Australia (Review)

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“Just because it is, doesn’t mean it should be.”

Originaltitel: Australia
Herstellungsland: Australien/USA 2008
Regie: Baz Luhrmann
Darsteller: Nicole Kidman, Hugh Jackman, David Wenham, Bryan Brown, Ray Barrett, Tony Barry, Shea Adams

★★★½☆

australia1Ein erstes großes Epos wollte er seiner Heimat Australien schenken, die erste kleine Enttäuschung seiner bisherigen Filmkarriere ist es geworden. Nun scheint Baz Luhrmanns gewaltige Ambition – und alles an “Australia” ist irgendwie gewaltig gewollt – jedem Bild fest eingeschrieben: Mit jener Inszenierungsfreude, jenem Elan und Stilwillen ins Leben gerufen, die schon seine Red Curtain-Trilogie zum unverwechselbaren Theatralikrausch ausschmückten, ist das fast dreistündige Mega-Melodram in erster Linie eine Beschwörung an die Filmgeschichte – weniger an Down Under.

Weil sie glaubt, ihr Mann betrüge sie am anderen Ende der Welt, macht sich Lady Sarah Ashley (Nicole Kidman) kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges von London nach Australien auf. In Darwin trifft die ungehobelte Dame auf ihren Führer durch das Nothern Territory, den raubeinigen Viehtreiber Drover (Hugh Jackman), mit dem sie nicht nur verbal aneinander gerät. Nachdem Sarah vor Ort überraschend vom Tod ihres Mannes erfährt, versucht sie dessen verbliebene Rinderfarm zu retten. Gemeinsam mit Drover und dem Aborigine-Mischling Nullah (Brandon Walters) muss sie sich auf ihrer Reise durch das australische Land gegen den zwielichtigen Vorarbeiter Neil Fletcher (David Wenham) und dessen Handlanger durchsetzen.

“Australia” ist ganz oft alles und irgendwie auch immer nichts. Er ist Liebesschnulze, nein, Schmachtfetzen par excellence, und er ist auch Kriegsspektakel, Rassismusdrama, Westernabenteuer. Er meint viel über die Kultur seines Landes, die Aborigines, die Kolonialisierung, die Städteentwicklung zu erzählen, und dazu gibt es weite Landschaftsaufnahmen mit untergehenden Abendsonnen und hüpfenden Kängurus, viel Outback-Romantik und noch viel mehr Ethno-Kitsch serviert. Aber eigentlich bildet all das nur historische Kulisse, deren Ausstattungsstaffage einzig Hintergrund sein darf für die mächtige Liebesgeschichte zwischen Nicole Kidman und Hugh Jackman. Und hier kommt der deutlichste Bezugspunkt zustande: Luhrmanns Postkartenepos wähnt sich als Gefühlskitsch in der Tradition von “Gone with the Wind”, als Geschlechterzwist wie in “African Queen” und als Kolonialromanze à la “Casablanca”.

Und es weht mehr als nur ein Hauch Filmgeschichte durch “Australia”. Noch während der großartig überladenen, comicartigen und fast anti-epischen Exposition erlaubt sich Luhrmann jene ungenierten Frechheiten, für die man seinen letzten Film “Moulin Rouge” so lieben musste. Jackman wird als Leone-Eastwood eingeführt, Kidman als – very sophisticated – aristokratische Zicke in Anlehnung an Katherine Hepburn. Der Übermut ist wunderbar, der Gestaltungsdrang zum Verlieben – die erste Hälfte ist brillantes Hülsenkino, in das Luhrmanns Liebe in großen Massen einströmt. Sie besteht aus Fetzen, Zitaten, Relikten, alles gebündelt zu denkwürdig schönen Szenen, einem Best-Of filmgeschichtlicher Ingredienzien. “Australia” ist lange Zeit ein Musical, dessen Songs durch postmoderne Magic Moments des Kinos ersetzt wurden. Die noch immer erfrischenden Brüche in Luhrmanns Umgang mit Referenzvorbildern, die nie ostentative Ironie sind auch hier, in seinem vierten Film, noch von bemerkenswerter Qualität.

Doch dann läuft “Australia” noch knapp 90 Minuten weiter. Und es zeigt sich, dass die Beschwörungseffekte keine weitere Bedeutung tragen, ja, fast penetrant ausgereizt werden: Der immer wiederkehrende Verweis auf den “Wizard of Oz” (Oz ist im Englischen die Abkürzung für Australia) verkommt ohne größeren Bezug zum repetitiven und später leider redundanten Einwurf, immer dann, wenn der Film gerade nicht zu wissen scheint, was er zu tun hat. Er offenbart seine Indifferenz, und vor allem, ja leider, dass es eigentlich nichts zu erzählen gibt. Dem Film fehlt die Tragweite, das wirklich Epische, das echte erzählerische Gewicht. Paul Thomas Anderson entwarf jüngst mit “There Will Be Blood” ein ätzendes Nationaldenkmal, das auf ästhetischen Bildern der Filmgeschichte aufbaut. Luhrman nutzt dieselben Eindrücke, doch es reicht gerade einmal für den Rohbau, vielleicht nur gar ein paar Skizzen. Ein ansehnlicher Film ist es dennoch, aber einer ohne großen Atem und mit viel offener Luft nach oben.

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About the author

Rajko Burchardt mein es gut mit den Menschen. Die Spielwiese des Bayerischen Rundfunks nannte ihn vielleicht auch deshalb "einen der bekanntesten Entertainment-Blogger Deutschlands".

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13 Comments

  1. Bateman

    Schön geschriebene Rezension.

    Zum Film an sich hab ich eigentlich nichts zu sagen, werd den höchstens mal auf DVD anschauen.

  2. Kazoo

    Abgesehen davon, dass die Rezenssionen der 5 Filmfreunde (vor allem Batzmanns) oft mit meinen eigenen Eindrücken übereinstimmen, habe ich mich heute gefreut zwei sehr interessante, sprachlich ästhetische Kritiken auf Eurer Seite gelesen zu haben. Danke.

  3. Mickey

    Und dann trotzdem drei einhalb Punkte?

  4. dirka

    Mit der Feder geschrieben und nicht mit dem Edding – und eben deswegen fast schon chirurgisch genau auf den Punkt gebracht. Großartige Rezension.

  5. Dürk

    Ja, euer Review-Niveau steigert sich stetig. Euer “Neuzugang” steht euch gut, die Rezension ist erstklassig und hat Format.

    Daumen hoch für Jet!

  6. Fading

    ..dem kann man sich nur anschließen. Grandios rezensiert,
    ansehen werd ich mir den Schinken trotzdem, allein schon
    wegen des sexiests man alive

  7. alanger

    nee, kann man sich nur NICHT anschließen. grandios mittelmäßig rezensiert muss es diesmal lauten.

  8. Die Gosch » Blog Archiv » Uh Uh Kinotipp!

    […] was? Achso. Subber Film! Ja, die fünf Filmfreunde haben schon recht: “Schmachtfetzen” triffts ziemlich genau. Aber ich steh auf sowas. […]

  9. Birgit

    Ich fand den Film grandios!!
    Trotzdem ist die Kritik tatsächlich sehr schön formuliert, wenn ich eben auch nicht in allem zustimmen kann.
    Auch ich fand die erste Hälfte bezaubernd, aber eben auch die zweite. Ich finde, daß in der 2. Hälfte sehr viel erzählt wird, was wichtig ist für die Gesamtheit des Werkes.
    Tatsächlich HÄTTE man den Film nach der Hälfte enden lassen können, aber, man, war ich glücklich, daß es nicht so war.
    Einer von den Filmen, wo man im Kino sitzt und hofft, er möge NIE vorbei gehen (hatte ich auch bei “Herr der Ringe”).
    Genau wie geschrieben- der Film ist alles in einem oder von jedem etwas. Für mich aber in perfekter Harmonie!!!

  10. Dickes Beh

    Um Himmels Willen! Dreieinhalb Punkte – wofür nur? Für Jackmans zugegebenermaßen beeindruckenden Oberkörper? Kidmans permanenten Tränenfluß?

    Nichts an diesem Film stimmt, abgesehen von den Landschaftsaufnahmen. Frau Kidman will eine Aristokratin sein, knickt aber (abgesehen von einem Peitschenhieb) permanent vor den ortsansässigen Viehtreibern ein – erinnert sich irgendwer daran, daß zu diesem Zeitpunkt so gut wie alle britisch-stämmigen männlichen Einwohner Australiens entweder verurteilte Kriminelle oder deren Nachkommen waren? Doch Frau Kidman als angebliche britische Adelige sieht NICHT auf diese Leute herab, spricht sogar mit denen ganz normal – das ist doch komplett dumm und unrealistisch.

    Weiter. Das Gesäusel von “Milky” a la “Ich möchte so gern Weißer sein” und ähnlicher Kitsch, grauenvoll. Ich war wirklich und wahrhaftig kurz vorm Weglaufen. Und immer wieder diese kleinen, ach so süßen Grammatikfehler in seinen Sätzen, damit auch ja jeder, huhuuu, mitbekommt: Ja, hier handelt es sich um einen Eingeborenen. Er nicht sprechen unsere Sprache. Er ist, ja, was eigentlich? Nervig, lästig. Und doch so süüüüüß. Fast so schlimm wie Frodos übergroße Glubschaugen im “Herrn der Ringe”, die mich auch permanent nach einem Augenarzt rufen ließen.

    Und a propos zitieren. Mag ja sein, daß Onkel Buz mutig ein Zitat an das andere reiht. Aber das reicht hinten und vorne nicht. Die ganze Geschichte ist komplett an den Haaren herbei gezogen, keine Linie, kein Ziel. Keiner der Charaktere ist irgendwie liebevoll oder genauer beschrieben, alles bleibt oberflächlich. Selbst die einzigen glaubwürdigen Personen (und damit sind sie eigentlich auch die einzigen Sympathieträger), der saufende Buchhalter und der hilfreiche Offizier, bleiben blass.

    Jet hat vollkommen recht – man merkt, wie der Film vor sich hin pätschert, und man langweilt sich einfach nur, besonders im zweiten Teil. Wenn man sich nicht, wie ich, kräftig über das rausgeschmissene Geld ärgert. Man hat das alles schon mal gesehen – die Landschaftsaufnahmen bei National Geographic (dort nur besser), den Seelenschmerz bei Gabel und Leigh, das Kriegsdrama von Private Ryan bis -von mir aus- Pearl Harbor, die Problematik der Übermutter-Glucke in bestimmt mehr als hundert Filmen zum Thema und die Lagerfeuerromantik wirklich tausendmal besser in “Jenseits von Afrika”, von wo die Bar-Szenen eben auch nicht zitiert, sondern schlicht geklaut sind.

    Und das alles auch noch durch den Ethno-Kitsch zusammenzukleistern, hah!, das ist der Gipfel. Doch selbst da ist Luhrmann feige. Statt klipp und klar zu zeigen, wie die arroganten Briten auf ihrer Gefängnisinsel die Einheimischen brutal in den Tod getrieben haben, sieht man statt dessen den Opa mit dem schönen Namen “King George” (wie sinnlos ist das denn, wer von den Aboriginies hätte sich freiwillig nach einem britischen Potentaten benannt?!) einbeinig in der Weltgeschichte herumstehen, während um ihn herum Granaten und Schrapnelle explodieren, ohne daß er einen Kratzer davonträgt. Vielleicht hatte sogar das Eisen in der Luft ein schlechtes Gewissen und hat ihn deshalb verschont, wer weiß. Großer Zauber, das.

    Ich habe mich lange nicht mehr so über einen Film geärgert. Aber Einschlafen ging leider auch nicht, dazu war er zu laut.

    Einen halben Stern würde ich geben, weil es wohl Frauen gibt, die Herrn Jackman attraktiv finden, und ich fand auch die Filmmusik manchmal ganz nett. Jedoch definitiv nix für radebrechende Minderjährige, die andere Menschen permanent herbei-singen wollen. Ach ja, furchtbar lang ist der Schinken auch noch. Aber wenigstens war es im Kino warm.

  11. Bernadette

    Habe den Film gerade gesehen und muss auch einerseits sagen das er wirklich kitschig ist.Ich mag solche Filme im Prinzip nicht-jedoch retten mich meine Gedanken immer davor, es beschissen zu finden weil sie immer einen passenden Kommentar dazu finden.

    Was ich jedoch sehr gut fand war die Darstellung der Ureinwohner und der Situation. JEDOCH nicht für Menschen, die sich mit der Materie tiefer auseinandersetzen wollen und dann (wie oben) feststellen, das es sich damals nicht gans so verhalten hat mit Engländern und Australischen Engländern.

    Ziemlich unberechenbar finde ich diesen Film auch-man kann zwar erahnen was passieren wird, das jedoch dann der Krieg kommt, daran denkt man eigentlich nicht mehr, wenn der Film schon 1,5 Std läuft.

    Die Wortwechsel finde ich sehr gut, außerdem muss ich auch eingestehen, das ich Hugh Jackman einfach rattenscharf finde.Er rettet den Film zwar nicht wirklich, aber das muss er ja meiner Meinung nach auch nicht erledigen. Für jeden ist was dabei-den Skeptiker, um Fehler rauszufinden, für den Kitschliebhaber/die romantischen Frauen, für Gemetzel-& Kriegsfilmliebhaber und vor allem für den Landschafts-&Naturliebhaber. Ich war sehr beeindruckt von der Ausführung der Naturaufnahmen und von den Schnitten derselben.

    Ich finde, man sollte sich den Film auf jeden Fall anschauen, es kann aber bei Bedarf auch warten bis er im Free TV läuft;)

  12. meistermochi

    diese bilder? im tv? wozu?

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