Die History Boys

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“How do I define history? Well it’s just one fucking thing after another, isn’t it?”

Originaltitel: History Boys, The
Herstellungsland: Großbritannien 2006
Regie: Nicholas Hytner
Darsteller: Samuel Anderson, James Corden, Stephen Campbell Moore, Richard Griffiths, Frances de la Tour, Andrew Knott

★★★★☆

History Boys

Sheffield 1983. Die Schüler Crowther, Posner, Dakin, Timms, Akthar, Lockwood, Scripps und Rudge, allesamt aus der Arbeiterklasse, haben beste Noten und stehen kurz vor der Aufnahmeprüfung in Cambridge oder Oxford. Ihr “General Studies”-Lehrer, ein origineller, beliebter Kauz (Richard Griffiths – bekannt als Uncle Vernon aus den Harry Potter-Filmen) der von allen nur “Hector” genannt wird, soll sie auf diese Prüfung vorbereiten.

Ihm zur Seite gestellt wird ein neuer Lehrer, der junge Mr. Irwin (Stephen Campbell Moore), dessen Lehrmethoden und Ansichten sich von denen Hectors grundlegend unterscheiden. Während für Hector die Suche nach der Wahrheit, die Kenntnis der Fakten an erster Stelle steht, versucht Irwin die Jungen zu einer kreativeren Art der Geschichtsbetrachtung zu bringen, die Originalität über die Wahrheit stellt.

Wichtig ist nicht was stimmt, sondern wie originell man es verkaufen kann. Im Spannungsfeld dieser unterschiedlichen Philosophien versuchen die Schüler ihren eigenen Weg zu finden und sich mit den Marotten ihrer Lehrer zu arangieren, während sie gleichzeitig überlegen, wohin sich ihr eigenes Leben entwickeln wird. Als amüsierte und bisweilen sarkastische Beobachterin, steht die reguläre Geschichtslehrerin Mrs. Lintott (die grandiose und ebenfalls aus Harry Potter bekannte Frances de la Tour) am Rande und diskutiert hin und wieder Irwins Ansätze mit Hector.

Komplizierter wird alles noch durch die plötzlich aufkommenden Vorwürfe der sexuellen Belästigung, die gegen Hector erhoben werden, während seine Schüler versuchen ihre eigenen amourösen Gefühle (u.a. zueinander) durch das Studium von Büchern und Nachstellen klassischer Szenen aus Filmen und Büchern in den Griff zu bekommen…

Nicholas Hytner legt mit seinen Geschichts-Jungs eine gelungene und streckenweise sehr komische Adaption seiner erfolgreichen Bühneninszenierung von “The History Boys” vor. Dabei behält er stehts die Dialoge als treibendes Element im Auge ohne zu vergessen, daß Film ein eigenes Medium ist und andere Möglichkeiten bietet als die Bühne.

Ohne verkrampft zu wirken, verlegt er die verschiedenen Szenen aus den Klassenräume in Flure, Parks und auf das Campusgelände, lässt die Kamera um die Darsteller herumkreisen ohne je den Fokus der von Erzählung zu nehmen.

Das Stück, 2004 uraufgeführt und mit dem Tony-Award ausgezeichnet, entwickelt sich zunächst aus kleinen Episoden, gut getimteten Vignetten, die der Besetzung Zeit gibt sich vorzustellen und die Grundstimmung zu etablieren. Erst nach und nach werden die kleinen Verbindungen zwischen den Figuren klar, fügen sich einzelne Motive zu einem Gesamtbild zusammen. Zukunftsängste, der Wert des Lernens, die Frage was ist Geschichte, die Kraft und Schönheit der Sprache, Selbstbetrug, die Macht des Scheins, unterdrückte und offene Homosexualität sind die Hauptthemen die das Ensemble bewältigen muss. Die Schauspieler, allesamt von der Bühnenfassung übernommen, servieren ihre Rollen souverän ohne in langweilige Routine zu verfallen oder lediglich eine 1:1 Version ihrer Bühnenfigur zu geben. Sie wissen, daß man subtiler agieren muß, wenn man für die Kamera spielt und nicht für ein Livepublikum.
Man merkt, daß man eine Theaterverfilmung mit überhöhten Figuren zusieht, die allesamt pointierter und gescheiter sind, als wirklich “realistische” Menschen – und dennoch findet sich in den rasanten Wortgefechten immer auch eine Stimmingkeit wieder, die einen die Charaktere glauben lässt.

Autor Alan Bennet, der auch das Drehbuch verfasste, beherrscht vor allem die Kunst des trockenen Humors, der skurrilen aber dennoch liebenswerten Figuren. Trotzdem der Plot immer wieder mit dem “Club der toten Dichter” verglichen wurde, spielen die “History Boys” doch in einer anderen Liga. Hier wird kein großes, klebriges Drama mit leicht literarischem Anstrich serviert, hier wird die Liebe zur Literatur und zum Diskurs, zum witzigen, intelligenten Schlagabtausch wirklich zelebriert. Was macht einen guten Lehrer aus? Was ist es wert zu lernen? Was bleibt letztlich von dem was wir in der Schule aufnehmen? Das Stück spielt mit diesen Fragen. Mal ernsthaft, mal hochalbern, aber immer mit einer tiefen Zuneigung zu allen Figuren, die trotz ihrer Schwächen sehr nachvollziehbar und liebenswert bleiben.

Da ist es nur konsequent, das Bennet auch Antagonisten, trotz aller – sogar explizit im Dialog zitierten Karikierung – nicht völlig Einfarbig zeichnet. Die durchaus vorhandene Rivalität der beiden Lehrer will keinen klaren Gewinner zeigen, selbst der Rektor ist eine vielschichtigere Figur als die verknöcherten, Typen die sonst solche Schuldramen bevölkern. Er ist lediglich ein Pragmatiker, dem es um den Erfolg für seine Schule geht. Es gibt keine Absolute, keinen Robin Williams-Pseudorevoluzzer, der gegen die bösen Alten die macht der Lyrik ins Feld führt. Keine tränenrührige Musik, kein quietschendes Pathos, aber dafür viele kleine witzige und geistreiche Dialoge, die von einem eingespielten Ensemble gekonnt serviert werden. Wenn es dann wirklich mal ernst wird, berühren die stets mit englischem Understatement formulierten Momente dann sehr viel mehr, als das Gefühl aus der dicken Tube.

Das der Streifen trotz seines eher verkopften Themas, einiger heikler Themen und der bühnenbedingten Dialoglastigkeit bestens unterhält lässt hoffen, daß dieser im positivsten Sinne als sehr britisches “Feel sort-of good movie”, zu bezeichnende Film auch hierzulande sein Publikum finden wird.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

6 Comments

  1. Andy

    Danke für dieses Review, ohne das ich vermutlich nie richtig auf diesen Film aufmerksam geworden wäre.

    Der beste Film seit langem für mich, und in der OV ein echter Genuß!

    Merci beau coup!

  2. F5 - Die Fünf Filmfreunde

    […] bildet er, wenn auch stilistisch völlig anders, eine Paralelle zu dem jüngst angelaufenen “History Boys“, der sich ebenfalls mit dem Wert und der Zielsetzung von Bildung […]

  3. Mamma Mia! - Die Fünf Filmfreunde

    […] das gilt für die gesamte Besetzung, ob der aus History Boys bekannte Berufsbeau Dominic Cooper, als Sophies Freund, Amanda Seyfried als Sophie, die es schafft […]

  4. Schauspieler Hugh Grant verkrampft vor der Kamera

    […] hat der Mann ausdruckslos ist und Lulu die Waffe nicht nehmen will und ihre Hände verkrampft cDie History Boys Die Fünf FilmfreundeOhne verkrampft zu wirken verlegt er die verschiedenen Szenen aus den Klassenräume in Flure […]

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    officialgaygeeks:

    That lightsaber sound lol


    Get the My Neighbor Groot shirt http://buff.ly/1EFUcA2 http://ift.tt/1BEBgm8

    11/16/14

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    pennyfornasa:

    Putting The Cost Of The ESA’s Rosetta Mission In Perspective

    "So what do we get for our €1.4bn? Rosetta is both an astounding feat of engineering (catapulting a tonne of spacecraft across millions of kilometres of space and ending up in orbit around a comet just 4 km across) and an extraordinary opportunity for science (allowing us to examine the surface of a lump of rock and ice which dates from when the Solar System formed).

    Like a lot of blue-skies science, it’s very hard to put a value on the mission. First, there are the immediate spin-offs like engineering know-how; then, the knowledge accrued, which could inform our understanding of our cosmic origins, amongst other things; and finally, the inspirational value of this audacious feat in which we can all share, including the next generation of scientists.

    Whilst those things are hard to price precisely, in common with other blue-skies scientific projects, Rosetta is cheap. At €1.4bn, developing, building, launching and learning from the mission will cost about the same as 4.2 Airbus A380s—pretty impressive when you consider that it’s an entirely bespoke robotic spacecraft, not a production airliner. On a more everyday scale, it’s cost European citizens somewhere around twenty Euro cents per person per year since the project began in 1996.

    Rosetta has already sent us some stunning images of Comet 67P/Churyumov–Gerasimenko and today’s landing will, with any luck, provide us with our first close-up glimpse of the chaotic surface of this dirty snowball. If you’re a sci-fi fan, then, you might consider the mission to have been worth its price tag just for the pictures. The total cost for the Rosetta mission is about €3.50 per person in Europe; based on the average cinema ticket price in the UK (€8.50), it has cost less than half of what it will cost for you to go to see Interstellar.”

    Via Scienceogram: http://scienceogram.org/blog/2014/11/rosetta-comet-esa-lander-cost/

    Find Out How Budget Cuts Canceled NASA’s Own Comet Landing Mission: http://www.penny4nasa.org/2014/11/11/how-budget-cuts-canceled-nasa-own-rosetta-comet-landing-mission/

    11/15/14

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    meatbicyclevevo:

    i never wanted this to end

    10/20/14

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    iambluedog:

    Life is too short to be holding on to old grudges

    10/20/14

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    10/09/14