Nachdem ich euch vor einem halben Jahr schon ein paar der wirklich sehenswerten Serien aus dem Vereinten Königreich vorgestellt habe, wird es Zeit ein bißchen nachzulegen.
Spooks – Shameless – Queer as Folk – Torchwood – Skins
Wirft man einen Blick über den Kanal, ist man doch immer wieder überrascht wieviel originelle, brilliant produzierte und gespielte Serien dort entstehen und wieviel feiger, lausiger Mist von den heimischen TV-Sendern in den Äther gekackt wird. Ob RTLs Totgeburt “Post Mortem“, mit parkinsonkranken Kamerapraktikanten und einem völlig unterforderten Hannes Jaenicke, dämlichen Comedys von “Atze” bis “Die Camper” oder den überproduzierten und unterschriebenen Blechschlachten a la “Cobra 11” und “Der Clown“. Nichts davon würde man im Ausland freiwillig jemandem als Deutsche Serie empfehlen wollen, zumindest nicht wenn man der Person noch einmal wieder begegnet.
Bestenfalls Pro7 schafft es seinen Eigenproduktionen eine professionell-geleckten Look zu geben, aber weder “Das Jesus Video” noch “Tornado-Alarm” möchte man wirklich als gelungene Filme bezeichnen.
Woran liegt es also, daß die Briten scheinbar geniale Stories und Schreiber im Überfluß haben? Vielleicht weil man jahrelang mit niedrigen Budgets produzieren musste und deswegen eher auf gute Geschichten und Schauspieler vertraute, als auf Effektspielereien? Wer sich je die alten Folgen der Kultserie Doctor Who angesehen hat, weiß, daß es kaum die Spezialeffekte oder Sets waren, die einen dort bei der Stange hielten. Auch “Yes Minister” und die alten “Python“-Shows waren technisch eher zweitklassig und lebten in erster Linie von ihren Ideen.
Mittlerweile hat sich das Blatt aber gewendet und auch technisch hat sich einiges getan. Neue britische Serien stehen in Bezug auf den Look, die rasante Inszenierung und die Effekte der US-Konkurrenz in nichts nach, sind zum Teil sogar stylisher als diese. Und dennoch hat man die alten Tugenden nicht vergessen, noch immer sind charismatische, erfahrene Schauspieler und packende, oft witzige und fast immer originelle Stories das wahre Herz dieser Shows. Die Umsetzung ist nur der Zucker, der zusätzliche Reiz sich die Serien anzuschauen.
Aber genug Geplänkel: Hier nun fünf weitere Serien, die ich euch ans Herz legen möchte.
Spooks – UK 2002-200?

Man könnte die Serie als britische Antwort auf “24″ verstehen, denn hier wie dort wird die Arbeit des Geheimdienstes in der Terrorabwehr gezeigt. Gibt es in Amerika den Tough Guy Jack Bauer, so kämpft für den MI-5, den Inlandsgeheimdienst ein ganzes Team rund um den Oberboss Harry Pearce.
In mittlerweile fünf Staffeln versucht man die innere Sicherheit zu gewährleisten und stolpert dabei immer wieder über moralische Fallstricke, die Zweifel aufkommen lassen, ob unsere Helden tatsächlich diejenigen sind, die auf der richtigen Seite stehen.
Das Konzept von “Spooks“, einem in Großbritanien üblichen Spitznamen für Agenten (der in Amerika als Schimpfwort für Schwarze mißverstanden werden könnte, weswegen die Serie dort MI-5 heisst), ist die moralische Ambivalenz, die keine eindeutigen Identifikationsfiguren zulässt. Sicher geht es auch hier bisweilen um islamistische Terroristen, aber das Bedrohungsspektruk ist wesentlich differenzierter und vielschichtiger als in der eher simplen Welt des Jack Bauer. Von fanatischen Abtreibungsgegnern, abtrünnigen Militärs, korrupten Politiker, kosovo-Kriegsverbrechern und christlichen Hasspredigern bis zu Verschwörungen in allerhöchsten Kreisen reicht die Spannweite der Bedrohungen, denen sich die “Spooks”, die Leute ohne Privatleben, stellen müssen.
So hart wie die Serie mit ihrem eigenen Land, der Regierung, befreundeten Geheimdiensten und den Allierten ins Gericht geht, so gnadenlos ist sie auch gegen ihre Figuren. Bis zur dritten Staffel ist kaum einer des Startpersonals mehr dabei, daß Hauptdarsteller umgebracht werden, durchdrehen oder in Ungnade fallen und verschwinden ist ungewohnt, macht aber auch den Reiz dieser Serie aus, von der man nie weiß in welche Richtung sie geht. Jede Staffel besteht aus 10 Folgen, ist optisch spektakulär und aufwendig in Szene gesetzt und die Season-Finale geben meist nochmal richtig Gas.
Vom Flugzeugabsturz bis zu Bürgerkrieg in London wird einem die volle Thrillpalette geboten und es fällt stets schwer genau zu sagen, für wen man die Daumen drücken sollen. Sind die ersten beiden Episoden noch etwas behäbig, verfällt man spätestens gegen Mitte der ersten Staffel dem Spooks-Fieber. Man kann diese Leute nicht wirklich mögen, aber es ist verdammt spannend ihnen bei der Arbeit zuzuschauen.
Spooks – Complete Series 1 [UK IMPORT]
Queer as Folk – UK 1999-2000

Diese Serie qualifiziert schon fast als Klassiker. Hat es beim erfolgreichen US-Remak immerhin rund 6 Jahre gedauert, bis sie ihren Weg auf deutsche Bildschirme fand (und auch das nur zu nachtschlafender zeit), so bleibt das UK-Original bis heute den hiesigen Zuschauern vorenthalten. Was sehr schade ist, denn auch die britische Fassung hat viel zu bieten. Statt Brian Kinney zieht hier Stuart Allen Jones mit seinem Freund Vince durch die schwule Szene, statt Pittsburgh darf die Arbeiterstadt Manchester mit ihrem typischen Dialekt herhalten.
Zur damaligen Zeit war sowohl die optisch elegante Machart, die sich stark am Hochglanz-Look amerikanischer Serien orientierte, wie auch die gewagte Story ein echter Aufreger. Das Szene-Beau Stuart gleich in der ersten Folge den 15jr Nathan flach legt und die Kamera dabei keineswegs verschämt wegschaut, sorgte seinerzeit für heftige Diskussionen sowohl von Seiten schwuler wie heterosexueller Bedenkenträger, die den Erfolg der Serie aber nicht beeinträchtigen konnte.
Denn die starke Skripte, die witzigen und vielschichtigen Stories und das gutaufgelegte Ensemble (welches übrigens komplett aus Heteros bestand), zogen nach und nach eine Menge Briten in ihren Bann. Gleich welcher sexuellen Orientierung.
Ein Jahr später folgte dann noch ein zweistündiges Special, das die Geschichte von Stuart, Vince und Nathan zuende erzählte.
Bis heute kann man “Queer as Folk” als Meilenstein ansehen, da es die erste Mainstreamserie war, die ausschließlich mit schwulen Hauptfiguren operierte und damit Erfolg hatte.
Hauptautor und Serienerfinder Russel T. Davies erfüllte sich nach dem Erfolg einen weiteren Traum und verhalf “Doctor Who” im Jahr 2005 zu neuem Leben. Und wer nicht ganz blind ist, entdeckt die eine oder andere Paralelle zwischen beiden Serien.
Shameless UK 2004-200?

Die Auswirkungen von “Queer as Folk” kann u.a. auch in dieser fast unbeschreiblichen Serie über eine leicht asoziale britische Unterschichtsfamilie, rund um das derangierte, versiffte Familienoberhaupt Frank Gallagher bestaunen. Natürlich spielt das Ganze ebenfalls in Manchester und lebt von seinen skurrilen, stolzen, abgefuckten und doch irgendwo liebenswerten Figuren.
Gallagher ist ständig pleite, seit seine Frau abgehauen ist, versucht er seine fünf Kinder selbst aufzuziehen. Oder besser er lässt sie bei sich im Haus aufwachsen und schaut daß sie ihn dabei so wenig wie möglich stören.
Die älteste Fiona schlüpft widerwillig in die Mutterrolle und ist gleichzeitig auch Babysitter für ihren Vater, der regelmässig bis zur Bewusstlosigkeit besoffen von der Polizei heimgebracht wird. Nebenbei versucht sie sich auf Steve einzulassen, einen netten Mittelklasseburschen, der sich Hals über Kopf in sie verliebt hat und damit klarkommen muss, daß er sie nur zusammen mit ihrer gestörten Familie bekommen kann.
Und diese Familie hat es in sich. Sei es der aufmüpfige 16jr Phillip, kurz Lip genannt, der sich beim Nachhilfeunterricht von seiner Freundin einen blasen lässt. Der introvertierte 15jr Ian, der sein Schwulsein heimlich mit seinem Kollegen im Supermarkt auslebt, oder die gestörten Jüngsten der Familie, die schonmal andere Kinder entführen, weil sie Spielkameraden suchen.
Auch diese Serie lebt von ihrem raubauzigen Charme, den unverkrampften harten Dialogen und einem schwarzhumorigen Witz, der auch die dramatischsten Momente nie in Schmalz umkippen lässt. So können Stories über das Prekariat auch aussehen, aber in Deutschland bleibt wohl weiterhin alles Atze.
Shameless – Series 1-3 [UK IMPORT]
Torchwood UK 2006-200?

Torchwood ist das erste erfolgreiche Spin-Off von “Doctor Who” den es bisher gibt. Die in den 80ern gestartete Serie “K-9 and Company” floppte ja leider gnadenlos und so expandierte das “Whoniverse” nur in Büchern, Radioserien und Flash-Animationsfilmen.
Mit Torchwood, einer für BBC3 produzierten “Post-Watershed”-Serie (was bedeutet, daß sie nach neun Uhr gesendet wird und somit nicht mehr den Anforderungen an eine Jugendserie unterliegt), nimmt Russel T. Davies bewusst eine ältere Zielgruppe ins Visier. Zwar gibt es viele Verbindungen zur Mutterserie, inkl. der Figur des Captain Jack Hartness und der Organisation Torchwood, die in “Doctor Who” ebenfalls eine große Rolle spielt, die Themen sind jedoch, grade was sexuelles Innuendo angeht deutlich zweideutiger als beim kinderfreudlichen Doktor.
Torchwood dreht sich um eine Abteilung der gleichnamigen Geheimorganisation, die sich der Erforschung ausserirdischer Artefakte und paranormaler Bedrohungen verschrieben hat. Capt. Hartness leitet die Torchwood-Abteilung Cardiff, eine Truppe bestehend aus verschiedenen Spezialisten, die ebenso begabte wie menschlich schwierige Figuren sind.
Neben den jeweiligen fantastischen Herausforderungen, sind es denn auch vor allem die zum Teil katastrophalen Gruppendynamiken, die das Spannungspotential der Serie ausmachen.
Ehrlicherweise muß man zugeben, das die erste Staffel noch eine eher gemischte Tüte ist. Zum einen macht sich das im Vergleich zu Doctor Who geringere Budget pro Folge durchaus bemerkbar, was in fehlender Varianz der Locations und durchwachsenen Tricks resultiert. Andererseits suchen die Autoren noch nach der richtigen Gewichtung von Sci-Fi-Elementen und persönlichem Drama. Grade die ersten paar Folgen sind noch nicht so ganz überzeugend, aber je weiter die erste Staffel vorranschreitet, desto mehr gewinnt sie. Als eine Art britisches X-Files, räume ich Torchwood trotz nicht zu übersehender Schwächen dennoch großes Potential ein. Und als Lückenfüller bis zur nächsten Doctor-Staffel ist sie auf jedenfall einen Blick wert.
Torchwood – Series 1 Vol.1 [UK IMPORT]
Skins – UK 2007-?

Ganz frisch gestartet ist die “Jugendserie für Erwachsene” Skins. In poppiger, extrem stylisher Optik wird hier das Leben einer Gruppe Jugendlicher in Bristol erzählt. Rund um Mr. Obercool, den manipulativen, zwilichtigen Tony (Nicholas Hoult – dem ehemals kleinen Jungen aus “About a boy”), der seine Freunde wie Schachfiguren hin und herschiebt und zu seiner Belustigung agieren lässt, gruppieren sich Jungen und Mädchen aus verschiedenen sozialen und ethnischen Schichten.
Vom muslimischen Jal, der zwar einerseits fleissig zu Allah betet, andererseits aber massenhaft Pillen und Alkohol schmeißt und bei keiner Party fehlen will, zum von seiner Mutter vernachlässigten Chris, der unsterblich in die Vertrauenslehrerin verknallt ist, über die Bulimiekranke Cassie, den schwulen Maxxie und Tonys besten Freund, den linkischen Nerd Sid – für Konfliktpotential, bösen Humor, reichlich Sex, Drugs and Rock ‘n’ Roll ist gesorgt. Die Deutlichkeit mit der hier (grade sexuelle) Themen frontal angegangen werden, suchte bisher ihres gleichen im Bereich der Teen-Dramaseries. Ohne pseudophilosophisches “Dawsons Creek”-Geschwafel wird hier dort hingegangen wo es wehtut.
Dabei hält Skins geschickt die Ballance zwischen skurrilen Charakteren, berührendem Drama und überdrehter Komödie. Ernste Themen werden behandelt, aber nicht verzeigefingert, der Humor ist allgegenwärtig aber trotz einiger Derbheiten nie plump. Die durchweg sympathische (und im Falle von Tony faszinierend hassenswerte) Cast spielt so souverän, das man schnell über dramaturgische Holperer hinwegsieht und sich gespannt auf die nächste Folge freut.
Es bleibt die Hoffnung, das sich doch ein deutscher Sender erbarmt und diese (und auch einige der anderen Serien) mal auf die heimischen Bildschirme holt.
Mehr Infos zu Skins
Doctor Who soll ja angeblich in diesem Jahr auf Pro7 starten, Life on Mars hat es in gekürzter Form zu kabel1 geschafft, schauen wir doch mal wann die Sender endlich aufwachen und das volle Potential britischer Serien erkennen.
Bis zum nächsten Mal. Man sieht sich. Auf der Insel.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- März 9th, 2007 •
- 12 Kommentare









































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