“Damn, and I thought I was good looking!”
Originaltitel: The Lookout
Herstellungsland: USA 2007
Regie: Scott Frank
Darsteller: Jeff Daniels, Matthew Goode, Joseph Gordon-Levitt





Chris Pratt (Joseph Gordon-Levitt) fucked up. In einer Nacht des Übermuts, in der er mit Freundin und Kumpeln als Mutprobe ohne Licht durch die Nacht raste, verpfuschte er sein Leben.
Nach einem schweren Unfall, bei dem zwei seiner Freunde starben, blieb er mit einem Hirnschaden zurück. Er kann sich schlecht erinnern, muß sich Notizen machen, hat Schwierigkeiten Dinge beim richtigen Namen zu nennen und verwechselt zeitliche Abläufe. Vom gefeierten High-School-Sport-Star ist er zum Hilfshausmeister einer Bank geworden, der finanziell von seinen Eltern abhängig bleibt und dessen einziger echter Freund der blinde Musiker Lewis (Jeff Daniels) ist, mit dem er zusammen in einer WG lebt.
Chris tritt auf der Stelle, tut sich schwer damit seine Behinderung zu akzeptieren. Standen ihm vor dem Unfall alle Türen offen, ist sein einziger Traum heute vom Nachtwächter zur Tagesschicht aufzusteigen, was ihm sein Chef aber auch noch nicht zutraut.
Das ändert sich erst als der dynamische, aber auch etwas undurchschaubare Gary (Matthew Goode) in sein Leben tritt. Gary scheint mehr in Chris zu sehen, umwirbt ihn, will sich mit ihm anfreunden. Chris lässt sich zunächst zögernd darauf ein, fasst Vertrauen zu Gary. Das dessen Interesse an ihm nicht uneigennützig ist, soll er schon bald feststellen, denn Gary und seine Freunde haben Chris nicht zufällig ausgewählt…
Sieht man einmal vom wirklich kreuzdümmlichen deutschen Verleihtitel ab, der so gar nichts mit dem Film zu tun hat, bleibt wenig, was man dem Regiedebüt des Drehbuchautoren Scott Frank vorwerfen könnte. Umso mehr gibt es zu loben, angefangen beim ruhigen elegischen Erzählstil, der dennoch nie langweilt, über die stimmigen, kargen und in ihrer winterlichen Schroffheit an Fargo erinnernden Bilder, die saubere Dramaturgie, die die nicht übermässig originelle Story konsequent und so nuanciert erzählt, daß keine der Figuren zum Abziehbild verkommt und letztlich die wirklich herausragenden Darsteller, allen vorran Gordon-Levit und Jeff Daniels.
Daniels schafft es aus der Nebenrolle des sarkastischen Blinden, die man so schon häufiger gesehen hat, eine lebendige Figur zu erschaffen, die weit weg ist von jenen überzogenen und “Hey schaut wie toll ich einen Blinden spiele”-Performances wie sie etwa Al Pacino in “Der Duft der Frauen” ablieferte. Daniels als “that blind guy who looks like Larry Flint”, nimmt sich zurück und liefert eine überzeugende Miniatur, angereichert mit viel Humor aber auch Unsicherheit.
Ihm ebenbürtig, wenn nicht noch überlegen, ist Joseph-Gordon-Levitt, der sich bereits in “Mysterious Skin” und “Brick” als einer der besten jungen Schauspieler seiner Generation empfahl und der es auch dieses Mal schafft einen Film zu Schultern, der sich in weiten Teilen auf seine Hauptfigur konzentriert, die fast in jeder Szene im Bild ist. Was er mit reduzierter Mimik ausdrückt, wie er es schafft seine tiefe Melancholie, Verwirrtheit und auch Wut mit wenigen Blicken skizzieren, seine Traurigkeit einzufangen die ihn weit älter wirken lässt, als es sein jugendliches Aussehen erwarten lässt, ist beeindruckend.
Sein Chris ist eine zersplitterte Figur, ganz sicher niemand den man auf den ersten Blick mag. Er hat Scheisse gebaut und durch Dummheit und Leichtsinn nicht nur seine Behinderung verschuldet sondern auch den Tod von zwei Menschen und die schwere Verletzung seiner damaligen Freundin. Das er seinen Fehler bedauert steht ausser Frage, das er immer noch lernt sein Leben in den Griff zu kriegen ist auch klar. Spannend wird der Film durch die unsentimentale Herangehensweise, mit der der Chris Alltag schildert, der zunächst sehr depremierend und trostlos erscheint. So langsam und repitativ wie Chris Leben ist, so langsam beginnt der Film uns seine Probleme und Sichtweisen näher zu bringen. Auch wenn er sein Leben mit Stift und Notizbuch organisiert, ist dieser Charakter doch näher an Gordon-Levitts lakonischen Figur in “Brick”, als an dem ebenfalls gedächnisgestörten Antihelden aus “Memento”.
Leichte Spoiler vorraus.
Scott Frank schafft es bruchlos und fließend diese Story in die spätere Krimihandlung zu überführen, wenn klar wird, daß Gary und seine Kumpane nur deswegen Interesse an Chris haben, weil sie seinen Nachtwächterjob für einen Bankeinbruch nutzen wollen. Gradlinig, konsequent und trotz einer gewissen Vorhersehbarkeit spannend wechselt der Film in eine durchaus hart erzählte Thrillerstory, die den erschaffenen Figuren treu bleibt und grade durch die Nuanciertheit mit der die Schauspieler ihre Figuren kreieren ihre Spannung bezieht.
Nicht ganz so brillant wie “Brick” aber dennoch von großer Kraft und Erzählfreude geprägt, kann diese gelungene Mischung aus stylishem Noir-Film und Drama auf ganzer Linie überzeugen. Auch wenn das ganze für die Klientel unter 20 wohl zu langsam und unspektakulär erzählt sein dürfte.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- September 15th, 2007 •
- 6 Kommentare
1 Trackback
- 30.11.2007 - Zum zweiten Mal in zwei Tagen… | DNSNFR


















Der Film kam bei uns vor 2 Wochen in der Sneak. Sehr ruhiger Film. Der Titel ist tatsächlich das, was mich am meisten an dem Film gestört hat.
Die Thematisierung der Behinderung ist in meinen Augen sehr gelungen.
Kommentar #1 von wortwelt am 15.09.2007 um 13:09 Uhr
So können Meinungen divergieren. Ich bin über 20 :) und The Lookout hat für mich fundamentale Probleme. Stichwort Kohärenz: Da wird wieder gehämmert und gedrückt, bis das viereckige Klötzchen ins runde Loch passt. Beispielsweise, muss er sich nahezu jeden Handgriff aufschreiben und bekommt kaum eine Dose auf, aber Autofahren klappt prächtig. Und welcher Polizist wäre nicht so nett, einen jungen Mann mit dieser Visitenkarte “Ich bin zu nichts fähig” weiter am Steuer zu lassen. Dann Jeff Daniels als Blinder: Absolutes Klischee aus dem Handbuch der 1000 Stereotypen. Immer gut drauf, alles im fest im dunklen Griff, eine Quelle an nutzlosem Wissen und in jeder noch so gefährlichen oder ernsten Situation ein flottes Sprüchlein auf den Lippen. Die Hauptstory ist unterhaltsam, setzt aber viel zu spät ein, um wirklich relevant zu wirken. Alles nur Nebensachen, klar. Aber im Grunde war der Typ ein leichtsinniges Arschloch, der seine Freunde killte. Mt so einem zu fühlen, fällt äußerst schwer. Was danach folgen sollte, wäre eine Story über Selbstfindung (auch Verbindung zum Zuschauer) oder Reue und kein arg konstruierter Thriller, der die Schwächen des Protagonisten nur als Handicap benutzt. Was soll das also?
Was bleibt? Sehr gute Schauspieler indeed. Flüssiges, und unforderndes Durchrauschen der Geschichte. Wieder so ein Film, der gerade mal so weit neben dem Mainstream treibt, dass ihn viele mit eingerosteten Hollywood-Rezeptoren geil finden und euphorisch als Geheimtipp verkaufen. Warum den manche mit Memento vergleichen, liegt mir genauso verborgen, wie der Vergleich von Sunshine mit 2001. Durchs All trödelnde Raumschiffe und amnesierte Leute sind ja überall gleich. Kennt man einen, kennt man alle.
Kommentar #2 von Caro am 15.09.2007 um 13:32 Uhr
Sehr nettes Review! Dem kann ich nur zustimmen. Der Film hat mich auf dem diesjährigen Fantasy Filmfest überzeugt und war eines der Highlights. Joseph Gordon-Levitt sollte man unbedingt im Auge behalten, bleibt zu hoffen, dass er auch weiterhin jene Charakterrollen annimmt. Jeff Daniels als WG-Kumpane war ebenfalls grandios, wirkte sehr authentisch und hat den Film auf jeden Fall bereichert.
Kommentar #3 von Sebastian am 15.09.2007 um 13:58 Uhr
einer meiner freunde empfiehl mir den film auch, nachdem er ihn in der sneak gesehen hat. bei dem titel dachte ich mir allerdings auch “naja, vielleicht ganz nett aber bestimmt nicht mein ding”. aber nun werde ich vielleicht doch einen interessierten blick riskieren…
Kommentar #4 von jan am 16.09.2007 um 17:47 Uhr
Ein grandioser Film. Dummerweise hat mich der (deutsche) Filmtitel zunächst auch irregeführt. Sehr zu empfehlen und sehr gutes Review.
Kommentar #5 von Joern am 16.10.2007 um 11:41 Uhr