“Great, the village stalker!”
Originaltitel: Coraline
Herstellungsland:USA 2009
Buch & Regie: Henry Selick
Darsteller: Dakota Fanning, Terri Hatcher, Jennifer Saunders, Dawn French, Keith David, John Hodgeman




Batzman




Jet Strajker (Review gibt’s hier)

Coraline ist mit ihren Eltern grade umgezogen. Weg von ihren Freunden in der Stadt, aufs Land in den Pink Palace, ein merkwürdiges altes Haus, weitab vom Schuss. Ihre Eltern die beide Botanik-Bücher schreiben, haben wenig Zeit für das kreative und smarte junge Mädchen.
Als Coraline (Dakota Fanning) durch Zufall beim Spielen eine versteckte Tür entdeckt, eröffnet sich ihr ein Zugang zu einer fabelhaften Parallelwelt, in der alles viel bunter, lustiger und spannender ist. Ihre “Other Mother” und ihr “Other Father” scheinen die perfekten Eltern zu sein. Doch die scheinbare Idylle verwandelt sich bald in einen Alptraum…
Mit Coraline dürfte Henry Selick hoffentlich endlich die Anerkennung bekommen, die er sich schon mit “Nightmare before christmas” und “James and the giant peach” verdient hat. Beides Filme die vom Look und Feel eindeutige Vorläufer dieses brillanten Animationsfilms sind, der die klassische Stop-Motion-Technik mal wieder in neue ungeahnte Höhen treibt. Schon mit “James and the giant peach” hat Selick bewiesen, dass er fantastische Jugendbücher wie das von Roald Dahl und dessen Mischung aus schwarzem Humor, moralischer Fabel und liebevoller Karikatur verstanden hat und in süffige aber nicht zu glatte Bilder umzusetzen weiß. Mit Neil Gaiman, der ähnlich vielschichtig schreibt und dessen “Mirror Mask” ebenfalls schon Grundlage einer phantastischen Reise in eine Parallelwelt war, hat sich Selick eine passende Vorlage ausgesucht.
Natürlich ist die Geschichte so neu nicht, die Flucht aus dem trüben Alltag in eine scheinbare schönere Welt ohne Sorgen, in dem alles nach dem eigenen Willen geht, die Freunde stumm sind und die Eltern jeden Wunsch von den Augen ablesen. Ein klassisches an “Alice im Wunderland” erinnerndes Thema, dass in Coraline aber originell und (grade in der subtil-effektvollen 3D-Fassung) sehr spannend umgesetzt wird. Erfreulicherweise stimmt auch die Dramaturgie, die in “Nightmare Before Christmas” streckenweise ja durchwachsen war und den Film sehr episodisch wirken ließ. Hier ergeben die einzelnen Szenen ein großes Ganzes und durch den Verzicht auf klassische Musicalszenen wirkt der Film homogener und weniger fragmentiert als seine Vorgänger. Der Spannungsbogen wird angenehm langsam aufgebaut, wirkt am Anfang alles nach einer fluffig-humorigen Phantasie, entwickelt sich die Welt der “Other Mother” mit der Zeit zu einer wahren Alptraumwelt, mit Anklängen an Matrix, Krabat und stellenweise sogar Burtons “Corpse Bride”.
Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Selick und sein talentiertes Team dabei tatsächlich handanimiert haben. Auch wenn es nicht ganz ohne CGI-Hilfe ging, wurden das Gros des Films im klassischen Stop-Trick-Verfahren umgesetzt wurde – wer den Film ganz bis zum Schluß schaut (oder sich ein Making of gibt), wird erstaunt sein, dass selbst einige Momente die man beim Sehen als “klar Computertrick” abtut, doch mühsam animiert wurden und lediglich beim Compositing den Rechner zu Hilfe nahmen.
Zu der farbenfrohen, aber nie zu geleckt wirkenden Optik, die immer einen Hauch Dunkelheit und Verwitterung mitschwingen lässt, gesellt sich eine (zumindest im Original) sehr passende Voicecast. Dakota Fanning, die schon in Push überzeugend bewiesen hat, dass sie mehr kann als niedliche oder nervige Mädchen zu spielen, verleiht Coraline eine nachdenkliche, aber nicht altkluge, sympathische Stimme. Teri Hatcher darf sich in der Doppelrolle als gute und böse Mutter richtig austoben und genießt es sichtlich immer wieder fiese Töne einfließen zu lassen, die schon vor der endgültigen Enthüllung ihres Planes andeuten, das die “Other Mother” nicht ganz koscher ist.
Sehr schön auch French & Saunders, die als ältliches und ziemlich anzügliches Geschwisterpärchen für einige kuriose und makabere Kabinettstückchen sorgen dürfen (“Wir spielten viele Klassiker: King Leer). Alleine ihre Wand an ausgestopften Hunden lässt Norman Bates-Fans freudig aufjuchzen und ihre akrobatischen Einlagen dürften zu dem alegantesten gehören, dass im Stop-Motion-bereich animiert wurde. Die Kamera-Bewegungen, die geschickten Blenden und die dynamische Bildführung machen nochmal besonders deutlich, wieviel sich in diesem Bereich getan hat – und sie machen überdeutlich, wie (bewusst) bieder und sparanimiert dagegen Wes Andersons Roald Dahl-Adaption “The fantastic Mr. Fox” wirkt.
Das Coraline trotz all seiner Meriten wohl kommerziell nicht der große Erfolg beschieden sein wird, dürfte vor allem Gaimans und Selicks unsentimentaler Herangehensweise und Weltsicht geschuldet sein. Der typische Kinderfilm ist Coraline in keinem Fall. Zu langsam und ruhig ist sein Erzähltempo, zu wenig laut der Humor und zu ambivalent die Schilderung der Familie. Das Happy-End ist kein kreischig-süßes, die vorhandenen Probleme sind nicht verschwunden, Coralines Eltern sind nicht urplötzlich wie verwandelt und erkennen was sie falsch gemacht haben. Coraline erkennt lediglich, dass sie besser mit den realen Problemen lernt umzugehen und auch das positive zu sehen, als sich in eine tückisch-idealisierte Traumwelt zu flüchten. Das kleinere Kinder von den horriblen und gar nicht zimperlichen Bildern und Themen geschockt sein dürften, kommt erschwerend hinzu. Die “Other Mother” hat immerhin drei andere Kinder und etliche ihrer Geschöpfe auf dem Gewissen und die Perspektive die Augen mit Knöpfen vernäht zu bekommen, dürfte ebenfalls für einige Alpträume gut sein. Konzessionen an den Familienfilm macht Selick nicht, der Film atmet den Geist der preisgekrönten Vorlage Gaimans.
Vielen Eltern ist das sicherlich zu harter Tobak, wobei es ja grade die erschreckenden Filme sind, die Kinder wirklich beeindrucken und weiterbringen. Die düstere Zeichentrickfassung von “Krabat”, die mich als kleiner Batz zutiefst verstörte, habe ich – im Gegensatz zu vielen anderen harmlosen Kinderfilmen – nie vergessen. Coraline könnte ähnliche verstörend-faszinierendes für eine neue Generation leisten.
Und wenn er das nicht schafft, dann führt er hoffentlich wenigstens dazu, dass nicht mehr alle Welt denkt, Tim Burton hätte bei “Nightmare before Christmas” Regie geführt. Selick heißt der Mann. Und der ist noch um einiges düsterer als Burton.
Ab jetzt: merken.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- August 13th, 2009 •
- 20 Kommentare
- Schlagwörter: Animation, Coraline, Fantasy, henry selick, Neil Gaiman, Review, Tim Burton









































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