Wer hat mein Lied so zerstört?

Das Gedächnis neigte ja dazu die Vergangenheit zu verklären. Irgendwie war früher dann oft alles besser. Auch Filme und Serien hinterlassen oft einen bleibenden Eindruck, der sich nicht immer nachvollziehen lässt, wenn man sie einige Zeit später von neuem ansieht. Das damit verbundene Gefühl nennt man Nostalgie (einsetzende träumerische Musik aus Bilitis), goldener Schleier, der zurückliegende Ereignisse mit einer schimmernden Patina überzieht, die sie besser aussehen lässt als sie je waren. Wir erinnern uns an die Zeit, fühlen uns zurückversetzt an den Punkt als wir zum ersten mal…. Damals…
Moment (Geräusch einer scratchenden Nadel die von der Platte gezogen wird). Bullshit. Klar man wird älter und und verklärt vielleicht manche Dinge, aber noch hat Gevatter Alzheim meinen Brägen nicht so fest umklammert, dass ich meine Erinnerungen für einen löcherigen Badeschwamm eintauschen könnte. Manche Dinge waren früher tatsächlich besser.
Ich gehöre ja zu den blöden Menschen, die Geld, viel Geld für DVDs ausgeben. Zum einen weil ich gerne schön aufgemachte Editionen im Schrank stehen habe, weil ich Bonus-Material Junkie bin und nicht zuletzt, weil ich der Ansicht bin, dass die Produzenten von guter Unterhaltung auch angemessen entlohnt werden sollten. Auch wenn ich durch Pressevorführungen, Rezensions-DVDs und Gedöns verwöhnt bin: Ich zahle verdammt oft fürs Kino und noch viel viel öfter für Filme und Serien auf Silberscheibe. Im Gegensatz zu CDs, bei denen ich immer das Gefühl habe das Produktionskosten und Preis in keinem angemessenen Verhältnis stehen (insbesondere bei Backkatalog-Sachen die sich schon millionenfach refinanziert haben. Meine letzte CD habe ich vor ca einem Jahr gekauft und das war eine Selbstveröffentlichung des durch YouTube bekannt gewordenen Musikers Tom Milsom), im Gegensatz zu CDs also, habe ich bei Filmen meist das Gefühl einen entsprechenden Gegenwert zu erhalten. Die Preise sind angemessen, es gibt ein tatsächliches Plus gegenüber der Kinoversion in Form von Bonusmaterial und oft sind Verpackung und Ausstattung sehr ansprechend. Wirklich ich mag DVDs und es tut mir nicht leid, Geld dafür auf den Tisch zu legen.
Das häufig gehörte Argument, dass man Filme ja eh nur einmal gucken würde und Musik viel öfter hört und deswegen Musik auch viel teurer verkauft werden müsste hat sich mir nie erschlossen. Wenn Preise an der Häufigkeit der Benutzung des Produktes festgemacht würden, wären Zahnbürsten und Klopapier vermutlich unerschwinglich. Fakt ist dennoch: Einen Film bekomme ich oft schon zum Release in aufwendiger Ausstattung für 8-18€. Für eine CD, die in der Herstellung (inkl. Marketing und Produktion) einen Bruchteil von dem kostet, was selbst ein durchschnittlicher Film verschlingt, muss ich auch nach Jahren noch zwischen 10-20€ hinlegen. Und ich habe so einige Scheiben in meinem Musikregal stehen, die ich weniger häufig gehört habe als so manchen Film gesehen.
Ich kaufe also Unmengen an DVDs. Gerne auch Serien: Buffy, DS9, Doctor Who, Shameless, X-Files. Grade Serien können einen ziemlichen Sog entwickeln, wenn man sie nicht in wöchentlichen Instanzen, sondern innerhalb kurzer Zeit quasi am Stück wegguckt. I’m a Geek, I know.
Doch irgendwie zweifelte ich in den letzten Jahren immer häufiger an meiner Erinnerung. Serienfolgen die mich beim ersten anschauen stark beeindruckt hatten, wirkten von DVD plötzlich lahm und ausgeblichen. Irgendwie hatten emotionale Szenen nicht mehr denselben Wums, dieselbe dramatische Wirkung, die mir die Erinnerung vorgaukelte. Meist denke ich über sowas dann nicht so intensiv nach, bei den Massen an Filmen und DVDs die ich beruflich wie privat schaue, wische ich sowas dann gerne auch mal beiseite. Erst wenn diese Irritationen zu häufig werden, beschäftige ich mich näher damit. Und in den letzten Jahren war ich zunehmend irritiert.
Als Fan der UK-Serie SKINS (nur die ersten beiden Staffeln, die jetzt angelaufene dritte ist bislang ziemlich schlecht) habe ich mir natürlich auch die DVDs zugelegt – auch wenn ich die Folgen schon von der TV-Ausstrahlung kannte. Schon bei der Bestellung stolperte ich aber in einem Kommentar über eine Warnung: Kauft euch nur die UK-DVDs, die US-Fassung ist stark gekürzt. Neben den für die US typischen Kürzungen von “Profanitys” und “Scenes with explicit sexual content” (wovon Skins in beiden Fällen reichlich zu bieten hat) sollte auch das Finale der ersten Staffel um eine 4min Szene gekürzt sein, in der die Cast eine Version des Klassikers “Wild World” singt. Eine gruselige Vorstellung, macht doch genau diese Szene das Season-Finale zu dem runden, verstörenden und melancholischem Abschluss, der den meisten Zuschauern im Gedächnis geblieben ist. Doch das konnte mir ja egal sein, denn ich bestellte ja eh die UK-Fassung und nicht die prüde, Zensurversion der Amis.
Trotzdem wunderte ich mich beim neuerlichen Ansehen darüber, dass mich einige Folgen plötzlich weniger berührten, weniger intensiv erschienen als noch zur TV-Ausstrahlung. Nostalgie? Abnutzungseffekt? Hatte ich das bei “Life on Mars” jüngst nicht auch schon gespürt? Und bei einigen anderen Serien ebenfalls? Irgendwas war anders: Die Musik.
Songs und Filmmusik sind das wichtigste Werkzeug für Filmemacher um Emotionen und Stimmungen zu erzeugen. Dieselbe Montage, dieselbe Szene mit anderer Musik verändert den ganzen Kontext. Eine Szene die vorher zu Tränen rührte lässt plötzlich kalt, eine Szene die durch die Musik witzig konterkariert wurde, ist plötzlich absolut witzlos. Eine Serie wie SKINS, die sich um das Lebensgefühl Jugendlicher dreht, lebt von der Musikauswahl, weil es manchmal wirklich genau dieses eine Stück ist, das die Innenwelt der Figuren auf den Punkt bringt. Dumm nur, wenn genau dieses eine Stück zwar für TV-Ausstrahlung genutzt werden kann (weil TV-Musik-Lizensierung generell sehr viel günstiger ist) aber für das DVD-Release plötzlich unerschwinglich wird.
Zwischen 3.000-40.000$ Dollar werden pro Stück – je nach Bekanntheit – aufgerufen, wenn ein Song in einer Serienfolge gespielt werden soll, die auf DVD erscheint. Zuviel für das Clearance-Budget vieler Label. Und vor die Entscheidung gestellt die Serie lieber gar nicht zu veröffentlichen (was bei Erfolgsformaten mit großer Fangemeinde nicht in Frage kommt) und die Musik einfach auszutauschen, entscheiden sie sich in der Regel für Letzteres. Billigere Musikstücke, Coverversionen oder Eigenkompositionen ersetzen dann die Stücke die im TV noch für Gänsehaut sorgten.
Ein Problem, dass nicht nur britische Serien betrifft: Auch in den USA ist es an der Tagesordnung. War das Theme von “House. M.D.” nicht im TV ein ganz anderes? Klang das Intro von Al Bundy alias “Married… with children” ab Staffel 3 nicht neulich auch ziemlich komisch? Und bei Quantum Leap (Zurück in die Vergangenheit), gab es da nicht diese emotionale Szene in der der Held mit seiner Ex-Frau zu IHREM LIED tanzt. Wieso klingt IHR LIED plötzlich ganz anders? Und was ist mit der Muppet Show auf DVD los? Wieso sind einige Folgen so merkwürdig getimed – gab es da nicht oft zwei Musiknummern pro Folge? Weg. Geschnitten. Ausgetauscht. Verwässert.
Bei SKINS gibt es statt kraftvoller Originalsongs oft Bontempi-Eigenkompositionen, die vielleicht noch einen ähnlichen Beat haben, aber ansonsten weder Tiefe noch Stimmung des Vorbilds erreichen. Die typischen 70er Jahre Songs die die Stimmung von “Life on Mars” ausmachen – nur die Hälfte davon hat es auf DVD geschafft. Ob Ally McBeal, Northern Exposure (Ausgerechnet Alaska), der Klassiker The Fugitive (Auf der Flucht), My Name is Earl, 21 Jump Street, Doctor Who, Malcolm in the Middle, Dawsons Creek, Supernatural, oder Scrubs. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen. Fast keine Serie die heute auf DVD erscheint, ist noch mit der Musik bestückt, die die Zuschauer aus der TV-Version kennen. Und nicht nur Serien sind betroffen, mittlerweile trifft es auch Filme. Der 80er Jahre Slasher “Happy Birthday To Me” wurde als eine der ersten DVD-Veröffentlichungen mit einem komplett neuen Musikteppich ausgekleidet, weil die Rechte an den Popsongs einfach zu teuer waren, als das es sich bei einem so alten Film gelohnt hätte sie nochmal neu einzukaufen. Die nostalgische Serie “The Wonder Years” wird es wohl niemals auf DVD geben, weil die Rechteklärung der Hunderte von Songs mit denen Kevin Arnolds Coming-of-Age untermalt ist, ein rechtlicher Alptraum wäre.
Zu den musikalischen Schikanen gesellen sich obendrein noch andere Stolpersteine. Einige DVD-Labels kürzen Episoden auch gerne mal, damit wirklich 6 Folgen auf eine DVD passen oder um vermeintlich heikle Momente zu entschärfen. Von den falschen Formaten (Vollbild statt Widescreen – u.a. bei den ersten Staffeln von House M.D.) fangen wir besser gar nicht erst an.
Die derzeitige Copyright-Situation und die größenwahnsinnige Haltung der Musikindustrie, die absolute Mondpreise für Musikrechte aufruft, gepaart mit dem Sparkurs den viele DVD-Labels fahren, führt nicht nur dazu das künstlerische Produkte beschädigt und verstümmelt werden, sie führen dazu, dass Kreativität massiv eingesperrt und vergewaltigt wird. Was sich im Kleinen bei YouTube zeigt (Warner Musik lässt derzeit ja tausendfach Videos stummschalten, wenn durch Autoscans entdeckt wird, dass ein Song aus ihrem Repertoire verwendet wird – egal ob Fun-Video oder Valentinsgruß an die Freundin), trifft genauso die professionellen Film- und Serien-Macher: Kreativität unterliegt der Copyright-Schere im Kopf, es werden Hilflösungen, suboptimale Songs und Verstümmelungen akzeptiert, weil die Rechteverwalter sich keinen Milimeter bewegen. Dabei ist es egal, dass Millionen Fans erst durch Filme und Serien auf gewisse Songs und Künstler aufmerksam werden. Solange nicht astronomische Summen fließen, bleibt die Musik gefesselt. Der Streit um die Urheberrechte wird auf dem Rücken der Fans ausgetragen. Und zwar dem der ZAHLENDEN FANS.
Fakt ist – und das ist die gängige Praxis seit Jahren – das die Kunden die Geld bezahlen um sich ihre Lieblingsserie nach Hause zu holen, diejenigen die die Macher unterstützen, die sind, die mit einem schlechten Produkt abgespeist werden. Serienfans sind noch wesentlich emotionaler mit dem Objekt ihrer Verehrung verbunden, als Fans eines Films. Figuren wachsen ihnen über Jahre ans Herz, die Gefühlsbindung, die durch bestimmte Schlüsselmomente ausgelöst wird ist immens und die wichtigen emotionalen Szenen werden oft mit einer bestimmten Musik assoziert. Fehlt diese ist es, als hört man die schlechte Karaokefassung seines Lieblingssongs. Serien sind wie Beziehungen: Wer seine große Liebe zu “Wonderwall” kennenlernte und das erste Mal küsste, wird beim Stück “Wunderwand” von Alleinunterhalter Erwin wohl kaum die gleiche Gefühle verspüren.
So wie die Situation derzeit aussieht, sparen diejenigen die sich ihre Serienfolgen aus dem Netz ziehen nicht nur eine ganze Menge Geld, sie bekommen auch das bessere Produkt. Sie sind es, die sich die Folgen so ansehen können, wie sie von den Machern erdacht wurden. Ohne Werbeunterbrechung, ohne elend lange Zwangshinweise und Maßregelungen, in einer Qualität die einer durchschnittlichen DVD wenig nachsteht. Und nicht alle Fans legen wert auf Bonusmaterial (das gerade bei Serien-DVDs oft eher lustlos und sporadisch beigefügt wird).
Nur Original ist legal? Stimmt. Aber die Raubkopien sind besser.
Und ob die Lösung dieses Problems auf lange Sicht darin besteht immer nur die Fans zu beschimpfen, als Raubkopierer zu brandmarken, durch noch rigorosere Gesetze die eigene potentielle Kundschaft immer weiter zu kriminalisieren, die Freiheit des Internets einzuschränken und es sich in der weinerlichen Opferrolle bequem zu machen, die die gesamte Contentindustrie seit Jahrzehnten für sich beansprucht, erscheint mir zweifelhaft.
Bevor ich das nächste mal irgendwelche aus dem Arsch gezogenen Zahlen über Verluste durch Raubkopien höre, bevor Leute die sich die Küche mit goldenen Schallplatten kacheln bei Frau Merkel weinen gehen, wie sehr sie unter dem bösen Internet leiden, bevor der nächste Vertreter der Content-Industrie sich mit wichtiger Miene als Behüter der Kreativen in Pose wirft und bevor die nächste Novelle durchgewunken wird, die dann wahrscheinlich lebenslange Isolation für Musikterroristen (wahrscheinlich das Wort was benutzt wird, wenn Raubkopierer nicht mehr hart genug erscheint) beinhaltet, hätte ich gerne eine Antwort auf folgende Frage, die Joseph Welsh damals an Senator McCarty stellte:
“You’ve done enough. Have you no sense of decency, sir, at long last? Have you left no sense of decency?”
Und wo verdammt bleibt die Musik für die ich bezahlt habe?
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- Februar 7th, 2009 •
- 67 Kommentare









































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