Die professionelle Filmkritik steckt in einer Krise. Immer mehr Zeitungen halten “Content” wohl eher für ein notwendiges Übel, als den eigentlichen Sinn ihrer Veröffentlichung. Die Häppchenkultur hat Einzug gehalten. Immer mehr News-Bits, immer weniger Analyse, immer weniger Herausforderung an das Publikum, das sich auch gerne mit geschriebenem Bubble-Gum abspeisen lässt.

Waren früher die bunten Seiten, die Klatsch- und Tratsch-Artikel nur ein Element der Berichterstattung, scheinen sie mittlerweile der einzige Fokus der Blattmacher zu sein. Die Leserzahlen stagnieren oder gehen zurück, nicht nur hierzulande, sondern auch in den USA.

Doch während einige Protagonisten der deutschen Filmkritik die Blogosphäre und das Internet als Schuldige ausgemacht haben (wir berichteten hier ausführlich ), machte Starkritiker und Pulitzerpreisträger Roger Ebert in seinem jüngsten Blog-Artikel den Celebritykult verantwortlich. In einem sehr lesenswerten, zornigen Artikel schreibt er:

“Der Todesstoß kam diese Woche, als die einst ehrenwerte Associate Press ein 500-Worte-Limit für alle Unterhaltungs-Artikel aussprach. Diese 500 Worte betreffen Kritiken, Interviews, News, Trendberichte und Denkanstösse. Sicher, das ist machbar. Aber mit einem Film wie Synecdoche, New York?

Schlimmer noch: AP verlangt von seinen Unterhaltungs-Autoren den Fokus auf jene Art kurzlebiger Celebrity-Berichte zu legen, für die sich das Publikum ja augenscheinlich so sehr begeistert. Die AP, lange Zeit als unentbehrlich für jede Nordamerikanische Zeitung angesehen, sah sich in letzter Zeit mit einigen Kündigungen konfrontiert und wurde zweifellos darüber in Kenntnis gesetzt, was die Leser wirklich wollen: Affären, Scheidungen, Sucht, Krankheit, Erfolg, Scheitern, Todesspekulationen, Verhaftungen, Ausfälle, Skandale, “Wer wurde mit wem gesehen”, “Wer wurde mit wem beobachtet” und Top Ten-Listen dieser Dinge.

Der Promikult-Virus frisst unsere Kultur bei lebendigem Leibe und Zeitungen setzen sich ihm auch noch freiwillig aus. Er lehrt unsere Jugend schäbige Werte, befüttert ungesunde Neugier, missachtet die Privatsphäre und ignoriert Werte und Leistungen. Eine der TV-Promishows hat verkündet, es werde über die Obama-Family wie über eine Hollywood-Story berichten und ich verspüre den Drang etwas gegen eine Wand zu schmettern. (…)

Seit der Promikult triumphiert, haben große Zeitungen erfahrene Filmkritiker gefeuert. Sie wollen weniger Platz für etwas, das als langweilige Erzählung empfunden wird und mehr für dummen Voyeurismus. (…) Warum dreht sich die größte Twilight – Biss zum Morgengrauen um die Fans? Brauchen wir wirklich Interwiews, in denen 16jährige Mädchen etwas über Robert Pattinson erzählen? Wann haben die zum letzten Mal eine Zeitung gelesen? Ist es nicht offenkundig, dass es im Film um sexuelle Abstinenz und die jugendlichen Faszination für gothige Todessehnsucht geht? (…)

Warum brauchen wir Kritiker? Einem guter Freund in einer sehr großen Stadt wurde einst von seinem Chefredakteur gesagt, die Kritik solle “den Geschmack der Leser widerspiegeln”. Mein Freund fragte: “Bedeutet das, der Restaurantkritiker muss McDonald lieben?” Der Chefredakteur: “Absolut!”
Ich glaube nicht, dass Leser eine Zeitung kaufen, um sich bestätigen zu lassen. Ein Kritiker für eine Zeitung sollte kritisches Denken ermutigen, neue Entwicklungen aufzeigen, die heimische Szene kennen, über die Fanboy-Specials hinausblicken, neue Trends vorhersagen, den großen Zusammenhang aufzeigen, lehren, informieren, amüsieren, inspirieren, mutig sein und zornig.”

Auch wenn es unpopulär sein mag: Ebert hat Recht. Klatsch und Tratsch haben ihren Platz und waren immer Bestandteil der Berichterstattung. Auch bei moviepilot haben wir unsere Klatschtante Cindy Ast, die sich den seichteren Dingen der Filmszene widmet. Doch der derzeitig überall zu beobachtende Trend, ausschließlich Promi-News zu kolportieren, auf der Hatz nach Lesern, Abonnenten, Klicks, schadet letzten Endes der Kultur als Ganzem.

Klatsch- und Trasch waren immer der Zucker, der zwischendurch als Auflockerung serviert wurde. Doch wie mit echten Süssigkeiten ist es auch mit der geschriebenen Form: Wer sich alleine davon ernährt, verfettet im Kopf. Film sollte immer auch Möglichkeit zur Auseinandersetzung sein, aber dort, wo kritisches Denken nicht mehr gelehrt wird, wird Film tatsächlich zu etwas, das man schaut, um “sein Gehirn abzuschalten”.

Und das ist wirklich erbärmlich.

Ebert endet in seinem Artikel mit einem abgewandelten Zitat aus Boulevard der Dämmerung :

“The news is still big. It’s the newspapers that got small.”

Hier gibt es den ganzen Text zu lesen

[Dieser Text erschien übrsprünglich auf moviepilot]

  • MoZ

    Wie wahr, wie wahr. Ich kann den ganzen Promi-Kult einfach nicht verstehen. Dieses ganze Paparazzi-Ding und das man immer alles über die Promis erfahren muss kotzt mich schon lange an. Mich interessiert einfach nicht, wen Mr. Pitt aktuell f****, wie Mrs. Spears rasierte Mumu aussieht oder welches Toilettenpapier der Mr. Clooney benutzt.
    Ich interessiere mich für Filme, für Musik, aber nicht für das Privatleben der Künstler.

  • jan m.

    Eine interessante Debatte, die du ansprichst. Allerdings denke ich, dass man das aus einer anderen Perspektive sehen muss.

    Erst einmal: Die Tageszeitung, ich gehe davon aus, dass du davon sprichst, ist ein sterbendes Medium. Das ist Fakt und die Zeitungen wissen auch, dass sie in einer Krise stecken. Schuld daran ist das “böse, böse” Internet: Weil die News aktueller sind, weil man, wenn man interessiert ist, tiefgründiger schürfen kann, weil es kostenlos ist. Weil Anzeigenpartner wie Kleinanzeigen oder Werbung in andere Medien abwandern, weil die Leser weniger werden, man bestimmte Zeilgruppen nicht mehr erreicht und weil man im Internet Autos und Kleinkram einfach besser und günstiger verscherbeln kann. Dadurch stehen Einsparungen bei den Zeitungen an. Hier ein Beispiel.
    sueddeutsche.de/wirtschaft/400...
    Stellenabbau ist also einer der Lösungswege. Wen spart man ein? Den Rest kann man sich denken … ;)

    Aber wo die alteingesessenen Zeitungen den Schuß nicht/bzw spät gehört haben, sehe ich die Zukunft der (professionellen) Filmkritik: Im Internet. Gerade hier hat man ein so großes Angebot von Filmkritiken, dass man als Rezipient nur gewinnen kann.
    Denn: Die Fülle mag zwar erschlagend sein, aber gerade dabei lernt man kritisches Denken und bekommt das, was du forderst und in einer Zeitung in dem Umfang nicht möglich ist. Dass da im Moment noch wenig Platz für professionelle Kritiker vorhanden ist, liegt am Alter des Mediums Internet. Aber ein Medium richtet sich grundsätzlich nach den Bedürfnissen des Konsumenten und wenn wir diese Kritiken wollen, dann werden sie auch kommen – nur halt in der Tageszeitung nicht, sondern vielleicht in einem (Nieschen-)Magazin, Blog, Forum oder sonstwo.

    Dass der Klatsch und Tratsch da auch eine gewisse Rolle spielt, dürfte auch klar sein, ich sehe dort aber nicht den Grund, sondern ein Symptom. Dieser Content ist einfach leichter und billiger zu beschaffen.
    Wenn ich das allerdings nicht konsumieren möchte, kaufe/lese/höre ich das aber auch nicht. Anscheinend fordert es aber doch eine relevante Masse von Menschen, denke und befürchte ich auch.
    In den Medien findet ein Wandel statt, im Fernsehen ist das ja genauso, aber deswegen läuft im Fernsehen nicht nur Schund und die Kultur ist nicht am Ende, wie Reich-Ranicki gesagt hat. Man muss nur seine Sparten und Kanäle finden und die andere meiden und dann finden auch die professionellen Filmkritiker wieder zu Arbeit.
    Denn mal ehrlich: Diejenigen, die Salesch, Bauer sucht Frau, taff u.ä. konsumieren, sind nicht die Konsumenten, die sich eine ordentliche Filmkritik zu Gemüte führen würden.

    Kultur ändert sich, Medien ändern sich. Ich sehe keinen Abwärtstrend ;)
    Ein kluger Mann hat vor etlichen Jahren auch mal Bedenken geäußert, und seit dem ist es zum Glück auch aufwärts gegangen:
    “Die Jugend liebt heutzutage den Luxus. Sie hat schlechte Manieren, verachtet die Autorität, hat keinen Respekt vor den älteren Leuten und schwatzt, wo sie arbeiten sollte. Die jungen Leute stehen nicht mehr auf, wenn Ältere das Zimmer betreten. Sie widersprechen ihren Eltern, schwadronieren in der Gesellschaft, verschlingen bei Tisch die Süßspeisen, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.”

    :D

  • Mozzerino

    Jan, grundsätzlich stimme ich Dir zu.
    Allerdings übersiehst Du meiner Meinung nach etwas wesentliches, nämlich dass gerade Internetmedien enorme Probleme mit der Finanzierung haben. Klar ist das für den Rezipienten toll, dass im Netz alles kostenlos ist. Nur leider nicht für die Produzenten der Inhalte die dort zu finden sind, denn die müssen schließlich auch von irgendwas leben.
    Damit sieht es momentan düster aus, fast alle Internet-Auftritte großer Verlage schreiben rote Zahlen und die Lust von Anzeigekunden ins Internet zu investieren bist ziemlich gering.
    Wenn da sich also nichts Grundlegendes ändert, bedeutet dass zwar nicht das Ende von Filmkritiken, es bedeutet aber das Ende des professionellen Filmkritikers, der von diesem Beruf oder anderen journalistischen Tätigkeiten auch sein Leen finanzieren kann.
    Dann sind halt nur noch die Leute Filmkritiker, die in ihrer Freizeit neben ihrem “richtigen” Beruf auch Rezensionen schreiben, als Hobby sozusagen. Der Beruf ist damit ausgestorben.

  • jan m.

    Ich stimme dir auch grundsätzlich zu, Mozzerino.
    Mein Beitrag sollte das Internet nicht als neuen Absatzmarkt darstellen, sondern als gänzlich neues Informationsmedium. Nicht nur die Online-Varianten der Verlage schreiben rote Zahlen. Das ist ja ein Problem des Internet an sich, das die Unternehmer damit haben: Wie hole ich da Geld raus? Werbung, Mitgliedschaften, usw. funktionieren alle nur bedingt.
    Ich denke aber nicht, dass Leute jetzt Zeitungen kaufen werden, um das Online Angebot zu finanzieren. Meiner Meinung nach sind wir an einem interessanten Punkt angelangt, wo niemand weiß, wie die Entwicklung weitergeht. Nur eines ist gewiss: Ändern wird sich etwas!
    Inwieweit der Beruf ausstirbt, wage ich nicht zu beurteilen. Vermindern wird sich die Anzahl derer, aber professionelle Kritiker werden immer gebraucht und sei es, wie ich erwähnt habe, in einem Spartenmagazin. Denn zum Glück wird die Produktion und die Herstellung davon billiger ;)

    Und dass Leute, die das als Hobby betreiben, auch nicht schlecht tun, sieht man ja auch auf dieser Seite ganz gut. Wenn die Nachfrage damit gestillt wird, kann man das Aussterben der prof. Kritiker nicht der Wirtschaftspolitik der Zeitungen anlasten, sondern uns, dem Konsumenten. Wenn wir prof. Kritik wünschen, auf auf, Magazin gestalten, vermarkten, verkaufen. ;) Vllt. ist es ja eine Marktlücke, zumindest müsste es das nach der These von Roger sein, es sei denn man sieht das so, dass Zeitungen einen allgemeinen Bildungsauftrag haben.

    :D

  • http://- Bateman

    Ich denke jede betroffene Zeitung täte gut daran, ihre “Partnerschaft” mit der AP zu beenden. Da ging ja noch mehr unkoscheres ab, mit Tariferhöhungen etc. (wenn man entsprechenden Berichten glaubt). Und wenn AP an “Kultur” wie von Ebert beschrieben nur noch 500-Worte-Promi-Zeugs liefert, das kann eine Zeitung auch selber günstig erstellen.

    Vom Konsumenten ist allerdings auch mehr Selbstbeherrschung zu fordern, was Promivoyeurismus angeht. Sprich mehr bewusstes Nicht-beachten entsprechender Medienangebote. Am besten sollte man eine solche Konsumverzichtsentscheidung auch an die entsprechenden Medienanbieter kommunizieren, also schnell eine E-Mail raushauen “Liebe Zeitung XY, heute habe ich Ihre Ausgabe nicht gekauft weil auf dem Cover dies oder jenes kam”.

  • http://- hm

    *hust* Pulitzer-Preis *hust*

  • jan m.