Zu oft muss man sich folgende Sätze anhören: „Was erwartest Du? Was hast Du denn bitte für Ansprüche? Dieser Film ist doch nur Unterhaltung.“ Diese Sätze fallen vor allem dann, wenn ein schwacher oder mittelmäßiger Film es geschafft hat, mit Augenwischerei und eingeseifter Emotionalität den ein oder anderen Zeitgenossen einzufangen und der aufgrund dieser Tatsache nicht bereit ist, den Schwächen des Werkes mit offenen Augen entgegenzutreten.
„Es ist doch nur Unterhaltung“ ist eine Beleidigung für die Kultur, für den Kunstbetrieb. Egal wie aufgeladen ein Werk mit Botschaften, Aussagen oder Emotionen ist – ob es nun dabei um Film oder Musik geht, ist völlig egal -, es geht immer nur um eines: Unterhaltung. Picassos Guernica? Unterhaltung! Buñuels „Der andalusische Hund“? Unterhaltung! „E.T.“? Unterhaltung! „Transformers“? Unterhaltung! Comics? Unterhaltung! Kunst – und Film ist „lediglich“ eine weiter Form der Kunst – ist Unterhaltung, geschaffen um die Sinne zu fordern, zu überfordern und den Menschen an Grenzen zu führen. Oder auch nicht.
Im Sinne der Unterhaltung steht „Transformers“ gleichwertig neben Hitchcocks „Psycho“ und muss sich eine Gleichbehandlung in der Kritik gefallen lassen. Eine Entschuldigung, weil „es ja nur Unterhaltung“ sei, ist meilenweit am Thema vorbeigedacht. Die griechische Tragödie, bis heute die Blaupause für das Konzept „Geschichtenerzählen“, hat ihre Wurzeln im Theater und diente vor allem einem: Unterhaltung. Sie ist keine Entschuldigung für debile Comicverfilmungen oder martialische Kriegsverherrlichung.
Das Argument „Es ist doch nur Unterhaltung“ ist die intellektuellere Schwester von „Es ist doch nur eine Comicverfilmung“. Beides sind Null-Aussagen, die niemanden weiterbringen, außer demjenigen, der die Schwächen eines Werkes übertünchen will, indem er auf ein scheinbar unschuldiges Spielfeld ausweicht. Seriöse Kunst ist genauso Unterhaltung wie der Film „Bierfest“. Nur dass eins von beiden im Negativbereich der Skala wildert.
Ich kann meinen Geist damit unterhalten, indem ich mir junge Mädchen beim Schlammcatchen zusehe. Ich kann ihn aber auch damit unterhalten, indem ich eine filmgewordene Metapher über Gewalt in der modernen Welt ansehe. Beides spielt in einer Liga, beides ist Unterhaltung, das eine ist mies, das andere hat Qualität. Was nicht heisst, dass man schlammcatchende Mädchen nicht gehaltvoll inszenieren könnte. Gewusst wie. Russ Meyer hat’s vorgemacht.
Und ab heute will ich Sätze wie „Einfach mal das Gehirn abschalten“ nicht mehr hören. Erstens, weil das auf der wissenschaftlich-biologischen Ebene überhaupt nicht funktioniert, und zweitens: weil es Bullshit ist. Bullshit, der darüber hinweg täuschen will, dass die ach so geliebte Comicverfilmung oder sonstiger Schnickschnack unter dem Lack der CGI-Effekte völliger Mist ist. Was man weiß, insgeheim, aber vor Leuten nie zugeben würde. Weil es ja „nur“ Unterhaltung ist.
Auf dem Spielfeld des Films steht „Transformers“ direkt neben „Wild Bunch“, „Beerfest“ direkt neben „Ferris macht blau“. Da gibt es keine Ausreden.
- Renington Steele •
- September 11th, 2007 •
- 58 Kommentare










































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