
Beim Fantasy-Filmfest handelt es sich nicht nur cineastisch betrachtet um eine spannende Angelegenheit: Sich das persönliche Programm zusammen
zustellen, ist stets eine größere logistische Herausforderung. Außer am Eröffnungstag gibt es immer zwei parallel laufende Vorstellungen, und bis auf den ersten und letzten Tag (mit jeweils fünf Programmplätzen) hat jeder der restlichen fünf Festivaltage sechs Blöcke mit Filmen – von 13 bis 23.45 Uhr. Wenn man die vier Wiederholungen, den Kurzfilm-Block und die Blue Ray-Promotion-Vorführung von „Pans Labyrinth“ abzieht, liefen dort also diesmal insgesamt 76 Filme. Jedenfalls war das in Frankfurt so. Ich nehme zwar jedes Jahr extra Urlaub dafür und kaufe mir eine Dauerkarte, aber trotzdem habe ich nur 23 Filme geschafft.
Dabei habe ich mir sogar einige vermeintliche Highlights bewusst erspart, weil sie schon bald auf DVD erscheinen – wie etwa das visuell höchst interessante Festival-Centerpiece „La Antena“, das mit David Lynchs Filmen verglichene japanische Erwachsenen-Animé „Paprika“ und das schrille Splattstick-Fest „Botched“. Andere Filme wie die schottische Murder-Mystery-Lovestory „Hallam Foe“ (Kinostart: 30. August), den Serienkiller-Thriller „Disturbia“ (Kinostart: 20. September) und „Mushishi“, den ersten Realfilm des Akira-Regisseurs Katsuhiro Otomo, hatte ich schon vorher auf Pressevorführungen und anderen Festivals gesehen. Und die vom Frankfurter Publikum gewählten besten Filme „The Deaths of Ian Stone“ und „Ex Drummer“ habe ich leider verpasst.
Einige vielversprechende Titel entpuppten sich als Enttäuschungen – allen voran der Eröffnungsfilm „Black Sheep“. Die Idee mit den Killer-Schafen ist ja wirklich genial, und am Anfang ist das Ganze auch ziemlich gut, aber dann entwickelt sich der Film zu kindischem Funsplatter-Shit und mutet einem auch noch Menschen zu, die zu werwolfartigen Schafen mutieren (was zwar auch eine gute Idee, aber hier einfach zuviel des Guten ist). Wenn wenigstens die Splatter-Szenen irgendwie krass gewesen wären, hätte man seinen Spaß gehabt, aber Fehlanzeige. Als Eröffnungsfilm war „Black Sheep“ jedenfalls völlig deplatziert! „Severance“ war letztes Jahr eine viel bessere Wahl. Und ich hätte mir eher „Fido“, „Mr. Brooks“ oder „Live!“ vorstellen können, aber dazu später mehr.
Weitere Enttäuschungen
„Wächter des Tages“ (Kinostart: 20. September), die Fortsetzung von „Wächter der Nacht“, hat mich zu Tode gelangweilt, weil es quasi nur eine Wiederholung ähnlicher Szenen ist, die aber nicht an die schräge Ästhetik und den Einfallsreichtum des ersten Teils heranreichen. Im Trailer kommen bereits alle guten Szenen vor, und die Story ist völlig belanglos.
„The Messengers“, die erste Hollywood-Produktion der thailändischen Pang-Brüder („The Eye“), bietet zwar schön grusligen Haunted House bzw. Geister-Terror, ist aber nur die x-te Variante typischen Asia-Horrors und daher andererseits schon fast wieder langweilig. Außerdem führt das Ganze am Ende in kaum aushaltbarer Weise zum unkritischen Abfeiern amerikanisch-konservativer Family-Values.
„The Banquet“, eine opulent-farbenfrohe chinesische Hamlet-Verfilmung mit teils ziemlich blutigen Martial-Art-Szenen, ist zwar besser als der fast identische „Der Fluch der goldenen Blume“ und hat auch eine geniale, vom genialen Yuen Woo-Ping wie ein Tanz choreografierte Kampfsequenz, betritt ansonsten in der Nachfolge von „Tiger & Dragon“ und „Hero“ aber auch kein Neuland und langweilt ebenfalls als x-te Variante ebensolcher Filme.
„Macbeth“ von Geoffrey Wright ist wegen der Transformation des Originaltextes in ein modernes Krimi-Umfeld sozusagen die Erwachsenen-Version von William Shakespeares „Romeo und Julia“, aber trotz guter Schauspieler, viel Geballer, derber Gewalt und sehr freizügiger Sexszenen trotzdem irgendwie eher ein ermüdender Film, dem mehr bonbonfarbener Pop-Appeal gut getan hätte.
„Die Vorahnung“ (Kinostart: 11. Oktober), nach „Das Haus am See“ wieder eine Mystery-Lovestory mit Sandra Bullock, ist total laue Sülze mit einem wenig überzeugenden Ende. Madame Bullock will wohl so etwas wie ein neues Subgenre schaffen: Frauen-Mystery oder so. In Filmen wie „Speed“ oder „Mord nach Plan“ ist sie aber wirklich viel besser aufgehoben.
„Bug“ von William Friedkin („Der Exorzist“, „French Connection“) punktet vor allem durch sehr gute Darsteller-Leistungen, wäre aber eher was für eine kammerspielartige Theater-Aufführung. Außerdem ist der Paranoia-Thriller über einen Mann, der sich einbildet, Insekten im Blut zu haben und deswegen eine destruktive Psychose entwickelt, ein verkappter Cronenberg-Film – nur hätte ihn der gute alte David wohl etwas besser hinbekommen.
„The Lookout“ (Kinostart: 13. September) ist das Regiedebüt des Drehbuchautors von „Out of Sight“ und „Schnappt Shorty“, aber leider lange nicht so smart und witzig wie diese beiden Filme. Da es um einen nach einem Unfall hirngeschädigten Jugendlichen geht, der sein Leben nur mit Hilfe von Zettelnotizen bewältigen kann und in eine Krimigeschichte reinrutscht, kann man mit Recht sagen, dass es sich dabei um eine Art „Memento“ für Arme handelt. Nur Jeff Daniels als blinder Zimmergenosse mit Zyniker-Durchblick ist klasse.
Gute bis solide Filme
„The Last Winter“ ist interessanter Geister-Horror mit Öko-Touch, weil es darum geht, dass im auftauenden Permafrostboden von Alaska die Seelen der dort konservierten Ur-Tiere geweckt und befreit werden, die dann Jagd auf die Mitarbeiter einer Öl-Firma machen, die vor Ort die Energie-Ressourcen ausbeuten wollen. Hat was von „The Thing“ und ist richtig gut gruslig. Allerdings begehen die
Produzenten den immer wieder gern gemachten Fehler, die Monster am Schluss zu zeigen, was total lächerlich ist. Ohne diese Offenbarung wäre es ein kleines Meisterwerk geworden.
„The Hamiltons“ beginnt wie ein gewöhnlicher Serienkiller-Film. Nur dass die Killer hier Geschwister und noch sehr jung sind und außerdem Probleme mit- und untereinander haben. Bis zum letzten Drittel ist das alles recht uninspiriert, aber dann gibt es eine Wendung, die das Ganze zu einem richtigen guten Genre-Film macht, den es bisher so noch nicht gegeben hat. Hier jetzt zuviel zu verraten, wäre gemein. Nur soviel: Es ist eine Art soziologischer Horrorfilm, und der einzige Vergleichstitel, der mir überhaupt dazu einfällt, ist George A. Romeros „Martin“.
„Cold Prey“ ist ein solider, spannender Slasher aus Norwegen, der in einem einsamen und verlassenen Ski-Hotel mit düsterer Vergangenheit spielt. Wenn er nicht der x-te Slasher (und insofern doch wieder recht langweilig) wäre, käme er in meine Top Ten des Festivals.
„The Ferryman“ ist so gesehen ebenfalls nur Durchschnitt, punktet aber durch seine Bodyswitch-Thematik: Ein paar Touristen auf einem Segeltörn nehmen einen Schiffbrüchigen auf, der sich aber als Killer auf der Flucht vor dem Sensenmann (= der Fährmann aus der griechischen Mythologie) entpuppt. Der Killer schlüpft mit Hilfe eines uralten magischen Dolches in die Körper seiner Opfer, um in ihnen weiterzuleben und somit unsterblich zu sein. Die überlebenden Körperhüllen werden dabei jeweils von der zuletzt geswitchten Person gefüllt , was zu interessanten Konstellationen führt, die der Killer zudem ausnutzt, um seine Opfer auch noch psychisch zu terrorisieren.
Meine Festival-Top-Ten

1. „Mr. Brooks“ (Kinostart: 29. November): Ein nach außen völlig normal wirkender, erfolgreicher Geschäftsmann (Kevin Costner!!!) ist mordsüchtig und bringt auf höchst professionelle Weise in seiner Freizeit zum Spaß Leute um. Als ihn ein Zeuge erpresst, sich seine Tochter ebenfalls als mordlüstern entpuppt und ihm eine Ermittlerin (Demi Moore) zu nahe kommt, muss er eine Lösung finden. Bis auf das Ende, bei dem die Produzenten wohl nicht ganz den Mumm hatten, wirklich böse zu sein, macht dieser ungewöhnliche (und ungewöhnlich intelligente!) Serienkiller-Film soviel Spaß wie selten. Vor allem die cool-abgeklärten Fachsimpeleien und psychologischen Seitenhiebe zwischen Costner und William Hurt (der das personifizierte Gewissen des Killers spielt), sind absolut lohnenswert. Außerdem ein Klasse-Comeback für Demi Moore.

2. „Live!“: Schauspielerin Eva Mendes wurde bisher total unterschätzt! Diesen Film hat sie nämlich nicht nur selbst koproduziert, sondern sie spielt darin auch ihre bisher beste Hauptrolle: eine geltungs- und karrieresüchtige TV-Programmdirektorin, die eine Live-Fernsehshow erfindet, in der die Kandidaten russisches Roulette spielen (was bedeutet, dass einer davon live vor der Kamera sterben wird). Die Leute machen freiwillig mit, weil alle Überlebenden einen Millionenbetrag bekommen und danach Medienstars sind. Der Film wird aus dem Blickwinkel einer Kamera gezeigt, die für eine Dokumentation zum Thema benutzt wird und der Frau ständig anhaftet (vgl. „Mann beißt Hund“). Letztlich geht es dabei um die kommerzorientierten Mechanismen des TV-Business und die diesbezügliche Bereitschaft, über Leichen zu gehen. Es ist aber auch ein kritischer Film über das teilweise paradoxe Freiheitsverständnis der USA und eine psychologische Studie über die krassen Zustände im modernen Berufsleben. Selten hat mich ein Film im positiven Sinne so wütend gemacht!

3. „Fido“: Diese in Splatter-Hinsicht zwar wenig spektakuläre, dafür aber umso bissigere und intelligentere Zombie-Komödie macht tierisch Spaß, weil sie bürgerliche Sicherheits- und Konformitäts-Bestrebungen auf satirische Weise dekonstruiert, und zwar am Beispiel einer Fünfziger-Jahre-Muster-Kleinstadt (inklusive Carrie-Anne Moss mit Haarband und Sommerkleid). Das Interessante daran ist aber auch, dass die Zombies hier Gefühle haben und die besseren Menschen sind (solange ihr Menschenfresser-Trieb technisch unterdrückt wird), was die erste konsequente Weiterentwicklung einer von George A. Romero in „Day of The Dead“ und „Land of The Dead“ bisher nur angedeuteten Möglichkeit darstellt, die auch am Ende von „Shaun of the Dead“ bereits anklingt. Absolut sehenswert für Genre-Insider mit Grips, die von Zombie-Filmen mehr als Blut, Gewalt und Splatter erwarten.

4. „I’m a Cyborg, but that’s ok“ von Chan-Wook Park ( Oldboy ): Teilweise total abgedrehte koreanische Variante von „Einer flog über das Kuckucksnest“, in der ein Mädchen nichts mehr isst, weil sie von sich denkt, ein Cyborg zu sein, der normale Nahrung nicht verwerten kann. Ein Füllhorn kreativer Einfälle – und sehr, sehr nett. Allerdings mit der berühmten Rache-Trilogie des Regisseurs nicht zu vergleichen, weil eben völlig anders.

5. „Shadowboxer“: Helen Mirren als an Krebs sterbende Auftragskillerin, die plötzlich Familiengefühle entwickelt, ist nicht das Schrägste an diesem intelligenten, spannenden und subtil witzigen Thriller, der für eine amerikanische Produktion äußerst freizügig und tabubrechend daherkommt. Cuba Gooding jr., Stephen Dorff, Macy Gray (!) und Vanessa Ferlito („Death Proof“) adeln dieses abgründige Sahnestückchen zudem durch ihre schauspielerischen Leistungen.

6. „The Signal“: Eine äußerst billig mit Digital-Kamera produzierte Zombie-Variante, in der das entsprechende Virus die Menschen zu wütenden Gewalttätern mit manipuliertem Verstand macht. Zunächst wirkt das Ganze auch sehr billig, aber schnell entwickelt sich eine innere Spannung, die von guten Schauspieler-Leistungen und einem interessanten Konzept flankiert wird: drei Regisseure drehten unabhängig voneinander jeweils ein Segment der Geschichte. So ergeben sich Querverweise, neue Blickwinkel und interessante Kontraste. Die Story ist ziemlich fies und bewegt sich auf dem Niveau eines sehr guten Paranoia-Thrillers.

7. „The Bothersome Man“ (Kinostart mit deutschem Titel „Anderland“: 4. Oktober): Ein sehr mysteriöser, undurchsichtiger, kafkaesker Film mit David-Lynch-Flair über einen Typen, der mit einem Bus in einer neuen Stadt ankommt, dort einen neuen Job beginnt und neue Leute kennenlernt, bald aber sehr kurios-absurde Dinge erlebt, was ihn als eine Art fluchbelegten Hamsterrad-Mensch inmitten von leblos-blutleeren Idioten erscheinen lässt. Das bizarre Ende lässt viele Fragen offen. SPOILER: Ich tippe darauf, dass er tot ist, dies aber nicht akzeptiert, und dann wiedergeboren wird.

8. „Stuck“ von Stuart Gordon (Re-Animator): Eine angeblich authentische (!) Geschichte von einer Frau (Mena Suvari), die einen Fußgänger (Stephen Rea) überfährt, der sich in die Windschutzscheibe bohrt. Die Frau ist von der Situation völlig überfordert, parkt erstmal in ihrer Garage und wartet ab. Irgendwann will sie dann nur noch den Schwerverletzten entsorgen und ist dafür bereit, bis zum Äußersten zu gehen. Ein kleiner, böser Film mit Hang zur Groteske, der zwar nicht sonderlich spannend ist, dafür aber total nachwirkt und subversiv gesellschaftskritisch ist.

9. „Edmond“ von Stuart Gordon: Noch unspannender (hat halt auch ein Theaterstück von David Mamet als Vorlage), aber auch noch interessanter ist
diese existenz-philosophische Geschichte über einen Mann, der auf der Suche nach dem echten Leben sein wohlbehütetes, gesichertes bürgerliches Dasein hinter sich lässt und in die Niederungen menschlicher Abgründe abrutscht, ja sogar zum Mörder wird. Es ist hauptsächlich ein Schauspieler-Film, der sich schon wegen der Mitwirkung von Julia Stiles, Joe Mantegna, Mena Suvari, Denise Richards und Bai Ling lohnt. Vor allem ist es aber ein William-H.-Macy-Film, der hier nach „The Cooler“ erneut in einer Hauptrolle brilliert. Am Ende sieht man ihn sogar – völlig untypisch – mit Glatze und Riesen-Schnautzbart, und wie er dann letztlich seinen Frieden findet, ist gleichermaßen interessant und provokant.

10. „The Ferryman“: siehe oben. (Hätte ich „Mushishi“ gesehen, würde der übrigens auf diesem Rang landen.)
Es besteht noch die Chance, sich alle Filme anzusehen, denn bis zum 22. August läuft das Fantasy-Filmfest ja noch in einigen Städten, zum Beispiel in Berlin und Hamburg. Weitere Infos finden sich auf der Festival-Website.
- Binding •
- August 12th, 2007 •
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