-Society can’t exist without the family.
-We’re not against that.
-Can two men reproduce?
-No, but God knows we keep trying.
Originaltitel: Milk
Herstellungsland: USA 2008
Regie: Gus Van Sant
Darsteller: Sean Penn, Josh Brolin, Emile Hirsch, James Franco, Diego Luna, Brandon Boyce, Kelvin Yu, Lucas Grabeel




Batzman




Jet Strajker

San Francisco, 1972. Harvey Milk (Sean Penn) und sein Lebensgefährte Scott Smith (James Franco) haben vom Leben in New York genug und ziehen nach San Francisco. Sie eröffnen im Arbeiterviertel Castro einen kleinen Fotoladen. Trotz Widerstands der etablierten Geschäftsleute des Castro, entwickelt sich das Geschäft zum Treffpunkt der grade erstarkenden Gay-Community, die aus den Folgen der Stonewall-Riots neues Selbstbewusstsein gezogen hat.
Bald schon entwickelt Harvey politische Ambitionen: Sein Interesse gilt sozial benachteiligten Bürgern seines Viertels – und der schwulen Community. Er schafft es gemeinsame Interessen zu bündeln, arrangiert sich mit Gewerkschaftlern und der Arbeiterbewegung. Im Laufe von drei (zuletzt sehr knapp) verlorenen Wahlkampagnen für den Stadtrat von San Francisco gewinnt Milk unzählige Mitstreiter. Doch sein politischer Aktivismus bleibt nicht ohne Opfer. Die Beziehung zu seinem Freund Scott zerbricht und als Harvey schließ in den Stadtrat einzieht, stösst er auf viele Widerstände – nicht zuletzt durch den streng christlich geprägte Stadtrat Dan White (Josh Brolin), der sich nach anfänglicher Zusammenarbeit mehr und mehr von Milk bedroht sieht.
Nach seinen ausgedehnten Exkursen in eher schwer zugängliche Indie-Filme (sehenswerte, sperriges wie “Last Days” bis zu prätentiös, belangloses, wie sein Skaterboys in Zeitlupe-Drama “Paranoid Park”) kehrt Gus van Sant mit “Milk” zum Mainstreamkino zurück, das ihm bereits mit “Good Will Hunting” Glück und Auszeichnungen brachte. Doch auch wenn der Film selbst starbesetzt, unterhaltsam und spannend inszeniert ist, widmet er sich doch einem unbequemen Thema: Er schilderte die zweite Phase der queeren Emanzipationsbewegung in den USA, die nach dem Urknall, den Christopher Street-Unruhen in den 70ern an Fahrt gewann.
Am Beispiel von Harvey Milk wird – basierend auf der preisgekrönten Doku “The Times of Harvey Milk” von 1984 – ein wichtiges Kapitel Liberalisierungsgeschichte nacherzählt, mit seinen Erfolgen, wie auch den Rückschlägen.
Wie Harvey Milk selbst, gelingt es auch van Sant seinen Film extrem massentauglich zu erzählen. Milk war niemand, der verbissen nur seine schwulenpolitischen Ziele im Auge hatte, er sah immer auch die Notwendigkeit sich als Politiker für alle Wähler einzusetzen. Für Bildungspolitik, Senioren, die Gewerkschaften. So erarbeitete er sich Respekt und Verbündete, die seinerseits dann die Ziele der Schwulenbewegung unterstützten. Der Film glorifiziert Milk dabei nicht, sondern schildert ihn bewusst als vielschichtigen Menschen und erreicht dadurch eine viel größere Nähe und Authentizität als, durch reine Heldenverklärung je möglich gewesen wäre. Sean Penns Milk ist dabei immer eine lebendige Figur, mit sexuellen Begierden, Eitelkeiten, Fehlentscheidungen, Zweifeln und Schwächen. Jemand der gerne Rampensau war, ohne dies zum Selbstzweck werden zu lassen. Der mit seinem Schlachtruf “I’m Harvey Milk and I’m here to recruit you!” für eine ebenso offensive, wie kluge Schwulenbewegung stand, die die Notwendigkeit erkannte sich in der Mitte der Gesellschaft zu verankern. Penn zeigt dies und schafft es, wie sein großes Idol DeNiro zu seinen besten Zeiten, hinter der Figur zu verschwinden. Penn wird zu Milk, mit all seinen großspurigen Gesten und linkischen Fehltritten.
Doch nicht nur Penn darf glänzen, denn Milk ist auch ein Ensemblefilm, das selbst in den Nebenrollen gut und authentisch besetzt ist. Allen vorran natürlich James Brolin, der Ex-Goonie, der erst seit einigen Jahren Schauspielerisch so wirklich zeigen darf was in ihm steckt. Als abrutschender Stadtrat, dessen Leben aus den Fugen gerät, liefert er eine Glanzleistung ab, denn er schafft es die Rolle nicht zum eindimensionalen Bösewicht werden zu lassen. Emile Hirsch (der anscheinend keine Angst hat durch zuviele schwule Rollen gebrandmarkt zu werden) darf hier mit Minipli die anfänglich unpolitische Jungschwuppe geben, die sich letztlich doch für Milks Kampagne engagiert. James Franco hat als Milks Freund endgültig die schmierige Yuppirolle aus Spider-Man hinter sich gelassen und selbst “High School Musical”-Sidekick Lucas Grabel macht als Fotograf Danny in Milks Truppe eine gute Figur.
Die Bilder die van Sant findet schaffen es dabei in einem Mix aus dokumentarischen Aufnahmen, neu gedrehtem Szenen und alten Fernsehaufzeichnungen ein sehr lebendiges, jedoch nie artifiziell verklärtes Bild der 70er Jahre zu erschaffen. Hier geht es nicht um Retro-Schick, auch wenn alle im typischen Style der Zeit herumlaufen. Die Schauspieler wirken nicht verkleidet sondern wirklich als integraler Bestandteil der Geschichte. Auch wenn sich mir angesichts von Locken- und Schnauzbartexzessen, Rollkragenpullis und Schlaghosen bisweilen ein Zitat von Denis Leary aufdrängte: “Here we are in the midst of the sexual revolution wearing clothes that would quarantee we wouldn’t get laid.” Aber was solls, so war es damals und Milk beschönigt auch die optischen Ausrutscher dieser Zeit nicht.
Spannender noch als der Look der Zeit ist aber die genaue Schilderung des damaligen politischen Klimas, zwischen Aufbruch und Blockade. Geschickt wird Dokumaterial der Anti-Gay-Aktivisten Anita Bryant und ihrer christlich bewegten Initiative “Save our Children”, mit der sie ein Antidiskriminierungsgesetz verhindern wollte, als Antipode Milks aufgebaut. Bryant, Sängerin und ehemalige Schönheitskönigin, steht hierbei stellvertrend für ein Denkschule, die auch heute noch sehr lebendig ist und unter der Regierung Bush zu neuer Blüte gelangte. Dort wo Stadtrat White die direkte Bedrohung Milks darstellt, gibt Bryant dem breitgefächerten, gesellschaftlichen Widerstand, der christlich begründeten Homophobie ein Gesicht.
Es erstaunt, wie wenig sich die Argumente und Methoden seit damals verändert haben: Auch 30 Jahre nach Harvey Milk argumentiert (nicht nur) die christliche Rechte immer noch mit denselben gruseligen Horrorszenarien (wie derzeit mal wieder die gut finanzierte und professionell aufgezogene Silencing Christians-Kampagne der American Family Association). Milk erzählt nicht nur eine spannende Geschichte, die klassischen Dramakonventionen gehorcht, er ist nicht nur eine Erinnerung an eine längst vergessene Zeit oder Erinnerung an einen wichtigen und streitbaren Menschen, er gibt darüber hinaus Denkanstösse und zieht Parallelen zu heutigen Ereignissen.
Milk ist kein “Schwulenfilm”, kein Special Interest-Film der nur für die offensichtliche Zielgruppe gedreht wurde, sondern spannendes, witziges, unterhaltsames und zum Nachdenken anregendes Mainstreamkino, das grade in Zeiten eines konservativen Backlashs (wie zuletzt bei der Prop8-Diskussion in Kalifornien zu sehen war) wichtige Impulse gibt und es schafft schwules Leben auch ausserhalb simpler Schafhüterdramen a la “Brokeback Mountain” angemessen zu erzählen. Denn im Gegensatz zu der großen schwulen Erfolgsschnulze hat Milk tatsächlich etwas zu sagen und begnügt sich nicht damit in der Opferrolle herumzujammern. Das dafür natürlich immer wieder in die Trickkiste des konventionellen Erzählkinos gegriffen wird und der Film optisch eher solide, als spektakulär daherkommt, ist mit Blick auf die angestrebte Breitenwirkung durchaus entschuldbar. Kleine Überraschung am Rande ist der unaufdringliche, gelungene Score von Danny Elfman, der sich seit Ewigkeiten mal wieder etwas anders anhört und seine verspielten Klingelarrangements etwas im Zaum hält.
Sieben Oscar-Nominierungen hat Milk sich verdient, auch wenn es fraglich scheint, ob er sich gegen den Favoriten und Feelgood-Film Slumdog Millionär (der von bösen Zungen ja schon als Poverty-Porn bezeichnet wurde) oder den fast sicheren Nebenrollen-Oscar für Heath Ledger wird durchsetzen können.
+++
Hier gibt es eine Fotostrecke mit Bildern des echten Danny Nicoletta und von den Dreharbeiten des Films zu sehen
Spassig übrigens das Review dieses Films auf der Seite von Christiananswers (Moral Rating: Extremly Offensive) .
Die sehenswerte Doku “The Times of Harvey Milk” und die Milk- Bio von Randy Shilts bei Amazon:




Von 






































“Penn wird zu Milk, mit all seinen großspurigen Gesten und linkischen Fehltritten.”
Ich finde Penns Leistung auch sehr herausragend, auch auf der Basis der Tatsache, dass Penn eigentlich gar nicht schlecht spielen kann. Er hat dafür den Oscar verdient, mehr als Mickey Rourke. Nen Typen spielen der genauso drauf ist, wie man selbst vielleicht, ist nicht so schwer.
“Milk ist kein “Schwulenfilm [...] ” + Brokeback-Mountain:
Das stimmt. Was mir aufgefallen ist, dass er in der Darstellung von Liebe zwischen Männern weitaus weniger verkrampft ist als BM. Natürlich liegt das verkrampfte bei BM auch daran, dass mindestens einer der beiden Schafhüter eben tatsächlich verkrampft ist, aber das reicht als Entschuldigung nicht. Natürlich steht vor allem das Politische im Vordergrund bei Milk, weniger eine homosexuelle Liebesgeschichte ansich, aber dennoch leistet Milk so ganz nebenbei auf dieser Ebene viel mehr als es BB getan hat. Dafür Lob, aber insgsamt lies mich der Film ein wenig unbeeindruckt zurück, da er handwerklich zu routiniert gedreht wurde.
Daher sehe ich Slumdog auch ganz klar als Favorit. Wer sich übrigens für die von Batzman angesprochene Slumdog-Debatte bzgl. Poverty Porn interessiert, findet in diesem Beitrag auf meinem Blog eine Übersicht darüber mit vielen Links:
http://tinyurl.com/cgcgos
Ich kannte die Story von Milk auch schon sehr lange durch die Doku, aber ich fand den Film dann doch nochmal sehr spannend, vielleicht aber auch grade weil die persönliche Dramaschiene nur die zweite Geige neben der politischen Ebene spielte. Das hat mich durchaus bewegt, auch wenn der Film schon sehr glatt und mainstreamig daherkommt – ich glaube alleine das Thema ist immer noch sperrig genug, da wollte van Sant wohl formal die Hürden so niedrig wie möglich legen.
Die Slumdog Diskussion führen wir glaube ich, wenn der Film hier anläuft, aber ich kann den Kritiken und Poverty Porn Vorwürfen durchaus was abgewinnen… ein klassischer Fall eines netten süffigen Films, der immer ärgerlicher wurde, je mehr ich drüber nachdachte. Die Zitatensammlung bei dir ist sehr gelungen und auf jeden Fall einen Blick wert!
BROKEBACK MOUNTAIN jammert nicht in der Opferrolle, sondern ist der überzeugendste, wahrhaftigste und gemäß seines Produktionsrahmens subversivste Film über sexuelle und emotionale Unterdrückung. Die Reduzierung des Films von Seiten fundamentaler Schwuler auf die angeblich propagierte Duckmäuserhaltung (eine höchst fahrlässige ideologiekritische Verwechslung von Erzählung und Intention) verstellt doch nur den Blick auf ein zutiefst humanistisches Manifest, dessen Apell zu sexueller Selbstverwirklichung und gesellschaftlicher Akzeptanz doch selten so komplex und bitter dargeboten wurde. Ein Meisterwerk in jeder Hinsicht, es gibt keinen besseren Film über Homosexualität. So. ;)
Jedenfalls muss dieser Film nicht gegen MILK ausgespielt werden, überhaupt muss man nicht einen Film gegen den anderen ausspielen, wenn man dessen Qualitäten beweisen möchte. Van Sant bedient kein schwules Agitationskino und hat in vielfacher Hinsicht einen neuen Maßstab für Biopics – ein filmsicher Bereich, der dennoch höchst kritisch bleibt – gesetzt.
MILK wäre ohne BROKEBACK MOUNTAIN so übrigens nicht denkbar, aber das ist eine andere Geschichte…
@Jet
*gnihihi* I still know how to push your buttons ;)
Aber im Ernst mir liegt die intellektuelle Herangehensweise und die durchaus offensive fordernde Art eines Milk einfach näher, als die auf Mitleid und Verständnis abzielende Art von BBM. BBM setzt auf Toleranz, Milk auf Akzeptanz… wenn ich es vereinfachend zusammenfassen.
Beide Filme haben ihre Daseinsberechtigung, aber ich halte Milk für den besseren Film, auch wenn BBM der Erfolgreichere sein wird – wohl grade weil er eher auf den Bauch als aufs Hirn zielt.
BBM zielt nicht nur aufs Hirn.
Sonst würde er in der Film- und Sozialwissenschaft nicht ein solch enormes Echo ausgelöst haben. Es gibt schon jetzt zigfache Abhandlungen über ihn, eine komplexer als die andere. Der Film ist so reich und vielschichtig, er verhandelt eine Fülle an relevanten sozialen und gesellschaftlichen Themen, gerade durch seine Ellipsen. Seit Douglas Sirk hat keiner mehr Melodramen gedreht, die einen solchen Impact hatten (außer vielleicht Fassbinder). Claudia Liebrand hat jüngst z.B. einen Essay verfasst (“John Wayne wouldn’t like gay cowboys” – erschienen in der queer-lectures-Serie), der mir noch einmal neue Perspektiven eröffnet hat – obwohl ich schon massig wissenschaftliche Literatur zum Film gesammelt und studiert habe.
Dagegen wirkt kurzsichtige Ideologiekritik oder solche Einwände, dass Ledger und Gyllenhaal sich unwohl gefühlt haben mögen mit den Liebesszenen, doch banal.
Aber nun gut, dieser Film wird wohl unsere ewige größte Diskrepanz bleiben. :)
Ich hatte Ihn schon fast vergessen. Irgendwann in der 2. Hälfte der 80er, da war ich gerade so Anfang 20, sah ich “Times Of Harvey Milk” im Fernsehen. So mitten im Coming Out hatte mich die Doku umgehauen. Die VHS Kopie liegt immer noch in meinem Regal. Insofern bin ich mega gespannt darauf, Sean Penn in der Rolle zu sehen. Ich finde “Milk” so wichtig, mal abgesehen davon, dass ich mich gut unterhalten möchte. Ich verfolge die Diskussion um den “cultural war” in den USA schon seit Jahren und mir wird jedesmal übel und ich habe angst, dass das auch irgendwann nach Europa überschwappen könnte. Ein eindrückliches Beispiel wird ja oben als Link angegeben. Schwule werden inzwischen als DIE Gefahr für die amerikanische Gesellschaft angesehen. Und das denken leider dort nicht wenige. Die Oskarnominierungen freuen mich sehr. Schwule Themen sind nicht mehr nur in Programmkinos angesiedelt. So wie es auch Brokeback Mountain vor 3 Jahren auf die großen Filmleinwände schaffte. Ein Film, der mir übrigens auch sehr gut gefallen hat. Und hier eine Kritik zur Kritik oben. Es wird gesagt: Milk ist kein “Schwulenfilm”, kein Special Interest-Film der nur für die offensichtliche Zielgruppe gedreht wurde….” Dem stimme ich zu. Das war BBM aber auch nicht. Außer, dass es hauptsächlich um schwule Charaktere geht, haben die Filme soviel gemeinsam, wie “Das Boot” und “Titanic”. Beide spielen auf dem Wasser……Damit ist der Autor in dieselbe Falle getappt, wie schon viele vor ihm, und drückt diesen beiden Filmen den Stempel “Schwulenfilm” indirekt dann doch wieder auf, indem er beide in Thematik und Zielsetzung vergleicht. Und wenn´s um zwei knutschende Männer auf der Leinwand geht, ist das immer (noch) politisch, auch wenn´s kein Politik-Film ist. Was eigentlich schade ist, weil der Film dann nicht einfach für sich stehen kann. Dahin ist es noch ein langer Weg.
@Dirk
Natürlich sind die Filme unterschiedlich. Das Problem ist nur, dass das Mainstream-Publikum eben genau diese Kategorisierung vornimmt, weil es so gut wie keine anderen Filme mit schwulen Hauptfiguren wahrnimmt. Philadelphia, Brokeback Mountain, Milk – sind nunmal die wenigen Mainstreamfilme die das Zeug haben auch die Leute zu erreichen, die sich “Schwulenfilme” eben nicht ansehen würden (“Ich gucke keine Schwulenfilme, ich bin ja nicht schwul” – Immer noch einer meiner Lieblingssätze). Und wenn ich diese Filme als Mainstreamwerke vergleiche, gefällt mir Milk halt sehr viel besser als BBM (oder der gruslige Philadelphia).
Kategorisierung hin oder her…
MILK is einfach n spitzen Film!!!
Im Review steht einmal “James Brolin”, um mal was nicht inhaltliches zu sagen…; und ich warte ja immer noch auf den Vergleich mit “Otto; or Up with Dead People” ;)
“-Can two men reproduce?
-No, but God knows we keep trying.”
Göttlich!
Ich glaube allein dieser Satz wird es für mich rechtfertigenden Film so bald wie möglich auf Englisch anzusehen.
“Ich glaube allein dieser Satz wird es für mich rechtfertigenden Film so bald wie möglich auf Englisch anzusehen.”
Da werden Dir noch ein paar andere Szenen gefallen, wenn Du das gut findest ;)
“Is it just me, or is he cute?” – war mein Liebling. *g*
Hab eben folgende Review gelesen.
huffingtonpost.com/nancy-golds...
Mich würde mal interessieren, was der Autor zu den Punkten, die dort kritisiert werden, zu sagen hat. Ich selbst bin da noch etwas zwiegespalten und befinde mich noch in der Meinungsbildungsphase. Nur soviel sei gesagt: Ich finde den Film weder herausrangend, noch schlecht. Ich weiß nur noch nicht genau, ob ich ihn eher gut oder nur mittelmäßig finde…
@MegSummers
Ich kann die Kritikpunkte der Huffington Post nachvollziehen und sie sind sicher richtig. Das sind aber leider wohl die Zugeständnisse, die an einen so mainstreamig konzipierten Film zu machen sind. Das Massenpublikum, darunter wohl mehrheitlich heterosexuelle Zuschauer fühlt sich nunmal sehr leicht angegriffen und angeekelt. Würden die Übergriffe der Polizei und die Anfeindungen so drastisch dargestellt wie sie waren und die Riots so gewaltätig geschildert wie sie waren, würden sich viele wohl abgestossen fühlen. Ein Film wie “Stonewall” ist sehr drastischer was das angeht, aber er erreicht eben auch nie die breite Masse und bleibt im Ghetto des Arthaus/Gay-Interest-Films. Das die Sexszenen auch sehr sehr zahm inszeniert sind, hängt wohl ebenfalls mit der massentauglichkeit ab. Auch 10 Jahre nach Queer as Folk zucken viele Hetero-Zuschauer noch immer zusammen, wenn sie auch nur sieht wie Männer sich küssen. Ich hab noch gut die Kommentare von “tapferen” Heterojungs im Kopf die meinten die PillaPalle-Sexszenen in “Sommersturm” oder “Brokeback Mountain” wären schon ganz schön “heftig” gewesen und das sie sich ja überwinden mussten das anzusehen. E wundert mich also nicht, das van Sant auch da der Devise “better safe, than sorry” folgt, schließlich ist sein Ziel eben auch die Leute zu erreichen, die sich keine “Schwulenfilme” ansehen. Und da fällt einiges an Radikalität dem Kuschelkurs zum Opfer. (Andererseits muss man auch mit Blick auf van Sants restliches Oevreu sagen, dass er nie jemand war, der besonders ausschweifende oder gewagte Sexszenen gedreht hätte. Das derbste in der Richtung war wohl noch die Blow-Job-Szene am Anfang von My own private Idahoe – und selbst die ist ja recht schamhaft inszeniert).
Die Huffington-Journalistin schrieb ja am Ende: “But I’m not sure that this low-fat film will really help audience get Milk. And I’m sorry that Van Sant didn’t think we could handle the truth.”
Ich glaube sie überschätzt die Zuschauer da gewaltig, denn ich denke auch: Mainstream Audiences can’t handle the truth. Für die wird Milk, wenn sie ihn denn sehen, schon ein krass-gewagter Indie-Arthaus-Streifen sein.
@ Batzman
Ich kann vollkommen nachvollziehen, was du meinst. Fraglich ist aber, ob es, und das wird ja hinterfragt, der Geschichte und Milks Leben gerecht wird, was da gezeigt wird. Ich kann mich da mit meinem nicht vorhandenen Wissen zwar nicht aus dem Fenster lehnen, hatte aber auch ständig den Eindruck, dass der Film zu harmlos sei (damit meine ich sicher nicht nur die Sexszenen, denn die sind nicht das wichtigste am Film). Es ist eben insgesamt sehr schade, wenn man im Mainstreamkino zu viele Zugeständnisse machen muss, um konkurrenzfähig zu bleiben…
Ich kann mir aber doch insgesamt nicht vorstellen, dass der Film von Leuten gesehen wird, die nicht sowieso homosexuell sind oder keine Probleme mit Homosexualität haben. Ein anderes Publikum spricht der Film ja meiner Meinung nach gar nicht an (was eben an den Berührungsängsten vieler Leute mit dem Thema liegt). Von daher hätte diesem Film ein bisschen mehr Authenzität nicht geschadet, denke ich.
ich befürchte auch, dass der film trotz mainstreamcrisco außerhalb lgbt&friends nicht allzu viel publikum bekommen wird. weniger noch als schwule cowboys auf ‘nem berg. denn bei diesen gab es irgendwie insgesamt einen hype. bei milk hab ich davon noch nichts mitbekommen…
Schöner Film!
[ Sehr geehrter Herr Batz, Herr White wird von *Josh* Brolin gespielt, nicht von *James* Brolin! Der hat die Streisand geheiratet, aber das ist eine andere Geschichte... ]
Mich stört nicht, dass da kein expliziter Sexakt gezeigt wurde. Es wurde ja nicht ausgeblendet, dass es da Sex gibt, eher im Gegenteil. Sex war durchaus immer mal wieder ein ganz wesentlicher Teil der Figuren. Und dieser eben ganz klar nicht innerhalb “normaler” Moralvorstellungen. Da wurde auf der U-Bahn-Treppe abgeschleppt oder nach zweiminütigem Anbaggern ins Schlafzimmer übergesiedelt. Was soll es denn bringen, wenn nun noch Penis-in-den-Po-Bilder dazukommen? Wer macht die “Frau”? Oder wird da vielleicht nur “geblasen”? Ich finde das sogar eher gut, dass das nicht weiter gezeigt wird. Das *Wie* ist nicht wichtig, eher das *Wer-mit-wem* (zumindest in diesem Falle).
Warum da am Ende nochmal Tosca bemüht werden musste, hab ich nicht verstanden. Gibt es dafür Belege, dass er sterbend auf diese Opern-Plakate geguckt hat? Dagegen waren die Bilder des Lichterzuges (vor allem die originalen) ziemlich bewegend, fand ich. Auch sehr schön, dass man die realen Hauptpersonen am Ende im Vergleich zu ihren gespielten Doubletten gesehen hat.
Und eben die Besetzung: großartig, stimmig, durchweg gut gespielt! Bei allen Zugeständnissen an das Mainstreamkino ist es eine sehr bemerkenswerte Leistung, wenn da die Menschen glaubhaft bleiben. Weder Bilderbuchschönheiten (also doch, auch, aber eben nur dort, wo sie auch im Original solche waren) noch das so oft in anderen Filmen gesehene Ausbügeln von allem “Weiblichen” in der Hauptfigur, damit die Figur nicht zu tuntig wirkt (es sei denn sie ist über fünfzig und lebt bei ihrer Mutter und dient allen mit Weisheiten, nach denen nie jemand gefragt hat).
Ob der Film Erfolg hat? Zumindest heute war ein Kino mit knapp 300 Plätzen bei der OmU-Vorstellung fast ausverkauft. Laut den Leuten an der Kasse, ist das wohl die letzten Tage immer so gewesen. Und mein Gaydar sagt mir, dass weit weniger als die Hälfte der Leute schwul waren.
… übrigens meinte ich den “dritten” Brolin, den beim Ex-Goonie weiter hinten …
Natürlich ist Sean Penn sensationell und glaubhaft und überzeugend. Aber der Film selbst kam für mich nie richtig in Gang und er deutet zu viel nur an, anstatt sich wirklich mit Themen auseinanderzusetzen. Harvey Milk verliert die Wahlen mehrmals hintereinander. Wie geht er damit um? Dan White ist der bei weitem interessantere Charakter. Er ist gebrochen, in sich zerrissen. Was sind die Motive der Ermordung. Dieser Handlungsstrang wirkt nicht schlüssig, auch wenn die Realität natürlich nicht schlüssig ist.
MILK ist mal wieder ein Beispiel für einen typischen GUS VAN SANT Film. Ich verstehe nicht, worum es ihm eigentlich geht, beobachte, wie er aus NICHTS krampfhaft versucht ETWAS zu machen, was ihm dann mal wieder nicht so richtig gelingt.
Dazu noch der (übliche) viel zu forcierte Wille etwas künstlerisch wertvolles zu schaffen, der dann im Resultat eher zu diesem Kitsch-Gefühl führt. Sean Penn kann ich auch nicht mehr sehen. Und MR. SPEEDRACER als “anfänglich unpolitische Jungschwuppe” (Danke für die Formulierung Batzman) setzt dem Ganzen dann noch die KRONE auf.
Aber Hauptsache am Ende stehen alle wieder mit einer gesunden Portion HOPE da.
Ach ja:
I can honestly say I only saw it to write this review objectively and reasonably.
@Patrick
mal ganz ehrlich, der film ist so einfach erzählt und so simpel zu verstehen, das es mich doch wundert was du schreibst. es ist eben kein typisch-verquaster van sant film a la gerry oder paranoid park, es ist absolut easy zu kapieren was passiert und worum es geht. böswillig könnte man sagen: van sant hat den film so gemacht, das auch der einfältigste zuschauer keine problem hat der handlung zu folgen. Artsy-fartsy-shit und arthausige anwandlungen sind in MILK nun so überhaupt nicht zu finden.
Das du behauptest er würde aus NICHTS etwas machen wollen ist angesichts der zugrundeliegenden echten Geschichte auch etwas bizarr und Emile Hirsch dessen Vita mehr gute Filme aufweist als die der meisten Schauspieler seines Alters auf das Eye-Candy-Inferno-Speed Racer zu reduzieren, ist auch etwas kurzsichtig…
Zum Nachsatz: Wenn du damit betonen wolltest das du den Film keineswegs gesehen hast, weil du schwul wärst… *sheesh*
Den Nachsatz habe ich von Ethan Samuel Rodgers (christiananswers.net) geklaut. Einfach um die COOLNESS meines Beitrags zu fundamentieren.
@Batzman
Na klar ist die Geschichte so einfach und klar, daß auch der letzte DEPP sie versteht. Aber was der Regisseur MIR mit dieser Geschichte mitteilen will, was er in MIR damit auslösen will, das ist für mich nicht klar. Gus van Sants Filme verfügen nicht über die KRAFT DER EVOKATION, die er ihnen zutraut. Bei mir kommt einfach überhaupt NICHTS an.
Und arthausige Anwandlungen gibt es mehrere. Das eine war die Zeitlupe relativ am Anfang, als sie sich vor dem Laden küssen (was für eine überzogene, grobschlächtige Geste) und später dann, als MR. SPEEDRACER in der Telefonzelle steht, diese bunte Montage aus vielen kleinen Bildchen von telefonierenden Mit-Aktivisten. Das fand ich überhaupt nicht gut. Das sah aus wie aus einem Werbespot für ein Telekommunikationsunternehmen, dabei sollte es doch originell sein.
MR. SPEEDRACER ist natürlich auch noch der TAUGENICHTS aus Into the Wild. Da hast du Recht. Hatte ich schon ganz verdrängt. Danke fürs Erinnern.
Den Begriff: KRAFT DER EVOKATION, den habe ich wiederum von Ekkehard Knörer geklaut um intelligenter zu klingen.