Kurzreviews: Zeiten des Aufruhr, Der fremde Sohn, Death Race und mehr

16 Comments

Es kommt leider immer wieder vor, das einfach nicht die Zeit da ist um alle Filme die ich gesehen habe auch ausführlich zu besprechen. Deswegen hier eine neue Runde unserer beliebten Reihe an Kurz-Reviews, von aktuellen und älteren Filmen.

Diesmal dabei: Zeiten des Aufruhrs +++ Der Fremde Sohn +++ Der Mann der niemals lebte +++ Death Race +++ Eagle Eye +++ Swing Vote – Die beste Wahl +++ Bank Job +++ Summer Scars


Zeiten des Aufruhr – Revolutionary Road – USA 2008
★★★★☆

Frank und April Wheeler leben den (Alp)Traum der sechziger Jahre. Nach außen führen sie als Vorzeigepärchen eine Musterehe. Er arbeitet, sie kümmert sich um die Kinder und das Häuschen in der Vorstadt. Doch im hinter der dünnen Fassade lebt der Alltagsfrust, die Enttäuschung, die Leere des in Routine gefangenen Lebens. Sam Mendes liefert hier eine mit Leonardo DiCaprio und Kate Winslet genial besetzte Variante eines altbekanntes Themas, an dem er sich auch schon in “American Beauty” abgearbeitet hat. Natürlich ist das alles nur eine Variation bekannter Motive irgendwo zwischen “Wer hat Angst vor Virginia Woolf”, “Look back in Anger” und “Al Bundy” – aber die Umsetzung ist sehenswert. Es herrscht eine konsequent düstere Stimmung wenn wir Frank und April dabei zusehen, wie sie verzweifelte Versuche unternehmen der kleinbürgerlichen Gewohnheitsfalle zu entkommen. Und natürlich ist die Besetzung ein Coup, weil sich permanent der Gedanke aufdrängt: So wären Jack und Rose auch geendet, wenn die Titanic damals nicht abgesoffen wär. Kate Winslet spielt die Rolle der Ehefrau, die alles dafür Tun würde aus dem tödlichen Trott zu entkommen perfekt und Leo überrascht einmal mehr mit seinem Facettenreichtum, einer Palette die innerhalb kurzer Zeit zwischen extrem liebenswürdigkeit und verbiestertem Beamtenspießer hin und her springt. Sehenswert auch die Nebenrollen: Kathy Bates ist als gouvernantenhafte Nachbarsspiesserin zwar nur eine Karikatur, aber eine sehr unterhaltsame und Michael Shannon schafft es in wenigen Szenen den in einer Nervenheilanstalt lebenden John Givings, mit dem die Wheelers sich zunächst anfreunden, mit beeindruckender Präsenz, Scharfsicht und Witz zu zeichnen. Ein Film der nicht viel neues enthüllt, aber eine gelungene Iteration des Themas darstellt, die durch die gekonnte Inszenierung, wie auch die beeindruckenden Performances zu überzeugen vermag.


Der fremde Sohn – The Changeling – USA 2008
★★★★☆

Spannendes Period-Drama, das die von wahren Ereignissen inspirierte Geschichte packend und optisch überzeugend erzählt. Trotz vieler Handlungsfäden gelingt es Eastwood einmal mehr das ganze schlüssig zuende zu erzählen. Angelina Jolie macht ihre Sache – bis auf das teilweise etwas grotesk wirkende Make-Up – überraschend gut und auch die restliche Besetzung kann sich sehen lassen. Packende Unterhaltung, der man ihre Länge nicht anmerkt. Die aufwendig getrickste 20er Jahre Atmosphäre schafft es die Geschichte zu unterstützen, sich aber – im Vergleich mit Benjamin Buttons optischen Sperenzchen – nicht unangenehm in den Vordergrund zu spielen. Auch wenn Eastwood hier das Rad nicht neu erfindet, er beweist einmal mehr, dass er ein souveräner Geschichtenerzähler ist, der es schafft Anspruch und Unterhaltung blendend zu verbinden.


Death Race – USA 2008
★★★½☆

Der Film orientiert sich fast stärker an der Carmageddon-Spiele-Serie als an dem Original, dass diesen Spielen als Vorbild diente. Testosteron-Action im Game-Design. Für alle die mit D.O.A. oder Mortal Kombat schon nichts anfangen konnten, wird auch diese simple und selbstironische Kracher wenig zu bieten haben. Im Rahmen seiner Parameter, als reiner Jungs-Film, funktioniert allerdings tatsächlich recht gut. Der fahle Look, die platten Charaktere und die markigen Sprüche stimmen. Die Action könnte bisweilen mehr Übersicht vertragen erfüllt jeden ihren Zweck. Der Film steht und fällt allerdings mit Jason Statham, der es einmal mehr schafft aus einem tumben Actionklotz eine sympathische und durchaus humorvolle Figur zu machen. Death Race solide Unterhaltung, solange man nicht mehr erwartet als die dünne Prämisse verspricht.



Der Mann der niemals lebte – Body of Lies – USA 2008

★★½☆☆

Ein unglaublich behäbiger und plakativer Technothriller ohne echten Thrill, der nie wirklich aus dem Quark kommt. Wie ein überlanger Werbespot für Handys wird die simple Story, durch ständige Ortswechsel als komplex verkauft. Die moralische Dimension des ganzen Kriegs gegen den Terror wird zu keinem Zeitpunkt ernsthaft analysiert, kritische Einsprengsel bleiben modische Dekoration ohne Tiefgang. Letztlich interessiert sich Scott mit seiner hibbeligen Kamera dann doch mehr für stylishe Explosionen, als für komplexe Charaktere. Natürlich ist Russel Crowe die Idealbesetzung eines unsympathischen Arschlochs und Leo bemüht sich aus seiner albernen Rolle etwas zu machen. Aber bei so wenig Substanz strampeln die Darsteller über weite Strecken im ereignislos seichten, wie Hunde die im Ententeich paddeln. Ridley Scott, der seit Thelma & Louise keinen wirklich wichtigen Film mehr gemacht hat, sollte sich vielleicht endlich aufs verdiente Altenteil zurückziehen, ehe man völlig vergisst, dass er irgendwann mal Meilensteine wie Alien und Blade Runner gedreht hat.


Eagle Eye – Ausser Kontrolle – USA 2008
★★☆☆☆

Wahrscheinlich der dümmste High-Tech-Thriller seit Jahren.Selbst mit viel gutem Willen ist der Plot mehr als hanebüchen und scheint eine 1:1 Verfilmung eines Drehbuchs mit dem Wissensstand 1964 zu sein. Schafft es der Film zu Beginn wenigstens noch durch hohes Tempo die Unlogik zu verschleiern, wird es spätestens mit Beginn des zweiten Akts völlig albern. Die konservative Kehrtwende und das Hurra-Patriotische-Ende, die billige Wackelcaminszenierung der Actionszenen und der lächerliche Schluss – (im wesentlichen eine schlechte mit Techbabble aufgejazzte Mischung aus Der Mann der zuviel wusste und The Interpreter) versetzten dem Film den Todesstoß. Das Shia die meiste Zeit etwas ölig daherkommt ist auch nicht grade hilfreich. Einziger Lichtblick Billy Bob Thornton als knarziger FBI-Humpel.


Die beste Wahl – Swing Vote – USA 2008
★★½☆☆

Ein einzelner Joe Average entscheidet mit seiner Stimme die US-Wahlen, leider ist er ziemlich ignorant und nur seine smarte Tochter kann ihn retten. Was wie die Prämisse einer Simpsons-Folge klingt, kann leider auch auf Spielfilmlänge nicht mehr als ein paar konsenstaugliche Politkritiken und viel viel Pathos und Sozialkitsch präsentieren. Die gute Besetzung und solide Inszenierung helfen zwar über einige Schwächen hinweg, können jedoch nicht den sauren Geschmack vertreiben, den die mutlose und all zu nachsichtige Botschaft des Films vermittelt.


Bank Job – UK 2008
★★★½☆

Gut besetzter Real-Crime-Thriller im Retrolook. Statham überrascht mal wieder damit, das er mit seinem Bulldozer-Gesicht doch sehr subtil umzugehen weiß. Die Story ist so bizarr, dass sich wohl niemand getraut hätte sie zu erfinden. Es dauert etwas bis das Spektakel in Gang kommt, dann aber erwartet einen ein vielschichtiges Katz- und Mausspiel, das weit mehr zu bieten hat, als die üblichen Heist-Storys.

Hier gibts die DVD :Bank Job


Summer Scars – UK 2007

★★★☆☆

Gut gespielt und trotz erkennbar niedrigem Budget erstaunlich sicher inszenierter Psychothriller, der leider im letzten Akt den Fokus verliert und durch das überhastet wirkende Ende viel von seiner Wirkung einbüsst. Zwei, drei Überarbeitungen hätten dem Skript und seinen mit viel Potential gezeichneten Figuren sehr gut getan. Sehenswert, wenn auch in der Konsequenz nicht gänzlich überzeugend.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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  • http://www.funzt.net Misstschai

    Hmmm, so viele gute Bewertungen? Wirst du alt? ;-)

  • Claas

    Gute Reviews. Stimme vor allem bei “Zeiten des Aufruhrs” und “Changeling” mit den 4 Sternen voll zu. Erstem gebe ich sogar 4,5 Sterne.

    Darf ich ganz nerdig anwünschen, dass Ihr dennoch die Filme jeweils einzeln in Eure linke Sidebar aufnehmt, die dann alle auf diesen Artikel verweisen? :)

  • fiberoptiker

    Wobei Death Race mit den Aufnahmen von Jason Stathams nacktem Oberkörper ja auch was für’s weibliche Publikum (also mich) bietet ;-)
    Als hirnlose Actionunterhaltung funktioniert der Film jedenfalls sehr gut, ich hatte schon lange nicht mehr so viel Krawummspaß im Kino (Wanted fand ich einfach nur maßlos schlecht, bei Transporter 3 wurde die Stimmung durch diese grausam unnötige Liebesgeschichte gedrückt).

  • wortwelt

    3,5 Sterne fürs Todesrennen – ich bin konsterniert (weil ich mit einem Totalverriss gerechnet hatte…). Aber hey, hatte ich Spaß im Kino :D

  • http://twitter.com/floham floham

    für mich bekommt zeiten des aufruhrs max 2sterne. einen für den look des films, der die 60er schön lebendig macht und je einen halben für leo und kate. alles andere lohnt nicht – eine Figur wird nicht dadurch komplex, dass sie genau zwei gemütszustände zeigt: (a)konsterniert/brütend und (b)am Rande des Nervenzusammenbruchs schreiend. und warum sich diese beiden Personen überhaupt jemals mochten ist mir als Betrachter genau so unklar geblieben, wie den beiden Charakteren. Da schau ich mir lieber zum 10. Mal Ang Lees Eissturm an.

    Body of Lies war zwar auch kein Film, der mich länger als die zwei Stunden beschäftigte, den ich im Kino sass…aber es ist faszinierend zu sehen, wie ordentliches Handwerk (bei Regie, Schauspiel, Bildern, Sound) trotz schwacher/1000 gesehener Story doch einen vergnüglichen Abend ermöglicht. Der Film ist die manifestierte Absage ans Genie und die Definition von Solidität. Ein guter Koch zaubert auch aus schwachen Zutaten ein ordentliches Mahl. Dass er es irgendwann (und mit besseren Zutaten) auch noch besser kann/konnte – geschenkt.

  • http://www.polyneux.de SpielerZwei

    Hey Batzman! Das hätte ich ja gerade von Dir nicht erwartet: Eine der wenigen vernünftigen Death Race-Besprechungen, die den Film als das verstehen, was er ist.

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    @Claas

    sehr gute Idee, schon umgesetzt

  • http://www.wirreswirken.de Jubai

    Kann nicht glauben, dass du Body of Lies so runter machst und Death Race so lobst.

  • http://www.darthfj.de DarthFJ

    Obwohl Shia mitspielt in “Eagle Eye”^^ – wirklich der größte Flop meiner Meinung nach 2008. Fand alles vollkommen überdreht, zu hektische Schnitte und Kameragewackel (da war ja Cloverfield narkotisierend) und die Plotauflösung war einfach nur wtf .. richtiger Keim. Schade eigentlich, denn Shia machte anfangs eine wirkliche gute/erwachsene Rolle.

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    @floham & jubai

    Body of Lies nimmt sich eines großen Themas an und krepiert dabei entsetzlich. Schlimmer noch: Er bagatellisiert es und liefert überlange, geschwätzige Szenen wie sich Puttchen Brammel Terrorismus vorstellt. Was Syrianna richtig gemacht hat, fährt Scott hier gekonnt an die Wand. Geleckte, stylishe Bilder hinter denen die große Leere lauert.

    Death Race geriert sich einzig und allein als selbstironischer Computerspiel-Film. Er hat null Anspruch ausser Krachbumm-Unterhaltung und liefert durch die humorvolle Brechung sogar mehr als er verspricht. Im Rahmen seines Anspruchs ist es ein sehr unterhaltsamer Trash-Actioner.

  • Nico

    Stimme der Rezension über Death Race ebenfalls zu. Zwar gab es den ein oder anderen Moment, in dem ich anfing im Sitz unruhig hin- und herzurutschen, weil der Film dann den Eindruck machte, als würde er doch anfangen sich ernst zu nehmen, aber gerade kurz vor dem Höhepunkt dieser Unsicherheit, an dem das Fremdschämen in greifbare Nähe rückte, kam dann jedes Mal irgendeine Stelle, bei der ich erleichtert in den Sitz zurücksank und nach meinem Popcorn griff, weil sie all die Angst vor der Ernsthaftigkeit mit einem Schlag wieder rausgerissen hat.

    Insofern hat mich der Film dann doch auch emotional berührt. ;)

  • Felix

    Ich komme grad aus Changeling, und fand den Film vor allem unglaublich lang. Schon als Sie aus der Klinik entlassen wurde dachte ich das erste Mal, dass jetzt Schluss sei. Den ganze Verhandlungsteil fand ich eher überflüssig.

  • knalltüte

    obwohl ich leo in seinen filmen (z.b. “departed”) immer echt super fand, muss ich dir hier recht geben. “der mann, der zuviel wusste” war echt zu lahm.
    gestern habe ich “eagle eye” auf dvd gesehen, und war ähnlich enttäuscht, lachhafte story, shia fand ich aber ganz ok.

  • karmacoma

    Habe letztens Changeling gesehen. Wirklich ein toller Film, der leider zum Ende hin etwas lang wird. Der ganze letzte Teil mit der Gerichtsverhandlung und der Hinrichtung hätte man sich eher sparen können, aber die ersten 1 1/2 Stunden des Films sind das beste, was ich seit langem gesehen habe. Vor allem Angelina Jolie ist großartig, wie ich finde.

  • Dirk

    Ich persönlich fand “Zeiten des Aufruhrs” zeitweise etwas langatmig aber gut gespielt! So viele Paare haben den Kopf am Anfang ihrer Beziehung oder Ehe voller Träume und verlieren sich dann in den Wirren der Gewohnheit und des Alltags! Ein Film, gnadenlos realistisch und ohne Happy End! Wenn man sich selbst aufgibt, zerfleischt man jene, die scheinbar daran schuld sind! Zwischenmenschliche Beziehungen sind verdammt schwierig!

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