Im Kino mit Horst und Blinse

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Ich weiß warum ich es gewöhnlich vermeide in die Kindervorstellung (alles vor 22h) zu gehen. Aber manchmal wird man ja dazu gezwungen und landet doch in einer klassischen 20h Vorstellung. Meist reicht ja der Filter eines Originalfassungskinos dennoch aus, um auch die Kindervorstellung von den schlimmsten Ausfällen frei zu halten.

Heute leider nicht. Während ich endlich dazu kam Iron Man zu sehen, hatte ich das zweifelhafte Vergnügen mehr über ein heterosexuelles Pärchen zu erfahren als ich wollte. Nämliches kam, wie es sich gehört erst sehr spät, als der Vorspann schon halb lief. Er hatte den frühzeitigen Verlust des Haupthaares anscheinend durch Besuche im Fitnessstudio auszugleichen versucht, sie war anscheinend schon mit komplizierteren Maschinen als einem Lichtschalter überfordert. Ich nannte sie Horst und Blinse.

Horst wollte Iron Man unbedingt sehen. Doch nicht genug, daß er auf die Idee gekommen war Blinse mit ins Kino zu schleppen, er mußte sie auch noch mit in die Originalfassung nehmen. Was keine gute Idee war, denn Blinse hätte vermutlich schon beim in Deutsch gehaltenen Langnesespot Probleme gehabt, der Handlung zu folgen und verstand weniger Englisch als Ivar Combrinck seelig.

Dafür war sie der Ansicht, daß Kinobesuche ein sozialkommunikatives Event seien und hatte auch keine Scheu ihren Freund mit Verständnisfragen zu behelligen. Die reichten vom Klassiker: “Das ist aber unrealistisch” über “Ach ist der tot, wenn der Böse den Betäubungsstrahl auf ihn richtet?” und “Aha was macht die jetzt da im Büro?”. Blinse war ein Quell sprudelnder Fragen, die nahelegten das man sie keinesfalls alleine Brötchen holen schicken durfte, weil die Gefahr bestünde, daß sie sich verliefe oder an der Brötchentüte lebensgefährliche Schnitverletzungen zuzieht oder es irgendwie schafft ein Hochhaus zum Einsturz zu bringen.

Horst beantwortete ihre Fragen geduldig, wenn auch nach einigen bösen Blicken und Zischen aus der ihn umgebenden Biomasse zunehmend unwilliger. Er schien sehr zu bedauern, das er in momentaner hormoneller Umnebelung und in Aussicht gestellter Koitusvollziehung auf die Idee gekommen war, Blinse mitzunehmen. Versuchte er zu Beginn noch vergeblich ihr einige Wortwitze und Pointen nahezubringen, gab er es schließlich auf und versank mürrisch immer weiter in seinem Sitz, was Blinse keineswegs davon abhielt weiterzufragen. Irgendwann drang nur noch Geschnatter und sein Grunzen zu uns durch.

Erst als der Abspann vorbei war und der Schlußgag gelaufen war, kommentierte er ihr “Oh davon gibts dann also eine Forsetzung?” mit einem genervten “Komm jetzt!” und schob Blinse in Richtung des Ausgangs.

Vielleicht hatte er Angst andere Zuschauer würden ihn verprügeln, wenn sie warteten bis das Licht anginge. Oder sehen, daß Blinse nichtmal optisch ihre geistigen Herausforderungen wettmachte.

Ob die beiden heute Abend noch Sex hatten weiß ich nicht.

In : Features, Thema

About the author

Batzman (Oliver Lysiak)
Oliver “Batz” Lysiak geboren in den 70ern, studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Heute betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, Deutschlands erfolgreichstes Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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  • Murmel

    Allgemein sollte man einen Pass für kulturelle Veranstaltungen einführen – nach eingehender Prüfung und Eignungstests. Und wer nicht besteht, muß ein Jahr lang mit Oma Tatort gucken, und alle Fragen beantworten und sich erklären lassen, warum das jetzt grad witzig war. Obwohl ich schon ganz gerne gewußt hätte, was die drei da vor uns geraucht haben um wirklich über jede einzelne Explosion zu gackern.
    Ich will keine Erklärer, keine ständigen Lacher, keine Kommentatoren, keine Esser, keine Furzer, keine Spoiler, keine Filmstudenten und auch keine Schauspieler oder Regisseure neben mir haben. Erst recht nicht, wenn sie in dem Film mitspielen und mir nen Audiokommentar geben wollen! Die sollen mir lieber was anderes geben, die kennen den Film ja schon! Wo war ich..? Ach ja, eigentlich will ich gar keinen sonst im Kino haben! Alle raus!
    Und der Batzman auch, der erkennt nämlich Jeff Bridges nicht, sobald die Pflegerin den nicht mehr rasiert!

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    Ach das war Jeff Bridges? Ich dachte schon: komisch das die Poltrow mal überzeugend spielt.

  • http://www.pinif.de pulmoll

    nun seid mal nicht beide so negativ, immerhin konnte er noch englisch und hat sich präkoital geschämt… ;-)

    so ist es eben, das paarungsverhalten der großstädter, geht mal in ein provinzkino, da spielen sich die wahren szenen ab…

  • http://www.ig-css.de the_joker

    Ohja da hat er recht!! Es gibt nichts Schlimmeres als eine Gruppe Mädchen die aus dem benachbarten Lokal ins Kino kommen und sich ausgerechnet hinter mich setzen. Soweit ist es ja noch in Ordnung, doch wenn diese dann bei der Lokalwerbung (wer kennt Ed&Ad?) sich nicht mehr einkriegen, weil sie vll. nen Cuba Libre zuviel hatten ist echt zuviel. Das härteste war als ich mir das Bourne Ultimatum angeschaut habe, Vorpremiere 00 Uhr… Film fängt an ohne Werbung und dann fangen so ein paar Hippies an den Geburtstag von ihrem Kumpel zu feiern!!! Ätzend!

  • http://www.rock-holiday.de Rock_Holiday

    …oder die drei Sekretärinnen, die in Silent Hill hinter mir saßen. Durch meine Gänsehaut hindurch, als die Mutter in dem Imbiss (mir wohlbekannt aus dem ersten PS-Teil) erwacht und Johnny Cash aus der Musikbox schallt (Doppelt- und dreifach Gänsehaut), mussten die Prosecco-Schicksen doch tatsächlich Ihr Wiedererkennen feiern: “Ach, das ist doch aus dem Film, in dem wir letzte Woche waren.” Arrrrgh.

  • justus_jonas

    Ich eröffne demnächst eine Kinokette mit Türsteher. Und statt Popcorn und Chips gibt’s nur Kartoffelbrei.

  • Felix

    Herzlichst gelacht.
    Ich hab glaube ich meine schadenfrohe Woche. Zu geil. Ihr tut mir alle leid.

    @Jonas: falls du noch nen Türsteher braucht…

  • Pingback: Blinsige Horsterlebnisse im Kino « Non-Stop Action from a different Perspective

  • Solidglobe

    Hehe, ich arbeite schonmal neben dem Studium im Kino und was man da so erlebt… armseeliges Volk… Mich hats in den bayrischen Wald verschlagen Zwecks Studium und hier gibts fast keine OV weil das dumme Volk hier wie es scheint des Englischen nicht mächtig ist, was für einen Anglistik Studenten um so tragischer ist… also ich fühl mit dir!

  • Kilgore Trout

    Also ich muss ehrlich sagen , dass ich solche Probleme nie hatte , weil ich die Leute einfach zurecht weise.
    Ich akzeptiere das nicht , wenn Leute während eines Films rumnerven.
    Einfach Klappe zu oder zu Hause ankucken.
    Aber ich merke , dass diese Akzpetanz teilweise auch typisch deutsch ist , da ich mal in Polen in einem zweitklässigen Kino war und da haben sie zwei Typen , die rumgeschrien haben , einfach kurz in der Pause entsorgt.
    Man muss mit solchen Leuten hart umgehen , da das Kino sowieso schon genug kostet und da will ich nicht nur so dummes Rumgelabber von einer dummen Kuh hören, besonders in einer OV Vorführung , die sie besucht ohne des Englischen mächtig zu sein.

  • http://blog.glotzkind.de Björn

    Kommt natürlich auch immer auf den Film an. Ich hatte auch schon Situationen in denen in einem prallgefüllten Kino bei einer Komödie mitten im Film irgendeiner einen Kommentar eingeworfen hat, und das ganze Kino hat darüber gelacht. Generell finde ich ja gerade Komödien in vollen Kinos besser, man wird einfach angesteckt. Ich war in der Spätvorstellung von den Simpsons, zusammen mit noch ca. 4 anderen Leuten, und wäre fast eingeschlafen.

    Ernste Filme allerdings sollten mit genüsslichem Schweigen zelebriert werden, das stimmt.

  • DrJOnezzz

    Welches Kino war das?

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    cinestar potsdamer platz…

  • http://www.dn-studios.at vic

    Ich seh mir Filme auch immer gerne in vollen Kinosäälen an weil man da wie gesagt leicht angesteckt wird, Rambo hab ich in einem vollen Saal gesehen, hinter mir haben irgendwelche Halblustigen bei jeder Actionszene “SLY! SLY!” gerufen und trotzdem wars irgendwie witzig, weils eh jedem gefallen hat und es sowieso laut war.
    Da isses schlimmer wenn das Kino so halb voll is und man jeden Patienten der einen Kommentar abgeben muss hört. Bei Superbad bei einer lustigen Szene schreit auf einmal so ein etwas verwirrtes Mädchen “LOL” und der hinter mir “ROFL sie hat LOL gesagt”. Es gibt alles meine Herren.

  • Rocksteady

    Einfach mal was sagen! Bei durchschnittlich 9 Euro die Kinokarte, kann man ein bißchen Verständnis von den Mitschauenden einfordern.

    Oder war zu befürchten das Meister Propper dir deinen Kommentar mit der Faust zurück in den Hals schiebt?

    Auf jeden Fall sind solche Leute (und natürlich die unverschämten Preise) der Grund, warum ich fast nur noch Heimkino mache. :-/

  • Salva

    Ich hasse Kinobesucher… Ich bekomme regelmäßig Wutanfälle, wenn solche Vollspasten meinen, sie müssten mir den Kinoabend verderben.

    Toll geschrieben übrigens @ Batzmann ;)

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