1. Mai – Helden bei der Arbeit

- Der 1. Mai ist für Arbeiter…
- Warum arbeitet dann niemand?

Herstellungsland: Deutschland, 2006
Regie: Ludwig & Glaser, Sven Taddicken, Jakob Ziemnicki
Darsteller: Benjamin Höppner, Hannah Herzsprung, Peter Kurth, Torsten Michaelis, Cemal Subasi, Oktay Özdemir

****½

phpg5kdaram.jpgFünf Leute, die wirklich gar nichts miteinander zu tun haben, befinden sich alle zur gleichen Zeit am gleichen Ort: Am 1. Mai in Berlin-Kreuzberg, klassischer Randale-Termin. Dabei hat jeder von ihnen sein eigenes Problem, das nicht unbedingt durch die angespannte Situation vor Ort ausgelöst werden muss, aber auch jeden Fall davon beeinflusst wird. Pelle und Jacob, zum Beispiel: Zwei Jugendliche, die ihren Abi-Stress ablegen und aus ihrer westfälischen Provinz fliehen um am 1.Mai ihren Spass zu haben. Dabei sind sie keine dumpfen Hooligans, sondern zwei durchaus charmante Jugendliche, die aber anscheinend die Krawalle, die sie erwarten, als Katalysator empfinden. Dabei sein, die totale Freiheit geniessen, gegen die Polizei, gegen den Staat. Eigene moralische Massstäbe vor geltendem Recht, das wollen sie erleben. Und natürlich Mädchen treffen. Und kiffen. Und Pillen schmeissen. Freiheit eben.

Harry ist dagegen ein Old-School-Kreuzberger, der schonmal Barrikaden aus alten Möbeln errichtet, damit die Polizei mit ihren Wasserwerfern nicht vorbei kommt. Dabei sieht er das mehr als seine Pflicht, denn als wirklich politischen Protest. Widerstand als Lebenseinstellung. Dabei lernt er den jungen Yavuz kennen, der in seinem Bruder einen Obergangster sieht (welcher er eigentlich gar nicht ist) und diesem glorifizierten Bild unbedingt nacheifern will. Da prallen Welten aufeinander und dennoch verbindet die beiden etwas. Der Alt-Hausbesetzer und der kleine Türke, der gerne Gross wäre. Aussenseiter galore…

Uwe geht als BGS-Beamter zur Demonstration. Zu Hause hat er nur Probleme, seine Frau will sich von ihm scheiden und nimmt ihn nicht mehr ernst. Da scheint es doch eine willkommene Abwechslung zu sein, als seine Kollegen ihm von einem Puff erzählen, wo die Beamten ihre “Behandlung” umsonst bekommen. Nach einigem zögern entschliesst er sich, hinzugehen. Aber natürlich geht dabei alles schief und die Situation wird für Uwe immer schlimmer.

Ich bin bei einem deutschen Film mindestens doppelt so skeptisch, wie bei einem amerikanischen. Das ist zwar eigentlich ziemlich dämlich, aber ich kann es nicht ändern. Was ich da in den letzten Jahren gesehen habe, abgesehen von einigen wenigen Perlen, hat mich eben so geprägt. Meine beste Freundin sagte mir, Episodenfilme, das wäre doch etwas typisch deutsches, das könnten wir gut. Da hab ich lange drüber nachgedacht. Episodenfilme? Typisch Deutsch? Ich weiss ja nicht so recht. Wo ich ihr aber zustimme: Allzu oft springen Episodenfilme plötzlich in so eine Art “Kunstfilm”-Habitus. Das ist aber ein internationales Phänomen. “Four Rooms”, den ich ja super fand, hatte eine komische Athmosphäre, “Magnolia”, ein Meisterwerk, flieht sich zum Schluss ins Surreale. Beides amerikanische Beispiele, aber vielleicht deswegen so passend, denn: Ich fand “1.Mai” nicht nur überraschend, sondern auch noch angenehm amerikanisch. Der Film hat eine Erzählweise, die man ihm zuerst gar nicht zutraut.

In den ganzen Setup-Szenen, in denen die Charaktere für den Film etabliert werden sollen, hat man noch Angst: Jetzt wirds gleich Deutsch, jetzt folgen gleich endlose Problem-Monologe. Umso schöner die Überraschung: Eben nicht! Viele Dinge bleiben unausgesprochen, werden zwischen den Zeilen erzählt. So wie eben ein gutes Drehbuch funktioniert. Die Tatsache das hierbei 4 Regisseure am Werk waren, hilft dem Film. Die 4 haben einen ähnlichen visuellen Stil, der als Kitt den ganzen Film zusammenhält, aber unterschiedliche Herangehensweisen an ihre Geschichten. Während die Story um Jacob und Pelle so saftig ist, das man sich problemlos einen eigenen Film darüber vorstellen könnte, funktioniert die Uwe-Geschichte zum Beispiel gerade wegen der Kürze eines Episodenfilms so gut. Und weil zwischen all diesen Erlebnissen Hin und Her geswitcht wird, spart man sich allzu dramatische Momente, die aus “warten” bestehen. Denn dafür ist einfach keine Zeit. Sowie man wohl, im Auge der Krawalle des 1.Mais, auch nur wenig Zeit hätte, sich auszuruhen.

Der Film ist brilliant besetzt, die Figuren zu keinem Zeitpunkt unglaubwürdig, egal wir absurd die inneren und äusseren Zustände sind. Gerade deswegen ist der 1. Mai in Berlin ja auch das perfekte Setting für die Geschichten: Da scheint alles möglich. Ich weiss noch, wie ich damals als kleiner Junge immer die Tagesschauberichte davon gesehen habe und mir dachte: Wow. Nicht das ich unbedingt dabeigewesen sein wollte, aber die ganze Veranstaltung übte eine eigene Faszination auf mich aus. Ich war dann vor ein paar Jahren auch selber mal da, als “Tourist”, nicht als Demonstrant und muss sagen: Die Luft glüht da so komisch. Da schwebt eine dauernde Anspannung durch die Strassen, der man sich nicht entziehen kann. Auf den Dächern stehen Polizisten, die einen mit Ferngläsern beobachten, HipHop-Konzerte finden auf provisorischen Bühnen statt und irgendwo spielt immer irgendeine Punkband. Das ist wirklich ein optimales Filmumfeld, weil alles so unwirklich ist. Und so bedrohlich. Und gleichzeitig so kraftvoll.

Wenn ich sage, das ich den Film amerikanisch fand, dann deswegen, weil er (ja, den Vergleich muss man leider immernoch ziehen) sehr Storydriven ist. Das ist ungewöhnlich für das deutsche Kino. Passiert es hier doch eher, das man sich in den Geschichten verfängt (vergl. “Nichts als Gespenster” z. B.). Dieser Umstand ist wohl dem Konzept zu verdanken, auf welches die Regisseure sich bei der Entwicklung des Stoffes geeinigt hatten:

1. Alle Geschichten spielen in denselben 24 Stunden, vom Morgen des 1.Mai bis zum Morgen des 2. Mai.
2. Jede Geschichte ist 20-30 Minuten lang.
3. Jede Geschichte muss 5-8 Minuten tagsüber in Außensets in Kreuzberg am 1. Mai spielen. Jedes Team muss diese essentiellen Bilder während des tatsächlichen Demonstrationstags am 1. Mai 2006 in Kreuzberg – mitten im Geschehen, ohne Abschottung und ohne Drehgenehmigung– inszenieren. Dazu ist nur ein kleines Team erlaubt, bestehend aus Regisseur, Kameramann, Schauspielern, Tonmann und Aufnahmeleiter.
4. Jede Geschichte weist mindestens fünf mögliche Cliffhanger Szenen auf. Die Geschichten folgen dem realen Zeitablauf des Tages, d.h. sie werden nicht nacheinander sondern parallel montiert.
5. Alle Geschichten enden morgens, am 2. Mai in der Notaufnahme des Urban Krankenhaus in Kreuzberg. Inhaltlich gab es neben diesen formalen Regeln nur eine einzige Vorgabe: Jede Geschichte muss von einem Protagonisten handeln, der unter großem persönlichem Druck steht. Jede Figur erhofft sich vom 1. Mai eine Art Ventil für diesen Druck, einen Ausweg aus der eigenen Situation. Und jeder einzelne der Protagonisten wird am Ende in seinen Erwartungen enttäuscht und etwas völlig Neues für sich selbst erfahren.

Ich denke, das man so ein Regelwerk von nun an allen Episodenfilm-Regisseuren wärmstens ans Herz legen sollte. Zumindest wenn so ein grosses Kinovergnügen dabei herausspringt. Das Schöne daran ist ja auch: Ein Episodenfilm kann problemlos Genregrenzen überspringen. So geht es von lustig zu dramatisch zu spannend zu traurig, ohne das einen das stören würde. Und darin liegt wohl die grösste Chance und Kraft dieser Art von Film. Schön, das das hier erkannt und der Trumpf voll ausgespielt wurde. Grosser, kleiner, dreckiger Film.

Und als Appetithappen, hier der Trailer:

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1 Trackback

  1. 16.05.2008 - Check it again: In der Videothek mit Oktay, Jacob und Ludwig - F5

2 Kommentare

  1. Huch, werden jetzt neuerdings Kommentare gelöscht?

    Kommentar von michael am 24.04.2008 um 18:40 Uhr
  2. Und der Lütte der Yavuz spielt ist ja ziemlich großartig, wenn der böse guckt wechselt man lieber die Straßenseite :)

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