich als seine Fans outen. Er glaubt einfach immer und zu jeder Zeit an das Gute im Menschen. Das macht ihn in dieser (sorry schonmal für das nun folgende Pathos) kaltherzigen und egoistischen Welt von heute zu einem Exoten. Einer Ausnahme. Doch das lässt ihn noch lange nicht daran zweifeln, das sein Weg der richtige ist.

- Wie cool jemand aussieht, der mit 60 trainiert, lässt sich in diesem Film hervorragend sehen.

Kurzum: Es dauerte keine 2 Minuten und der Film hatte mich. Es wirkt alles so vertraut… als wenn man eine Kindheitserinnerung in der heutigen Welt platziert (also, stellt Euch zum Beispiel vor, Zini, das Wuslon aus “Spass am Dienstag”, würde Sabine Christiansen moderieren). Rocky ist alt geworden, klar, aber das hindert einen nicht daran, immer noch zu ihm aufzusehen, zu erkennen, dass er ein “wahrer” Held ist. Und sich selbst, paradoxerweise, wieder wie ein kleiner Junge zu fühlen, der (in meinem Fall) an einem Samstagabend mit seiner Familie vor dem Fernseher sitzt und zum ersten Mal diese Fanfaren hört. Rocky ist Pathos, ist Kitsch, vielleicht werfen ihm einige findige Schreiberlinge sogar vor, “Sozialkitsch” zu sein. Ich aber sehe in dem Film eine Abschlussvorstellung, einen Abschied von jemandem, der uns alle begleitet hat. Der uns motiviert hat. Der uns wahrscheinlich sogar auf die ein oder andere Weise beeinflusst hat. Danke Rocky.

Einziger, wirklich minimaler und von einigen wahrscheinlich sogar zu Recht als Erbsenzählerargument zu bemerkender Kritikpunkt: Das Hauptthema “Gonna fly now” wurde neu eingespielt. Dabei wurde sogar die gleiche Instrumentierung wie damals benutzt, was dem Lied sehr gut tut, anders hätte man es auch nicht machen können. ABER: Das Schlagzeug spielt einen neuen Beat. An Stellen die es damals durch Pausen betont hat, oder wo die Bassdrum “auf der 1″ war, spielt es heute den Rythmus durch. Das nervt. Aber egal, hört nicht auf mich.

Mal SehenBatzman meint:
****

Ich gebe zu auch mich hat der Film gepackt und das obwohl ich alles andere als ein Sport- oder gar Boxfan bin. Was daran liegen mag, daß es in den Rockyfilmen immer in zweiter Linie um das Gekloppe im Ring ging und immer in erster Linie um interessante und liebenswerte Figuren. Der erste Film etablierte Stallone zurecht als guten Geschichtenerzähler, der mit Rocky Balboa einen archetypischen Underdog erschaffen hatte, mit dem man auch dann gerne mitzitterte, wenn einen der Sport so gar nicht interessierte. Vergessen wir dir Teile 4 und 5 lieber, das der fünfte Grütze war weiß mittlerweile auch Stallone und wohl auch aus diesem Grund ist er der einzige Teil aus dem er keinen Ausschnitt mit in den neuen Film eingebaut hat, vergessen wir falsches Heldenverehrung und nehmen wir Rocky Balboa als das was es ist: Eine über weite Strecken sehr melancholische, immer liebenswerte Mediation über das Altern, Verlust, Einsamkeit und Würde.

Stallone versucht nicht mit aller Gewalt Rocky cool wirken zu lassen, nein er wendet das Alter der Filmserie und der Figur Rockys zu seinem Vorteil. Rocky ist ein Relikt aus einer vergangenen Zeit, er hat nur noch als Museumstück als Erinnerung einen wert. Er steht ausgemustert im Reliquiensaal der Popgeschichte. Die Wucht der Erzählung und eine große Faszination bezieht der Film grade daraus, das wir hier dieselben Schauspieler sehen, die damals mitspielten, das wir in ihren Gesichtern die Jahre lesen können. Grade Zuschauer die mit der Serie aufgewachsen sind, werden spüren wie sie mit Rocky gealtert sind, wenn sie sich in Erinnerung rufen, wo sie damals waren, wie sie lebten und dachten als der erste Teil im Kino oder im Fernsehen lief.

Der Kampf Rockys weist vielerlei Parallelen zu Stallones-Karriere auf, das es fast müssig scheint nochmal darauf hinzuweisen, das hier zwei Recken vergangener Tage um ihre Rehabilitation kämpfen. Mit leisem Alterswitz und lakonischer Gelassenheit zeigen sie noch einmal, das man noch mit ihnen rechnen muß. Sie sind alt, sie sind nicht mehr in topform, aber sie sind noch nicht aus dem Rennen. Es geht, wie schon in Rocky 1 nicht ums gewinnen, es geht darum zu beweisen, das man noch etwas kann. Der Gegner mag überlegen sein, aber soll sich seinen Sieg erarbeiten.

Natürlich spielt Nostalgie eine Rolle, und eine Gänsehaut stellt sich ein, immer wenn das “Rocky-Thema” erklingt, aber es ist mehr als nur Milde für einen abgehalfterten Schauspieler, die mich den Film wirklich genießen ließ, es ist Stallones Liebe zu seinen Figuren und spürbare Ehrlichkeit mit der er die Geschichte seiner bekanntesten Figur ohne größere Peinlichkeiten zuende erzählt, den Bogen schließt den er vor rund 30 Jahren begonnen hat.

Ich hoffe sehr, das er dieselbe vorsicht und Intelligenz die er Rocky angedeihen ließ auch für den hoffentlich letzten Teil der Rambo-Serie beibehält und den Goodwill den er mit diesem Film erzeugt hat nicht leichtfertig wieder verspielt. Aber auch hier sollte man ihm zumindest eine Chance geben, denn auch “First Blood / Rambo 1″ war ein guter Film und erst die grauenhaften Fortsetzungen sorften dafür, die Figur zum Inbegriff des tumben Balleridioten zu machen.

Warten wir es also ab und bis dahin… gönnen wir uns noch einmal die Rocky-Fanfare.

Gonny fly now…

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9 Kommentare

  1. Jungs ihr habt ja so recht. Kurzzeitig dachte ich er ist etwas langatmig und sperrig bis es zum Kampf kommt. Jedoch bei genauerer Betrachtung ist dies nur die detailierte Studie des alternden Champs, die einem Schwermut vorgaukelt. Rundum, ich mag ihn.
    @Nilz: Obwohl ich der Meinung bin Stallone ´s Muskeln sehen im Alter noch verschrobener aus als früher.

    Kommentar von Enzo am 07.02.2007 um 11:13 Uhr
  2. Ich bin gerade am Überlegen, ob ich mir das 6er Pack kaufen soll. Jedoch wäre das ja sinnlos, wenn in einem halben Jahr, zusammen mit dem neuen Teil, eine neue Box rauskommen würde. Wisst ihr da was?

  3. Sly sieht da aber schon extrem anabolisiert aus, total aufgedunsen, Pickel auf dem Rücken vermutlich wegge”camouflaged”.

  4. Ein Film der eine Geschichte erzählt und eine Hauptperson, die eine Legende ist und Würde hat. Wunderbar, wie die Dialoge so am Kitsch vorbeischrammen und es doch nicht sind. Auf nach Philadelphia und die Steps hoch…

    Kommentar von Jens am 13.02.2007 um 10:55 Uhr
  5. mir gefiel der film.
    aaaaber… meiner meinung nach fehlten dem film einfach noch paar minuten spielzeit. manche szenen waren für mich etwas zu schnell erzählt. die trainingssequenz war schon packend, aber ich hätte sie gerne etwas ausgebauter. ruhig noch paar krisenmomente in denen er irgendeine rede a la “meine frau ist tot, meine muskeln brennen” hält und ihm dann der schwarze trainer + sohn irgendwelche motivationsreden halten und er dann erst es schafft diese komischen schweren sachen zu heben usw.
    auch dem endfight hätten paar längere aufnahmen nicht geschadet. ruhig mal ne ganze runde filmen, in der rocky verdroschen wird – nicht eben bloß mal hier zwei böse schläge.
    mein “aber” jetzt bitte nicht überbewerten.
    wie gesagt: der film hat mir gefallen

    Kommentar von befke am 15.02.2007 um 09:52 Uhr
  6. Man sollte eine Kritik niemals von einem absoluten Fan schreiben lassen.
    Mit diesem Film hat Rocky kein würdiges Ende gefunden, in Rocky 5 auch nicht, auch nicht in 4, 3 und 2. Rocky hätte beim ersten Film seine Boxhandschuhe an den Nagel hängen sollen und auch so in Erinnerung bleiben sollen. Gut, auch ich habe mich als Kind gefreut das es noch einen und noch einen Rocky Film gab, aber irgendwann ist auch mal Schluß. Rocky ist nicht Batman, Superman, Spiderman, Fantastic Four, die ständig von neuem die Welt retten müssen. So wie Axel Schulz vor kurzem bei seinem “ich bin wieder da” Kampf ausgesehen hat, so wirkt auch diese unglückliche Rocky Fortsetzung. Stalone hätte es nicht schlecht getan diesen Film noch vor 10 Jahren gedreht zu haben. Kein Schauspieler in diesem Film überzeugt durch sein können…und ich frage mich wer das Casting zu verschulden hat. Wie wäre es wenn man noch mehr Schauspieler aus Gilmore Girls zusammengecastet hätte (siehe der erwachsene Sohn von Rocky)?! Nein, selbst Stalone zeigt keine Gesichtszüge mehr wenn er den Mund auf macht. Das liegt wohl an den Spritzen, aber ist dennoch keine Entschuldigung dafür. Ich wünschte ich hätte mir diesen Film nie angesehen, so wäre mir Rocky noch halbwegs würdig in Erinnerung geblieben. Ich könnte mich noch mehr darüber auslassen, noch mehr darauf eingehen das Rocky schon in vergangenen Zeiten kein Held war, aber ich lasse es weil ich jetzt sowieso in der Luft zerissen werde (siehe die Fan Debatte im 300 Beitrag). Ich kann aber jedem nur raten sich die 8€ für die Kino Karte zu sparen und sich die 10 Minuten Boxkampf lieber in paar Monaten auf der geliehenen DVD auszuschauen.

    Kommentar von phillipe am 16.02.2007 um 17:37 Uhr
  7. Hmm, wenn ich das richtig sehe war ich als Rocky 3 ins Kino kam gerade 1 Jahr alt.
    Manch einer könnte meinen Sly wäre zu alt gewesen um diesen sechsten Teil 2006/2007 auf die Leinwand zu bringen, ich aber glaube es hätte keinen besseren Zeitpunkt geben können. In dem Moment in dem die Vorschauen gelaufen und die ersten Töne angespielt waren kam ich mir vor wie ein kleiner Junge, der sich irgendwie ins Kino geschlichen hat um den Film anzusehen, über den alle reden. Ich sag nur soviel, das Gefühl war noch lange nach dem Abspann zugegen… Ich würd’ sagen eine der Perlen in der oftmals eintönigen Kinolandschaft.

    Kommentar von Bernie am 18.02.2007 um 19:42 Uhr
  8. haha, rocky XXIXIVVIM. werd ich mir wohl nie anschauen. aber rambo IV wird bestimmt ganz gross ;)

  9. Ganz groß… habe im Kino geheult und heute beim DVDgucken schon wieder.

    Einfach nur meisterhaft, wie Stallone es versteht seine beste Figur noch mal zum Leben zu erwecken.

    Kommentar von stb247 am 14.06.2008 um 03:10 Uhr

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