Review

Coraline (Review)

Standard, 13. 8. 2009, Batzman (Oliver Lysiak), 20 Kommentare

„Great, the village stalker!“

Originaltitel: Coraline
Herstellungsland:USA 2009
Buch & Regie: Henry Selick
Darsteller: Dakota Fanning, Terri Hatcher, Jennifer Saunders, Dawn French, Keith David, John Hodgeman

[rating:4.5] Batzman
[rating:3.5] Jet Strajker
(Review gibt’s hier)

coraline-poster

Coraline ist mit ihren Eltern grade umgezogen. Weg von ihren Freunden in der Stadt, aufs Land in den Pink Palace, ein merkwürdiges altes Haus, weitab vom Schuss. Ihre Eltern die beide Botanik-Bücher schreiben, haben wenig Zeit für das kreative und smarte junge Mädchen.
Als Coraline (Dakota Fanning) durch Zufall beim Spielen eine versteckte Tür entdeckt, eröffnet sich ihr ein Zugang zu einer fabelhaften Parallelwelt, in der alles viel bunter, lustiger und spannender ist. Ihre „Other Mother“ und ihr „Other Father“ scheinen die perfekten Eltern zu sein. Doch die scheinbare Idylle verwandelt sich bald in einen Alptraum…

Mit Coraline dürfte Henry Selick hoffentlich endlich die Anerkennung bekommen, die er sich schon mit „Nightmare before christmas“ und „James and the giant peach“ verdient hat. Beides Filme die vom Look und Feel eindeutige Vorläufer dieses brillanten Animationsfilms sind, der die klassische Stop-Motion-Technik mal wieder in neue ungeahnte Höhen treibt. Schon mit „James and the giant peach“ hat Selick bewiesen, dass er fantastische Jugendbücher wie das von Roald Dahl und dessen Mischung aus schwarzem Humor, moralischer Fabel und liebevoller Karikatur verstanden hat und in süffige aber nicht zu glatte Bilder umzusetzen weiß. Mit Neil Gaiman, der ähnlich vielschichtig schreibt und dessen „Mirror Mask“ ebenfalls schon Grundlage einer phantastischen Reise in eine Parallelwelt war, hat sich Selick eine passende Vorlage ausgesucht.

Natürlich ist die Geschichte so neu nicht, die Flucht aus dem trüben Alltag in eine scheinbare schönere Welt ohne Sorgen, in dem alles nach dem eigenen Willen geht, die Freunde stumm sind und die Eltern jeden Wunsch von den Augen ablesen. Ein klassisches an „Alice im Wunderland“ erinnerndes Thema, dass in Coraline aber originell und (grade in der subtil-effektvollen 3D-Fassung) sehr spannend umgesetzt wird. Erfreulicherweise stimmt auch die Dramaturgie, die in „Nightmare Before Christmas“ streckenweise ja durchwachsen war und den Film sehr episodisch wirken ließ. Hier ergeben die einzelnen Szenen ein großes Ganzes und durch den Verzicht auf klassische Musicalszenen wirkt der Film homogener und weniger fragmentiert als seine Vorgänger. Der Spannungsbogen wird angenehm langsam aufgebaut, wirkt am Anfang alles nach einer fluffig-humorigen Phantasie, entwickelt sich die Welt der „Other Mother“ mit der Zeit zu einer wahren Alptraumwelt, mit Anklängen an Matrix, Krabat und stellenweise sogar Burtons „Corpse Bride“.

Es ist immer wieder erstaunlich, wieviel Selick und sein talentiertes Team dabei tatsächlich handanimiert haben. Auch wenn es nicht ganz ohne CGI-Hilfe ging, wurden das Gros des Films im klassischen Stop-Trick-Verfahren umgesetzt wurde – wer den Film ganz bis zum Schluß schaut (oder sich ein Making of gibt), wird erstaunt sein, dass selbst einige Momente die man beim Sehen als „klar Computertrick“ abtut, doch mühsam animiert wurden und lediglich beim Compositing den Rechner zu Hilfe nahmen.

Zu der farbenfrohen, aber nie zu geleckt wirkenden Optik, die immer einen Hauch Dunkelheit und Verwitterung mitschwingen lässt, gesellt sich eine (zumindest im Original) sehr passende Voicecast. Dakota Fanning, die schon in Push überzeugend bewiesen hat, dass sie mehr kann als niedliche oder nervige Mädchen zu spielen, verleiht Coraline eine nachdenkliche, aber nicht altkluge, sympathische Stimme. Teri Hatcher darf sich in der Doppelrolle als gute und böse Mutter richtig austoben und genießt es sichtlich immer wieder fiese Töne einfließen zu lassen, die schon vor der endgültigen Enthüllung ihres Planes andeuten, das die „Other Mother“ nicht ganz koscher ist.
Sehr schön auch French & Saunders, die als ältliches und ziemlich anzügliches Geschwisterpärchen für einige kuriose und makabere Kabinettstückchen sorgen dürfen („Wir spielten viele Klassiker: King Leer). Alleine ihre Wand an ausgestopften Hunden lässt Norman Bates-Fans freudig aufjuchzen und ihre akrobatischen Einlagen dürften zu dem alegantesten gehören, dass im Stop-Motion-bereich animiert wurde. Die Kamera-Bewegungen, die geschickten Blenden und die dynamische Bildführung machen nochmal besonders deutlich, wieviel sich in diesem Bereich getan hat – und sie machen überdeutlich, wie (bewusst) bieder und sparanimiert dagegen Wes Andersons Roald Dahl-Adaption „The fantastic Mr. Fox“ wirkt.

Das Coraline trotz all seiner Meriten wohl kommerziell nicht der große Erfolg beschieden sein wird, dürfte vor allem Gaimans und Selicks unsentimentaler Herangehensweise und Weltsicht geschuldet sein. Der typische Kinderfilm ist Coraline in keinem Fall. Zu langsam und ruhig ist sein Erzähltempo, zu wenig laut der Humor und zu ambivalent die Schilderung der Familie. Das Happy-End ist kein kreischig-süßes, die vorhandenen Probleme sind nicht verschwunden, Coralines Eltern sind nicht urplötzlich wie verwandelt und erkennen was sie falsch gemacht haben. Coraline erkennt lediglich, dass sie besser mit den realen Problemen lernt umzugehen und auch das positive zu sehen, als sich in eine tückisch-idealisierte Traumwelt zu flüchten. Das kleinere Kinder von den horriblen und gar nicht zimperlichen Bildern und Themen geschockt sein dürften, kommt erschwerend hinzu. Die „Other Mother“ hat immerhin drei andere Kinder und etliche ihrer Geschöpfe auf dem Gewissen und die Perspektive die Augen mit Knöpfen vernäht zu bekommen, dürfte ebenfalls für einige Alpträume gut sein. Konzessionen an den Familienfilm macht Selick nicht, der Film atmet den Geist der preisgekrönten Vorlage Gaimans.

Vielen Eltern ist das sicherlich zu harter Tobak, wobei es ja grade die erschreckenden Filme sind, die Kinder wirklich beeindrucken und weiterbringen. Die düstere Zeichentrickfassung von „Krabat“, die mich als kleiner Batz zutiefst verstörte, habe ich – im Gegensatz zu vielen anderen harmlosen Kinderfilmen – nie vergessen. Coraline könnte ähnliche verstörend-faszinierendes für eine neue Generation leisten.

Und wenn er das nicht schafft, dann führt er hoffentlich wenigstens dazu, dass nicht mehr alle Welt denkt, Tim Burton hätte bei „Nightmare before Christmas“ Regie geführt. Selick heißt der Mann. Und der ist noch um einiges düsterer als Burton.

Ab jetzt: merken.

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20 Kommentare

  • Reply Zetterberg 14. 8. 2009 at 1:15

    Jubel! Freu! Ich glaub, ich weiß wie du den letzten Satz meinst, aber macht der auch so Sinn oder ist es grad nur so spät?

    Jedenfalls danke für der/die/das Review. „The fantastic Mr. Fox“ wird bestimmt auch super.

  • Reply Meier_Steff 14. 8. 2009 at 4:46

    Amüsant.
    Immerhin bekommen Filme bei denen ihr den Trailer gut findet auch ne gute Bewertung.

  • Reply PK 14. 8. 2009 at 6:23

    *räusper*
    der selZNick war aber doch noch mal ein anderer…
    besser doch nicht merken, was im letzten satz steht, sondern:
    selick heißt der mann

    :)

  • Reply Alex40K 14. 8. 2009 at 7:32

    Hmmmm, ich bin immer noch skeptisch, ob ein Trickfilm es schafft, die wirklich unheimliche Stimmung der Romanvorlage zu transportieren.

    Ich fürchte irgendwie, dass die Puppen nicht „gruselig“ genug sind.

  • Reply Proton 14. 8. 2009 at 9:10

    Ich hab gestern Coraline ( oder Caroline *kleiner Insider ;)) in der OV gesehen.

    Die Animationen sind sehr schick. Der Humor düster und verhalten.
    Der Film ist neben Corpse Bride auf jeden Fall einer meiner liebsten „Kinderfilme“.

    Wobei ich wirklich überlege, für welches Publikum dieser Film gemacht wurde. Für Kinder zu verstörend/düster. Für Erwachsene eher nur ein Special-Interest… Egal, wir gefällt er. Und die Punkte sind – denke ich – verdient.

  • Reply kapoow 14. 8. 2009 at 10:02

    @ 3: wie kommst du denn auf selznick? verstehe den zusammenhang nicht.

  • Reply Jet Strajker 14. 8. 2009 at 11:31

    I’m quite surprised, Batz. Du fandest den sogar noch besser als ich.

    Zum Schlusssatz möchte ich anmerken, dass ich CORALINE als Emanzipation von Burton verstanden habe, da NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS und JAMES AND THE GIANT PEACH doch noch sehr Burtonesk waren und ja auch von ihm produziert wurden. Ersteren würde ich auch immer noch, ohne Selicks Arbeit herabsetzen zu wollen, ganz deutlich als Burton-Film bezeichnen, da er das komplette Design, alle Entwürfe und die Story entworfen hat und sich, mal ganz blöd gesagt, nicht mit der Fummelarbeit beschäftigen wollte (deshalb gibt es auch noch einen Co-Regisseur-Credit bei CORPSE BRIDE) und vor allem aus vertraglichen Gründen seitens Warner (BATMAN RETURNS) gar nicht Regie führen durfte.

  • Reply Batzman 14. 8. 2009 at 19:13

    @Jet

    die Fummelarbeit trägt aber (bei allen Meriten die Burton ansonsten hat) sicher nicht unwesentlich zum Erfolg und Charme der Filme bei, Burton hat Grundideen, aber den Animateuren die „Schauspielanweisung“ zu geben, das macht Selick und man merkt finde ich auch, dass er besser wird. „James“ war besser erzählt als Nightmare und Coraline ist besser als beide zusammen, was Animation aber auch Erzählform angeht. Ich fand wirklich, dass Selick eine finsterere Weltsicht hat als Burton der oft eher diese romantische Goth-Attitüde der schicken Düsternis zelebriert, anstatt wirklich abgründiges zu zeigen. Coralines reale Familie wird schon sehr harsch und realistisch gezeichnet – selbst nach dem Ende. Sowas traut sich Burton selten.

  • Reply Schwarzmaler 15. 8. 2009 at 1:26

    Hmmm. Komme gerade aus dem Kino. Möchte gleichzeitig sechs Plus- und sechs Minuspunkte verteilen. Zum positiven: das Kino war fast leer. (Fast) immer ein Zeichen für gute Filme. Keine Proleten, keine Popcornknisterer, kein „ich lache immer an der falschen Stelle“, kein „ich kenn den Film und erklär ihn meinem Nachbarn“. Noch besser: der Film startet ruhig, langsam, erzählt auf ungewohnte Weise, ich wußte lange nicht, wohin der Film sich bewegen wird. Es werden schöne Bilder geliefert – allein der Vorspann gehört zum Besten seit Fight Club. Die Protagonistin ist von Anfang an symphatisch und bleibt es auch, man vergißt schnell, daß es nur Puppen sind. Große Animationskunst, ohne Frage, und viel Phantasie. Ich könnte noch ein wenig schwelgen, aber ich muß zum Negativen kommen: hinter der Fassade gefällt mir die Aussage nicht. Ich kenne das Buch jetzt nicht, aber die Story wirkt wie eine dröge 68er Erziehungsfibel gegen Drogen, gegen Weltflucht allgemein. Der Schlüssel. der die Tür in fremde Welten öffnet ist hier kein Versprechen sondern eine Bedrohung. Wo Alice im Wunderland neugierig immer phantastischere Welten durchstreift, die in ihrer Unlogik doch logische Abbilder einer unlogischen Welt sind (mit mathematischem Hintergrund) ist hier die Parallelwelt einfach nur platt, und wird schnell als Bedrohung dargestellt. Mit dem moralinsauren Fazit den Schlüssel wegzuwerfen und die reale Welt positiv zu sehen. Gehe ich nicht konform mit, ich bin ein großer Anhänger kleiner Fluchten. Die besten Filme gäbe es nicht, wenn wir uns die Phantasiewelt verbieten würden. Aber schon wegen dieses Konfliktes lohnt sich dieser Film natürlich allemal. PS: Der einzige Popcornknisterer war ich. Kommt selten genug vor. Mea culpa.

  • Reply kekkon 15. 8. 2009 at 8:09

    Zwei positiv gestimmte Kritiken in Folge. Batz wird milde auf seine alten Tage.

  • Reply Stefan 19. 8. 2009 at 13:42

    @Jet:

    Die Story hat nicht Burton entworfen, sondern Neil Gaiman ;) Immerhin basiert Coraline auf dem gleichnamigen Graphic Novel.

  • Reply Andrea 20. 8. 2009 at 20:09

    Und die Graphic Novel basiert auf dem gleichnamigen Kinderbuch, das Neil Gaiman ursprünglich mal als Gutenachgeschichte für seine Tochter angefangen hatte…
    Wenn schon klugscheissern, dann richtig! ;)

  • Reply Sanddorn 22. 8. 2009 at 19:49

    Also ich freu mich schon ewig auf den Film, nur schau ich den jetzt in 2D oder im 3D Spielkram?

  • Reply Jet Strajker 23. 8. 2009 at 2:03

    @Stefan:

    „Die Story hat nicht Burton entworfen, sondern Neil Gaiman ;) Immerhin basiert Coraline auf dem gleichnamigen Graphic Novel.“

    Ich sprach von NIGHTMARE BEFORE CHRISTMAS – dass CORALINE auf der Novelle von Gaiman basiert erwähne ich in meinem Text ja auch. :)

  • Reply Plastikman 25. 8. 2009 at 0:05

    @Sanddorn: Ich habe ich soeben in 2D geschaut und werde ihn mir sicherlich noch in 3D geben, denn ich kann mir gut vorstellen, dass dieser Film wunderbar im stereoskopischen Format funktioniert.
    Besonders nachdem ich mir am Freitag die 15 minuten Avatar gegeben habe ;)

  • Reply stb247 27. 8. 2009 at 13:00

    Ich bin dann wohl doch der erste, der enttäuscht wurde. Irgendwie hat mir das alles nicht gereicht. Ich fand die Regie und die Musik zu lahm. Da fehlte etwas. Zu gradlinig, zu konventionell (abgesehen vom Visuellen, aber das ist ja heutzutage schon Standard im Animationsbereich). Und so manches mal war es einfach nicht gruselig genug.

    Das ganze wirkte auf mich fast wie „abgefilmt“. Bei Animationsfilmen fehlt ja oft Spontanität, was dem Medium geschuldet ist, aber trotzdem… hm, irgendwie reichte es nicht, für die Megabegeisterung.

    Empfehlenswert: Ja. Ein Klassiker: Wohl kaum. Schade.

  • Reply Laura 30. 8. 2009 at 11:49

    Ganz starker Film. Habe erst kurz zuvor das Buch fertiggelesen und bin von der Umsetzung absolut überzeugt, auch wenn sie dem natürlich nicht 1:1 entspricht finde ich sogar, dass der Film noch viel mehr aus der Story rausgeholt hat, als es eigentlich war.

    5/5

  • Reply Kudram 7. 9. 2009 at 21:55

    SEHR gute Rezension !

    Ganz großes Lob, werd jetzt öfter mal bei euch vorbeischauen. Kannte euch bisher nicht.

  • Reply Kudram 7. 9. 2009 at 22:06

    Im übrigen auch sehr gut kommentiert von Schwarzmaler.
    Anscheinend hats hier auch wahre Filmfreunde mit Herz und Verstand.

  • Reply Grandios: Die besten Filme 2009 | Die Fünf Filmfreunde 5. 1. 2010 at 17:32

    […] Bester Animationsfilm des Jahres: Coraline […]

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