Fantasy Filmfest 2008: Erfrischender Nordwind

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Sprüche wie „Alter Schwede!“ oder „Dänen lügen nicht“ könnten das diesjährige Fantasy-Filmfest (zurzeit noch in Stuttgart und München) als passendes Leitmotiv begleiten. Denn vier der besten Beiträge kommen aus Skandinavien, wobei der Vollständigkeit halber in diesem Zusammenhang auch noch Norwegen genannt werden muss. Doch dazu später mehr, wenn die Top-5-Liste kommt.

Von den 64 Filmen, die diesmal in Frankfurt gelaufen sind – Kurzfilme, Klassiker, Ausfälle und Wiederholungen nicht mitgezählt –, habe ich immerhin 27 geschafft. Wenn im Folgenden bestimmte Titel aus dem Programm nicht auftauchen, habe ich sie entweder nicht gesehen oder aber als uninteressant eingestuft. Den andernorts so gelobten ungarischen Krimi „The Investigator“ (noch kein Start-Termin bekannt) zum Beispiel fand ich trotz einiger Pluspunkte nur mäßig – genauso wie das visuell viel zu dröge Psycho-Drama „Downloading Nancy“ (noch kein Start-Termin bekannt), obwohl dort ein höchst formidables Schauspieler-Trio (Maria Bello, Rufus Sewell und Jason Patric) am Werk ist. Ach ja, und „Repo! The Genetic Opera“ von „Saw II, III IV“-Regisseur Darren Lynn Bousman (noch kein Start-Termin bekannt) habe ich bewusst nicht sehen wollen, weil ich Film-Musicals hasse und mir der Schock von „Sweeney Todd“ noch zu tief in den Knochen steckt …

Auf einige potenziell sehenswerte Beiträge habe ich leider auch wegen eines vermeintlich besseren Parallelfilms verzichtet: auf den Teenie-Slasher „Donkey Punch“ (noch kein Start-Termin bekannt), den Mystery-Thriller „Dorothy Mills“ (noch kein Start-Termin bekannt), den subtilen Horrorfilm „The Broken“ (noch kein Start-Termin bekannt), den Yakuza-Krimi „Like a Dragon“ von Takashi Miike (ab 20.10. auf DVD) und den Whodunit-Thriller „The Oxford Murders“ von Alex de la Iglesia (noch kein Start-Termin bekannt).

Enttäuschungen hat es natürlich auch gegeben. Und es waren sogar Titel dabei, von denen man es wirklich nicht gedacht hätte, weil die Regisseure mehr erwarten ließen. Vor allem stellte sich der als weiterer oberkrasser Franzosen-Schocker angekündigte „Martyrs“ (ab 5.11. auf DVD – aber mit ziemlicher Sicherheit nicht uncut) als absoluter Mega-Hype heraus. Ohne zu sehr auf den Inhalt einzugehen, um nicht zuviel zu verraten, zerfiel der Film in zwei völlig gegensätzliche Teile, die man grob gesagt als „'Funny Games' mit Killer-Mädchen“ und „'Die 120 Tage von Sodom' trifft den 'Da Vinci Code'“ bezeichnen könnte. Es kommt bei der Bewertung sehr darauf an, ob man bereit ist, die Auflösung der Geschichte zu akzeptieren. Ich war es nicht, denn die damit zusammenhängende Grundidee des Films ist einfach zu abgespaced, um noch ernstgenommen werden zu können. Wie genau man das Ende zudem verstehen soll – nämlich ob das Opfer trotz allem doch noch über die Peiniger triumphiert oder nicht –, ist insofern auch unerheblich, als es einen alles sowieso völlig kaltlässt. Und das ist kein gutes Zeichen. Für mich war das die mit Abstand größte Luftblase des Festivals.

Ähnlich ging es mir aber auch mit „Midnight Meat Train“ (noch kein Start-Termin bekannt), dem ersten Hollywood-Film des Japaners Ryuhei Kitamura („Azumi“, „Godzilla – Final Wars“). Dass die Story nicht funktioniert hat und überhaupt nicht spannend war, lag wohl einerseits daran, dass die Vorlage eine Kurzgeschichte ist (wenn auch von Clive Barker, der zusätzlich als Produzent fungierte), andererseits aber auch viel zu wenig Überraschungen bietet: Vinnie Jones spielt einen Metzger, der nachts in der U-Bahn alle Passagiere mit einem Spezial-Hammer meuchelt, und ein Fotograf auf der Suche nach einer Story und guten Bildern heftet sich an seine Fersen, wobei er mehr und mehr in die Sache hineingezogen wird. Die üblen Splatter-Effekte sind rein selbstzweckhaft und haben auf mich total reißerisch und menschenverachtend gewirkt. Hier wollte wohl ein Ausländer Hollywood beweisen, dass er ganz krassen Horror auf die Leinwand bringen kann. Ich dagegen sage: Ganz krasser Schwachsinn!

Noch langweiliger und einförmiger kam mir „The Strangers“ (ab 20.11. im Kino) mit Liv Tyler und Scott Speedman als Opfer von drei Serienkillern vor. Das Filmdebüt von Bryan Bertino ist eine Art inoffizielles Remake des viel besseren französischen Films „Ils“ (2007 beim FFF), läuft dann aber auf die Schiene „verrückte Mörder-Familie tötet sinnlos unschuldige Menschen“ hinaus. Das Ganze kam mir wie eine großangelegte Horror-Fingerübung vor, die die Zuschauer ständig verarscht, indem erstens die Protagonisten sich völlig hirnrissig verhalten und zweitens dauernd das Finale hinausgezögert wird, weil die Killer mitten in ihrer Jagd immer wieder ganz plötzlich von den Opfern ablassen. Der nervenzerreißende Trailer mit der springenden Schallplatte war dagegen sowas von genial!

„Tanz der Teufel“-Kultstar Bruce Campbell dreht als Regisseur eine (Splatter-)Satire namens „My Name is Bruce“ (noch kein Start-Termin bekannt) über sich selbst und mit sich selbst in der Hauptrolle? Hört sich klasse an. Ist aber leider scheiße. Denn es handelt sich um einen nur mäßig witzigen Trash-Streifen unterster Kanone – und vor allem jenseits von intelligenter Unterhaltung. Was soll ich noch sagen? „Pauly Shore is dead“ ist neunhundertprozentig der bessere Film mit ähnlichem Konzept! Am besten ganz schnell vergessen!

„Mad Detective“ (noch kein Start-Termin bekannt) ist leider so ziemlich der schlechteste Johnnie-To-Film ever! Der titelgebende Ex-Polizist kann sich in die Täter hineinversetzen und so die Tatszenen rekonstruieren. Dabei nimmt seine eigene Psyche aber Schaden, und irgendwie kommt auch noch das Thema „Multiple Persönlichkeiten“ dazu. Abgesehen davon, dass da ganz schön viel von „Nightmare Detective“ geklaut wurde, hat sich der angesehene Hongkong-Regisseur hier mit einem gefälligen Mainstream-Projekt auf eine allzu krude Story eingelassen. Auch wenn das Ganze inszenierungsmäßig zumindest am Anfang noch gewisse Reize hat, soll Johnnie To doch bitte weiterhin lieber halbwegs realistische Krimis und Gangsterfilme drehen! Das kann er nämlich wirklich gut.

Das Remake „Sasori“ (noch kein Start-Termin bekannt) ist als Hongkong/Japan-Koproduktion gar nicht mal uninteressant und wartet auch mit recht guten (Schwert-)Kampf-Choreografien auf. Allerdings handelt es sich um eine schwer genießbare sexistische Variante von „Lady Vengeance“, in der man hauptsächlich halbnackten jungen Frauen dabei zusehen kann, wie sie sich aufs Übelste verdreschen und totkloppen.

„Transsiberian“ (ab 11.12. im Kino) mit Ben Kingsley als russischer Spezialagent, der krumme Geschäfte macht und dabei amerikanische Touristen (unter anderem Woody Harrelson) aus dem Weg räumen will, die ihm in die Quere kommen, ist leider nur absoluter Thriller-Durchschnitt. Von Brad Anderson hätte man nach „The Machinist“ wahrlich was Interessanteres erwarten können!

Auch Alexandre Aja („High Tension“) scheint mehr und mehr in den Hollywood-Mainstream abzudriften. Sein Geister-Thriller „Mirrors“ (ab 30.10. im Kino) mit Kiefer Sutherland legt das jedenfalls nahe, denn im Gegensatz zum recht subtilen koreanischen Original „Into the Mirror“ klotzt er ziemlich mit Pyrotechnik rein und muss auch unbedingt wieder eine extreme Splatterszene einbauen, die der Film gar nicht nötig hatte und zudem so überzogen ist, dass sie schon lächerlich wirkt. Die talentierte Amy Smart allzu früh zu verheizen und Sutherland am Ende dann sogar noch den Jack Bauer machen zu lassen, begräbt schließlich alle Hoffnungen.

Was irgendwie gar nicht mehr geht, weil es schon mehr als genug davon gibt, sind asiatische Historien-Epen mit viel Kriegsgetümmel, Macht-Intrigen und an Shakespeare erinnernde Dreiecks-Liebschaften. Davon gab es auf dem Fantasy-Filmfest wieder mal so einige, wobei „The Warlords“ mit Jet Li und Andy Lau (noch kein Start-Termin bekannt) und „Three Kingdoms“ mit Andy Lau, Maggie Q und Sammo Hung (noch kein Start-Termin bekannt) noch die besseren gewesen sein dürften. Die Kämpfe und Massenszenen können zwar jeweils mit allem bisher Gesehenen mithalten, aber sehen will man das halt eigentlich ja inzwischen gar nicht mehr. Gähn …

Bei „JCVD“ (noch kein Start-Termin bekannt), in dem Jean-Claude van Damme sich selbst spielt (aha – scheint irgendwie ein Trend unter abgehalfterten Schauspielern bzw. Ex-Kultstars zu sein!), bin ich mir nicht sicher, ob ich zu müde war oder ob der Film nur lau ist. Auf jeden Fall hat die Story von Jean-Claude, der in einer Bank als Kunde in einen Überfall verwickelt wird, ein paar gute Gags und kommt sehr sympathisch daher. Außerdem darf van Damme auch zeigen, dass er richtig schauspielern kann, was in einem ziemlich eindringlichen Monolog gipfelt, in dem er alle großen Missverständnisse seiner Karriere erläutert. Irgendwie ist das Ganze aber ein wenig zu lang geraten und kommt auch nie richtig in die Gänge. Positiv in Erinnerung geblieben ist mir nur ein Detail: ein nicht weiter erklärtes absurdes Schreien während Schießereien auf der Straße vor der Bank, das wie eine durchgeknallte Alarmsirene klingt und völlig irritiert.

Jetzt kommen zwei Filme, die einfach nur okay beziehungsweise unterhaltsames Popcorn-Kino sind, aber darüber hinaus nichts Besonderes darstellen: Der Geister-Thriller „100 Feet“ von Eric Red („Body Parts“) mit Famke Janssen (noch kein Start-Termin bekannt) bietet recht heftigen Terror mit einer ultrabrutalen Splatterszene kurz vor Schluss, und man ist Zeuge des Total-Niedergangs von Michael Paré, der hier nur noch einen schemenhaften Geist geben darf. Der in Kanada produzierte „Outlander“ (noch kein Start-Termin bekannt) ist eine actionlastige und recht blutige Mixtur aus Wikinger-Film und Science-Fiction (am ehesten fallen einem dazu „Alien“ und „Predator“ ein), weil es darin einen außerirdischen Humanoiden von einer technologisch hochentwickelten Rasse (James Caviezel) auf der Jagd nach einem fiesen Monster (das in seinem Raumschiff ist) ins Jahr 709 nach Norwegen verschlägt. Dort lernt er unter anderem John Hurt und Ron Perlman als stramme Nordmänner kennen, die dann mit vereinten Kräften die furchterregende Kreatur niederkämpfen.

Nun geht’s weiter aufwärts mit vier guten Filmen: „Awake“ (ab 11.11. auf DVD) ist ein mit Hayden Christensen, Jessica Alba und Lena Olin topbesetzes Thriller-Drama mit vielen interessanten Twists, das sich um eine Herz-Transplantation dreht (mehr zu verraten, wäre gemein). Allerdings stößt übel dabei auf, dass das fiese Wach-Narkose-Thema, das der Film auf seine Fahnen schreibt, gar nicht so sehr im Mittelpunkt steht und die Story auch problemlos ohne es funktionieren würde. So gesehen eine verschenkte Chance, denn DAS wär's gewesen! Wir warten also noch auf einen echten Horrorfilm, der es dann besser und schmerzhafter macht. Trotzdem ist „Awake“ als Thriller sehenswert.

Der Eröffnungsfilm „Eden Lake“ (noch kein Start-Termin bekannt) ist zum Glück nicht so ein Schmarrn wie letztes Jahr „Black Sheep“, sondern ein echt knüppelharter Outback-Thriller – wenn es erlaubt ist, diesen Begriff auch für ländliche Gegenden in Großbritannien zu verwenden. Hier bekommt es ein junges Urlaubspaar zwar nicht mit den obligatorischen Hinterwäldler-Kannibalen zu tun, aber die örtliche Jugendbande versteht es auch recht gut, skrupellos folternd und mordend am See und im Wald unterwegs zu sein. Nun gut, ganz so einfach ist es nicht: Eigentlich ist nur der Anführer der wirklich Böse, aber die anderen sind entweder zu blöd oder zu ängstlich, um nicht mitzumachen, und irgendwann beginnen natürlich auch die Opfer damit, sich zu wehren. Das fehlende Happy-End, eine Dosis angedeutete Gesellschaftskritik (die Erziehungsmethoden der Eltern sind an allem schuld!) und wirklich ultraharte Gewaltszenen (auch mehrmals an Kindern ausgeübt) lassen den Film voll reinhauen und noch lange nachwirken.

„Shiver“ aus Spanien (ab 15.10. auf DVD) beginnt wie ein Vampirfilm, weil es um einen Jugendlichen mit Lichtallergie geht, der in seinen Alpträumen immer im Sonnenlicht verbrennt. Aber dann wird es ein Monsterfilm mit einem Wesen, das die Schafe und Einwohner eines abgeschiedenen Bergdorfs dezimiert. Was dann noch kommt, ist nochmal ganz anders (und hat lustigerweise was mit Frankfurt zu tun), aber lässt sich ohne Spoiler nicht erzählen. Genrefans dürften „Shiver“ sehr sympathisch und interessant finden – ihn zu sehen, macht einfach Spaß. Zumal ihm mit einfachen Mitteln maximale Wirkungen gelingen. Und für mich war es auf jeden Fall der absolut grusligste Film des Festivals!

Das Regiedebüt „The Chaser“ (ab 6.11. im Kino und schon ab 11.12. auf DVD) ist mal wieder ein im positiven Sinne trostlos-nihilistischer Krimi, wie er eigentlich nur aus Korea kommen kann. Es geht um einen Ex-Cop, der inzwischen Zuhälter ist und auf der Suche nach verschwundenen Frauen seiner „Firma“ einem Serienkiller auf die Spur kommt und ihn zur Strecke bringen will. Am Ende wird der durchgeknallte Frauenhasser zwar dingfest gemacht, aber von einem Happy-End ist der Film dennoch meilenweit entfernt! Das Übelste sind dabei nicht nur die Hammer-Morde und die sehr heftige Showdown-Schlägerei, sondern der Umstand, dass sich ein Opfer zwar selbst rettet, dann aber zufällig doch wieder in die Arme des Killers – und somit ins Verderben – läuft. Da ist „The Chaser“ wirklich konsequent böse, wobei er allerdings die Schuld eindeutig den schludrig arbeitenden Polizeibehörden gibt. Bis jetzt war es in Korea der erfolgreichste Film des Jahres, und das spricht sehr für die koreanischen Zuschauer, denn sie haben damit eine Qualitätsentscheidung getroffen, vor der man den Hut ziehen muss.

Die Top 5 des

Festivals

5. „The Art of Negative Thinking“ (dt. Titel: „Die Kunst des negativen Denkens; ab 18.09. im Kino): Diese norwegische Tragikomödie über mehrere Behinderte, die im Haus eines Querschnittsgelähmten eine Gruppentherapie machen wollen, zieht zwar bestimmte psychotherapeutische Konzepte durch den Kakao und ist dabei so politisch unkorrekt, wie es nur geht. Aber all die Gemeinheiten, die hier – vor allem verbal – passieren, geschehen nie ohne Liebe zu den Figuren und wollen lediglich den (verdrängten) Wahrheiten hinter den Einzel-Schicksalen auf den Grund gehen. Dem verblödeten Grundsatz der Therapeutin, Depressionen und Zynismen einfach zwanghaft auszublenden, wird eine völlig aus dem Ruder laufende Orgie aus Sex, Gewalt und Drogen entgegengesetzt, mit der es die Patienten am Ende aber tatsächlich schaffen, sich gegenseitig zu helfen. Hier wird echt Tacheles geredet und es geschehen derart unerhörte Dinge, dass einem meist das Lachen im Hals stecken bleibt. Trotzdem ist das Ganze auch lustig – nur halt mit total subversivem Humor. Ein kleines böses Meisterwerk mit einem hervorragenden Darsteller-Ensemble!

4. „The Substitute“ bzw. „Alien Teacher“ (ab 20.11. auf DVD): Diese SciFi-Komödie aus Dänemark von Ole Bornedal („Nightwatch – Nachtwache“) ist zwar ein Kinderfilm, aber er hat richtig gute Effekte, klasse Schauspieler – allen voran die zauberhafte Paprika Steen – und ist superunterhaltsam. Ähnlich wie in „The Faculty“ geht es um eine außerirdische Lehrerin, die die Schüler mit seltsamen Methoden traktiert und darüber hinaus noch was ganz anderes vorhat. Von den Eltern will natürlich keiner den vermeintlichen Hirngespinsten der Kids glauben, die daraufhin selbst die Gegenmaßnahmen übernehmen müssen. Dieser Film ist jenseits von böse, dafür aber umso erfrischender und wirklich lustig – nämlich auf intelligente Weise. Nicht verpassen! Ein Fest für Genre-Fans!

3. „Just another Love Story“ (dt. Titel: „Bedingungslos“; ab 12.03.2009 im Kino): Schon wieder ein Film von Ole Bornedal, diesmal aber ein interessanter Thriller für Erwachsene. Kurz gesagt gibt sich ein gelangweilter Fotograf aus einem Schuldgefühl heraus spontan als Lebensgefährte einer bei einem Verkehrsunfall schwerverletzten Frau aus, kommt aber aus dieser Rolle nicht mehr heraus und muss das Spiel weiterspielen (was zunächst auch funktioniert, weil die Angehörigen den echten Freund nicht kennen und die Frau selbst ihr Gedächtnis verloren hat). Als der echte Freund dann aber auftaucht, der ein gewalttätiger Psychopath und natürlich not amused ist sowie zudem von asiatischen Mafiosi gesucht wird, gerät der Fotograf in tödliche Schwierigkeiten. Bornedal tischt – besonders am Anfang – viele interessante visuelle Ideen auf und liefert einen düster-melancholischen Thriller in bester Hitchcock-Manier. Das kam so gut an, dass „Just another Love Story“ 2007 in Dänemark der größte Kino-Erfolg des Jahres wurde. Dänen lügen nicht, oder?

2. „Let the Right One In“ (dt. Titel: „So finster die Nacht“; ab 23.12. im Kino): Dieser Vampirfilm ist mal was ganz anderes, weil er aus der Sicht von Kindern erzählt wird – ohne dabei ein Kinderfilm zu sein. Im Gegenteil! Damit knüpft er an einen bisher nur selten gezeigten Aspekt des Genres an, der meines Wissens bisher nur in „Near Dark“, „Interview mit einem Vampir“ und teils auch in „The Hamiltons“ gestreift wurde, nämlich die Probleme von im Kindesalter zu Vampiren gewordenen Menschen, deren Körper seitdem nicht gealtert sind. Deshalb ist es auch eher so, wie die Hauptdarstellerin einmal sagt: „Ich bin ungefähr zwölf Jahre alt, aber das schon ziemlich lange“ oder so ähnlich. Jedenfalls verliebt sie sich in einen ebenfalls zwölf Jahre alten Nachbarsjungen, dem sie sich aufgrund seiner Außenseiterrolle verbunden fühlt. Eigentlich geht es in erster Linie also um die sich sanft entwickelnde Beziehung der beiden, aber das Vampir-Thema ist natürlich trotzdem ständig präsent – zumal die Blutbeschaffung stets eine (über)lebensnotwendige Herausforderung bleibt. Dieser Film ist ein poetisch-melancholisches Liebes-Drama, das unter die Haut geht und gekonnt zwischen Horror und schwarzem Humor balanciert. Sehr intensiv gespielt und mit einer beeindruckenden Hallenbad-Metzelei am Ende. Höchste Anerkennung für den Regisseur Tomas Alfredson: Alter Schwede!

1. „Waltz with Bashir“ (ab 6.11. im Kino): Eigentlich hat dieser Film nichts auf dem Fantasy-Filmfest verloren. Aber dass die Organisatoren ihn ausgewählt haben, liegt wohl daran, dass er der Phantastik sehr nahe steht, denn Regisseur Ari Folman hat „ein neues Genre erfunden – den animierten Antikriegsfilm als autobiografische Dokumentation“ (Zitat aus dem FFF-Programmheft). Exakter kann man es nicht sagen, weil es sich tatsächlich um einen Dokumentarfilm über die Hintergründe eines Massakers handelt, das sich Anfang der achtziger Jahre während des ersten Libanon-Kriegs in Beirut in einem Flüchtlingslager quasi vor den Augen israelischer Soldaten ereignete. Einer davon war der Regisseur, und der Film dokumentiert dessen Versuch, die Geschehnisse durch Befragungen ehemaliger Wegbegleiter zu rekonstruieren. Das führt teilweise zu einer schönen Wiederbelegung des speziellen Eighties-Lebensgefühls (inklusive geiler New-Wave-Musik von unter anderem „OMD“ und „PIL“) – allerdings aus der Perspektive recht degenerierter Jugendlicher, die nicht so genau wissen, was eigentlich um sie herum passiert und warum sie in den Krieg ziehen. Das ist aber noch nicht alles, denn die gewählte Form eines Animationsfilms – stilistisch irgendwo zwischen „Persepolis“ und Richard Linklaters Trickfilmen („Waking Life“, „A Scanner Darkly“) – ermöglicht es, auch Erinnerungen und Träume zu bebildern, ohne dabei den inszenatorischen Rahmen zu verlassen. Dieses grundsätzliche Problem von Dokumentarfilmen wird normalerweise mit Original-Archivmaterial oder nachgestellten, dramatisierten Spielszenen gelöst, die aber stets heikel (weil inszeniert) sind beziehungsweise von strengen Dokumentaristen abgelehnt werden. Bei „Waltz with Bashir“ ist dagegen alles aus einem Guss und wirkt wie ein Spielfilm mit eingeschobenen Interviews (genau hier wäre dann auch der Bezugspunkt zur Phantastik). Und dieser geniale Kniff ist die innovative Erfolgsformel des Films, der dadurch nämlich gleichzeitig als Drama, (Anti-)Kriegsfilm und Dokumentation funktioniert. Rein inhaltlich ist er ohnehin meisterlich, weil er die Kriegserlebnisse des jungen Soldaten auf spannende und teilweise auch unterhaltsame Weise nacherzählt, dabei aber sehr viel Schonungsloses, Bizarres, Surreales, Gewalttätiges und Absurdes zeigt, ohne sich damit von den authentischen Geschehnissen zu entfernen. „Waltz with Bashir“ ist teilweise schockierend und schwer verdaulich. Er hört zudem passgenau an der Stelle auf, an der er aufhören muss, um vollends in die Magengrube zu kicken: Die Schlusseinstellungen zeigen Originalaufnahmen, die am Tag nach dem Massaker von einem Reporter gemacht wurden. Das haut mehr rein als jeder Horrorfilm!

Binding ist im echten Leben Online-Redakteur und Filmkritiker bei einer hessischen Regionalzeitung und postet unregelmäßig Rezensionen für die F5 von irgendwelchen Pre-Screenings oder Filmfestivals. Er geht mindestens zweimal pro Woche ins Kino, schaut in jeder freien Minute DVDs und ist ein Spezialist in fast allen Klassen.


Batzman meintBatzman widerspricht:

Ich hab beim FFF in diesem Jahr nur 5 Filme gesehen, bin zum Teil aber etwas anderer Meinung, als Kollege Binding.

EDEN LAKE
★★½☆☆

Grade den Eröffnungsfilm fand ich ziemlich enttäuschend und ärgerlich.

Nach viel Tamtam und einem Regisseur, der nochmal drauf hinweist wie derbe sein Film ist und das Kritiker bescheinigten “man müsse diesen Film überleben”, ist es dann doch erstaunlich, wie konventionell Eden Lake daherkommt.

Wie berechenbar er seine “peculiar little town” Geschichte erzählt, die man in Variation schon dutzende Male gesehen hat. Stadtvolk kommt aufs Land, dort herrschen andere Sitten. Die Leute sind mißtrauisch und feindseelig und das Machismo erlaubt es den “Helden” nicht der offenkundigen Gefahr aus dem Weg zu gehen.

Auch wenn die Jugendlichen von Anfang an Gewaltätigkeit ausstrahlen, kommen die Protagonisten nicht auf die Idee ihre Ärsche nach Hause zu bewegen. Selbst als sie beinah überfahren werden, reicht es noch nicht und man muss die Bande konfrontieren.

Fast ist man geneigt zu sagen: They had it coming. Da hilft es wenig, dass getreu den Horrorfilmklischees viele Möglichkeiten noch mit halbwegs heiler Haut davonzukommen, ehe alles Pete Tong geht, ignoriert werden. Da unterscheiden sich die Figuren wenig von ihren noch dümmeren Vorgängern anderer Wald- und Wiesen-Slasher und ganz ehrlich, ich bin es auch langsam leid Leute durch Wälder flüchten zu sehen.

Das der Oberpsychopath ein Teenager ist, macht auch nicht wirklich soviel Unterschied, denn die Charkterzeichnung der Kids beschränkt sich auf Klischees und Küchenpsychologie. Yeah Yeah… White Trash Inbreed Country Parents Make Kids Go Psycho. Nix neues hier und so verkommt die “Sozialkritik” doch eher zum Lippenbekenntnis, denn an Hintergründen und echter Charakterentwicklung ist der Regisseur anscheinend nicht interessiert.

Über den sensationsheischenden Charakter von Boulevard-Zeitungs-Meldungen, die über böse Kids die Leute abstechen berichten, geht Eden Lake auch nicht hinaus. Das wirkliche Grauen und die sozialen Fehlentwicklungen, die sich in bestehenden “Gated Communities” ergeben, wären wohl spannender gewesen, als dieser letztlich doch sehr absehbare und in gewisser Weise auch kaltschnäuzige Film, der sich an seiner Gewalt teilweise doch eher aufgeilt, als sie zu hinterfragen. Da hilft auch die technisch kompentente Machart und die soliden schauspielerischen Leistungen wenig.
Im Lande von Straw Dogs gilt auch weiterhin: Shun the Country und bleibt mit dem Arsch zu Hause.

MY NAME IS BRUCE
★★★☆☆

Auch hier Einspruch. Bruce bringt's. Zumindest, wenn man keine Offenbarung, sondern nur ein spaßig-selbstironisches Funmovie erwartet. Kein Nonstop-Gag-Feuerwerk und sicher sind auch ein paar Rohrkrepierer dabei, aber der Spaß der Schauspieler und viele kleine nette Gags und Anspielungen sorgen dennoch für Spaß. Bruce gibt über weite Strecken das schmierige Arschloch und Taylor Sharpe als linkisch-liebenswerter Fanboy schafft genau das richtige Gegengewicht. Die Hillbilly-Gesangseinlagen wirken zwar etwas wie von Dead & Breakfast geklaut, passen aber trotzdem ganz gut. My Name is Bruce ist garantiert kein zweiter Bubba Ho-Tep, aber für Campbell-Fans ganz sicher ein unterhaltsamer Funfilm.

DANCE OF THE DEAD
★★★½☆

Solide Zombiecomedy mit einigen netten Splattermomenten. Die Story ist auf ein absolutes Minimum reduziert, wird aber von den sympathischen und auch ganz purzligen Darstellern gerettet. Das ganze nimmt sich natürlich nicht sehr ernst und wirkt wie ein Mashup von “Return of the living dead” und “Night of the creeps”. Selbst die Frisuren der Darsteller wirken wie aus den Achtzigern. Kein Kultfilm, aber ein unterhaltsamer Partysplatter mit trashigem Hair-Metal.

OUTLANDER
★★☆☆☆

Ballrock – Der Film. Oder doch eher Critters – The Reckoning? Auf jeden Fall dürfte das Drehbuch auf der Rückseite eines Aldi-Kassenbons platzgefunden haben, Dialoge sind genau wie Handlung eher Mangelware. Es wird gegrunzt, geschwitzt und

geröhrt. Dazwischen stehen hochklassige Akteure herum und scharen ungeduldig mit den Füßen, bis sie ihren Scheck einlösen dürfen. Armer alter John Hurt, das er immer noch in so einer elefantösen Kacke mitspielen muß. Der Hauptdarsteller – immerhin Jesus himself – guckt drein, als habe er vor Drehbeginn einen Einlauf bekommen, den er nicht rauslassen durfte, Sein Kampfgefährte hüpft als gefönte Wickingertucke durch die Gegend und ein ungemein hässliches Kind darf alle paar Minuten süß in die Kamera gucken. Dafür das der Schinken sehr laut ist, passiert dann aber doch erschreckend wenig und wenn, dann sorgt das lausig animierte Monster, eine Mischung aus Ballrock und ID-Beast eher für unfreiwilligen Humor. Da auf eine Dramaturgie komplett verzichtet wird, ist es schwer zu sagen wo man sich im Film grade befindet. Es könnte jederzeit der Abspann kommen oder noch Stunden so weitergehen, was es dann auch tut. Danke, aber das war ein Schuss in die Tonne. Dann doch lieber noch 3x The Host gucken und sich wirklich amüsieren, als diese zähe Wicki-Kacke. Outlander raus.

TRANSSIBIRIAN
★★☆☆☆

Was spannend und ungewöhnlich beginnt, entwickelt sich leider nach gut der Hälfte der Story zu einem halbgaren und unglaubwürdigen Mischmasch aus Thriller und Krimi. Der Film versucht zwar mit vielen Andeutungen sein Publikum in die Irre zu führen, schafft es aber nicht das ganze dumme Ganze halbwegs interessant zu Ende zu führen. mit der Besetzung und der soliden technischen Crew hätte man einen wirklich guten Thriller abliefern können, so ist es eine ärgerliche Ansammlung vertaner Chancen.

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In : Thema

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Binding
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  • http://blog.glotzkind.de Björn

    Sehr schön!
    Sehe ich oft ähnlich, hier in München läuft es gerade. Werd mir wohl nochn paar Filme geben und die hier schlecht bewerteten meiden.

  • Ingo

    Sehr schöner Bericht mit einem kleinen Schönheitsfehler: “My Name ist Bruce” macht meiner Meinung nach richtig Spass !!! Ich kann den Film nur wärmstens empfehlen.

    Gruss
    I.O.

  • jan

    Auf „Waltz with Bashir“ freue ich mich schon seit Cannes. Schöner Bericht mit einem attraktiven Poster ;)

  • http://www.mindsdelight.de Marco

    Also zu “My Name Is Bruce” kann ich auch absolut nicht zustimmen. Der Film war mindestens großartig, witzig, unterhaltsam und groovy ;)
    Na ja, Geschmäcker sind halt verschieden :)

  • http://www.youtube.com/whymeee Alec Sky

    My name is bruce ist wenig intelligent, aber unglaublich unterhaltsam (unbedingt auf einem Filmfestival gucken. Denn alleine, zu hause auf einem kleinen Fernsehr wird der nie und nimmer funktionieren)

  • http://www.retroaktiv.de Ben

    Was denn das für eine Behauptung? _Gerade_ Kurzgeschichten eignen sich fantastisch für ihre Verfilmung. Romane leiden viel zu sehr unter den notwendigen Kürzungen.

  • Binding

    @ Ben: Das war keine allgemeine Behauptung, sondern nur eine Vermutung, die sich konkret auf Clive Barkers Kurzgeschichte bezog (die ich gar nicht kenne). Es war nur ein Versuch, mir den miesen Film zu erklären. Mein Gedanke basierte auf der Annahme, dass die Vorlage halt nicht soviel hergab, um eine tragfähige, neunzigminütige Kino-Geschichte damit zu erzählen.

  • Binding

    @ alle “My Name is Bruce”-Fans: Mich hat der Film richtiggehend schockiert, weil ich bei Bruce Campbell von einem höheren Niveau ausging. Muss aber bisher wohl eher an den Regisseuren gelegen haben, in deren Filmen er gut war. Sein eigener Film ist leider einfach nur billig und naiv, und ich habe ihn als absolut dämliche Zeitverschwendung empfunden. In Frankfurt hat übrigens kein einziger Zuschauer gelacht (allerdings war ich auch “nur” in der Nachmittags-Wiederholung). Der Umstand, Kultfigur zu sein, sollte aber nicht gleichzeitig einen Freibrief auf schlechte Filme bedeuten. Nennt mich von mir aus elitär, aber gute Unterhaltung oder Witzischkeit ist echt was anderes!

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    @Binding

    Ich weiß nicht was du erwartet hast, aber der Film will nicht mehr sein als Trash. Kein Meilenstein oder was hochtrabendes. Campbell liefert genau das: Einen sehr albernen, billig gedrehten Film, gespickt mit In-Jokes auf seine bisherigen Sachen. Auch wenn ich nicht so besonders viel drauf gebe, weil FFF-Besucher meiner Ansicht nach sehr leicht zu begeistern sind: In Berlin kam der Film sehr gut an und wenn man sich die Kritiken im FFF-Archiv anguckt, scheinen sich die meisten ganz gut amüsiert zu haben.

    Ich habmich viel mehr über solchen Scheißdreck wie Outlander und Eden Lake geärgert, die einen auf gewichtig und dicke Hose machen und letztlich nur langweilige, prätentiöse Kacke zustande bekommen. Ein Funken von der Selbstironie von Campbellsfilm hätte diesen Mist vielleicht davor bewahrt sich selbst so ernst zu nehmen und dadurch unfreiwillig komisch zu wirken.

  • http://www.polyneux.de SpielerZwei

    “Da auf eine Dramaturgie komplett verzichtet wird, ist es schwer zu sagen wo man sich im Film grade befindet. Es könnte jederzeit der Abspann kommen oder noch Stunden so weitergehen, was es dann auch tut.”

    Köstlich.

  • Binding

    Outlander ist bei mir ja nur als “okayer” Popcorn-Film durchgekommen, und Eden Lake ist kein Meisterwerk bzw. hat auch einige Schwächen. Aber er ist halt recht derb, endet böse und hat im Nachhinein doch irgendwie Eindruck hinterlassen. Dass die Story nicht innovativ ist und das Ganze eher reißerisch rüberkommt, stimmt auch. Trotzdem hat er für mich ganz gut funktioniert.

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    Ich fand Eden Lake weder besonders hart, noch wirklich spannend. Die Figuren benehmen sich viel zu unlogisch, als das man wirklich um sie zittern könnte und die ganze Eskalation ist unglaublich plump forciert. Es findet keine Motivation, keine Charakterzeichnung statt. Der geheuchelte sozialkritische Anspruch und die Arroganz des Regisseurs, der sich unheimlich cool vorkommt wie “hart” sein Film ist, machen das ganze zu einem eher unerfreulichen Elebniss, der keine einzige originelle Idee enthält.

    Und das war immerhin der Eröffnungsfilm. My Name is Bruce war lediglich als fluffig-trashiger Midnight Madness-Trash annonciert.

    Und Outlander fand ich nichtmal als Popcornfilm erträglich… langweilig, schlecht getrickst, unglaublich dumme Dialoge und vollkommen ziellos. Bei all dem Aufwand ist es erstaunlich, dass man so einen Dreck abliefert.

  • Thies

    Mein Gesamteindruck vom FFF war ziemlich durchwachsen. Wegen ungünstiger Arbeitszeiten habe ich “nur” 14 Filme sehen können. Dabei mussten einige potentiell interessante Filme natürlich dran glauben.

    Gleich meine erste Wahl war ein absoluter Rohrkrepierer. “Opapatika” aus Thailand war am Anfang ziemlich wirr, später dann nur noch nervtötend in seinen sich ewig wiederholenden Massakern. Als ich mir nach der Sichtung des Films nochmal den Text im Programmheft durchlas, fragte ich mich ob dessen Verfasser den Film überhaupt gesehen hatte.

    Der zweitschlechteste Film war für mich “Tale 52″ aus Griechenland. Die ersten dreißig Minuten fühlte ich mich wie in einem langgezogenen Kammerspiel aus der Laientruppe des Stadt-Theaters. Danch wurde das bereits gezeigte Geschehen auf verschiedenste Weise neu aufgerollt und mehrfach gebrochen bzw. auf alternative Weise ausgespielt. Daraus ergaben sich einerseits ein paar reizvolle Wendungen und Umdeutungen, aber insgesamt waren die gezeigten Geschehnisse einfach nur langweilig und der Film wirkte wie David Lynch für Arme.

    Der Leiter des FFF muß früher mal Marktschreier gewesen sein, denn wie er zum Beispiel einen mittelmäßigen Schocker wie “Mum & Dad” anpreiste und davon schwärmte, dass er und seine Kollegen sich den Film dreimal hintereinander angesehen hätten, ließ mich nach der Sichtung schon etwas an seinem Urteilsvermögen zweifeln. Es gab zwar zur genüge krasse Details, aber keinen Spannungsbogen und letztendlich auch keinen tiefergehenden Sinn. Dass auch im auf Ordnung und Sauberkeit achtenden Spiessertum Perversionen und Gewaltbereitschaft lauern ist auch keine besonders neue Erkenntnis.

    Jetzt mal ein paar Filme im schnellen Vorlauf: “Donkey Punch” war annehmbarer Kammerspiel-Schocker über ein paar Teenies auf einer Yacht die sich nach einem “Sex-Unfall” gegenseitig bis aufs Messer bekämpfen. “Todesstille” ist hier das unerreichbare Vorbild, der Film aber durchaus ein Anschauen wert. “It’s alive” war ein netter Old-School-Horrorfilm ohne echten Nährwert, aber auch ohne Peinlichkeiten. “Blind” war ein in schönen Bildern erstarrendes Märchen über die reinste Form der Liebe die hier im wahrsten Sinne des Wortes blind ist. Leider zog sich die Handlung über die volle Laufzeit doch ziemlich hin, da konnten auch die exzellenten Darsteller nichts mehr retten. “Like a dragon” von Takeshi Miike hätte ein perfekt unterhaltender Film sein können, wenn er 20 Minuten kürzer gewesen wäre und ein paar Handlungsstränge fallengelassen hätte. Den gleichen Eindruck hatte ich allerdings auch schon bei “Sukiyaki Western: Django”. Vielleicht bin ich einfach schon zu alt für derart prall gefüllte Wundertüten, aber ich war gegen Ende einfach nur ermüdet ob des fortwährenden Overkills an überdrehter Dramatik, grellen Effekten und klamaukigen Humors. “Crossfire” war über 3/4 ein spannender realistischer Polizei-Thriller. Zum Schluss gab er die nüchterne Erzählweise zu Gunsten eines an Michael Bay erinnerndes Dauerfeuer-Spekatakels auf. Schade, denn das hätte ein echter Klassiker werden können. Zu “My name is Bruce” ist eigentlich schon alles gesagt. Wenn man seine Erwartungs-Messlatte nicht zu hoch hängt, kann man mit dieser Trash-Granate nicht viel falsch machen.

    Zu “Midnight Meat Train” – ein wirklich schwieriger Fall. Größtenteils fand ich ihn durchaus unterhaltsam, wenn auch nicht wirklich spannend. Die Kurzgeschichte von Clive Barker wurde notwendigerweise um eine Rahmenhandlung ergänzt, denn die Ur-Story spielte nur in einem U-Bahn-Zug. Der Look des Films, die Darsteller, der Gore-Gehalt vermochten mich durchaus zu überzeugen. Das Drehbuch schlug aber öfters Volten, wie man sie aus drittklassigen Halloween-Fortsetzungen kennt (Opfer rennen buchtstäblich in die Arme des Killers). Und wenn dann die finale Wendung der Geschichte erreicht ist, erzeugt der Film zwar für einen kurzen Moment sowas wie eine an H.P. Lovecraft erinnernde Atmosphäre, nur um diese dann gleich wieder durch eine überflüssige Action-Szene zu zerstören. Einerseits hochwertiger Trash, aber als Fan von Clive Barker war ich ob den ungenutzen Möglichkeiten mehr als enttäuscht.

    Zu “Let the right one in” – ich werde mir den Film noch einmal in Ruhe ansehen müssen bevor ich zu einem Urteil kommen kann. Ich hatte an dem Sonntag bereits drei Filme gesehen und da in dem engen Timetable wenig Zeit zum Luftholen und Verarbeiten des bereits gesehenen blieb, war ich mit der sehr ruhigen und langsamen Erzählweise des Films zu dem Zeitpunkt einfach überfordert.

    Zum Abschluss dann noch meine Top 3:

    “The Chaser”, “Just another love story” und “Waltz with Bashir”

    Zu allen drei Filmen wurde von Binding bereits alles Wichtige gesagt. Besonders den “Kloss im Hals”-Effekt von “Waltz with Bashir” kann ich nur unterstreichen. Nur ein Wort noch an Binding: bei derart wendungsreichen Thrillern wie “The Chaser” und “Just another love story” wäre es vielleicht angebracht nicht gleich die komplette Geschichte in der Inhaltsangabe nachzuerzählen.

    Fazit: bei allem Auf und Ab – schön war’s trotzdem. Beim nächsten FFF muß ich darauf achten, dass ich zu dem Zeitpunkt auch Urlaub habe um aus dem Überangebot das meiste rausholen zu können.

  • stb247

    Hat eigentlich irgendjemand von euch “Virus Undead” gesehen? Den hab ich verpasst. Kenne nur den Trailer und der verspricht doch nicht sehr gutes.

    Aber der Film ist sicherlch schon deshalb interessant, weil er offenbar von Deutschen völlig ohne Filmförderung gedreht wurde. Ein echter Idependent-Horror-Film aus Deutschland. Und da gibt es hier kein Echo? Also entweder der ist noch schlimmer, als ich es mir träumen ließ, oder der wurde einfach übersehen.

    Egal, wie er letztlich geworden ist, ich finde den Mut, so etwas allein auf die Beine zu stellen, schon sehr gut und hoffe, dass dies auch ein Signal an die deutsche Filmfond-Gemeinde ist.

    Aber wie gesagt, ich hab ihn verpasst und bin eigentlich skeptisch…

  • Binding

    @ stb247: “Virus Undead” lief parallel zu “Just another love story”, was mir die Entscheidung gegen ihn sehr leicht machte. Abgesehen davon kann ich Zombie-Filme inzwischen nur noch ertragen, wenn es dabei um mehr als nur Splatter und Fun geht. Das war bei “Virus Undead” aber wohl nicht so konzipiert, und im Vorfeld gab es auch viele negative Stimmen.

  • Binding

    @ Thies: Ich bin zwar auch kein Freund von Spoilern und zuviel Inhaltsangaben-Gelaber, aber zumindest muss man doch grob wissen, um was es bei den Filmen überhaupt geht. Und wenn man dann noch was halbwegs Taugliches schreiben will, das nicht völlig belanglos und austauschbar ist, kommt man halt um gewisse Details nicht herum. Du meinst, ich habe bei einigen Beispielen “die komplette Geschichte nacherzählt”??? Das lasse ich höchstens noch für “Outlander” gelten, über den wirklich kaum mehr zu sagen ist. Du musst beim Fantasy-Filmfest ja teilweise wirklich arg müde gewesen sein oder sogar geschlafen haben, wenn Dir die erzählten Geschichten durch meine Kommentare bereits erschöpfend zusammengefasst vorkommen. ;-)

  • Binding

    @ Batzman: Dann war es wohl so, dass es Dir mit “Eden Lake” und “Outlander” so ging wie mir mit “My Name is Bruce” …

  • http://kerstinsklein.blogspot.com ksklein

    Ich habe dieses Jahr 9 Filme gesehen und habe noch 4 vor mir (heute und morgen).
    Im grossen und ganzen habe ich dieses Jahr nicht so ein glückliches Händchen bei der Auswahl der Filme gehabt.

    Beim Eröffnungsfilm Eden Lake ging es mir wie Batzman. War zwar spannend, aber nichts besonderes.

    Downloading Nancy war für mich ein absolutes Highlight. Ich habe schon lange nicht mehr so einen guten Film gesehen, der so unter die Haut geht. Und Maria Bello und die zwei anderen Hauptdarsteller waren wirklich gut.

    Gespannt bin ich jetzt noch besonders auf The Chaser und Just another Love Story.

  • Binding

    @ ksklein: Ich konnte mich ja auch halbwegs für Downloading Nancy erwärmen. Aber aus cineastischer Sicht ist der Film leider trotzdem ziemlich öde. Hätte man ja fast schon von einer Theaterbühne abfilmen können …

  • http://nix Phil

    “J.C.V.D” fand ich wirklich klasse. Die Person J-C van Damme wird in einem so völlig anderem Licht dargestellt und spielt in diesem spaßien Film so unterhaltend, wer hier keinen Spaß hat sollte lieber in die Oper gehen. Auf dem FFF in Stuttgart war bei dem Film jedenfalls echt gute Stimmung im Saal. Von nun an bin ich auch van Damme Fan. :)

  • http://www.buchgeburt Mart

    Aha: “Let the right one in”, wurde hier in Schweden mit recht viel Tamtam beworben, aber ignorant wie ich bin, habe ich alle Rezensionen links liegen gelassen. Aber nun weiß ich, dass ich ihn mir wohl doch mal anschauen sollte.

    Merci

  • http://kerstinsklein.blogspot.com ksklein

    „Just another Love Story“ habe ich gestern gesehen. Hat mir gut gefallen. War irgendwie mal etwas anderes als die ganzen blutigen Filme. :) Aber er war weit weniger besucht als danach “The Midnight Meat Train”.

    @ Binding: Was meinst Du mit “aus cineastischer Sicht”. Ist das nicht völlig egal, wenn man den Film richtig gut findet?

  • Binding

    @ ksklein: Ähm, dieses Thema ist andernorts bei den Filmfreunden schön öfter vorgekommen – zum Beispiel als es um Rudolf Arnheim oder den Filmkanon ging). Aber um es halbwegs kurz zu machen: Filme sind zwar natürlich auch kommerzielle Produkte, die das Publikum einfach nur gut unterhalten sollen (und da gibt es halt bekanntlich viele verschiedene Geschmäcker und Meinungen). Aber man kann Filme ja auch unter künstlerischen Gesichtspunkten betrachten und dabei versuchen, sie im Vergleich mit der kompletten Kino-Historie auf einigermaßen objektivierbare Kriterien hin abzuklopfen und zu bewerten. Genau das sollte gute Filmkritik (im journalistischen Sinne) auch tun. Und wenn man Film als Kunst bewerten will, muss man das beachten, was filmspezifisch ist und nicht von anderen, früher erfundenen Medien auch geleistet werden kann. Beim Film ist das weder die Schauspielerei noch die Story noch das Bühnenbild noch die Kostüme – sondern die audiovisuelle Sprache, mit der der Film seine Story erzählt (also noch konkreter: vor allem die Kamera-Arbeit und der Schnitt). Alles was in dieser Hinsicht nur 08/15 ist oder sich darauf beschränkt, Schauspieler beim Agieren mehr oder weniger nur abzufilmen, ist so gesehen eigentlich unfilmisch. Das meinte ich mit der “cineastischen Sicht”.

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    Im Gegensatz…

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    04/20/14