Es gibt ja immer wieder Diskussionen über Listen und Bewertungen von Filmklassikern, obwohl viele, die auch dabei mitreden (wollen), eben diese Klassiker der Filmgeschichte überhaupt nicht – oder vielleicht nur vom Hörensagen – kennen. Um Werke filmh
istorisch aus künstlerischer Sicht richtig einordnen zu können – und auch um Vergleichsgrundlagen für aktuelle Rezensionen zu haben – ist es aber unbedingt notwendig, sich auf bestimmte, allgemein anerkannte Kriterien und einen auf einem allgemeinen Konsens beruhenden Kanon beziehen zu können! Das klingt jetzt zwar sehr altmodisch und oberlehrerhaft, ohne sowas versinkt aber alles in völliger Beliebigkeit. Und das kann’s halt auch nicht sein.
Der genialste Text, der zu diesem Thema meiner Meinung nach bisher geschrieben wurde, stammt von Paul Schrader, dem Regisseur von unter anderem „Katzenmenschen“. Außerdem war er Drehbuch-Autor von vielen bekannten Filmen, zum Beispiel auch von „Taxi Driver“. Sein Text ist ins Deutsche übersetzt gerade im neuesten „Steadycam“-Heft nochmal abgedruckt worden, er wurde aber auch im Februar bereits in der Berlinale-Beilage der FAZ veröffentlicht und ist auf deren Website als Langfassung noch online verfügbar. Die Lektüre ist absolut lohnenswert und lehrreich. Im Folgenden ein paar der besten Zitate als Zusammenfassung:
„Was ist ein Kanon? Ein Kanon gründet definitionsgemäß auf Kriterien, die über allgemeine und persönliche Geschmacksvorstellungen hinausweisen.“
„Zu einem Kanon gehört die Vorstellung, daß er nicht nur etabliert, sondern auch verteidigt wird, und im vergangenen Jahrhundert wurde er weit öfter in Frage gestellt als verteidigt. Ohne Verteidiger ist der Kanon ein praktisches Hilfsmittel (Lehrstoff) oder eine Frage des Geschmacks (Lieblingsfilme).“
„Die Kunst des audiovisuellen Geschichtenerzählens wird durch jede technische Innovation – Tonbühne, Kran, Farbe, Breitwand, hochempfindlicher Film, drahtloses Mikrofon, Videokamera, Steadicam, digitales Schneiden, digitale Bilder – neu definiert.“
„… könnte man vielleicht eine Liste zusammenstellen, die den Etappencharakter des Films anerkennt. Ein Filmkanon ist meines Erachtens an zwei Bedingungen geknüpft: erstens muß er Filme im Kontext des Filmjahrhunderts, einer Übergangszeit, beurteilen, und zweitens muß er sich auf eine Vielfalt ästhetischer Kriterien stützen.“
„Das Kunstwerk wird die Regeln immer umgehen. Sie sind aber ein notwendiger Rahmen für jeden, der beurteilen will.“
„Originalität ist unabdingbar für den Kanon – das betreffende Thema muß auf neue, ungewöhnliche Weise ausgedrückt werden – aber es ist
die über Originalität hinausgehende Fremdartigkeit, die einem Werk Bestand verleiht.“
„Die Form eines Films muß in der Mitte oder am Ende nicht dieselbe sein wie am Anfang. Der Filmkritiker beurteilt das Wechselspiel von Formen hinsichtlich Funktion (kommerziell, didaktisch, ästhetisch) und Inhalt. Bei einem großen Film verbinden sich die formalen Brüche zu einem neuen, fremdartigen Ausdruck von Funktion.“
„Filme oder Filmemacher sind nicht nur nach ihren individuellen Qualitäten, sondern auch nach ihrem Platz in der Filmgeschichte zu beurteilen.“
„große Kunst lebt fort, kann immer wieder erfahren, von nachfolgenden Generationen bewundert werden, wird mit der Zeit immer bedeutender. Dieser Test hat selbst das Zeitalter technischer Reproduktion überstanden.“
„Daß manche Filme auch nach wiederholtem Betrachten nichts von ihrer unmittelbaren Wirkung verlieren, macht sie zu wahren Klassikern.“
„Große Filme reißen den Zuschauer aus seiner Passivität und fordern ihn zu kreativer Mitwirkung auf. Kino ist keine einseitige Angelegenheit. Große Filme gehen auf den Zuschauer zu, fordern ihn heraus. Indem sie Erwartungen unterlaufen oder Widersprüche zeigen, veranlassen sie den Zuschauer, gewissermaßen in die Leinwand zu greifen und das kreative Mobiliar hin und her zu schieben. Mit einem Whodunnit? hat das nichts mehr zu tun. Der Zuschauer identifiziert sich, auch gegen seine Erwartungen, zieht Schlußfolgerungen, auf die der Film keinen Einfluß hat, und gibt dem Film seine ganz persönliche Ordnung. Große Filme fordern und gewinnen das kreative Engagement des Zuschauers.“
„Kanons sind definitionsgemäß elitär.“
„Der Kanon interessiert sich nicht für kommerzielle Aspekte, auch nicht für Nationalität oder politische Korrektheit. Es besteht kein Grund, kommerziell erfolglose Filme gegen erfolgreiche auszuspielen. … Genre und Stoff spielen keine Rolle, ebensowenig Alter, Hautfarbe und Geschlecht der Filmemacher. Derlei Faktoren bereichern die Diskussion, beeinflussen sie aber nicht. Gleichberechtigung hat im Kanon nichts zu suchen. … Ein Film mag das Produkt einer starken Einzelpersönlichkeit oder mehrerer Personen sein; beide Male ist es nur der Film, den man zu beurteilen hat. … Für den Film spricht nur der Film selbst.“
„Es ist viel leichter, Listen aufzustellen, als sie zu begründen.“
+++
Batzman meint:
Das ein Kanon oder auch nur ein Grundwissen nötig ist um eine Diskussion zum Thema Film führen zu richtig. NOch wichtiger wäre es aber, daß den Leuten einfach beigebracht würde zu diskutieren und zu argumentieren.
Nicht nur in den Kommentaren der Filmfreunde, auch in vielen Foren, der IMDB
oder in privaten Gesprächen krankt eine ernsthafte Auseinandersetzung einfach daran, daß die Leute nicht in der Lage sind ihre Meinung zu reflektieren und zu begründen oder auf die Argumente eines anderen einzugehen, diese zu bewerten und ggf. zu widerlegen.
Was vorherrscht ist etwas das ich immer als Meinungsrülpser empfinde. Die reine Äusserung einer Meinung, die man halt irgendwie einfach hat. Diese ist in der Regel rein emotional und wird deswegen auch nicht begründet. Das erklärt auch die Häufung von Superlativen und die Reduktion auf die Extreme “Das war der beste Film den ich gesehen hab!”, “Das war die voll kras geilste Hamma-Action evaaaaa!” oder “Das war der beschissenste Film der war doch echt voll krass lahm!”
Abgesehen davon das die Verwendung von Ausrufezeichen meist proportionel umgekehrt zum IQ der Person steht, finden sich in diesen Äusserungen keine Auseinandersetzung mit Film. Filme werden geguckt und irgendwie difus auf einer “Boah”-Skala verortet, differenzierungen finden nicht statt.
Deswegen wird es jedesmal auch als Sakrileg empfunden, wenn jemand anderes die Meinung nicht in genau denselben Extremen teilt. Selbst einer tendenziellen Zustimmung wird vorgeworfen, daß sie nicht zustimmend genug sei.
Argumente die sich auf Schwächen (aber auch auf Stärken) beziehen, werden ignoriert und können nicht verarbeitet werden, was in Kommentaren mündet, die völlig zusammenhanglos sind oder sich auf die stete Wiederholung einer Standardreplik beschränken: “Jeder hat eben einen anderen Geschmack”, “Wer den Film nicht mag soll ihn eben nicht gucken”, “Das wird wohl jeder anders sehen”, “Der Film war hammaaaa und wenn du was intellektuelles willst, biste da halt falsch.”
Solange die Leute nicht die niedrigsten Fertigkeiten einer Diskussion beherschen , ist es leider auch illusorisch zu hoffen, sie würden sich obendrein noch eine gewisse filmische Grundbildung aneignen.
Die Bereitschaft Filme zu sehen die älter als 10 Jahre sind ist bei den meisten nicht sehr ausgeprägt, schwarz/weiß gilt immer noch als Unansehbar oder Synonym für Arthaus und das Schimpfwort der Stunde ist (neben schwul) der Begriff “intellektuell”. Der Bildungshass bricht sich grade in Foren und Kommentaren oft ungehindert Bahn, denn es wird als Angriff auf das eigene EGo empfunden, mit Dingen konfrontiert zu werden die man nicht versteht.
Man könnte das als Chance begreifen, neugierig sein und dazulernen, aber in der Regel wird “Denken” als Angriff empfunden. Die zahlreichen Kommentare die immer wieder vehement einfordern man müsse doch mal das Hirn ausstellen, sprechen da eine deutliche Sprache.
Ich möchte dem entgegenhalten:
Ab und zu könnten diese Leute ihr Hirn vielleicht auch mal anstellen. Die Notwendigkeit es beim Besuch eines Filmes extra auszustellen, scheint mir nämlich bei vielen nicht wirklich gegeben.
Und dann können wir nochmal über einen Filmkanon reden.
- Binding •
- August 3rd, 2007 •
- 29 Kommentare










































Pingback: cine:plom
Pingback: ::: eselkult.tk: Blog, abseits vom Mainstream! ::: » links for 2007-08-04
Pingback: WELTRAUMAFFE » Blog Archive » Linksammlung vom 12.12.2007
Pingback: Linksammlung vom 12.12.2007