Der Club der toten Dichter

24 Comments

“Carpe carpet – Nutze den Teppich!”


Originaltitel:Dead Poets Society
Herstellungsland: USA1988
Regie: Peter Weir
Darsteller: Robin Williams, Ethan Hawke, Josh Charles, Dylan Kussman, Robert Sean Leonard, Gale Hansen

★★½☆☆

Tote Lichter

Manchmal muß man an Orte seiner Jugend zurückkehren um zu bemerken, welchen Weg man zurückgelegt hat. Das ist oftmals sehr erfreulich, wenn ich feststelle, daß ich viele Klassiker der 80er noch immer genießen kann und erkenne was mich einst an ihnen faszinierte – ja im besten Fall noch einmal den wahren Thrill eines Films nachvollziehen kann. Leider ist dem nicht immer so. Auch mit viel Nostalgie ringen mir Spencer / Hill-Filme heutzutage nicht mehr jene Heiterkeitsausbrüche ab, wie damals als ich sechs Jahre als war. Und auch ein Klassiker des Coming-of-Age-Films ist nicht wirklich in Würde gealtert, wie ich feststellte, als ich mir gestern Abend nach Ewigkeiten mal wieder “Dead Poets Society” ansah.

Kurz zur Handlung für all diejenigen die in einem alten Umzugskarton groß geworden sind: Internat in Neu-England, alle furchtbar spießig. Ehemaliger Einser-Schüler kommt als Lehrer zurück und sieht aus wie Robin Williams. Er rüttelt die Schüler auf und geht pädagogische Wagnisse ein indem er sagt sie sollen sich auf einen Tisch stellen und im Hof herumlaufen und sich in einer Höhle Gedichte vorlesen. Die Eltern und anderen Lehrer der Schule sind alles furchtbar gemeine spießige alte Pappsäcke die immer nur ans Geld denken und nie daran wie schön es ist in einer Höhle Playboybilder auszuklappen und zu trommeln. Am Ende erschießt sich Robert Sean Leonard, nachdem er den Puck gespielt hat und Robin Williams darf gehen.

Trügerisch ist die Erinnerung. Denn als der Film herauskam war ich von ihm beeindruckt und hielt ihn für treffend, tiefsinnig und sehr poetisch und anspruchsvoll. Es war einer jenen Filme die ich mir mehrfach ansahe und einer der ersten Filme die ich im in der Originalfassung schaute. Dead Poets Society war cool! Er war intellektuell, er war “you know… like deep, huh huh”.

Nunja, ich war jung und Fan von Robin Williams, dem ich viel zu viele schlechte Filme verziehen habe. Verdammt ich habe mir sogar Toys angesehen.

Dead Poets Society ist, ähnlich wie Donnie Darko, ein Film der schamlos an den selbstgerechten Teenager appeliert, dessen Weltsicht schwarz-weiß und oft genug noch sehr eingeschränkt ist. Und man muß wohl Teenager sein, um sich mit ganzem Herzen für die trivialen Lehren dieses Filmes begeistern zu können. Sieht man ihn nach 20 Jahren wieder und schiebt die nostalgischen Gefühle von damals beiseite, fällt es schwer nachzuvollziehen, was einen einstmals so begeisterte.

Im Direktvergleich mit witzigen und geistreichen Filmen wie “History Boys” erscheint Weirs Film erstaunlich trivial und in seinem Zugang zu Lyrik und Literatur effekthascherisch und verlogen. Nicht der Zauber gesprochenen Wortes wird hier zelebriert sondern der fragwürdige Budenzauber den Williams als Lehrer abfackelt. Poesie wird mehr behauptet als spürbar gemacht und findet sich wenn nur in wenigen stummen Bildern, die untermalt von Maurice Jarres eingängiger Musik grade noch knapp am Kitsch vorbeischrammen. Wie die Protagonisten sind die Darsteller mehr davon beeindruckt und begeistert, daß sie Gedichte lesen, als von den Gedichten selbst. Sie fühlen sich elitär und großartig und lernen weniger selbständig und kritisch zu denken, als die Intellektuellenposen zu imitieren, die ihnen Lehrer Keating vorturnt.

Die Edelkinder mit ihren Luxusproblemen sind bei heutiger Betrachtung nur zu leicht als peinliche Pappkameraden zu entlarven, die wenig echtes Eigenleben besitzen. Emotionen werden nicht gespielt sondern ausgesprochen. Das eigenständige Denken, daß angeblich gelehrt werden soll gerinnt zur pubertären Revoluzzerpose ohne tiefere Bedeutung. Gut und Böse sind so klar getrennt, daß selbst Star Wars dagegen wie ein differenziertes Familiendrama wirkt.

Wenn man Ende sieht, was Sean Patrick Leonard mit der Puckrolle im Sommernachtstraum anstellt, dann gewinnt der böse Vater plötzlich unerwartete Sympathien, denn was dort geboten wird ist tatsächlich Schülertheater. Kurz bevor er sich die Kugel gibt schluchzt er seiner Mutter noch mit tränenerstickter Stimme zu: “I was good”. Sorry, pal but no sorry. You suck at Shakespeare ans you suck at acting. Was sowohl für Leonard als auch für seine Rolle gilt. Während sich Ethan Hawke noch leidlich glaubwürdig durch seine schüchterner Nerd-Travestie hangelt, besitzt Leonards All-American-Smiley weniger Tiefgang als ein Suppenlöffel. Sein Freitod zeugt weniger von Entwicklung und Reflektion, denn von trotzig pubertärem Gehabe: “Wenn ich Tod bin wird es euch allen leid tun, wäähhähähähhäää….”

Während andere Klassiker der 80er sich auch heute noch gut behaupten können, sei es Stand by me, Mosquite Coast, Die Goonies, der trashig bunte Explorers, Gremlins, Die Hard oder Good Morning Vietnam, bleibt bei Dead Poet Society ein schaler Nachgeschmack zurück und die Erkenntnis, daß man sich nach der Pubertät tatsächlich noch weiterentwickelt, auch wenn man in jener Zeit glaub schon alles zu wissen. Und die Erkenntnis, daß Peter Weir nach diesem Streifen wenig erwähnenswertes abgeliefert hat. Der Club der kleinen Lichter. Der Letzte pustet die Kerze aus.

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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24 Comments

  1. Case

    Amen! Ich fand den Film schon als Teenie flach und platt. Gut, dass das jetzt mal noch jemand außer mir so sieht.

  2. killknopf

    Keine Filmkritik, sondern ein Rundumschlag gegen Selbsterfahrungsgedusel.
    Sehr schön!
    Aber warum dann noch zweieinhalb Punkte?

  3. Mr_Noyes

    Hätt ich dir gleich sagen können.

    ;-)

  4. pascal

    Das hätte man wirklich schon daran merken können, dass der Film regelmäßig in Schulen in Verbindung mit der entsprechenden Englischlektüre vorgeführt wird (*ohne ausnahme* sind *alle* in Schulen vorgeführten Filme schlecht. Es ist unglaublich. Vor allem, dass z.B. Religionslehrer gerne “Das Leben des Bryan” zeigen ist beinahe unfassbar.)

  5. Enk

    Sehr treffende Kritik. Ich fand diesen verlogenen Pseudo-Tiefsinn schon damals völlig überbewertet. Aber in der Tat, nach dieser vernichtenden Kritk noch zweieinhalb Punkte?

  6. Batzman

    ich konnte mich nicht dazu durchringen dem Film weniger Punkte zu geben, als Transformers *g* :)

  7. wiesengrund

    “Wie die Protagonisten sind die Darsteller mehr davon beeindruckt und begeistert, daß sie Gedichte lesen, als von den Gedichten selbst.”

    dass kultur immer so und nicht anders funktioniert, ist eine derart untrivial aussage, dass ich noch heute bei jedem mal schaun dem film, dankbar bin, als einziger keinen romantisierenden echtheitsquatsch zu betreiben, sondern fein zurückhaltend auf der ebene der lesenden figuren zu bleiben. du begeisterst dich auch nie an filmen, sondern nur an deiner begeisterung.

    und ich fand ganz im gegenteil Robert sean leonard (sean patrick?!) toll darin, und die grenzen zwischen gut und böse bei weitem nicht so klar vollzogen, wie du meinst. sowohl der vater von ihm, als auch keating selbst sind nicht so eindeutig, wie ich damals meinte. und den star wars-vergleich wirst du in weiteren 20 jahren bestimmt bereuen… ;)

  8. Batzman

    @Wiesengrund

    Das unterschreibe ich so nicht. Ich schaue Filme nichtz um mich besonders zu fühlen. Selbst wenn ich Klassiker oder Arthaus schaue, mache ich das weil mir die Werke gefallen, nicht weil ich mir einen drauf runterhole Godard zu gucken. Ein Film wie History Boys zeigt sehr gut den Spaß am gesprochenen Worten, die Dialoge dort sind witzig, die Schüler liefen sich Duelle und spielen mit Sprachwucht und Pointen. Das ist, bei aller Theatralik viel dichter an Verständnis und Spaß an Sprache und Literatur, als das “sweattooth maniac, oh captain my captain”-Gebruddele der toten Dichter.

  9. badeboom

    Danke, danke. Ich dachte wirklich, ich wäre der Einzige mit dieser Meinung.

    Allerdings:

    ich habe mir mit einem Kumpel gerade neulich aus nostalgischen Gelüsten heraus unseren 80er Fav GOONIES noch einmal angeschaut – und uns ist die Schamesröte ins Gesicht geschlagen. “Gute Nacht, Einäugiger Willie – und Danke” plus Winkewinke, brrrrrrr! Wie brav-schlecht ist das denn! Naja, Kinderfilm halt.

  10. Batzman

    Naja die Goonies haben auch ihre kitschigen Momente, aber immer noch sehr vieles was ich gern mag. Und Goonies wollte nie mehr als ein Abenteuerfilm für Kinder sein, da hab ich weniger Probleme mit. Aber DPS wurde und wird ja immer noch gern als “Anspruchsfilm” gesehen, der eine Botschaft vermitteln will…

  11. killknopf

    Ich verstehe nicht, was der Wiesengrund sagen will. Sonst noch wer?
    Muss man vielleicht den Film gut finden, um den Kommentar zu verstehen?

  12. SpielerZwei

    Der gesamte Artikel spricht mir aus dem Herzen. …bis auf die Tatsache, dass ich den Film damals schon echt scheiße fand.
    Und Robin Williams auch. Immer schon. Ein paar ganz wenige gute Filme und tonnenweise Schrott. Es ist mir ein wirkliches Rätsel, wie der Mann über die Jahre dermaßen viel Credibility als Schauspieler bekommen konnte…
    Gleiches gilt übrigens auch für Uma Thurman: Relativ talentfrei, nicht atemberaubend hübsch, ein paar handverlesene glückliche Rollen, aber ein Hammer-Image.
    Ähm… Wo war ich…?

  13. SpielerZwei

    Ach ja:
    Die Wertung ist in der Tat zu hoch. Das mit Transformers wird Dich Dein ganzes Leben verfolgen….

  14. Mark

    same here: robin williams fand ich schon immer scheisse… IMMER!!! der film war zum kotzen weil ich ihn in der schule sehen musste. zum glück hatten wir aber einen guten pw lehrer, der hat uns james ryan uncut gezeigt! :)

  15. Batzman

    Ach Williams ist schon okay. Er kann gut spielen, sowohl ernst wie lustig. One Hour Photo ist find ich ein gutes Beispiel. Er hat nur leider eine ganze Menge belanglosen sentimentalen Scheißdreck gedreht.

    Und Private Ryan ist ja auch nicht grade ein Glanzstück :] – Dürfte eher die oben aufgestellte Schulfilm Hypothese verifizieren.

  16. sven

    Dead Poets Society fand ich in meiner Kindheit garnicht schlecht. Werde mich bei Gelegenheit dem Entwicklungstest unterziehen und ihn mir mal wieder ansehen. Sogar Tom Cruise hat mir mal gefallen, aber man kann ja nicht immer peinlich bleiben.

  17. wiesengrund

    mein kommentar ging natürlich NICHT in die runterholen-richtung, sondern darin, zu behaupten, dass kunst an sich keinen wert hat, wenn wir nicht mit ihr und wegen ihr interagieren. die filme, die du magst, magst du nicht, weil sie “an sich” gut sind, sondern, weil sie was mit dir anrichten und in dein leben hineingreifen und dort was verändern.

    anstatt jugendliche beschäftigung mit literartur klassisch “pointiert”, witzig und spielerisch und was weißichwas darzustellen, zeigt DCDTD genau dieses im obigen absatz beschriebene phänomen. das mag eben “nüchterner” sein, weil wir nur die reaktionen der protagonisten, inklusive ihrer fehleinschätzungen und den teilweise schlimmen folgen von solcher beschäftigung, und nicht die “essenz” von literatur-fun gezeigt bekommen. aber wie gesagt: mir ist diese nüchterne darstellung des persönlichen umgangs tausend mal lieber als yet another art is cool jubelei.

  18. kommentator 2

    Für mich gehört der Film ebenfalls zu den typischen Selbstfindungsfilmen seiner Zeit – und sicherlich vor Witz sprüht er nicht gerade, aber stellt er ständige Unzufriedenheit dar, das Gefühl zwischen den Stühlen zu stehen.
    Und Williams bietet doch objektiv eine sehr gute Leistung, aber man mag ihn mögen oder eben nicht, da er besonders wandlunsgfähig nicht gerade ist.

  19. kommentator 2

    möchte da wiesengrund in allen belangen zustimmen

  20. Christian

    Arme, entzauberte, rationale, aufgeklärte Krüppelwesen seid ihr, die ihr solche Meinung vertretet!

  21. Tino

    Der Club der dichten Töter?

  22. Der liebe Gott

    Der Kritik zum “Club” kann ich im Großen und Ganzen zustimmen. Der »(…) Erkenntnis, daß Peter Weir nach diesem Streifen wenig erwähnenswertes abgeliefert hat« entschieden nicht. So ist »Die Truman-Show« von 1998 aus meiner Sicht ein ausgezeichneter Film und gehört zu den wenigen, die ich mir gerne immer mal wieder ansehe.

    Dass in Kommentar #4 auch noch »Das Leben des Brian« ungestraft als schlechter Film tituliert werden darf, schlägt dem Fass den Boden aus. ;-)

  23. BeNeR1

    Danke, lieber Gott!

    Ich fands auch nicht ok das Peter Weir’s Arbeit hier so runtergemacht wurde. “Truman Show” war gut und ich fand “Master & Commander” sogar noch besser! und ja, DPS ist überbewertet aber trotzdem ein solider Film der mich auch heute noch unterhält…

  24. Mental Savage :: Filmkritik: Westworld

    [...] ganz angesagt zu sein, sich an die filmischen Ikonen seiner Jugend zu erinnern (und dabei auch schwere Enttäuschungen zu erleben). Westworld ist einer der gruseligsten Filme, die ich aus meiner frühen Jugend in [...]

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