Die Gräfin

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“Riech mal, ist das noch gut?”


Originaltitel: Countess, The
Herstellungsland: Deutschland/Frankreich 2009
Regie: Julie Delpy
Darsteller: Julie Delpy, William Hurt, Daniel Brühl, Anamaria Marinca
★★★☆☆

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17. Jahrhundert: Die ungarische Gräfin Erzebet Báthory (Julie Delpy) ist eine mächtige Frau. Emanziert, smart und nicht auf den Mund gefallen, stellt sie sich selbstsicher gegen den absoluten Machtanspruch der männlichen Oberschicht. Als sie sich in den jüngeren Istvan (Daniel Brühl) verliebt und eine Affäre beginnt, scheint sie den perfekten Partner gefunden zu haben.
Leider sieht Istvans Vater (William Hurt) diese Beziehung eher ungern und schmiedet einen Plot die beiden auseinander zu bringen. Mit Erfolg: Báthory glaubt zu Unrecht Istvan würde sie verschmähen und eine jüngere Frau vorziehen.
Verbittert zieht sie sich auf ihr Schloss zurück und steiigert sich in den folgeden Jahren immer mehr in den Wahn nach ewiger Jugend und Schönheit hinein. Schönheit, die sie glaubt nur durch das Blut junger Mädchen erlangen zu können…

Julie Delpys zweite Regiearbeit hat viele gute Ansätze und weiß, in etlichen Szenen durchaus zu gefallen. Kein opulenter Kostümschinken, stilistisch zwischen einem Look pythonesker Schmodderigkeit und glanzvollem Museumsbesuch, verhindern der vielschichtige Ansatz des Drehbuchs und einige ausufernd-kitschige Dialoge aber viel Spannung, die eine eindeutigere Interpretation der wahren Geschichte der “blutigen Gräfin” angeboten hätte.

So bietet der Film verschiedene Lesarten an, die einer unglücklichen Liebe, die feministische Sichtweise auf eine starke Frau die durch das patriarche System gebrochen wird und letztlich die bekannte Horrorsicht, auf eine durchgeknallte Adlige, die Jungfrauen im Wortsinne auspressen ließ, wie reifes Fallobst. Dabei schreckt Delpy vor blutigen Bildern nicht zurück, zeigt zumindest mehr, als die Fans üblicher FSK12 Kostümschinken mit Romantiktouch erwarten dürften und beweist immer wieder Sinn für schwarzen Humor und eine erfrischend uneitle Selbstinszenierung. Zweifellos liegen Delpys Sympathien bei dieser Gräfin, auch wenn sie ihren Wahnsinn anerkennt und trefflich ins Bild setzt.

Das dies in jeder Form ein Delpy-Film ist, liegt nicht nur daran das vor und hinter der Kamera präsent ist. Es liegt auch an den relativ blassen männlichen Rollen, die ihr – wie die Männer der Gräfin – nicht viel entgegenzusetzen haben. Daniel Brühl als Love Interest erfüllt seinen Zweck, hat im Endeffekt aber nicht mehr als ein Extended Cameo. Gleiches gilt für William Hurt, dem wir den intriganten Vater zwar abnehmen, der sich aber dennoch schauspielerisch für diese One-note-Rolle nicht zu verausgaben braucht. Am kuriosesten mutet Sebastian Blomberg an, der als S/M-Gespiele der Gräfin bisweilen aus einem anderen Film zu stammen scheint. Er grimmassiert und spielt den schmierigen Dominic Vizakna mit einer Verve, die so auch in einem Jess Franco-Film nicht fehl am Platze gewesen wäre. In seinen Auftritten wünschte ich mir fast, der Film würde vollends in trashige Exploitation umkippen, denn für sich genommen sind diese Szenen durchaus unterhaltsam.

Leider passen sie nicht so ganz zu den eher ernsthaften und dramatischen Momenten, in denen wir die Wut, Enttäuschung und den langsam um sich greifenden Wahnsinn der Gräfin miterleben. Ihre panische Angst davor, alt und unattraktiv zu werden. Die Szenen in denen uns Delpy wirklich mitfühlen lässt, Mitleid haben lässt mit dieser Frau die grauenhaftes tut, aber doch kein Monster sein soll.

Trotz seiner Mängel bleibt eine zumindest für Genrefans sehenswerte Annäherung an einen Mythos, der zusammen mit “Comtessa des Grauens” von 1971 und der noch anstehenden Verfilmung “Die Blutgräfin” (mit Tilda Swinton und Udo Kier(!)) ein interessantes Licht auf Draculas Schwippschwägerin werfen dürfte. Und wer dann immer noch nicht genug hat, auf den wartet die Direct-to-Video-Produktion: Blood Countess 2: The Mayhem Begins.

Stellt schon mal die Jungfrauen kalt. Es geht rund.

In : Review

About the author

Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur u.a. für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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4 Comments

  1. Mimikry

    Der Vollständigkeit halber sei hier noch HELLBOY Animated “Blut und Eisen” als weitere Variation des Erzebet-Themas genannt.

  2. meaty

    Und auch wenn Ihr dem Film volle 5 Sterne gegeben hättet – den schaue ich mir totzdem niemals an.
    Kostümschinken! Julie Delpy! Daniel Brühl! Da kommt ja alles zusammen, was ich nicht leiden kann….

  3. Christian

    Ich hab jetzt keine zeit und lust nachzuprüfen ob ich das alles richtig in erinnerung habe was ich jetzt erzähle (oder ob ich mal wieder lauter sachen durcheinander haue!)….

    … aber für die, die es interessiert:

    es gibt aus der reihe “durch die nacht mit…” eine folge mit delpy und bela (von den ärzten) … da sprechen sie schon über den film! kann man sich glaub ich auch mal angucken… war ganz nett (am anfang empfiehlt bela ein lied von ihr – irgendwas mit waltz – sollte man auch gehört haben… hat mir damals glaub ich ganz gut gefallen).

    den film werd ich wohl trotzdem nicht gucken. mag das genre nicht!

  4. Binding

    Angeblich war Delpys erste Schnittfassung sehr blutig. Sie hat sie dann aber selbst (für die Berlinale?) gekürzt. Diese Version ist nun allerdings zu brav geraten, und letztlich ist der Film leider nix Halbes und nix Ganzes. Batzmans Review bringt’s auf den Punkt.

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