Der kleinste gemeinsame Nenner

9 Comments

Popcorn Falle

Hollywood-Filme widmen sich gerne “Wichtigen Themen”. Das Problem mit echten Problemen, ist allerdings das sie echt sind. Das heisst sie gehorchen nur selten einer wirklich guten Dramaturgie und obendrein muß man beim potentiellen Zuschauer erstmal den Ekelhemm überwinden. Also jene Stelle im Gehirn, die ihm verbietet sich mit Sachen zu beschäftigen die nicht explodieren, nicht tricktechnisch aufwendig gemacht sind und sich nicht im wesentlichen der Grundstory “boy-being meets girl-being beneath a silvery moon, which then explodes for no adequately explored reason” zuschreiben lassen.

Zur Überwindung des Ekelhemms versucht man im Marketing nun immer ganz geschickt, unter den Teppich zu kehren worum es eigentlich geht und betont die Universalität der Story.

In Brokeback Mountain gehts auch nicht um ein schwules Cowboy-Pärchen, das miteinander klöppelt, sondern um eine “Liebesgeschichte” die sich nur eben zufällig zwischen zwei Cowboys abspielt.

In “Rain Men” gehts auch nicht um Autismus, sondern um die Annäherung zweier Brüder, die sich lernen müssen zu akzeptieren.

In Transamerica, so betonen die Macher, gehts auch gar nicht um Transexualität, sondern darum “der zu sein der man sein will” und “sich der Verantwortung zu stellen, ein Kind zu erziehen.”

In “Gottes vergessene Kinder” ging es auch nicht ums Taubsein, sondern um eine Liebesgeschichte, die sich durch gegenseitige Akzeptanz auszeichnet.

In Philadelphia gings auch gar nicht um AIDS. Es ging nur darum, was Tom Hanks doch für’n lieber Kerl ist und das es doch schade wäre, wenn er krepiert.

In unzähligen Making-Ofs und Promo-Interviews, betonen die Darsteller und Macher stets, das es ja um universelle Themen gehe, zu denen jeder einen Bezug habe. Sie sagen: Kommt und schaut den Film. Ihr müsst keine Angst haben. “Hat sich nicht jeder schon einmal einsam und ausgegrenzt gefühlt?”

Und sie tun das aus gutem Grund, denn das Publikum will vorsichtig an die Hand genommen werden, denn es hat große Angst vor dem Unbekannten.

Allerdings nur, wenn es sich dabei um halbwegs reale Themen dreht. Wenns um Dinge geht die explodieren, um Monster, Superhelden oder kollidierende Planeten, dann hat es keine Angst.

Michael Bay wird nie sagen müssen: “Meine Klippklapp-Roboter stehen ja gar nicht für Roboter die die Erde vernichten wollen, es geht ja um viel allgemeinere Themen. Die Angst vor Rost und steigenden Benzinpreisen. Vor Autoaufklebern die nicht mehr abgehen und ausgelaufenen Batterien. Probleme die jeder kennt.”

Nicht umsonst verpackt ein David Cronenberg seine Stories von Krankheitund der Dekonstruktion des Körpers, in phantastische Umhüllung. Als Krebsdrama hätte “The Fly” niemals jemand sehen wollen. Als offenes Story um die Ausgrenzung von Schwulen und anderen Minderheiten, würde niemand in die X-Men-Filme gehen.

Der Mainstream hat Angst. Und verträgt “Issues” immer nur dann, wenn man ihm vorlügt, daß es eigentlich um was ganz anderes geht.

Schade eigentlich.

In : Thema

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.
  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Renington Steele

    Sehr schöner Artikel. Dennoch: wenn behauptet wird, bei Brokeback ginge es nicht um Homosexualität, sondern um Liebe, dann ist das doch so ganz am Ende die Wahrheit, oder nicht?

    Medial ist das natürlich erstmal eine passende Ausrede, um die angesprochenen “Problematiken” auszublenden, aber ist deshalb die Aussage eines Films falscher?

    Ich denke nicht, muss aber sagen, dass die angesprochenen “versteckten” Aussagen auch besser gefallen. Subtiler und so.

  • Pingback: ::: eselkult.tk: Blog, abseits vom Mainstream! ::: » links for 2007-06-03

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    Das Problem bei der Sache ist, daß man den Leuten auf die Weise nie vermittelt, daß etwas auf dann akzeptierenswert und interessant ist, weil es anders ist.

    Durch diese Verallgemeinerung entschuldigt man ein Thema für meinen Geschmack zusehr, indem man sagt, daß es ja eigentlich gar keins ist. Deswegen sind viele der Hollywood-Issue-Filme wie eben Brokeback Mountain auch solche Scheisse. Weil man die geweckte Erwartungshaltung dann auch befriedigen will und alles angleicht, bis sich niemand mehr dran stört. Ob nun Philadelphia, Brokeback oder Rain Man, letztlich wird das Thema doch um wesentliche Komponenten beschnitten, damit sich niemand mehr dran stört.

    Transamerica möchte ich ganz bewusst da ausnehmen, weil man den Film zwar auch auf dieser Schiene vermarktet, er aber inhaltlich dennoch völlig integer ist und sein Thema im besten Sinne selbstverständlich behandelt ohne einen Eiertanz auszusparen oder in vorauseilendem Gehorsam die Story zu kastrieren.

  • http://www.e13.de Kiki

    ”In Brokeback Mountain gehts auch nicht um ein schwules Cowboy-Pärchen, das miteinander klöppelt, sondern um eine “Liebesgeschichte” die sich nur eben zufällig zwischen zwei Cowboys abspielt.“

    Ich glaube, das Mainstream-Publikum kam damit sehr gut klar; es waren meinen Beobachtungen nach eher die Schwulen, die sich ein ”die Fahne hoch!“ Drama erhofft hatten und denen ein simples Liebesdrama einfach zu wenig war.

    ”Der Mainstream hat Angst. Und verträgt “Issues” immer nur dann, wenn man ihm vorlügt, daß es eigentlich um was ganz anderes geht.“

    Blödsinn. Die Leute gehen meist ins Kino, um sich unterhalten zu lassen und nicht, um sich in die Neurosen des Regisseurs zu stürzen.
    Hinterher belügen sie dann häufig die Meinungsmacher in ihrem Bekanntenkreis, indem sie sich mit verquasten ‘wichtigen’ Botschaften in den ganzen Schrottfilmen rechtfertigen (die Star Wars Philosophen) – oder aber verleugnen, daß sie sich schlicht zwei Stunden prima unterhalten haben, weil das ja dann doch ein bisschen zu wenig sei. Man darf ja offenbar nicht mehr ins Kino, um Spaß zu haben.
    (Dieselben Leute sind übrigens tödlich beleidigt, wenn man dann die Dinge beim Namen nennt und z.B. laut sagt, daß Michael Mann langweilige Scheiße in Überlänge dreht – tolle Kameraführung hin oder her.)

  • http://neinaffenein.com Petr Pivo

    Welcher “Ekelhemm”? Glaubst Du, Brokeback Mountain war so erfolgreich, weil die Massen lediglich Bock auf eine Romanze hatten? Die wollten schwule Cowboy sehen. Und soviel gefickt wurde in dem Film ja auch nicht, dass man den ernsthaft mit “verpassen Sie nicht unsere klöppelnden Cowboys in Brokeback Mountain” hätte bewerben können.

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    @Kiki

    Ich halte Brokeback auch für nen Scheissfilm, wenn ich ehrlich bin, aber obwohl der Film extrem angepasst ist und auf den Mainstream Geschmack zurecht geschnitten, gabs immer noch etliche Leute die das Ansehen scheinbar als Mutprobe verstanden haben und von “der Szene” als “echt heftig” sprachen… Ähnlich wie bei Sommersturm. Oder bei dem einen verschämten Küsschen in Philadelphia.

    Und natürlich soll man aus Spaß ins Kino gehen, aber warum wird Spaß anscheinend immer mit Hirn ausschalten gleichgesetzt? Denkanstösse zu bekommen, neue Sichtweisen auf ein Thema, machen zumindest mir sehr viel Spaß, wenn sie entsprechend unpredigend dargeboten werden. Woher diese Scheu, daß man ja versehentlich etwas mehr mitnehmen könnte aus einem Film, als nur für 2h lang den Verstand betäubt zu haben – so lustig das ja manchmal auch ist. Mir macht ein gut gemachter Issue-Film genausoviel Spaß wie ein guter Popcornfilm. Was Michael Mann angeht, nunja, auch wenn ich Collateral mochte, mag ich dir ansonsten zustimmen, daß er überschätzt ist. Aber sonderlich viel Tiefgang hat ihm auch nie jemand nachgesagt, oder? Der gilt ja lediglich als toller Stylist, wobei ich die Sachen so umwerfend auch nie fand.

  • Hendrik

    Blödsinn, die Geschichte in Brokeback Mountain spielt sich nicht “völlig zufällig” zwischen zwei schwulen Cowboys ab. Ihre Homosexualität im Kontext von Ort und Zeit ist der klassische Widerstand, den die Liebe zwischen zwei Personen zu überwinden hat. Im großen Rahmen der Filmromanze ist dieses Motiv austauschbar, nicht aber in dem ganz speziellen Fall dieses Films. Die Marketing-Leute sind da auch erst (zugegebener Maßen nicht völlig geschickt) eingeschritten, als der Film zunehmend auf “der mit den schwulen Cowboys, hihi”-Platitüden reduziert wurde.

    Und bevor jetzt das wieder mit dem Universalitäts-Argument gekontert wird – ist das nicht eine Diskussion, die sich ziemlich im Kreis dreht ? Wen etwas als universell beworben wird, vermittelt man also nicht das andersartige; wenn man etwas als andersartig bewirbt, verweigert man dieser Sache Akzeptanz und Universalität…

  • Mr_Noyes

    Falls ich richtig verstanden habe, was Herr Batzmann so geschrieben hat, so wären bessere Beispieler geschickter gewesen, um den Gedanken zu verdeutlichen. Das Aufrachten billiger Filme mit scheinbar tiefen Subtext (z.B. wie schon erwähnt Star Wars, aber auch Romantic Comedies) ist ein deutlich schlimmeres Greuel, als Filme mit “heiklem” Subtext in der Marketingcampagne aufzuweichen und das Thema universell machen zu wollen, quasi als hermeneutischer Eiertanz.

    Ganz schlimm sind natürlich auch pseudo – issueFilme, die ebenfalls angesprochen wurden, allerdings hätte ich das ein wenig expliziter im eigentlichen Text von Herrn Batzmann haben wollen.

    P.S.
    Brokeback Mountain war klasse, jeder der etwas anderes sagt ist doof und stinkt ;)

  • Jade

    Ich finde, dass es in Brokeback Mountain gar nicht so sehr um zwei Schwule und ihren Sex geht, sondern um ihre Liebe zueinander, und wie schwer es ist diese aufrecht zu erhalten.
    Ich denke, das zum Beispiel es in dem Moment an dem Jake zu Ennis sagt: Manchmal vermisse ich dich so sehr, dass ich es nicht verstehen kann. , nicht darum geht ob das jetzt zwei Männer oder zwei Faruen oder ein Mann und eine Frau sind!

    Und außerdem denke ich, dass Jake und Ennis nie klar geworden wäre dass sie schwul sind wenn sie sich nicht getroffen hätten. Ich glaube, dass ihnen das nur aufgefallen ist, weil sie sich getroffen haben und sich lieben!!!

    Aber trotzdem ist, wenn man all die anderen Filme betrachtet zu denen Herr Batzmann einen Kommentar geschrieben hat, ist an seiner Einstellung etwas Wahres dran.

    In Brokeback Mountain geht es aber WIRKLICH um Liebe und nicht nur um Spaß!!!

    P.S.
    Ich stimme Mr Noyes´ P.S. zu!

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