“You people are fighting each other in war and destroy the world in the name of God. God doesn’t need your help to destroy the world. He is God, hello?”
Originaltitel: Postal
Herstellungsland: Deutschland / Kanada / USA 2007
Regie: Uwe Boll
Darsteller: Zack Ward, Dave Foley, Ralf Moeller, Chris Spencer, Seymour Cassel, David Huddleston, Verne Troyer, Uwe Boll





Ein ganz normaler Dreckstag im Leben des unbenannten Hauptdarstellers (Zack Ward), der im Laufe des Films den Namen “Postal Dude” verpasst bekommt. Er lebt in der Stadt “Paradise” in einer White-Trash-Trailerpark-Siedlung, streitet sich mit seinen Hillybilly-Nachbarn, wird von seiner monströs übergwichtigen Frau betrogen, sich um lausige Jobs bewerben und muß im Sozialamt um Kohle betteln
Sein Leben läuft zunehmend aus der Spur, er braucht dringend Geld und lässt sich schließlich auf die wahnwitzige Idee seines Onkels (“Kinds in the Hall”-Veteran Dave Foley) ein, eines Halodris, der aus Langeweile und Bequemlichkeit irgendwann eine Religion gegründet hat, die er hauptsächlich dazu benutzt mit willigen Weibern in die Kiste zu steigen. Dummerweise steht dem Onkel die Steuerfahndung auf den Zehen, die gerne eine saftige Nachzahlung für die letzten zehn Jahre hätte.
Gemeinsam beschließt man, sich die in ganz Amerika ebenso heissbegehrten wie raren Krotchy-Dolls unter den Nagel zu reißen um sie bei Ebay für horrende Summen zu versteigern. Nur dumm das die örtliche Al Kaida-Filiale grade Besuch von Osama Bin Laden hat und ebenfalls große Pläne hat, in denen die kleinen Genital-Püppchen eine wichtige Rolle spielen.
Eine Konfrontation zwischen Prediger, Postal Dude und der fröhlichen Terrortruppe scheint unausweichlich und so droht ein Massaker, als beide Gruppen im Germanischen Themenpark aufeinanderprallen…
Leichte Spoiler Ahead
Okay, vergesst einfach alles was ihr über den Regisseur vielleicht im Kopf habt. Vergesst alles was ihr über Uwe Boll gelesen habt und vergesst vor allem die Filme die ihr bisher von ihm gesehen habt. Denn Postal ist witzig, Wirklich witzig. Auch wenn die Story ein ums andere Mal ins Schlingern gerät und es durchaus ein paar Pacing-Probleme im Mittelteil gibt: Dieser Film rockt.
Die Chuzpe mit der Boll, der auch mit am Drehbuch schrieb, hier alles demontiert was anderen heilig ist, mit der er in alle Richtungen austeilt und sowohl Actionfilmklischees zerlegt, wie jedweden Respekt vor religiösen Gruppen, politischen Vereinigungen und patriotischem Gehampel vermissen lässt ist alleine schon bewundernswert.
Kein Wunder, daß die South Park-Macher nach einer Vorabsichtung des Films begeistert waren und explizit erlaubten, man könne mit einem Zitat von ihnen Werbung machen: POSTAL kommt tatsächlich wie South Park als Realfilm daher und mischt ebenso respektlos wie krude satirische Momente mit Slapstick, Kalauern und einigen Fäkalwitzen. Dennoch ist der Film keine Splatter- oder Körperflüssigkeiten-Orgie, sondern wandert recht geschickt irgendwo zwischen Dr. Seltsam, Scary Movie und Team America.
Überzeugen kann vor allem auch der rotbeschopfte und leicht mausgesichtige Zack Ward, der von memmigem Nerd bis zur Actionheld-Karikatur fliessend wechseln kann und eine wirklich drollige Mimik zum Besten gibt. Wenn er im Sozialamt Amokopfern ihre Nummern-Zettel aus den Händen reißt um früher dranzukommen, eine Katze ganz im Stil des Spiels als Schalldämpfer benutzt und sich hinterher über den strengen Geruch des Laufes wundert oder im Showdown die Mutter aller pathetischen Reden hält, er weiß in was für einem Film er ist und macht in jeder Situation eine ebenso gute wie bewusst lächerliche Figur. David Foley, ein Comedian der ebenfalls keine Schmerzgrenzen kennt, geniesst die Rolle des jovialen Selfmade-Gurus ebenso wie “MiniMe” Verne Troyer, der rücksichtslos Kinder aus dem Weg schubst und letztlich zwecks Erfüllung einer Prophezeiung ein paar notgeilen Affen zum Opfer fällt. Kein Wunder, daß die meisten Agenten ihren Schauspielern rieten bei diesem Film nicht mitzumachen. Schön, daß sie sich darüber hinweggesetzt haben.
Man spürt deutlich, dass Boll mit diesem Film einen Befreiungsschlag vollzieht und alles ins Visier nimmt, was ihn seit Jahren ankotzt und beschäftigt. Sei es die Selbstzensur Hollywoods, die Glorifizierung von Terroropfern zu “Helden”, die allgegenwärtige Paranoia und die Verkommenheit der US-Regierung, deren mehr als bedenkliche Verbindungen zur Bin Laden-Familie mehr als einmal ins Visier genommen werden. Das er nebenbei sich selbst als pädophilen Nazi-Seppel darstellt, der seine Angestellten im Germanischen Vergnügungspark auch schon mal mit Goldzähnen bezahlt und sich handfeste Rangeleien mit dem Chef des Software-Labels “Running with Scissors” liefert, ist da dann schon fast nebensächlich.
Klar es zündet nicht jeder Gag, klar die Action hat man auch schon besser gesehen. Aber dennoch überwiegt die Anzahl an gelungenen Szenen bei weitem die Ausfälle und alleine die bekannte Intro-Sequenz ist witziger als das Meiste, was man in Sachen Satire in den letzten Jahren im Kino angucken durfte. Die Detailfreude, die kleinen Zitate von “Tom und Jerry” über Rambo, Mel Brooks und ZAZ-Filme zeigt deutlich wie vielschichtig Bolls Einflüsse sind und das er auch beim fast japanischen Drehtempo in dem er seine Streifen abdreht, Zeit hat auf Details zu achten.
Boll ist was seine Themen angeht angstfrei, er mag manchmal zu sehr simplifizieren, er haut ganz klar mit dem großen Hammer um sich, aber er zeigt dennoch was im Kino möglich sein muss, das es wichtig ist dorthin zu gehen, wo es wehtut. Das man polarisieren muss. Wieviel Selbstzensur in den Köpfen mittlerweile herrscht zeigt sich ja gut daran, daß nur die UCI-Kinokette sich traut den Film zu spielen. Alle anderen haben, genau wie einige Radiosender bei der Werbung, einen Rückzieher gemacht und fürchten sich vor islamistischen Anschlägen.
Optisch ist der Film ebenfalls solide und sieht durchaus nach den 15. Mios aus die er wohl gekostet hat. Der beste Actionregisseuer ist Boll nach wie vor nicht, aber er steigert sich und es liegen einige Welten zwischen “House of the Dead” und “Postal”. Und solange immer noch viele deutsche Filme in gediegener Fernseh-Optik daherkommen, braucht sich Postal optisch schon gar nicht zu verstecken. Hier knallt es ordentlich, das Setdesign ist liebevoll verspielt und die wenigen Digitaltricks sehen ebenfalls ordentlich aus und ersparen einem übliches Rendergeschrabbel.
In Amerika wird der Film übrigens nur in einer gekürzten Fassung und auch erst im Frühjahr 2008 anlaufen. Auch dort gab es Schwierigkeiten Kinoketten zu finden, die den Film spielen wollen.
+++
Wer schonmal einen ungefähren Vorabcheck machen will, ob ihm POSTAL auch gefallen wird: Hier gehts zum Boll-Orakel, bei dem der Doktor selbst das Ergebnis verkündet.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- Oktober 17th, 2007 •
- 18 Kommentare
1 Trackback
- 21.11.2010 - Finanziert mit Nazi-Gold « Vermischtes « BLOG OFF!


























Auf der UCI-Duisburg Seite wird der Film jedenfalls ignoriert…
Dabei sollte das doch mein erster Boll-Film werden :(
Kommentar #1 von Arno Nym am 17.10.2007 um 18:28 Uhr
Schlagt die Geschichtsbücher auf zückt die Stifte. Der erste Boll, der 3,5 Sterne bekommt. Würde die Berliner Mauer noch stehen, dies wäre der Moment wo sie einstürzen würde. Umbruch liegt in der Luft…
Kommentar #2 von Claas am 17.10.2007 um 18:45 Uhr
Ui, da werd ich ja übermorgen viel Spass haben… !!! Ein Boll der gut vom Batz rezensiert wird. Ich hatte nach Bloodrayne die Erwartungen schon wieder derbe nach unten geschraubt ;)
Kommentar #3 von DraMaticK am 17.10.2007 um 18:51 Uhr
Das Cineplex Paderborn zeigt den Streifen übrigens auch. Und bei diesem Review könnte das evtl. doch mein erster Boll werden, insbesondere da Freunde ihn schon in der Sneak gesehen haben und ihn für ganz gut befunden haben.
Ich hätte aber ehrlich gesagt nie damit gerechnet, dass mal ein Boll-Streifen eine gute Kritik bekommt. Dieser scheint es aber durchaus zu schaffen.
Kommentar #4 von Lars am 17.10.2007 um 19:10 Uhr
heise.de/tp/r4/artikel/26/2611...
‘Dumm nur, wenn man sich auf die Sehanleitungen des Regisseurs nicht einlässt und “Postal” trotzdem als ästhetische Katastrophe und rechtspopulistisches Boll-Werk wahrzunehmen erlaubt.’
titanic-magazin.de/boll.html
Kommentar #5 von Martin Schröder am 17.10.2007 um 19:50 Uhr
Cool, dass erste Review das ich über Postal lese. Da bin ich mal sehr gespannt ob ich auch positiv von dem Film angetan bin.
Kommentar #6 von suicide am 17.10.2007 um 20:11 Uhr
@martin
Rechtspopulistisches Machwerk… Auweiha. Sorry, aber auch ohne eine Einführung von Boll hätte ich den Film so verstanden, wie er gemeint ist. Und was abgesehen, von den auch oben beschriebenen Pacing-Problemen an dem Film eine ästhetische Katastophe sein soll, bleibt wohl das Geheimnis des Heise-Schreibers. Ein Autor der Tobe Hoopers stinkelangweiliges “Toolbox Murders”-Remake lobt und begeistert ist von Rob Zombies vergeigtem Debut “House of 1000 Corpses” (- dem dann ja der um Lichtjahre bessere “Devils Rejects” folgte), sollte sich vielleicht nicht so weit aus dem Fenster lehnen, wenns um die Beurteilung von Ästhetik geht ;)
Kommentar #7 von Batzman am 17.10.2007 um 20:13 Uhr
Kann mir bitte jemand den Satz “POSTAL kommt tatsächlich wie South Park als Realfilm daher” erklären?
Kommentar #8 von Georg am 18.10.2007 um 10:18 Uhr
Gesehen und für gut befunden.
Kommentar #9 von Koyaanisqaatsi am 24.10.2007 um 02:32 Uhr
Georg, “POSTAL kommt tatsächlich wie South Park als Realfilm rüber”
- Besser?
Kommentar #10 von LazarusJones am 24.10.2007 um 03:51 Uhr
Mann, Mann, Mann… jetzt hab ich mich doch getraut und mir die ersten 15 minuten abgeschaut. Ist tatsächlich ganz lustig. Schaue ich wohl doch bis zum Ende.
Kommentar #11 von der Barde am 26.10.2007 um 15:46 Uhr
Gerade im Kino gewesen, lohnt sich.
Kommentar #12 von paolo pinkel am 29.10.2007 um 00:00 Uhr
@Batzmann:
Wieso sollte ich keine ästhetischen Urteile fällen? Weil sich unsere Ansichten bezüglich dreier anderer Filme als “Postal” unterscheiden? Das erklär mir noch mal bitte … das kam in meinem Ästhetik-Studium nämlich nicht vor.
Ich habe meine Argumente “gegen” “Postal” mehrfach ausformuliert (epd, Schnitt, F.LM, telepolis) und würde mich über echte Gegenargumente freuen und nicht über Jubel-Propaganda – die macht Boll für seinen Film doch schon genug, oder?
Kommentar #13 von Stefan am 02.11.2007 um 08:10 Uhr
naja…..
nachdem ich “schwerter des königs” (ich will mein geld zurück!!!) im kino, und bloodrayne gesehen habe, lehne ich es ab, noch einen weiteren film zu sehen, den dieser mann ausscheidet. die beiden o.g. gehören nun wirklich zur größten scheiße, die ich mir je angetan habe.
die horrormeldung schlechthin: far cry wird auch von ihm verfilmt. na danke. ich zocke das game bis heute und zwar seit release, aber mit DEM regisseur, wird der film wohl auch zum letzten mist gehören. einfach nur müll, mehr kann man dazu nicht sagen.
die einzelheiten, die ich von postal gelesen hab, stimmen mich, trotz der hier guten hier, nicht sehr zuversichtlich, nochmal 90 minuten zu verschwenden.
Kommentar #14 von markus am 20.12.2007 um 22:45 Uhr
ja und vor allem til schweiger ist der hauptdarsteller bei far cry…das könnte doch der lacher des jahres werden :D
Kommentar #15 von dios am 20.02.2008 um 01:04 Uhr
Also ich hab’ mich bei dem Film köstlich amüsiert!
Ich verstehe auch nicht warum man sich den Film nicht ansehen soll nur weil der Boll ein paar Filme vergeigt hat.
Dann müsste ich im Gegenzug auf Indiana Jones 4 verzichten, nach dem fürchterlichen Krieg-der-Welten-Murks!
Kommentar #16 von Cerberus am 25.03.2008 um 00:35 Uhr
“Was ist nur los mit euch Leuten?
Ihr beschäftigt euch mit nichts anderem, als die Welt zu zerstören im Namen Gottes.
Ihr erbärmlichen Vollidioten.
Gott braucht eure Hilfe nicht, er ist GOTT!
Und er, sie oder es hat euch das Leben geschenkt – und ihr verschwendet es.
Seht euch doch mal um, seht euch um.
Seht euch um, verdammt nochmal!
Seht ihr?
Wir sind nicht so verschieden.
Denn wir alle stammen aus der selben Familie, die man die Menschheit nennt.
Und was tun Familien? Streiten sie? Ja. Sicher.
Aber sie finden eine Lösung, denn sie lieben einander.
Und sie wissen, dass sie verbunden sind mit einander.
So wie wir es alle sind.
Hier, auf diesem super, riesen Schlammball, den wir Erde nennen.
Denkt mal nach, kommt schon.
Lasst uns versuchen etwas gemeinsames zu finden.”
“Och, naja, wir alle hassen Juden.”
Kommentar #17 von haschrobi am 21.04.2009 um 00:29 Uhr