In den 80ern war die Lage klar. Da wusste man warum die Jugend so schlimm war. Vor Hartz IV, GTA, Kai Pflaume und Killerspielen gab es eine andere Gefahr: Gewaltvideos!
Wieviel (oder wenig) sich in der Diskussion um Jugend und Medienwirkung getan hat, kann man sich in dieser berüchtigt-klassischen Dokumentation des ZDF ansehen, die mittlerweile auch im Netz verfügbar ist. 1984 inszenierte Claus Bienfait ( Gründer einer Fernsehproduktion namens Videovision.tv und bis heute für die Öffentlich Rechtlichen dabei) ein Kleinod populistischer Meinungsmache.
Verzerrende Inhaltsbeschreibung, abgelesene Antworten, die Zuordnung von Videotheken zum Rotlicht-Millieu und ein Kommentar der Durchblicken lässt, das mit Leuten denen ARD und ZDF nicht reiche, die sich selbst ein "viertes Programm" auf Video zusammenstellen, ja sowieso irgendwas nicht stimmen könne. Die Aussprache des Satzes "viele der erfolgreichen Titel sind ausländische Billigproduktionen", ist von derartiger Abscheu geprägt, daß man nicht weiß ob sich der Autor sich stattdessen den Konsum von mehr Fassbinder-, Rudolf Prack- oder Leni Riefenstahl-Filmen wünscht. Kritisch gegen Gesetzverschärfung geben sich die Macher des Films meist dann, wenn befürchtet wird, das böse Privatfernsehen solle durchs Kleinhalten des Mediums Video von Seiten der CDU gestärkt werden. Dennoch schlichen sich einige Aussagen ein, die durchaus heute noch richtig sind. Durch Gesetzesverschärfungen wird man nichts erreichen und es gibt keine monokausalen Erklärungen für Jugendgewalt.
Im Gefolge der durch den Film "Mama, Papa, Zombie" entstandenen hysterisch geführten Diskussion, wurden viele Horrorfilme/Actionfilme nicht nur indiziert sondern auch verboten und bundesweit beschlagnahmt. Einige sind bis heute in Deutschland nicht ungeschnitten erhältlich. Darunter auch Klassiker, wie Phantasm, George A. Romeros "Dead"-Filme und Tanz der Teufel, die in anderen Ländern als Genremeilensteine gelten. Die in der Doku als besonders schlimm zitierten Filme "Ein Zombie hing am Glockenseil" und "Muttertag" wurden erst nach der Ausstrahlung wirklich populär. Ihr Kultstatus kann wohl in hohem Maße dem Bohei der um sie gemacht wurde zugeschrieben werden.
Spannend anzusehen wie damals berichtet wurde, wie einstudierte Antworten als Belege echter Meinungsäusserung gewertet wurden und wie ungeschickt, unbequeme Antworten eines Medienwissenschaftlers, der den Holzhammer-Thesen nicht so platt zustimmen mag, mittels nachgeschobener Texttafeln ins Gegenteil verkehrt wurden. Öffentlich-Rechtliches Fernsehen vom Allerfeinsten und nicht nur als historisches Kuriosum interessant. Zumal, wenn man bei den Spaßmachern von Planetopia, WISO, Frontal, Panorama und anderen Meinungsbildern sehen darf, daß sich im Kopf relativ wenig getan hat in über 20 Jahren. Das "spannende Experiment" das eine Lehrerin im Film an einem Elternabend vorführt, um hinterher vorhersagbare Statements abzufragen ließe sich wohl 1:1 heute wiederholen. Die heutige Berichterstattung über Computerspiele, ist meist ähnlich merkbefreit.
PS: Schön auch zu sehen, wie Neu-Attacler Heiner Geissler in den 80er Jahren noch drauf war.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- Juni 5th, 2007 •
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auch sehr geil war dieser bericht vom report münchen über metal anfang der 90er
Kommentar #1 von Marcel am 05.06.2007 um 15:26 Uhr
Immer wieder spannend, aber wir sind auf einem guten Weg.
Denn jetzt wo “Fuck” im US-Fernsehen womöglich wieder salonfähig wird, sind dem Sittenverfall Tür und Tor geöffnet und unsere armen unschuldigen Kinderlein werden zu Hunderten der dunklen Seite der Moral verfallen… ;-)
Kommentar #2 von Moviesteve am 05.06.2007 um 16:59 Uhr
Interessanter Stoff, danke für’s ausgraben!
Kommentar #3 von imYemeth am 05.06.2007 um 18:06 Uhr
Schön ist auch
youtube.com/watch?v=CHpq1ejhXR...
in dem man sich den He-Man Figuren etc. eher philosophisch nähert ;-)
Kommentar #4 von Sebastian Sachse am 06.06.2007 um 08:54 Uhr
Die Argumentation ist schon bezeichnend: da stellt man also fest, dass ein wesentlicher Teil der ausgeliehenen Filme indiziert ist und von keiner speziellen Bevölkerungsschicht sondern quer durch die Gesellschaft geliehen wird.
Anstatt aber diesen Umstand hinzunehmen und zu akzeptieren, das es jede Menge Leute mit einem Geschmack gibt, der, UNFASSBAR, anders ist als der langweilige eigene, wird in diesem immerhin öffentlich-rechtlich autoritär auftretenden Artikel mit matter-of-fact Sprechlage des Moderators sofort von einem “Problem” gesprochen.
Was für elende Oberlehrer, die tatsächlich glauben, man müsse die eigene, erwachsene Bevölkerung noch weiter erziehen.
Und kann nicht mal JEMAND AN DIE KINDER DENKEN?!!
Kommentar #5 von Pumuckl am 06.06.2007 um 16:35 Uhr
Man lese dazu auch diesen Agitpop-Artikel:
agitpopblog.org/index.php/?p=3...
Kommentar #6 von PlayStar am 07.06.2007 um 19:29 Uhr
Lol, was soll ich sagen, meine Mum hat sich früher auch Streifen wie Freitag, der 13. (darf ich das hier überhaupt erwähnen…oops…^^), Poltergeist, Kettensägenmassaker, Phantasm etc. ausgeliehen. Obwohl ich auch etwas anrüchige Erinnerungen an manch Videothek habe: verqualmt und daher nicht besonders gut riechend, roter Teppichboden, dunstig und nicht besonders hell/freundlich ;)
Kommentar #7 von kaldorei am 10.06.2007 um 04:52 Uhr
Kann mich noch gut an die Zeit erinnern. Ich war quasie eines der armen Kindesopfer. Gebracht hat es nichts. Bin heute komplett verdorben.
Aber ich denke die Diskussion entstand hauptsächlich dadurch das eben durch das Medium Video, urplötzlich die Filme die vorher nur in den Kinos zu sehen waren, nun also in der heimelichen Wohnstube erscheinend das holde Familienglück zu zerstören drohte.
Heute stört dies nur noch realtiv selten jemanden weil eben gerade durch das Internet sämtliche Dämme schon längst gebrochen sind.
Kommentar #8 von Thomas Demuth am 19.03.2009 um 19:39 Uhr
..interessantes Stück Zeitgeschichte! Finde die Rezension allerdings mindestens genauso reißerisch.^^
Kommentar #9 von nurzubesuch am 23.11.2009 um 09:27 Uhr