DVD

Hass – La Haine

Standard, 8. 12. 2008, Mal Sehen (Malcolm Bunge), 21 Kommentare

„Bis hierhin lief es noch ganz gut. Bis hierhin lief es noch ganz gut. Bis hierhin lief es noch ganz gut…

Originaltitel: La Haine
Herstellungsland: Frankreich 1995
Regie: Mathieu Kassovitz
Darsteller: Vincent Cassel, Hubert Koundé, Saïd Taghmaoui
[rating:4.5]

Französische Schwarz/Weiß-Filme sind ja eher weniger mein Genre, aber als ich La Haine in den Händen hielt, dachte ich spontan an SLC Punk, was dann kein weiteres Nachdenken zur Folge hatte.

Eine Pariser Vorstadt Mitte der 90er. Nach dem Angriff auf den Einwandererjungen Abdel, durch brutaler Polizisten, brechen Unruhen aus, wie wir sie noch aus dem letzten Jahr in Erinnerung haben sollten. Was am Tag darauf im Leben dreier Freunde passiert, erzählt uns dieser Film.

Da ist zum Einen Saïd, ein Araber, der mit als eine Art Klassenclown davon ablenkt, wie miserabel das Leben aussieht. Vince reißt das Maul weiter auf, als es ihm und jedem in seiner Nähe gut tut. Seine aufbrausende Art führte oft dazu, dass ich mir das Kissen vors Gesicht zog (Fremdscham, Angst, dass jemand ihm die Haut abzieht, Ärger, dass jemand so bescheuert sein kann)! Die meiste Präsenz bringt allerdings Hubert mit, ein Schwarzer, der nach dem Brand in seiner Boxhalle feststellt, dass der einzige Ausweg aus dem Scheiß, darin besteht aus der Gewaltspirale auszubrechen.

Ja, was haben wir also, um einen 4,5-Sterne-Film zu produzieren? Ein paar sadistische Polizisten, jede Menge scheinbar migrationshintergründige Probleme, ein paar Nazis, die auf die Fresse kriegen und drei hoffnungslose Jungs, die vom Leben nichts anderes kennen, als der Abschaum der Gesellschaft zu sein. Dass dabei eine gefundene Polizistenwaffe nicht gerade dazu beiträgt, dass das Pulverfass aus der Nähe des Feuers gezogen wird, versteht sich hierbei von selber.

Die Atmosphäre des Films lebt nicht unbedingt von der Schwarzweißhaftigkeit, aber sie hilft. Das triste Leben der Vorstädte wirkt noch trister. Die Hoffnungslosigkeit der Protagonisten färbt sich ab und während man darüber nachdenkt, ob man eher Vince oder Hubert ist, stellt man fest, dass man beide Seiten in einem tragen kann. Es kamen mir unweigerlich die Fragen auf, wie ich an dieser oder an jener Stelle reagiert hätte. Knarre vorm Kopp, oder die Freunde wegziehen. Das gelingt auch deswegen so gut, weil sich Kassovitz sehr viel Zeit nimmt, ohne in die Länge zu ziehen. Man entwickelt eine Beziehung zu den drei Freunden und auch wenn sie nicht unbedingt der Kontakt sind, den sich Mutti für uns wünschen würde, entwickelt man sogar mit ihrer aufbrausenden Art Sympathien.

Und als wären die ersten 95 Minuten nicht großartig und beängstigend genug, hinterlässt uns der Herr Kassovitz in Minute 96 noch ein kleines Bonbon, sodass wir noch ein kleines bisschen an dem Film knabbern können.

So, genug jetzt. Ich gehe mir jetzt erstmal die Gänsehaut abhobeln, bevor ich mich dick einmummel und die Bahn in das nächste Berliner Problembezirk nehme, um das Ganze nochmal in Farbe zu sehen.

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21 Kommentare

  • Reply hammerhenning 8. 12. 2008 at 0:47

    Dieser Film ist der absolute Hammer!
    Kann ich mir immer und immer wieder anschaun.
    4,5 Sterne sind absolut gerechtfertigt!

    Klassiker!

  • Reply Claas 8. 12. 2008 at 1:21

    Ein MUSS!!
    Absolut großartiger Film!!!

  • Reply ksklein 8. 12. 2008 at 8:10

    Ja, toller Film. Habe auch lange genug gewartet, bis er hier erhältlich war.

  • Reply svenjo72dpi 8. 12. 2008 at 9:15

    Eine der Fragen die ich mir stelle seit ich den Film das erste Mal gesehen habe: Was genau ist die Moral der Geschichte die der alte Mann Hubert und Vince auf der Toilette erzählt?

  • Reply Cy 8. 12. 2008 at 9:42

    Top Film! War damals total baff als ich ihn das erste Mal gesehen habe. Danke für die Erinnerung, DVD wird gleich mal geordert.

  • Reply jAnsen 8. 12. 2008 at 11:08

    „schwarzweißhaftigkeit“… hehe. muss ich mir merken.
    Langenscheid: Fünf Filmfreunde – Deutsch, Deutsch – Fünf Filmfreunde!
    aber stimmt: spitzen film!

  • Reply CowVirus 8. 12. 2008 at 11:47

    Die Geschichte des alten Mannes ist nur eins von vielen Gleichnissen in dem Film, das besser zusammen mit den anderen verstanden werden kann. Eine einfache Interpretationsvariante ist, dass Vince deswegen nicht von seinen Freunden geholfen werden kann, weil diese in ihren Bestrebungen ihn vom Gebrauch der Waffe abzuhalten seinen Stolz verletzen, analog zum Scheissen in großer Entfernung vom Zug nach den Spötteleien des Erzählers fühlt sich Vince immer mehr zum Gebrauch der Waffe gezwungen, um vor seinen Freunden nicht das Gesicht zu verlieren.
    Ein weiteres wichtiges Puzzlestück ist meiner Ansicht nach die Geschichte, die der kleine schwarze Junge auf diesem merkwürdigen Platz erzählt und in der ein „berühmter Typ“ einen Fan verprügelt, weil er ihn für einen Komplizen der versteckten Kamera hält.
    In beiden Fällen gibt es die große, übergeordnete Instanz (mit moralisch fragwürdigen Motiven), nämlich die Menschen, die den Mann und seinen Freund in der Lokomotive ins Arbeitslager transportieren und die Truppe der versteckten Kamera, die den „berühmten Typen“ schwitzen lässt und in beiden Fällen gibt es zwei eigentlich verbündete Individuen, die sich, trotz guter Absichten, nicht helfen können, weil sie an Missverständnissen (durch falsche Kommunikation) im zweiten Fall und Stolz im ersten scheitern. In beiden Fällen leidet einzig und allein die Instanz keinen Schaden. Die Bedeutung der Geschichte des Jungen wird daran deutlich, dass er auf die Frage von Vince, ob er denn den Namen „des berühmten Typen“ wisse, antwortet dass es eben irgendein „berühmter Typ“ gewesen sei. Der Film gibt hier den eindeutigen Hinweis, dass die Erzählung als Gleichnis aufgefasst werden kann, auch wenn sie nicht so opulent in Szene gesetzt wurde wie die des Manns auf der Toilette.
    Aber der Film ist gespickt von Hinweisen, von denen man vermutlich weniger als die Hälfte bemerkt. Dass inhaltlich einzig und allein die Anekdote des alten Mannes von den Jungs diskutiert wird, spielt meiner Ansicht nach keine Rolle.

    Gruß
    Cow

  • Reply Mal Sehen 8. 12. 2008 at 12:07

    Da ist wohl nichts hinzuzufügen..!

  • Reply CowVirus 8. 12. 2008 at 12:38

    ….naja, vielleicht doch^^. Das geniale an der Geschichte über die versteckte Kamera ist meiner Ansicht, dass sie sich so schön auf das Wesen der Gesellschaft übertragen lässt. Der „berühmte Typ“ weiß, dass die versteckte Kamera da ist und er hat Angst vor ihr. Die versteckte Kamera tritt aber (bis zum Ende) garnicht in Aktion, es findet kein Spiel mit dem „berühmten Typen“ statt, erst die Angst vor selbigem bringt es in Gang. Der „berühmte Typ“ schlägt einen Fan zusammen, der nur ein Autogramm von ihm wollte, weil er alles um sich herum als große Bühne der versteckten Kamera betrachtet (er hat ja eine Kamera und einen Sendewagen gesehen). Somit hatte die versteckte Kamera in diesem Fall also nie irgendeine aktive Macht, aber die Furcht vor ihr hat den „berühmten Typen“ dazu gebracht, nach ihren Regeln zu spielen und mit der gewalttätigen Auseinandersetzung mit dem Fan Zündstoff zu liefern.
    Er hat sich von allein den Gesetzen der Gesellschaft unterworfen, der äußere Zwang wahr nur falsch interpretierter innerer Zwang.

  • Reply Hans 8. 12. 2008 at 16:44

    Beeindruckender Film, der diese Wertung auf jeden Fall verdient hat. Deutlich intensiver als jede deutsche Behandlung des Themas „soziale Unterschichten“.

    „[…] die Bahn in das nächste Berliner Problembezirk nehme, um das Ganze nochmal in Farbe zu sehen.“ – Viel Spaß beim Bahnfahren, aber viel wirst du meines Erachtens nach nicht sehen. Als Berliner merkt man den Unterschied zwischen Friedrichshain und Neukölln zwar deutlich, aber im Blick auf die französischen Banlieus relativiert sich das ganz. Einerseits sind die geo-grafischen Ausprägungen anders: In Berlin fährt man zwischen den Bezirken hin und her, wann und wie es einem passt. Wie im Film zu sehen ist, sind die Banlieus aber vorgelagert und die öffentlichen Verkehrsmittel fahren nur äußert selten – vielleicht auch ein Mittel um die sozialen Schichten voneinander fernzuhalten. Hinzu kommt, dass es dankenswerterweise in Berlin noch keine Elitetruppen gibt. Zwar beobachtet man auch hier viele „gepanzerte“ Polizisten in Neukölln und Kreuzberg, die aber meistens normale Hunderschaftspolizisten sind. In Frankreich gibt es dafür extra ausgebildete Elitetruppen.

    Also ist der Vergleich der Problemzonen für mich recht weit hergeholt. Die Situation in Deutschland ist noch nicht so verzwickt, hier gibt es deutlich mehr Handlungspotenzial.

  • Reply Trash-Gordon 8. 12. 2008 at 21:12

    Ich errinnere mich nicht mehr an den Film, aber ich weiß noch, dass ich ihn sehr gut fand. ( Das ist bei mir oft so) Und wenn man sieht, für welcherlei Diskussionen der Film hier sorgt, spricht das wohl nur dafür, dass er das auch ist.

  • Reply nio 8. 12. 2008 at 22:17

    Was heisst Hass auf griechisch?

  • Reply μισόσ 8. 12. 2008 at 22:23

    @nio: Der griechische Hass heißt Epaminondas Korkoneas, ist Polizist und hat einen Jungen getötet.

  • Reply badeboom 9. 12. 2008 at 14:10

    Toller Film, einer meiner liebsten aus den 90ern – hab ich damals sogar im Kino gesehen. Hätte mir damals jemand erzählt, dass Vince sich mal die Bellucci krallen würde… Der Sack!

  • Reply Fairbloggt.de - Hää!? » Blog Archiv » Hass in Brügge 11. 1. 2009 at 16:07

    […] zweite Film, den ich gestern zum Einschlafen nutze ist “Hass – La Haine“, ein französischer schwarz-weiß Film, der die Probleme der Pariser Vorstädte behandelt. […]

  • Reply yoyo 11. 1. 2009 at 16:25

    Habe den Film hier seit einigen Wochen auf HD-DVD rumliegen… irgendwie reizt es mich jetzt, mir das Teil heute Abend reinzuziehen… Ich bin gespannt! :)

  • Reply Scuzzlebutt 27. 2. 2009 at 15:23

    Geniale Kamera nebenbei!
    Ich erinner an die Szene in der Vince vor’m Spiegel steht & wir erst hinter ihm sind dann über ihn drüber fliegen, als er sich grad bückt, um ihn dann von vorne im Spiegel zu sehn. Weiß der Geier wie das technisch ging aber schwer beeindruckend… + zig andere Sachen.
    Ne Deutung für die Kuh anyone?

  • Reply Lena 14. 4. 2009 at 9:34

    Es ist nie zu spät für gute Filme :)

  • Reply Emil 29. 10. 2010 at 16:08

    @Scuzzlebutt

    Die Kuh symbolisiert in der jüdischen Kultur einen Boten schlechter Nachrichten… Was für Vince am Ende des Films ja auch zu trifft.

    • Reply Britta 26. 7. 2017 at 15:32

      Hallo, danke für den Interpretationshinweis mit der Kuh, da rätselte ich doch auch….
      Im Übrigen: ich habe “ La Haine“ erstmals vor gut 15 Jahren im Seminar für Filmwissenschaft ( USHS) gesehen und vorgestellt bekommen und mein damaliger Prof. schloß mit den Worten: ja, aber was soll das Ganze uns nun sagen…“ Gewalt gegen Gewalt“ und NU?. Tja, zunächst einmal fand ich den Film trotzdem wichtig, weil schon damals exctrem REALISTISCH in seiner Darstellung.
      Heute, zur Zeit beschäftige ich mich wieder mit diesem Film, weil ich überlege ihn in meinem DaF Unterricht mit Flüchtlingen zu zeigen und durchzusprechen….damals sah ich ihn auf Französisch, heute auf Deutsch…und ja, der Einwand meines Profs zeigt sich in der deutschen Fassung meiner Ansicht nach auch ein wenig…ABER: vielleicht könnte man den Film von Koosouvitz auch als radikalen Aufruf verstehen sich dem Gegenentwurf/ gelebten Buddhismus anzuschließen verstehen?
      (Obwohl ich persönlich mich in manchen Aspekten des Buddhismus schwertue mit dem Verständnis)…ABER: es wird doch so dargestellt, dass Gewalt gegen Gewalt immer neue Gewalt ergibt. Eine Lösung ist nicht in Sicht, selbst Hubert, der sich redlich bemüht, aht am Ende wieder die Waffe in der Hand…also bleibt ja NUR: Gar KEINE GEWALT, nicht das kleinste Bisschen, sonst löst sich die Gewaltspirale nie auf… naja, war nur so ´ne Idee…..

  • Reply La Haine 25. 9. 2012 at 20:21

    Sehr Guter Film, der die Parallelen dieser Welt zeigt und zum Nachdenken
    anregt.Auch in Deutschland haben wir dieses Problem mit Migranten, das
    sie nirgendswo richtig dazu gehören und eher abseits stehen.

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