-”Where is your compassion?”
-”Nowhere you can get at it. “
Originaltitel: Doubt
Herstellungsland: USA 2008
Regie: John Patrick Shanley
Darsteller: Meryl Streep, Philip Seymour Hoffman, Amy Adams, Viola Davis, Alice Drummond, Audrie J. Neenan, Susan Blommaert






1964: Die in der Bronx gelegene St.Nicholas Elementary-School untersteht dem harten Nonnenregiment von Schwester Aloysius (Meryl Streep). Für sie ist es eine Auszeichnung, dass die Schüler sie fürchten. Mißtrauisch beäugt sie die sich wandelnde Welt, die Anfang der 60er grade die Nachwehen der Rock’N'Roll-Revolution durchlebt. Weltliche Musik, Undiszipliniertheit, kritisches Denken sind der resoluten Nonne ein Dorn im Auge.
Sie ermuntert ihre Lehrerinnen Härte zu zeigen und wachsam zu bleiben. Insbesondere Pater Flynn (Philip Seymour Hoffman) ist ihr mit seiner modernen Einstellung, den ungewöhnlichen Predigten und seiner weltoffenen Haltung suspekt. Als die junge Lehrerin Schwester James (Amy Adams) beobachtet, dass Flynn einem Jungen – dem einzigen Schwarzen an der Schule – besondere Aufmerksamkeit widmet und dieser Junge daraufhin einen scheinbar verstörten Eindruck macht, befürchtet Schwester Aloysius das Schlimmste.
Fortan setzt sie alles dran Flynn als Kinderschänder zu entlarven und ihn der Schule zu verweisen. Eine schwere Anschuldigung, die es dem Pfarrer nicht leicht macht sich zur Wehr zu setzen…
Ein Zufall, dass mit “Doubt” eine zweite hochkarätig besetzte Theaterverfilmung anläuft. Doch damit enden auch schon die Parallelen zu “Frost/Nixon“, denn hier geht es wesentlich schwerblütiger und ernsthafter zur Sache. Ein heikles Thema, das sich John Patrick Shanley hier vorgenommen hat und eine ebenso heikle Konstruktion. Das Thema falsche (oder zumindest zweifelhafte) Beschuldigung ist brisant und der Aufarbeitung wert, das Setting drängt jedoch die Frage auf, ob hier nicht Täter zu Opfern stilisiert werden. In Zeiten in denen die Kirche, grade in Amerika immer noch sehr widerstrebend, oft sogar vertuschend bei der Aufklärung ephebophiler Übergriffe von Geistlichen auf ihre Mündel agiert und die eigentlichen Opfer viel eher beschuldigt und beschädigt werden, als die Priester, hat es doch einen etwas faden Beigeschmack, wenn in diesem Film vor allem der Priester als Opfer voreiliger Verdammung präsentiert wird. In diesem Fall mag es berechtigt sein, aber die Realität sieht wohl eher anders aus.
*Some Small Spoilers Ahead*
Dabei macht es die wenig differenzierte Figurenzeichnung nicht eben einfacher das Ganze zu verdauen. Schwester Aloysius scheint der Klischeekiste der bösen Schwester Oberin entstiegen, die man so platt nichtmal in Sister Act präsentierte. Pater Flynn ist hingegen ganz der hippe, weltoffene Kirchenrevoluzzer, der Kinder zum selbständigen Denken erzielt, Popmusik “dufte” findet und lange Fingernägel hat. Die Beckmessereien von Schwester Aloysius sind Legion, Figuren wie sie bevölkern hunderte Filme und nur Meryl Streep kann verhindern, das diese Schwester vollends zur Karikatur wird. Sie macht ihre Sache ordentlich und entfaltet durchaus die gewohnte Leinwandpräsenz, doch wenn ich ehrlich bin, hat ihr ihre Rolle in Mamma Mia! mehr abverlangt, als diese Scherenschnitt-Nonne zu geben. Eine Aktrice vom Kaliber der Streep spielt sowas im Schlaf, genau wie Pater Flynn für jemanden wie Hoffman keine wirkliche Herausforderung ist. Es sind keine großen, komplexen Rollen, es sind Fingerübungen, die beide mit gewohnter Professionalität abliefern. Nur am Ende, wenn es dann ganz Zeigefingerig zugeht und Aloysius tränendick ihre Zweifel in den Abspann schreit, gerät auch eine Streep an die Grenzen ihrer Glaubwürdigkeit. Am einfachsten hat es wohl noch Amy Irving, die den ganzen Film etwas naiv aus der Wäsche schaut und sich damit zufrieden geben darf, sehr sympathisch zu sein.
Bei der Härte des Themas, das nach einer vielschichtigen Betrachtung verlangt, überrascht es, wie sehr Doubt oft dahinplätschert, wie sehr man die Theaterluft spürt, wie wenig dramatisch der Film doch wirkt. Das mag auch daran liegen, das er sich, genau wie Schwester Aloysius, nicht wirklich für das vermeintliche Opfer des Films interessiert. Der Junge, an dem sich Flynn angeblich versündigt haben soll, darf dreimal durchs Bild laufen. Der Film bezieht keine Position, lässt ihn als Figur im Regen stehen. Er ist ein MacGuffin, eine Plotidee. Weil er nicht wichtig scheint, bleiben alle Sympathien bei Pater Flynn, der sich verzweifelt gegen die bösartig, ungerechte Reaktion der Schwester Oberin wehren darf. Ihm gilt, mangels anderer ernsthafter Identifikationsfiguren das Interesse des Publikums. Er stellt das menschliche Zentrum des Films dar. Was leider dazu führt, das es am Ende auch keinerlei Wirkung hat, wenn zumindest Zweifel an seiner Unschuld gesäht werden. Die vermeintliche Tat und ihre Folgen bleiben abstrakt, ja sie werden noch relativiert durch eine der schauspielerisch überzeugensten Szenen des Films.
Dort stellt Schwester Aloysius die Mutter des Jungen zur Rede, die sich überraschend unbeeindruckt von den Vorwürfen zeigt. Ihr ist wichtiger, dass der Junge einen guten Schulabschluss hat, damit er es im Leben einmal besser hat als sie. Sie erlebt die positive Wirkung die Flynn auf den Jungen hat. Der Pater beschützt ihn vor den Hänseleien von Mitschülern, gibt ihm Selbstbewusstsein und bestärkt ihn etwas aus sich zu machen. Aus Sicht der Mutter ist ein eventueller Mißbrauch durch den Prieser das kleinere Übel, zumal sie ehe fürchtet ihr Sohn könnte schwul sein. Mitschüler und sein Vater verachten ihn für sein “Anderssein” – da wäre selbst ein ephebophiler Priester als Schutzpatron der harten Schulrealität vorzuziehen. Dieser Dialog hat es in sich, denn er setzt die Zuschauer einem moralischen Dilemma aus, das keine einfachen Antworten kennt. Violas Davis spielt die Mutter des Jungen mit eindringlicher und bewegender Intensität. Hier hat der Film eine Ambivalenz und eine Qualität, die er so leider nicht wieder erreicht.
Das offene Ende wirkt hingeschludert, die finale Auseinandersetzung erreicht nie die Wucht, die sie eigentlich haben müssen. Schauspielerisch fahren Hoffman wie Streep hier mit angezogener Handbremse und ich hatte das Gefühl: Sie könnten soviel besser sein, wenn das Buch ihrem Talent nur würdig wäre.
Ein Meisterwerk. Ich habe Zweifel. So große Zweifel.


Von 






































Im Theaterstück kommt der Junge gar nicht vor … Pfarrer, olle Schwester, junge Schwester, Mutter … fertig. Vielleicht hätte das hier auch gut getan. Aber der mögliche Missbrauch selbst spielt in diesem Stück (unabhängig von der Realisierung) wirklich keine Rolle.
Es mag sein, dass du dich mangels anderer männlicher Personen besonders mit dem Pfarrer identifizieren konntest, allerdings wird er hier nicht wirklich als Opfer dargestellt (außer aus seiner eigenen Sicht) und es wird völlig offen gelassen ob er schuldig ist oder nicht.
Ich habe das Gefühl, dass der Film dir sein Thema nicht wirklich transportieren konnte, deine Kritik klingt “alleingelassen” und tatsächlich soll der Stoff den Zuschauer ja auch alleinlassen, allerdings alleine mit Richtig, Falsch, Gut und Böse und nicht ganz alleine.
Was der Film will lässt er nicht wirklich im Unklaren. Der Schluss ist so plakativ und platt, dass man ganz sicher versteht was gemeint ist.
Das ändert aber nichts dran, dass die Figuren sehr eindimensional gestaltet sind und das die Story einfach keine echte Fallhöhe hat.
Hoffman und Streep spielen gut, aber so wie ihre Rollen angelegt und geschrieben sind, bleiben sie Karikaturen und keine Charaktere. Das mag auf der Bühne noch grade so funktionieren, weil dort generell abstrakter und ideengetriebener inszeniert wird. Im Film, in vorgeblich realen Settings funktioniert das eher schlecht…
Hier noch ein ganz ulkiges Zitat eines US-Kollegen, das ich eben noch entdeckt habe:
“Doubt, on the other hand, ends on a note so ridiculous, so heavy-handed and over-the-top that it would have been right at home during some cartoon parody of pretentious Oscar do-gooders trying to shout its message towards your 6-D glasses. Rushing back comes all the over-hammered nails of a film built upon its ambiguity and we end up laughing at the moment we should be thunderstruck. Whatever doubts I had about what side of the fence I was sitting on were lifted almost instantaneously as the flaws of its ambitions and the inconsistencies of its moral parables were too great to ignore. If only it had a little more faith in its audience to accept its message of understanding without resorting to such overdramatics that even Kindergardners could get an A+ for spelling out, we may have been willing to return to its Sunday discussions more often. I’m sure of that.”
efilmcritic.com/review.php?mov...
Schön, dass der US Kollege sich so sicher ist – ich habe mich zum Schluß gefragt an was die olle Schwester zweifelt … an Gott … an der Kirche … an der Schuld des Pfarrers (von der sie sich im Satz zuvor weiter überzeugt zeigt) …
Die gängige Interpretation ist es, das sie an ihrem Glauben zweifelt, bzw an der Institution Kirche. Das Problem ist jedoch, dass es mich schlicht nicht besonders interessiert, wenn sie damit hadert. Ihre Figur ist zu eindimensional, zu holzschnittartig, als das es mich tatsächlich irgendwie berühren würde, wenn sie eine Lebenskrise hat. Und der Punkt des obigen Zitats war für mich auch eher der schlechte Schlussatz, die Art wie das ganze inszeniert wird. Da merkt man, das ein Theatermann am Werke war, der zudem noch das Stück geschrieben und kein echtes Gespür dafür hat, das man für Film etwas subtiler inszenieren muss als im Theater, wo alles so gespielt wird, das es auch Hein Blöd in Reihe 30 noch erkennen kann und zudem generell weniger naturalistische Performances erwartet werden. Und man sollte nie vergessen, das der Autor im Filmbereich bislang eher durch Gurken wie “Joe gegen den Vulkan” und “Congo” aufgefallen ist ;)
Ich stimme der Filmkritik zu und frage mich ebenso an was Fr Streep am Ende zweifelt. Am Film?
Die Szene mit Viola Davis ist jedoch herrausragend – sie hätte den Oscar schon verdient.
Man muss jedoch auch fair sein – der Autor (und Regisseur) hat zwar Congo und Joe vs the vulcano geschrieben – aber ebenso Moonstruck für welchen er den Oscar bekommen hat. Und Doubt basiert auf seinem Theaterstück für welches er den Purlizerpreis bekommen hat. Gurken war hier nicht am Werk.
Hm, ich kann Euch leider bei der Einschätzung der Rollen und Charaktere überhaupt nicht zustimmen, denn der Film heißt ja nicht ohne Grund “Glaubensfrage” bzw. “Zweifel” (übersetzter Originaltitel). Diese Titel sind nämlich doppeldeutig und beziehen sich auch auf die Rolle des Zuschauers! Und genau das ist das Meisterliche der Vorlage und des Films: Dass sie es schaffen, den Zuschauer total zu verunsichern und ihn wechselseitig an den Figuren zweifeln zu lassen, weil theoeretisch jede Möglichkeit stimmen kann und es für alle Varianten Hinweise und Argumente gibt. Damit wird man dann quasi zu einem Geschworenen in einer Gerichtsverhandlung, der sich eine eigene Meinung zu dem Fall bilden muss (was in Bezug auf die Figuren am Ende durchaus eine “Glaubensfrage” sein kann). Es gehört in diesem Zusammenhang zur Strategie des Films, dass die Figuren gerade NICHT “sehr eindimensional gestaltet” sind. Da ist Euch wohl einiges entgangen! Die Sympathien sind in dieser Hinsicht auch keinesfalls nur beim Priester, der eben vielleicht doch auch ein besonders gewieftes Kinderschänder-Arschloch sein könnte (Ihr seid ihm – diese Möglichkeit betreffend – sozusagen auf den Leim gegangen!). Warum gibt er denn zum Beispiel nach bzw. auf, als er das mit dem Anruf in seiner früheren Gemeinde gesagt bekommt (obwohl es laut späterer Aussage der Nonne erfunden war)? Es ist wirklich nicht ganz so einfach, wie Ihr denkt, und genau das ist die große Stärke des Films, der deswegen meiner Meinung nach auch tatsächlich durch und durch ambivalent ist. Der einzige Vorwurf, dem ich zustimmen kann, ist der Umstand, dass das Ganze nicht sehr filmisch rüberkommt.
entschuldigung, aber “joe gegen den vulkan” ist wohl alles andere als eine gurke!