Tödliches Kommando (Review)

23 Comments

“War is a drug.”

Originaltitel: The Hurt Locker
Herstellungsland: USA 2008
Regie: Kathryn Bigelow
Darsteller: Jeremy Renner, Anthony Mackie, Brian Geraghty, Guy Pearce, Ralph Fiennes, David Morse, Christian Camargo, Suhail Aldabbach, Sam Spruell, Sam Redford
★★★★☆

hurtlockerNie hat sich Hollywood so zügig und zahlreich der Traumata im eigenen Land angenommen. Nie haben so schnell so viele Filme den gesellschaftlichen Wandel zu erfassen, nie die Auswirkungen eines US-Krieges so sehr ins kollektive (Kino-)Bewusstsein zu rücken versucht wie in den vergangenen Jahren. Zahlreiche Autorenfilmer meldeten sich zu Wort, mit Filmen wie “United 93″, “World Trade Center”, “Rendition”, “In the Valley of Elah” oder “Redacted”, noch bevor überhaupt ein Ende der Intervention im Irak absehbar sein konnte. All diese Arbeiten waren kommerzielle Misserfolge, ob starbesetzt oder nicht, und all diese Filme hatten trotz unterschiedlichster formaler Ansätze wenig bis gar nichts mitzuteilen über den so genannten Krieg gegen den Terror, den internationalen Konflikt, „das zweite Vietnam“. So sinnfällig ihre Zwischenmeldungen erscheinen mochten, der fehlende zeitliche und räumliche Abstand hat keine allzu tiefsinnigen Reflexionen hervorgebracht – und so verstanden sich diese Filme offenbar als politisches Sprachrohr, gleich wenn sie angesichts ihrer von banal (“Lions for Lambs”) bis reaktionär (“The Kingdom”) changierenden Erkenntnisse besser hätten schweigen sollen.

In der Post-Bush-Ära, eingeleitet sogleich mit einem verkündeten Rückzug amerikanischer Truppen aus dem Irak, werden die Geschichten im Konfliktherd munter weitererzählt, selbst wenn man dazu in der Zeit um einige Jährchen zurückgehen muss, wie in Kathryn Bigelows erster Langfilmregiearbeit seit sieben Jahren. Mit unmittelbarer Handkamera rückt sie einem auf Bombenentschärfung spezialisierten Sondereinsatzteam im irakischen Kriegsgebiet auf die Pelle: Gemeinsam mit ihnen lässt sie den Zuschauer durchs Zielfernrohr blicken, sich hinter Mauern verstecken oder minutenlang Zünder deaktivieren, während ihr Objektiv hautnah jedes Hitzeflimmern, jede Schweißperle und jedes Staubkorn ins Visier nimmt. Die Geschichte ist eine Abfolge von Aufträgen: Deeskalation und Detonation im Alltag einer Soldatentruppe, die die Tage rückwärts zählt – bis zum ersehnten Nullpunkt, an dem sie wieder nach Hause dürfen.

So vermittelt „The Hurt Locker“ in erster Linie Stimmungsbilder, während die Erzählstruktur einem episodischen Erfahrungsbericht gleicht, der nüchtern und fast dokumentarisch den lebensgefährlichen Alltag der Soldaten wiedergibt. Aus dieser nervenaufreibenden Lebensgefahr leiten einige von ihnen, insbesondere die zentrale Figur im Mittelpunkt des Geschehens, Bombenspezialist Sergeant William James, hingegen einen Nervenkitzel ab, der sie mit offensichtlich überlebenswichtigem Adrenalin versorgt. Der Krieg sei eine Droge, heißt es ganz zu Beginn des Films – William James ist ihr verfallen. In einem gigantischen, an alte Science-Fiction-Märchen erinnernden Schutzanzug nähert er sich seinen „Babys“: In einer Szene nimmt er wider Befehlslage ein ganzes Auto auseinander, zerrupft und verbiegt und demoliert alles, um den Zünder der Bombe ausfindig zu machen – das Erfolgserlebnis als Selbstbefriedigung, deren Kontext oder politischer Bezug, eigentlicher Auftrag oder Sicherheitsmaßnahmen in weite Ferne gerückt sind.

— eventuell Spoiler —

Folgerichtig konzentriert sich Bigelow auf die Erlebnis- und Wahrnehmungsebene ihrer Figuren, ohne zu konkretisieren, Stellung zu beziehen oder ideologische Sichtweisen in ihren Blick zu mischen. Gerade durch diesen inszenatorischen Verzicht ist ihr mit “The Hurt Locker” natürlich dennoch ein enorm politischer Film geglückt: So widersprüchlich und irrational die Aktionen ihrer Soldaten dem Zuschauer erscheinen müssen, so eindrucksvoll verortet der Film sie in einem komplexen Gewebe aus körperlichen Grenzerfahrungen und seelischen Narben. Wenn Sergeant James zurück in der Heimat gelähmt vor einem riesigen Regal Cornflakes im Supermarkt steht, dann ist zwar alles im Überfluss vorhanden – gegen die quälenden Wunden jedoch hilft nur die Droge, die Rückkehr ins Kriegsgebiet. 365 Tage bis zum Abzug, die Zeit läuft wieder rückwärts.

In : Review

About the author

Rajko Burchardt mein es gut mit den Menschen. Die Spielwiese des Bayerischen Rundfunks nannte ihn vielleicht auch deshalb "einen der bekanntesten Entertainment-Blogger Deutschlands".

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  • kapoow

    den letzten satz solltest du besser rausnehmen.
    falls man den film noch nicht gesehen hat, nimmt das sehr viel bzw. alles vorweg.

  • badeboom

    Ja, da hat kapoow wirklich Recht.
    Denn obwohl der Film weniger eine Geschichte im klassischen Sinne erzählt, sind doch die letzten 15 Minuten eine kleine Überraschung.

    Er ist auch nämlich genau dann so eigensinnig, wenn man als Zuschauer gar nichts über ihn weiss, keine Ahnung davon hat, wohin die Reise geht, und welcher Hollywood-Star nach x Minuten ins Gras beisst und welcher nicht.

  • Andi

    Das ist ja eine komische Review. Ist der Film denn jetzt spannend oder langweilig? Gut gedreht? Sind die Effekte handgemacht oder CGI? Sind sie gut oder schlecht umgesetzt? etc. pp.

    Ich kann aus dieser Review kaum die Stärken und die Schwächen des Filmes rauslesen. Lohnt sich ein Besuch? Das kann ich nur der Sternchen-Bewertung entnehmen, nicht aber dem Text. Oder habe ich das tatsächlich überlesen?

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de/jet-strajker/ Jet Strajker

    @ #1 und #2:

    Rausnehmen werd ich den Satz nicht, da er ja erheblich Teil der Argumentation ist, aber ich markiere die Stelle mal.

    @ #3:

    Nun ja, sorry, aber Reviews, in denen kategorisch mitunter banale oder, wie in diesem Fall, völlig irrelevante Dinge wie Schauspieler, Spannung, Effekte etc. abgehakt werden, sind nun mal nicht meins.

  • markus

    Schlechte Schauspieler, Spannung, Effekte usw. werden nur dann zur Rate gezogen, wenn ein Film in der Öffentlichkeit zu gut bewertet wird und hier den obligatorischen einen Stern bekommt, damit man sich von der Masse abhebt :D

  • mickey

    @markus: eben

    @ jet: lol, eventueller spoiler….hast du den film auch sicher verstanden?
    wie währe es dann wenn du einfach anders agumentierst?

    “ja in herr der ringe schmeissen sie ja am ende den ring in die lava und alle überleben. also falls ihr happy ends mögt, unbedingt agucken”

  • Sascha

    Wenn man nichts über Schauspieler oder Effekte sagt, ist das zuerst ein gutes Zeichen. Denn meist sind es ja eher schlechte Schauspieler, die einen guten Film verhunzen oder es sind außergewöhnliche Schauspieler, die einen Film vor der Mittelmäßigkeit bewahren müssen. Oder die Effekte müssen über Handlungsfreiheit hinweghelfen und dann ist es wichtig, dass sie gut sind. An einer Stelle habe ich gedacht: das Feuer im Vordergrund ist vielleicht CGI. Und dann war da die doofe Wackel-Kamera. Die ganze Zeit. Aber ansosten scheint bei The Hurt Locker vieles zu stimmen (außer dem deutschen Titel).

    Für mich liefert der Film nicht nur Stimmungsbilder, sondern schildert vor allem nachvollziehbar die Situation der Menschen im Krieg. Wenn schon die Bombenentschärfer ständig von Zivilisten bedroht erscheinen. Wie mag es erst den Soldaten aus Kampfeinheiten ergehen. (An-)Spannung ist hier nicht nur zur Unterhaltung da, sondern Teil der Situation, der Psyche und der Probleme, wenn man Soldaten im Einsatz unter Zivilisten mischt.

    Wenn man bedenkt, dass das Budget nur 11 Mio. Dollar betrug, muss man sagen, dass Kathryn Bigelow das Beste herausgeholt hat.

  • doc

    tatsächlich fehlt in dem review fast jeglicher hinweis darauf , wie dem schreiberling der film eigentlich gefallen hat (die sterne ausgenommen) , und lässt auch mich ziemlich ratlos zurück . falls das das ziel war : mission erfüllt . ich persönlich finde das eher nicht zweckmässig .

  • Anguy

    Habe den Film vor einigen Wochen in der Sneak Preview gesehen, bin vollkommen ohne Erwartungen an den Film herangegangen und war überrascht wie spannend das ganze inszeniert wurde (Spannung also auf jeden Fall vorhanden). Kann den Film jedenfalls ziemlich uneingeschränkt empfehlen, man darf aber auf keinen Fall einen Actionfilm erwarten, auch als die Truppe in einer Szene mal in ein Gebäude eindringt in Special Forces Manier mähen sie nicht reihenweise Bösewichte nieder, es bleibt alles sehr realistisch (zumindest stelle ich mir so annähernd die Realität vor)
    Den angesprochenen dokumentarischen Stil, also der Verzicht auf irgendwelche Übertreibungen oder auch fehlende politische Aussagen kann ich bestätigen und hätte den Film glaube ich bedeutend schlechter gefunden wäre er nicht in diesem Stil ausgefallen.
    Ich bin jetzt nicht der totale Experte was solche Filme angeht aber er lässt sich gut vergleichen mit Jarhead denke ich, allein schon wegen dem Iraksetting (trotz des zeitlichen Unterschieds der beiden Kriege). Wenn auch bei Jarhead der Fokus sehr auf Jake Gyllenhaal liegt und bei Hurt Locker meiner Meinung nach eher auf dem ganzen Spezialistenteam.

  • GunGrave

    … sehr schöne Kritik. Hat Lust auf den Film gemacht – ich denke aber wohl eher, dass ich erst mit erscheinen der DVD in den Genuss kommen werde! ^_~

  • http://francis-welt.blog.de Francis

    Sowohl bei der Review an sich als auch der Punktevergabe kann ich hier mal zustimmen.

  • Zegger

    allein das Cover genügt mir, cooler amerikanischer Soldat mit Fluppe, jawoll, Rambo lässt grüßen.

  • Binding

    @ Anguy: “Jarhead” ist kein guter Vergleich, denn da ging es um den ersten Irak-Krieg in den Neunzigern und Soldaten, die sich langweilen, weil sie zu keinem Einsatz kommen. Will sagen: Die “Qualität” der beiden Kriege ist völlig unterschiedlich!

    @ Zegger: Ja, der Film ist ziemlich pro-militaristisch und machomäßig. Aber auch realistisch und am Ende auf jeden Fall auch kritisch, weil er einen psychologischen Kriegs-Mechanismus freilegt und zeigt, was aus Menschen im Kriegseinsatz werden kann.

    @ Andi + Doc: Wollt Ihr Euch denn nie mal etwas aussetzen und einfach sehen, wie Ihr darauf reagiert, ohne gleich vorgekaute Beurteilungen parat zu haben? Für mich gehört das zum Filmerlebnis dazu. Und wenn ein Film nicht eindeutig zuzuordnen ist und einen ein wenig ratlos zurücklässt, ist das meistens gerade ein Zeichen für dessen Qualität.

  • Johnnie Foxtrott

    ” [...]der fehlende zeitliche und räumliche Abstand hat keine allzu tiefsinnigen Reflexionen hervorgebracht [...]”
    +
    Tal von Elah
    =
    Falschen Film geguckt?

  • Anguy

    @ Binding
    Du hast schon recht, ich habe mir gestern abend Jarhead noch einmal angesehen und hatte ihn irgendwie anders im Kopf. Zum Teil bleibe ich aber dabei und finde von der Stimmung her und auch die vollkommen fehlende Glorifizierung der beiden Kriege in beiden Filmen zeigt deren ähnlichkeiten. Ansonsten: Klar Gyllenhaal gibt keinen einzigen Schuss auf irgendwelche Irakis ab, Hurt Locker hat auf jeden Fall mehr Action zu bieten.
    Ansonsten würde ich sogar sagen das Hurt Locker eine ganze Ecke realistischer rüberkommt als Jarhead wo ich bei Jarhead schon dachte das wäre gut getroffen.

  • DrJonezzz

    Mich hat der Film ziemlich beeindruckt.
    Klassen besser als fast Standort-Warmovies wie “Operation Kingdom” macht er dem Zuschauer den Krieg erlebbar wie sonst bei mir zuvor nur Spielberg “Saving Private Ryan”.
    Und wenn die Hauptfigur wie gelähmt vor dem Cornflakes-Regal steht, ist dies fast das schockierendste Bild.
    Der tollt und kritische Ende wurde mir leider wirklich etwas arg gespoilert durch diese Review.

    Aber nur 3,5 Sterne – soviel wie auch G.I. Joe? Please…
    Ich würde dem Film mindestens 4 – wenn nicht sogar 4,5 Sterne geben.
    Ich schließe mich sogar dem Hype an und sage dieser Film ist Oscar-Material – für Film, Hauptdarsteller, Regie & Buch.

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de/jet-strajker/ Jet Strajker

    @DrJonezzz:

    Der Spoiler ist doch markiert!?!

    G.I. JOE hat einen halben Stern weniger bekommen… grundsätzlich finde ich Bewertungsvergleiche allerdings nicht sinnvoll.

  • Scharkk

    War auch überrascht das der Film so gut ist. Hatte mit weniger gerechnet (Unteranderem wegen vermurkzten dt. Titel)
    Kann ich echt weiter empfehlen, der nicht gerade no-stop-Action aus ist.

  • Bomster

    Das Machoposter oben ist tatsächlich nicht so der Hit, der Film hat aber auch durchaus ein paar alternative Plakate zu bieten, die wesentlich besser sind:

    http://thehurstreview.files.wordpress.com/2009/07/hurt-locker-1.jpg

    http://csos.movieset.com/download/movieset/o/b/old/hurt_locker_poster.jpg

    Zur Rezi – da kann ich voll zustimmen. Nicht der ganz große Wurf, aber rundum ordentlich mit einigen sehr starken Szenen.

  • http://www.vinoblog.de TabTwo

    Ganz ehrlich, der Film ist nur schlecht. Keine Ahnung warum der bei RT 98% bekommt.
    Im Grunde nur eine Aneinanderreihung von wirren Szenen in denen zufällig ab und zu die gleichen Schauspieler zu sehen sind. Der einzige rote Faden sind die Tage bis zum Abzug, das wars.
    Krieg ist scheisse? Das wusste ich auch schon ohne diese Verschwendung von Lebenszeit.

  • no*dice

    @boomster: Das letzte Poster aus deinem Link ist wieder zuviel für den Film. Um so blöder das Poster desto mehr “Ahh, so schlecht ist der garnicht”….

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    06/22/14