“Man redet nicht mit Bäumen, man umarmt sie!”
Originaltitel: Schwarze Schafe
Herstellungsland: Deutschland/ Schweiz 2006
Regie: Oliver Rihs
Darsteller: Jule Böwe, Milan Peschel, Tom Schilling, Jenny Deimling, Robert Lohr, Robert Stadlober, Michael Kinkel, Manuel Flurin Hendry






Berlin, Slacker-City. Wir erleben die Bewohner und Besucher dieser Stadt in verschachtelten Episoden. Ob den Hochstapler, ein ehemaliges Handmodell für Rolex, der sich eine edle Vita zulegt um erfolgreiche Geschäftsfrauen ins Bett zu bekommen und dann versehentlich verliebt, die ständig an der Pleite manövrierende Ansagerin eines Touriausflugsdampfers, die einer ehemaligen Schulkameradin begegnet und krampfhaft zu verheimlichen sucht, daß sie mit einem erfolglosen Trunkenbold zusammen ist, die notgeilen Prolljugendlichen mit Migrationshintergrund auf verzweifelter Suche nach Sex, die Möchtegern-Satanisten auf der Suche nach einem Opfer für ihr Machtritual oder das Slacker-Freundespärchen, daß inspiriert durch einen Zitty-Artikel eine Agentur “Arbeit ohne Geld” aufsucht – sie alle sind Teil der Stadt und ihrer Subkulturen.
Oliver Rhis bringt Momentaufnahmen, zugespitzte Vignetten einer gefühlten Stadtstimmung, Typen die es so gibt, geben könnte oder sollte. Die verschiedenen Drehbuchautoren spinnen den Querschnitt den man sonst nur bei Fahrten im Öffentlichen Nahverkehr präsentiert bekommt weiter, denken sich Geschichten zu diesen Figuren aus, die wahr sein sollten, weil sie sich einfach “richtig” anfühlen.
Nach Berlin anfühlen. Ein bißchen großkotzig, ein bißchen dämlich, ein bißchen spießig und verpeilt, ungeordnet, versifft und dann doch wieder smart. So widersprüchlich und überspitzt wie diese Stadt in der Reichtum und Armut irgendwie nebeneinander existieren, ohne sich wie in anderen Städten völlig aus dem Weg zu gehen. Berlin lässt einen Leben, auch wenn man wenig Kohle hat, wo München und Hamburg schon lange den Stecker gezogen hätten.
Die ungehobelte, flapsige, alberne und zwischen pubertärer Lust am Schock und anrührender Echtheit schwankende Zusammenstellung an Geschichten ist durch die Bank gut besetzt. Jule Böwe als Ansagerin auf einem Touridampfer, lässt mit ihrer unnachahmlichen Stimme und Mimik eine liebenswerte Loserin entstehen, die sofort die Sympathien auf ihrer Seite hat. Ihre Story, ihr Versuch die snobbige Schulkameradin und ihren schmierigen Münchner Gatten zu beeindrucken, ihren besoffenen Freund zu verheimlichen ist das emotionale Glanzstück des Films, das aus einer klassischen Sitcom-Situation viel komische, aber auch tragikkomische Momente herausholt.
Tom Schilling und Robert Stadlober als verpeilte Berliner Abhänger, die eigentlich die Aktion “Arbeit ohne Geld” ausnutzen wollen um sich ihre Bude renovieren zu lassen, werden am Ende selbst zu freiwillig unbezahlten Arbeitskräften und haben sichtlich Spaß an ihren Freak-Rollen, auch wenn ihre Story sicher zu den leichtgewichtigeren der Sammlung gehört.
Wie schon in “Verschwende deine Jugend” und “Crazy” stimmt jedoch die Chemie zwischen ihnen, die auch die zotigeren Momente dieser Geschichte, die platteren Gags zu einem vergnüglichen Angucken werden lässt.
Dasselbe gilt auch für Erlebnisse der drei türkischen Jungs, die unbedingt “etwas zum ficken” finden wollen und sich dabei reichlich unbeholfen und naiv anstellen. Ihre Dialoge atmen “krasse” Authentizität und sorgen für viele der ulkigsten Momente des Films. Grad Oktay Özdemir (aqm bekanntesten wohl durch seine Rolle als David Kross Nemesis in Knallhart) hat ein naturgegebenes Gespür für Timing und schafft es seiner prollig-naiven Figur dennoch die Sympathien zu sichern und sie nicht als reine Klischee-Ablachvorlage dastehen zu lassen. Zudem beweist er, genau wie seine Kollegen Eralp Uzun und Richard Hanschmann mit der Schlussszene schauspielerischen Mut, der wohl einige Kinogänger kalt erwischen dürfte.
Wobei es zu leicht wäre “Schwarze Schafe” auf seine provokanten, derben oder ekligen Szenen zu reduzieren, wie das einige, grade deutsche Kritiker bisher getan haben. Als zwischen Liebeserklärung und Ironisierung schwankendes Panoptikum eines Berlin Gefühls gehören diese Szenen in den Film und sollten nicht ernster genommen werden, als es die Filmemacher tun. Spassig ist grade die Selbstverständlichkeit, die Beiläufigkeit mit der hier irritierende Momente eingestreut werden. Verspielt und gleichzeitig selbstironisch.
Die Verspieltheit macht sich auch im optischen bemerkbar. Die harten Schwarz/Weiss-Bilder werden immer wieder mal durch mal mehr mal minder sinnvolle farbliche Tupfer aufgelockert. Sei es eine Büroklammer die eine wichtige Rolle spielt, ein Wellensittich der vor Schreck kurz Farbe bekommt oder die Drogenphantasien der türkischen Jugendlichen, auch hier steht der Spaß im Vordergrund, die tiefere Botschaft kann man suchen, muß man aber nicht.
Was nach dem Film bleibt ist das Gefühl, vielleicht die Leute etwas besser zu verstehen, denen man im Alltag oft begegnet, die man belächelt und sich wundert, wie wohl ihr Leben aussehen mag.
Krass, komisch, kompliziert und letztlich doch liebenswert.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- August 2nd, 2007 •
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- 17.09.2007 - sliqq’s fairy tales » Blog Archive » Wenn schwarze Schafe trä [...]
- 10.01.2008 - F5 — Berlin am Meer
- 11.01.2008 - BatzLog - Noch etwas Salz? » Letztes Lichtspiel: Berlin am Meer


















Letztes Jahr habe ich ihn als letzten Film auf den Hofer Filmtagen gesehen und er war ein genialer, unterhaltender Abschluß. Freut mich, wenn er es jetzt
doch mal ins Kino schafft!
Kommentar #1 von Vulkanente am 02.08.2007 um 19:54 Uhr
Verriss oder Nicht-Verriss, das ist hier die Frage. Um Eines gleich vorab zu erwähnen: Viele Ansätze in “Schwarze Schafe” sind interessant, schon der Titel selbst verspricht sehr viel – und Einiges ist einfach toll gemacht, aber:
ostprinzessin.de/bz/2007/08/27...
Kommentar #2 von Ostprinzessin am 28.08.2007 um 01:09 Uhr
Der Film hätte nach der Szene mit Peschel auf dem Dampfer zu Ende sein sollen. Alles was danach kommt ist der Versuch die Gags der ersten Filmhälfte zu toppen. Leider verliert sich das in Fäkalhumor und allzu angestrengten Tabubrüchen.
Kommentar #3 von ber am 23.09.2007 um 15:26 Uhr
…einfach toll gemacht,selten so gelacht bei einem deutschen Film, ich liebe diesen Humor!!!
Wann kommt der nächste Film??
Kommentar #4 von Uwe am 25.09.2007 um 20:32 Uhr