Review

Otto; or Up with Dead People (Review)

Standard, 30. 10. 2008, Jet Strajker, 15 Kommentare

„A person that functions normally in a sick society is himself sick.“

Originaltitel: Otto; or Up with Dead People
Herstellungsland: Deutschland, Kanada 2008
Regie: Bruce La Bruce
Darsteller: Jey Crisfar, Katharina Klewinghaus, Susanne Sachße, Marcel Schlutt, Guido Sommer, Christophe Chemin, Gio Black Peter

[rating:4.5]

Die Untoten von heute sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Zwar erhebt sich Otto (Jey Crisfar) zunächst aus seinem Grabe, um dann im verkriselten Schwarzweiß über einen Friedhof zu wanken, kurze Zeit später jedoch steht er schon an einer Brandenburger Landstraße, so ganz schnöde und gar in Farbe getaucht, um per Anhalter nach Berlin zu gelangen. Nun ist Otto immerhin ein schwuler Zombie, und schwule Zombies sind an und für sich durchaus eine Seltenheit, bedenkt man aber jedoch, welch Imagewandel der moderne Untote in den Zeiten der Globalisierung durchlaufen muss – er spaziert am Schlesischen Tor entlang, fährt mit der U-Bahn oder verspeist Getier auf Parkbänken am Hackeschen Markt – scheint es ja nicht gerade günstig, dass er sich auch noch mit der Homo-Szene herumschlagen soll.

Denn wie Bruce LaBruce ein ums andere Mal verdeutlicht hat, habe sich auch der queere Geist dem Wandel der Zeit gefügt. Deshalb beklagt der kanadische Filmemacher in Hardcore- und Kunstfilmmelangen auch immer wieder den Verlust des revolutionären Potentials am bürgerlichen Schwulen, der mit Skin und Punk und Queercore nichts mehr gemein haben will. So gesehen, scheint der Bruch in der Genrekodierung des Zombies nur folgerichtig. Und gerät der muffige Otto während seines Berlin-Trips in eine Low-Budget-Produktion der Regisseurin Maya Deren, ähm, Medea Yarn (Katharina „Science of Horror“ Klewinghaus), die mit Bruder und Louise Brooks-Freundin – natürlich – einen Film über eine subversive Untergrundbewegung schwuler Untoter inszeniert: Ausgehend von den Altbauwohnungen der, vermutlich, Schöneberger Homo-Bourgeoisie, wo erst blutig gestorben werden muss, um sich dann würdevoll von den Toten erheben und gegenseitig in die Bauchhöhle ficken zu können, vereinen sich darin alle schwulen Zombies gegen die Diktatur des Konsums und Kapitalismus, um den Ausbruch aus der Heteronormativität schließlich mit einer finalen Orgie zu begießen. In diesen Film namens „Up With Dead People“ passt Otto ja gut hinein, denn die Kamera sei ein Schutz für ihn, sagt er im Off-Kommentar, damit man glauben könne, er spiele nur einen Zombie – und sei gewiss keiner.

Gleichwohl sich die Frage stellt, ist „Otto; or, Up With Dead People“ nicht interessiert daran, ob unser schicker Emo-Zombie tatsächlich ein lebender Toter, oder nicht doch eher ein melancholisch verbitterter Schlafwandler ist – womit sich LaBruce sehr deutlich an George Romeros „Martin“ orientiert, der es ebenfalls offen ließ, ob sein Titelheld ein Vampir war. Vielmehr entwirft LaBruce neben seinem mit allerlei Kinoulk verspielten Film im Film-Zombiehorror in erster Linie ein überraschend nachdenkliches Liebesdrama vor romantischen Berliner Kulissen: Ich muss zugeben, völlig davon eingenommen zu sein, wenn Otto in den verwilderten Resten des Plänterwaldes am Spreepark, neben umgekippten Dinosauriern und verrosteten Achterbahnwaggons, nach Rast sucht, und ich mich dadurch mit Wehmut an meine dortigen Kindheitstage zurückerinnere. Es mag sein, dass manche Bilder blutigen Gedärms und wilder Zombiefantastereien die zarte Seele dieses Films zu verstellen drohen, doch Otto, der irgendwie andere, absonderliche, queere Held, ist eine tolle, tolle Figur für einen ganz wunderbar liebenswürdigen und traurig-schönen Film.

Und das ist ja nun irgendwie das Letzte, was man von LaBruce oder einem schwulen Zombiefilm erwarten durfte. Vor allem, weil „Otto; or, Up With Dead People“ die illustre Metaphorik des untoten Schwulen nur selten bemüht: Wenn Otto, in Gedanken an seinen Ex-Freund verloren, unter einer U-Bahn-Brücke von einer Bande Schlägern übel zugerichtet wird, dann klingt der Film mit Antony and the Johnsons leise und poetisch an, dass nichts und niemand die Wiederauferstehung des Antihelden verhindern kann: Ein schwuler Zombie ist eben gar nicht so leicht totzukriegen. In diesem Film voller hässlich zugerichteter Untoter liegt so viel unerwartete Schönheit.

Eine Übersicht der Kinos, die den Film zeigen, gibt es hier.

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15 Kommentare

  • Reply Stefan 30. 10. 2008 at 17:24

    Hab gerade zum ersten Mal von dem Film gehört.
    Echt interessant, mal was Anderes. Gab auch mal einen Comic, der sich damit beschäftigte, wie es wäre, wenn Zombies ein fester Bestandteil der Gesellschaft wären. Allerdings will mir der Name nicht mehr wirklich einfallen…
    Den Film werd ich mir aber ansehen!

  • Reply der toby 30. 10. 2008 at 20:55

    Und ich hätte diesen Film so gerne sehen. Leider war das die einzige Vorführung in Hannover :-(

  • Reply Jet Strajker 31. 10. 2008 at 1:41

    Dann bleibt wohl nur die DVD. Kommt bestimmt bald.

  • Reply limpi 1. 11. 2008 at 15:01

    Bei uns läuft der Film bald im Kommunalen Kino und ich muss sagen ich freu mich schon sehr auf den Film.

  • Reply jens 9. 11. 2008 at 6:15

    Ui, ich dachte schon fast das es einen neuen Otto-Film gibt.
    Dann hätte der Titel aber eher „Dead People meets die 7 Zwerge“ geheißen.

  • Reply Coram 10. 11. 2008 at 14:34

    Klingt fast nach einem Film der sparte den man sich definitv ansehen sollte. Hast mich neugierig gemacht jet ^^

    @jens: häääää?! Wo bist denn du Oo

  • Reply Jet Strajker 11. 11. 2008 at 2:25

    Sowas ähnliches dachte ich auch. ;)

  • Reply Soprano 13. 11. 2008 at 10:47

    omfg… was für ein unnötiger, sinnloser müll

  • Reply Halloween 30. 11. 2008 at 16:27

    Hoffentlich wird der nicht so schlecht wie der letzte deutsche Zombiefilm. Die Nacht der lebenden Looser. Meine Güte war das grottig…

  • Reply Friedels FilmFührer › Wo sind die guten Filme hin… 23. 12. 2008 at 19:34

    […] Moment denke ich ernsthaft über schwule Zombies und Nazivampire nach, kann eigentlich nur besser sein, als das derzeitige Programm, egal ob Kino […]

  • Reply Snake23 30. 12. 2008 at 19:00

    Ein Schwuler Zombie !!! was für ein schwachsinn

  • Reply Jet Strajker 30. 12. 2008 at 19:29

    Schwachsinn sind einzig solche Kommentare.

  • Reply Space 3. 1. 2009 at 17:51

    Der Film läuft aktuell im Werkstattkino in München. Echt spitze!

  • Reply L.A. Zombie – Festivalverbot | Die Fünf Filmfreunde 24. 7. 2010 at 21:54

    […] der neue Film von Bruce LaBruce und Quasi-Fortsetzung seines melancholischen Zombiedramas “Otto; or Up with Dead People”, sollte eigentlich auf dem derzeitigen Melbourne International Film Festival gezeigt werden, wurde […]

  • Reply Rammbock (Review) | Die Fünf Filmfreunde 6. 12. 2010 at 21:58

    […] ließ Regisseur Bruce LaBruce den untoten Titelhelden seines “Otto; or, Up with Dead People” durch Berlin schwelgen, “Rammbock” aber fügt sich den Konventionen des Genres […]

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