
Foto by manniac
Als junger Batz hatte ich es nicht leicht, als um 1983 (zum Start von Return of the Jedi) meine Leidenschaft für Horror, SciFi und Fantasy erwachte. Damals, liebe Kinder, gab es noch kein Internet, keine IMDB, keine DVDs und keine Fünf Filmfreunde. Für die Videothek war ich zu jung, im TV liefen wenn überhaupt nur grausam kastrierte Fassungen (ich erinnere mich düster an die ARD-Fassung von Poltergeist in der die komplette Spiegelszene fehlte) und Kaufkassetten waren etwas exotisches das nur die Kinder von Millionären erwarben (zu dem Thema hatte ich ja schonmal einen Artikel geschrieben). Damals war es für einen minderjährigen Pöks noch harte Arbeit an Informationen oder gar die Filme selbst zu gelangen.
Wollte man sich nicht auf die zweifelhaften “Fachkommentare” seiner Schulkameraden verlassen, die beständig irgendwas “Zombies im Kaufhaus” und “Evil Dad” faselten, musste man auf Bücher zurückgreifen, ja sogar noch auf deutsche Bücher. Denn zum einen war selbst mein Englisch mit 11-13 noch eher rudimentär entwickelt und zum anderen fingen die Buchhandlungen in Hannover erst Ende der 80er an, wenigstens ein kleine englische Buchecke einzurichten. Da gab es dann zwar Stephen King im Original, aber keine Fachbücher. Also hielt ich mich an die Heyne Filmbibliothek und schmöckerte mich dort durch alles was es zum Thema gab. Der Klassische Horrorfilm, Standardwerke zu Science Fiction und Fantasy. Ich bereue dies nicht, denn neben einem guten Überblick über die wichtigen Filme des Genres – von Melies bis zum Effektfilm der frühen 80er – lernte ich so auch viele andere Klassiker und grundsätzliches über Kino, Dramaturgie, Subtexte und generell die Kunst des Filmemachens.
Jahrelang waren diese Fachbücher meine Leitfäden an denen ich mich entlanghangelte und begierig die TV-Programme durchkämmte und mich immens freute, wann immer ein Film lief, von dem ich schon viel gelesen hatte. Egal ob “Die Reise zum Mond”, “Moderne Zeiten”, “Nosferatu”, die klassischen Universal-Horror-Filme, Jack Arnolds Meisterwerke, Godards “Weekend”, “Fahrenheit 451″, “Stalker” – meine recht umfassende und breitgestreute Filmbildung bezog ich aus Büchern und ich verdanke ihnen viel, haben sie mir doch beigebracht was Film sein kann, wie vielschichtig er ist und das es mehr gibt als nach dem gucken nur zu sagen “ja war okay” oder “war doof”.
Doch eine Sache störte mich schon damals: So sachkundig, liebevoll und nachvollziehbar viele deutsche Autoren über Klassiker und Filme bis Ende der 60er schrieben, so vorurteilsbeladen, spiessig und unangemessen wurden sie, wenn es um das Kino der 70er und 80er Jahre ging. Das Mitte der 80er Jahre erschienene “Lexikon des Horrorfilms” – jahrelang das einzige deutschsprachige Werk, das einen umfassenden Überblick über das Genre gab – stand stellvertretend für den Ekel, die Arroganz und den intellektuellen Dünkel mit dem allen begegnet wurde, das nicht klassischer Gruselfilm war. Blut war böse und hatte im Film nichts zu suchen.
Die deutsche Filmkritik war damals hochpolitisiert und verachtete, geprägt vom Autorenfilm, alles was nicht in ihr kleingeistiges, von Linksspiessertum geprägtes Weltbild passte. Es ist erstaunlich, wenn man sich heutzutage durchliest, wie viele Klassiker des modernen Horrorfilms damals hierzulande beurteilt wurden.
In dieser Serie möchte ich ein paar der schönsten Kritiken von damals noch einmal ans Licht holen, zur allgemeinen Erbauung und als Beweis, wie schwer – aber auch spannend – es war in den 80ern Horrorfan zu sein.
Den Anfang macht meine Lieblingskritik zu David Cronenbergs vielschichtigem Body-Horror-Klassiker “Die Fliege”. Ein heutzutage anerkanntes Meisterstück, das den eher platten Horror des Originals in eine subtile und überaus effektive Parabel auf die Angst vor Krankheit und dem Verlust der Menschlichkeit machte. Nun gut, das ist die heutige Sicht.
Der gar nicht mal dumme – und was Filme der Kinofrühzeit angeht durchaus fachkundige Dr. Rolf Giesen – fand damals nur Hass und Verachtung für Cronenberg und seinen Film. Ein paar Kostproben? Bitteschön:
“Ich bin also, leider, einiges gewöhnt. Aber das, was David Cronenberg aus der “Fliege” gemacht hat, scheint mir eine neue Stufe krankhafter Phantasie. Hier ist eine Stufe erreicht, die mich nötigen müßte, nach einem Verbot dieses oder ähnlicher antimenschlicher Werke zu schreien. (…)
Dennoch, Cronenbergs “Fliege” ist nicht gerade appetitanregend. Ich habe den Regisseur in Hamburg getroffen, wo er für sich und sein Machwerk warb. (…) Ich habe ihm gesagt, wie ekelerregend ich diesen Film finde. Er freut sich: “Das ist ein Kompliment. Ein wunderbares Kompliment.” – “Wirklich?” – “Sicher!” Dann will er mich belehren: Er habe keinen ekelerregenden Film gemacht, o nein! Will mir weißmachen, ich würde das nur so empfinden, weil ich mit gewissen Realitäten nicht im reinen sei, die die Welt im allgemeinen und den menschlichen Körper im besonderen beträfen. “Ich fordere Ihr ästhetisches Empfinden vorsätzlich heraus,” nuschelt er. “Wenn Sie sich zum Beispiel Ihren Bauch aufschneiden, widern Sie dann Ihre Eingeweide an?” Cronenberg mustert mich überlegen: “Jetzt müssen Sie ja sagen. Ganz klar!” Klar? Klar ist mir nur, daß ich kein Harakiri begehe, schon gar nicht Cronenberg zuliebe. Außerdem, führe ich aus, gehe es mir, wenn ich seinen Film ekelerregend nenne, nicht um seine McDonald´s und Burger King entlehnte Ästhetik: da hätte ich schon weit Schlimmeres gesehen, visuell Schlimmeres, sondern um die damit verbundene Ideologie totaler Entmenschlichung.
(…)
Cronenberg beäugt mich durch den Schutz seiner Brille. Er ist klein, noch kleiner als ich, schmächtig, schüchtern und aggressiv zugleich. Mich würde nicht wundern, wenn er nur deswegen auf dem Schulhof keine Dresche bezogen hätte, weil er “Brillenschlange” tituliert wurde. Der typische Außenseiter. Ein Einzelkind vermutlich. Und Muttersöhnchen. (…)Dennoch sieht man Cronenberg diese furchtbaren Ängste nicht an, wenigstens nicht auf den ersten Blick. Dafür ist er zu unscheinbar. Martin Scorsese hat mal gesagt, würde er jemals die Rolle eines Horrorfilmregisseurs zu besetzen haben, er würde sie niemals Cronenberg geben. Der sehe noch eher aus wie ein Beverly-Hills-Gynäkologe. Warum kommt mir ausgerechnet jetzt in den Sinn, daß die Brillenträger Himmler und Eichmann nicht weniger harmlos aussahen? Himmler konnte, nebenbei, ebensowenig echtes Blut sehen wie Cronenberg. In zahllosen Hollywood-Filmen habe er gesehen, wie sich die Leute prügeln, aber wenn in einer Bar eine Schlägerei stattfinde, werde ihm ganz schlecht, beteuert Cronenberg mit besorgter Miene.
Fassen wir zusammen: Cronenbergs Fliege ist antimenschlich, der Regisseur ist eine brillenschlange, ein Muttersöhnchen, ein Perverser, dessen Agenda mindestens mit führenden Protagonisten des Dritten Reichs auf einer Stufe steht.
Den gesamten Erguß kann man sich übrigens auf www.davidcronenberg.de zur Gemüte führen.
Und in der nächsten Folge gucken wir mal, was die deutsche Kritik damals zu Star Wars, Friday the 13th und Dawn of the Dead meinte… ;)
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- Batzman (Oliver Lysiak) •
- Oktober 26th, 2008 •
- 17 Kommentare
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