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Die ersten Bilder zur Vefilmung von Bernhard Schlinks Schullektürchen “Der Vorleser” zeigen Kate Winslet als Hanna, die sicher denkbar unschuldigste Verkörperung von Schuld, und meinen Lieblingsschauspieler (*hust*) David Kross als Michael, später ersetzt durch den älteren Ralph Fiennes. Leider spielt auch Alexandra Maria Lara mit, zudem bereits das vierte Mal neben Bruno Ganz. Regisseur Stephen Daldry (“The Hours”) ist deshalb eigentlich der einzige Grund, warum ich mich auf den Film freue, denn das Buch zählt für mich sowieso immer noch zu den verlogensten deutschen Romanen der Nachkriegsgeschichte.

20 Kommentare

  1. was genau ist dein kritikpunkt am roman? warum findest du ihn verlogen?

    Kommentar #1 von Martin am 20.10.2008 um 21:15 Uhr

  2. “….verlogensten deutschen Romanen der Nachkriegsgeschichte” – kannst du das nochmal erläutern ;)
    Naja ich finde die Verfilmung recht interessant, ich mag das Buch.
    Leider ist Kate Winselt nicht gerade die Optimalbesetzung, irgendwie hatte ich mir beim Lesen eine Art Monica Bellucci vorgestellt (nur nicht ganz so aufgepumpt, hmm eine Art ländliche Monica Belluci, Monica Belluci als Bäuerin^^) naja ist ne Weile her, dass ich das gelesen habe…aber Kate Winslet ist einfach nur langweilig. Das ganze andere “Drum-herum” halte ich allerdings für recht vielversprechend.

    Kommentar #2 von MRJ am 20.10.2008 um 21:17 Uhr

  3. wie man den Vorleser “verlogen” nennen kann, versteh ich auch nicht…
    Konstruiert? Meinetwegen.
    die Liebesgeschichte hart am Sozialkitsch? Ganz bestimmt…

    Die Frage nach der Schuld und der Schuldfähigkeit, das plakative Mittel “Unwissenheit” mit “Analphabetismus” gleichzusetzen?? Diskussionswürdig…

    aber “verlogen”??

    Kommentar #3 von randyzac am 20.10.2008 um 21:34 Uhr

  4. Puh, ein heikles Thema, ich weiß nicht, ob das hier der richtige Ort ist, um darüber zu diskutieren. Aber ich kann ja dennoch gerne mal kurz darlegen, was ich meine.

    Der Roman erzählt im ersten Teil eine detaillierte, physische, fast spürbare Liebesbeziehung irgendwo zwischen Heimat, Ödipuskomplex und Strumpfhosenromantik, was Schlink tatsächlich spannend hinbekommt, und sogar so verständlich literarisch, dass er quasi den perfekten Massenkulturroman geschaffen hat. Die zweite Hälfte dann zeigt, was hinter dem Geheimnis der Figur steckt, die uns so mysteriös, aber doch sympathisch nahe gebracht wurde – dass Hanna also KZ-Wärterin und an einem Massenmord in einer Kirche beteiligt war. Der folgende Gerichts-Part erklärt dann, dass die Figur nicht aus Schuld- und Mitgefühl geflüchtet ist, sondern aus Scham darüber, eine Analphabetin zu sein! Das Buch versucht uns eine Massenmörderin näher zu bringen, nein, Empathie zu erzwingen und viel schlimmer noch als das, ein Verbrechen zu verharmlosen. Es impliziert genau jenen verlockenden geschichtsrevisionistischen Gedanken, der in der Kriegsverarbeitung ohnehin eine verborgene Stimme zu sein scheint, nämlich die eigentliche Schuldlosigkeit des Kollektivs („nicht alle waren Mörder“, „wir wussten ja nichts“). Durch die Identifikationsfigur Michael hindurch (sofern Hanna nicht selbst bereits eine solche sein sollte) forciert Schlink das noch und formuliert dessen Gedanken aus, die zugunsten von Hanna als menschliche und unschuldige analphabetische Frau ausfallen. Unerträglich wird das Buch dann endgültig, wenn Hannas Geschichte darauf hinausläuft, dass sie ja nur ins KZ „geraten“ sei, ohne es zu wollen (aus „Verzweiflung“), und dann sogar Menschlichkeit bewiesen hätte, weil sie einige zu ihren Vorlesern machte, ehe sie „ohnehin“ vergast worden wären. Dass Schlink auch noch zu erwarten scheint, man würde mit dieser Figur, die sich im Gefängnis sogar noch zur Literaturkritikern mausert, mitfühlen, ist da schon regelrecht unverschämt.

    Wenigstens war die Rezeption des Buches nicht frei von eben dieser Kritik (die SZ z.B. war seinerzeit ähnlich entrüstet, von „Kulturpornographie“ war die Rede) und es gab diverse Diskurse über den generellen Umgang mit deutscher Geschichte, ausgehen von Schlinks Roman, den ich halt im schlimmsten Maße verharmlosend und verfälschend finde. Dass so was auf dem Schullehrplan steht und das erfolgreichste deutsche Buch der 90er bildet – ich habe aufgehört mich darüber aufzuregen. Hoffentlich wird Daldry da was dran drehen.

    Kommentar #4 von Jet Strajker am 20.10.2008 um 21:54 Uhr

  5. Naja, da hast du sicherlich deine Punkte (zu sehr versteifen will ich mich da jetzt nicht, da ich es wie gesagt lange nicht gelesen habe – und zwar freiwillig, nicht in der Schule…). Ohne zuviel ins Detail zu gehen, denke ich, dass sich der Leser sein eigenes Bild machen muss, und hoffentlich nicht wie ein Lemming vor dem Buch sitzt (aber dann würde ihm das sowieso nicht auffallen).
    Ich habe die Tragik des Buches immer anders verstanden, bzw. doch aus der Sicht der Hauptfigur, da sein Dilemma den Roman doch vorantreibt, und Michael sieht sich ja auch nicht in einer 100%zig objektiven Lage, er ist befangen und seine Sicht schildert die Ereignisse. Ich fand, dass die Geschichte zum Nachdenken anregt, aber gut beim ersten Satz in Verbindung mit Nazi-Deutschland feuern sowieso immer alle Kanonen bis es Niemand mehr wagt auch nur zu Husten… Das Thema mit der Schuld ist schwer genug, und ich bin überzeugt jeder sieht das etwas differenziert (auch wenn wohl zum Großteil in Konsens ähnlich deiner Meinung…) allerdings möchte ich noch ergänzen, dass Hanna auch nicht gerade die große Leuchte ist (jaja Unwissenheit/Dummheit schützt vor Strafe nicht, aber hier gehts ja um subjektive Empfindungen aus der Beobachterperspektive…)
    Weshalb ich die Verfilmung so interessant finde: ich denke, der Film wird genau das verbocken, allein die dumm-unschuldig dreinblickende Winslet wird dafür sorgen, dass die große Tragik sich darauf konzentriert, dass sie “unschuldig” verurteilt wird. Und bevor die Masse versteht, was du anprangerst, wird jeder Moralapostel (u.Umständen zu recht…) auf dem Tisch stehen und schreien….–aber vieleicht, sofern die Verfilmung es zustande bringt, denkt sich noch ein Zuschauer, wie es wohl wäre, wenn er in Michaels Situation wäre und wie tragisch manche Geschichten doch ausgehen können…
    /naja wie gesagt, ich bin für Recast: “Monica Bellucci als Bäuerin”, da gibts auch Schauwert für die Leute, die ich dann überrede mit ins Kino zu gehen :)

    Kommentar #5 von MRJ am 20.10.2008 um 22:19 Uhr

  6. @ MRJ : ja monica bellucci währe klasse ! vielleicht eher die bellucci von vor zehn jahren – aber nichts destotroz.

    @ jet strajker : du hast zu bestimmten teilen recht , was deine kritik an dem buch angeht. (meiner meinung nach ) . aber du solltest auch dran denken das schlink nicht blöde ist , und deine kritik vielleicht etwas oberflächlich ist. so einfach ist das ganze nämlich nicht. zumal er die nachkriegszeit ja wirklich erlebt hat – im gegensatz zu dir. ich finde es prinzipiell immer schwierig , dass sich kritiker einfach so über ein werk auslassen – in das jemand sehr viel mühe und zeit setzt. vielleicht sollten solche leuten erstmal selber ein buch schreiben. no heart feelings.

    Kommentar #6 von mickey am 20.10.2008 um 23:10 Uhr

  7. Ich finde das Buch aus einem anderen Grund irritierend: Es suggeriert ungefähr Folgendes: Wenn nur alle lesen und schreiben könnten und ihren Goethe und Schiller kennen würden, wäre die Welt besser und dann könnte so etwas nicht wieder passieren.
    Wenn ich das richtig verstanden habe, wird Hanna geläutert dadurch, dass sie diese Schriften “durchbuchstabiert”.
    Dabei waren doch nach dem Krieg so viele Menschen gerade deswegen verzweifelt: Weil Goethe und Schiller und Humanismus und Aufklärung und Wissenschaft und was weiss ich noch was es für tolle menschliche Erkenntnisse und Systeme gibt, nichts, aber auch gar nichts dagegen geholfen haben.
    Andererseits finde ich diese Idee mit dem Durchbuchstabieren trotzdem – nicht schlecht.

    Kommentar #7 von Jordanus am 20.10.2008 um 23:19 Uhr

  8. An welcher Stelle im Buch wird eigentlich gesagt, Hanna sei böse geworden, weil sie Goethe und Schiller nicht lesen konnte? Ich dache eigentlich immer, das Buch sei eine weitere Erzählung, die beschreibt WIE es dazu kommen kann, und nicht WARUM. Keine ernstzunehmende Nachkriegsliteratur macht doch wirklich den Versuch, das Grauen der Nazizeit zu erklären, sondern nur es zu beschreiben. Und die Sache mit dem Analpahbetismus ist einfach ein interessanter Aspekt, vor allem in dieser Beziehung, in der der kleine Junge der erfahrenen Frau plötzlich etwas voraus hat, aber doch keine Metapher für moralische Unmündigkeit. Wer wäre denn so simpel?

    Kommentar #8 von killknopf am 20.10.2008 um 23:53 Uhr

  9. Ich konnte die Gefühlswelt der handelnden Figuren nie ganz nachvollziehen…grade die Motivation Hannas sich darauf einzulassen ist mir persönlich zu abstrakt und die Obsession die aus der sexuellen Beziehung von Seiten Michaels her entsteht ist für mich auch alles andere als leicht nachvollziehbar. Vielleicht hilft der Film.

    Kommentar #9 von PhilipS am 21.10.2008 um 00:54 Uhr

  10. “Wenn die Aufklärer und Humanisten stärkere Bilder gehabt hätten, wären die Nationalsozialisten nicht an die Macht gekommen.”

    - Ernst Bloch

    Der These mit Goethe und Schiller kann man teils Recht geben, teils ist sie aber auch schon wieder zu dürftig. Bloch hat da etwas ziemlich wichtiges angesprochen, da es selbst für viele Bildungsbürger schwer war, dieser gigantischen Propagandamaschinerie zu widerstehen. Die Fähigkeit zu lesen alleine hätte im Falle Hannas nur eins bewirkt: sie wäre – da offensichtlich klug genug um für Beförderungen vorgeschlagen zu werden – unlängst durch eine solche in der Position gewesen, den “Job” im KZ nicht annehmen zu müssen. Soviel dazu.

    Kommentar #10 von mærts am 21.10.2008 um 11:45 Uhr

  11. Was sollen denn diese “stärkeren Bilder” konkret sein?

    Kommentar #11 von Bateman am 21.10.2008 um 13:32 Uhr

  12. Fackelmärsche, Massenansprachen, Blut und Boden und so Zeugs.

    Kommentar #12 von killknopf am 21.10.2008 um 15:12 Uhr

  13. Naja man kann ja humanistische Fackelmärsche und Zeltlager machen. Wie Jungscharlager, nur nicht so christlich.

    Kommentar #13 von Bateman am 21.10.2008 um 15:16 Uhr

  14. Hannas Schuld steht doch ausser Frage…

    Der weitaus interessantere Aspekt (und das geht über den Deutschunterricht hinaus) ist doch die der innere Konflikt Michaels eine NS-Täterin geliebt zu haben (stellvertretend für eine ganze Generation Töchtern und Söhne der Täter) und die daraus resultierende schwierige Frage, ob Verstehen nicht zwangläufig auch Vergeben bedeuten muss…

    Der Vorwurf des Geschichtsrevisionismus ist doch selbst Teil des Vorwurfs der “Kulturpornografie”…

    und geht am eigentlichen Inhalt des Buches doch vollkommen vorbei…

    Kommentar #14 von randyzac am 21.10.2008 um 15:39 Uhr

  15. Exakt, #12 – danke für’s dazwischenrufen :)

    Kommentar #15 von mærts am 21.10.2008 um 16:04 Uhr

  16. “denn das Buch zählt für mich sowieso immer noch zu den verlogensten deutschen Romanen der Nachkriegsgeschichte”

    der mit Abstand pseudointellektuellste Satz den Ich hier gelesen habe.
    Da kann man echt nur noch Kopfschüttelnd sagen: “gnf”.

    Kommentar #16 von chris am 21.10.2008 um 21:54 Uhr

  17. Das war weder intellektuell noch pseudointellektuell, sondern nur meine Meinung. Nichts liegt mir ferner als Intellektualismus.

    Kommentar #17 von Jet Strajker am 21.10.2008 um 23:14 Uhr

  18. Dir liegt wirklich nix ferner… und dein letzter Satz bleibt sogar wahr, auch wenn du ihn ohne “ismus” formulierst.
    Aber es soll sich hier ja keiner überanstrengen.

    Kommentar #18 von Klugschiss am 22.10.2008 um 10:08 Uhr

  19. Intelligenz, behaupten die Intelligenten, ist die Fähigkeit, sich der Situation anzupassen. Wenn du ein Buch verkehrt in die Hand genommen hast, lerne es verkehrt zu lesen.

    Kommentar #19 von Jet Strajker am 22.10.2008 um 12:53 Uhr

  20. Konfuzius sagt:

    “RÜÜÜÜÜÜCHTÜÜÜÜCHHH!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!”

    (spasemacke, du)

    Kommentar #20 von Klugschiss am 24.10.2008 um 23:28 Uhr

Sag was!